(Morgengrauen. Ludovico und Ayesha kommen aus dem Zelt. Den Höhepunkt ihrer wissenschaftlichen Laufbahn haben sie verschlafen. Sie bereuen nichts. Ludovico macht Kaffee und beginnt, das Schlachtfeld der verstreuten Befestigungs-Utensilien aufzuräumen. Ayesha bürstet ihr Haar. Dann geht sie zu ihrem aufgegebenen Lunamerographen.)
Ayesha:
Alles war auf das Beste eingerichtet, da geschah es, dass der Mond begann zu sterben.
„Ich sterbe“, sprach er zu seinem Bruder, der strahlenden Sonne. Und tatsächlich: Der blasse Mond war kaum noch zu sehen, so hatte er abgenommen.
Die Sonne wusste sich keinen Rat, und so rief sie die Erde und sprach: „Höre mich, Erde! Unser Bruder, der blasse Mond, er stirbt.“
Ludovico:
(Vor dem Frühstückstischchen.)
„Ich weiß“, antwortete die Erde, denn sie kannte das Gesetz der Welt.
Ayesha:
„Er darf nicht sterben!“, bettelte Bruder Sonne, denn er hatte ein schlechtes Gewissen: War er es doch gewesen, der einst Erde und Mond von einander getrennt hatte, mit seinem eifersüchtigen Starrsinn. „Er ist unser kleiner Bruder, und er ist so blass!“
Ludovico:
Da rief die Erde den blassen Bruder heim.
Ayesha:
(Setzt sich zu Ludovico an den Frühstückstisch.)
Als der Mond von Ferne die Stimme der Schwester vernahm, schloss er die Augen, und sterbend ließ er sich fallen in die Tiefe, den ganzen weiten Himmel hinab.
Ludovico:
Die Erde fing ihn auf, barg ihn, ließ ihn trinken von ihren Unteren Wassern und essen von ihrem Land, und hielt ihn, eine lange, lange Nacht.
Als der Morgen über die Erde kam, da hatte der Mond zu neuer Kraft gefunden.
Ayesha:
Noch immer blass und schmächtig, kaum zu sehen, war er doch auf dem Wege, neuer Mond zu sein: Neumond.
Und er machte, dass er fortkam, zurück in den Himmel, damit der eifersüchtige Bruder Sonne ihn nicht finde in den Armen der geliebten Schwester.
Zurück am Himmel aber wächst der Mond, wächst heran zu seiner vollen Größe, was wir den Vollmond nennen. In seinem silbrigen Licht zerfließt alles Feste, schmilzt auf und verschmilzt: Neu zu Neuem.
Ludovico:
Und so ist es bis heute:
Vermisst der blasse Mond die Erde gar zu sehr, so nimmt er ab und beginnt zu sterben.
In der Nacht aber des Toten Mondes, des Schwarzmondes, in der Nacht, da er sich ganz nach der Erde verzehrt hat, da lässt er sich fallen. Die Winde heulen, die Regen gehen, die Wetter wechseln, und niemand möchte vor die Tür in solchen Nächten.
Ayesha:
Die Erde aber fängt ihn auf, nährt und hält ihn. In ihrem Schoße wird er wiedergeboren: Neumond.
Ludovico:
So findet ihn der Morgen, und rasch kehrt der wiedergeborene Mond an den Himmel zurück.
Selbst der Tod ist vergänglich:
Ayesha:
Das ist das Zweite Geheimnis der Nährenden Erde.
Ludovico:
(Untersucht die Stelle, an die der Mond zurückgekehrt sein müsste.)
Nichts. Er hat keine Spuren hinterlassen.
(Enttäuscht:) Vielleicht ist es, wie alle sagen: Der Mond bleibt am Himmel, wo er hingehört, mal wird er kleiner, mal wird er größer, das ist alles.
Ayesha:
Nein, Ludovico. Er war hier.
Ludovico:
Es ist nichts zu sehen.
Ayesha:
Nichts ist beim Alten. Das war der Mond.
Ludovico:
Aha.
Ayesha:
Ich spüre seine Nähe noch.
Ludovico:
Mond und Erde haben sich gefunden heute Nacht?
Ayesha:
Sie haben sich gefunden.
Ludovico:
Und deine Lunamerographen?
Ayesha:
Meine Lunamerographen wissen von nichts. Die Wissenschaft hat verschlafen.
Ludovico:
Oh.
Ayesha:
Sie hatte schöne Träume.
Ludovico:
Ich möchte heim. Mit dir.
Ayesha:
Ja.
(Sie ziehen den Expeditionswagen von der Bühne. Singen.)

neumond von Jens Wirsching steht unter einer Creative Commons Attribution-NoDerivs 3.0 Germany Lizenz. neumond steht im Netz auf www.engel-und-krise.de seit dem 27. März 2009. Über diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse können Sie unter www.engel-und-krise.de/lizenzen erhalten.
Sie dürfen dieses Stück Poesie kopieren, drucken, aufführen und beliebig weiter verbreiten, verändern dürfen Sie es nicht, es sei denn, wir werden uns darüber einig. Wenn Sie Ihrerseits gerne etwas geben möchten, finden Sie hier meinen Hut.
