(Ludovico nestelt am Expeditionswagen, begutachtet verstohlen ein langes, dickes Hanfseil. Er guckt immer wieder, ob Ayesha guckt.)
Ayesha:
Was machst du da?
Ludovico:
Nichts.
Ayesha:
Suchst du was?
Ludovico:
(Versteckt das Seil wieder in einem der unteren Fächer.)
Hier sind Kinder.
Ayesha:
(Zeichnet weiter Kreidestriche.)
Was?
Ludovico:
Kinder. Hier sind Kinder.
Ayesha:
Kann nicht sein. Hier kann nichts sein.
Ludovico:
Naja, sind ja nur Kinder. Sind auch ganz still.
Ayesha:
(Kommt nach vorne.)
Gott ja! Wir müssen sie nach Hause schicken.
Nicht auszumalen ...
Kinder, ihr müsst jetzt leider alle nach Hause. Rasch!
Ludovico:
Lass doch. Sie können sich ja die Augen zu halten.
Ayesha:
Ludovico, du bist verrückt. Wer soll denn die Verantwortung übernehmen?
Ludovico:
Kinder, wenn gleich der Mond kommt, dann müsst ihr eure Hand vor die Augen halten.
(Hält sich die Hand vor die Augen.)
Macht das mal!
Und dann könnt ihr durch die Schlitze zwischen den Fingern spinxen. So. So könnt ihr ihn sehen, ohne blind zu werden: Gleich kommt der Mond. Der Schwarzmond. Hierher. (Zeigt auf den Kreidekreis.)
Ayesha:
Das können die doch gar nicht verstehen. Kinder, kennt ihr denn die Mondphasen?
Ludovico:
Mondphasen. Mondphasen! Woher sollen denn die Kinder die Mondphasen kennen?
Also, stellt euch einmal vor, bei Neumond ...
Ayesha:
Vollmond.
Ludovico:
Neumond. Wieso Vollmond?
Ayesha:
Du musst mit Vollmond anfangen.
Ludovico:
Ach ja. Also: Bei Vollmond wird der Mond, das ist eine Kugel, also wird der Mond von der Sonne so angestrahlt ...
Ayesha:
Ein Modell. Du brauchst ein Modell.
Ludovico:
Modell. Modell! Wo soll ich denn hier ein Modell hernehmen?
(Sieht Ayesha an.)
Ah, Ayeshas Kopf, das wäre wohl der Mond: Rund und blass und schön wie er – und voller Geheimnisse...
Ayesha:
Ludovico!
Ludovico:
Meine Lampe, das ist die Sonne.
(Holt ein Taschenlampe hervor.)
Und nun wird es dunkle Nacht.
(Dunkel.)
Seht wie schön und rund Ayesha leuchtet!
Das ist Vollmond, Ayesha in ihrem Glanze, die Nächte der Wiedergänger, des Blutes und der schweren Träume. Kinder, nehmt euch in Acht in den Nächten des vollen Mondes, dass ihr euch nicht verliert...
Doch wie sich alles dreht und wendet, so drehen sich auch die Himmelskörper, drehen sich Sonne, Mond und Erde.
(Ludovico, die Taschenlampe und Ayesha beginnen, sich wie die Himmelskörper umeinander zu drehen.)
Der volle Mond nimmt ab, wird kleiner, verschwindet ganz, und die Kinder der Erde fragen: „Wo ist denn der Mond?“
Das sind die Nächte des Schwarzmondes. Eben wollen wir glauben, der Mond käme nie zurück, wollen glauben, die ewige Nacht hätte ihn verschluckt, den Sterbenden, da kehrt er zurück an den Himmel, ein Hauch nur von Mond, ein Strich in der Landschaft der Nacht, doch Mond, neuer Mond: Neumond.
Und seht, jetzt ist er herumgedreht, alles ist neu, und er steigt auf, nimmt zu, wird größer, so wie die Kinder, wenn die Eltern älter werden, bis er schießlich, Vollmond wieder, leuchtet, rund und schön:
So rund und blass und schön wie das Gesicht Ayeshas.
Ayesha:
So, jetzt aber ...
Ludovico:
Wir haben uns noch gar nicht vorgestellt.
Ayesha:
Richtig.
Ludovico:
Verehrte Kinder!
Ayesha:
Liebe Kinder!
Ludovico:
Ich bin ...
Ayesha:
(Räuspert sich.)
Ludovico:
Die ihr hier seht, das ist Prof. Dr. Dr. Ayesha Kosmokaya, Forschungsreisende im Auftrag der Wissenschaften. Fachgebiet Lunamerologie: Mondkunde.
Ayesha:
Naja ...
Ich darf vorstellen: Dr. Ludovico Dulcecinzano, Archäologe im Zweitberuf.
Ludovico:
Sag's doch!
Ayesha:
Was?
Ludovico:
Gelernter Kesselflicker, Sohn einer angesehenen Kesselflicker-Familie, Geschäftsmann: Gründer eines florierenden Unternehmens in der Hausgeräte-Branche.
Ayesha:
Das gehört doch nicht hier her.
Ludovico:
Wenn es die Kinder doch wissen wollen.
Seit zwei Jahren, neun Monaten und drei Wochen sind wir ...
Ayesha:
... und einem Tag.
Ludovico:
Genau. Seit zwei Jahren, neun Monaten, drei Wochen und einem Tag sind wir ... ist unser Forschungsteam, das sind Ayesha und ich, sind wir unterwegs, um nachzuweisen, dass der Mond auf die Erde zurückkehrt.
Ayesha:
In unabhängigen Untersuchungen gelangten wir zu der Gewissheit, dass die alten Geschichten, denen zu Folge der Mond während der Konjunktion ...
Ludovico:
Ayesha meint, dass der Mond auf unsere Erde zurückkehrt, wie es die alten Geschichten erzählen.
Ayesha:
Niemand will uns das glauben: Aber wir werden es beweisen. Heute Nacht.
Ludovico:
Wir sind ihm auf der Schliche. Genau hierhin wird er kommen, in ...
Ayesha:
38.
Ludovico:
Ah. Also in 38 Minuten wird der Mond vom Himmel herunter kommen: Genau hierhin.
(Zeigt auf die Stelle am vorderen Bühnenrand.)
Und wir werden ihn festhalten.
Ayesha:
Wissenschaftlich, versteht sich: Beobachten, ausmessen, aufschreiben, weiter beobachten. Wissenschaftlich.
Ludovico:
Die Fachwelt wird sich die Augen reiben vor Staunen. Unsere Namen werden in aller Munde sein. Ludovico Dulcecinzano ...
Ayesha:
Und genau deswegen haben wir keine Zeit zu verlieren. Ludovico, die Messgeräte!
(Zieht ihre letzten Kreidestriche. Ludovico nestelt unterdes verstohlen am Expeditionswagen.)
Ayesha:
Woher wusstest du das?
Ludovico:
Was?
Ayesha:
Die genaue Stelle.
Ludovico:
Welche genaue Stelle?
Ayesha:
Die Stelle, an die der Mond wiederkehren wird.
Ludovico:
Ach, die. Wo ist sie nochmal?
Ayesha:
Na, da, wo du eben sagtest: “Hier ist es.” Ich habe sie doch aufgezeichnet.
Ludovico:
Ach ja. Ich wußte es eben.
Ayesha:
Ludovico! Das ist unwissenschaftlich.

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