Vorne: Anjas Freundin. Hinten grabend, nasse Haare: Anja.
Anjas Freundin:
Anja wollte, dass ich bei der Beerdigung ihres, naja, ihres Fötus, von diesem Mini-Baby dabei bin. Irgendwie Eklig.
Habe ich aber gemacht.
Sie war schwanger geworden, hat das natürlich abtreiben lassen.
Eigentlich wird das ja so mit Schläuchen abgesaugt und dann weggeschmissen.
Hat das mit nach Hause genommen und eine Woche im Eisfach gehabt, im Kühlschrank. Gittigitt.
Die Rekeschs sind dann bald umgezogen. Irgendwo bei Bielefeld oder so. Habe ein bisschen den Kontakt verloren. Noch ein paar Briefe, wie das so ist.
Anja wollte dieses eingefrorene Baby-Häufchen dann begraben. Es hat total geschifft. Nur wir beide dabei. Sie hat gegraben und alles gemacht. Ich war nur so dabei. Weil sie es wollte.
Als sie den Eisklumpen in die matschige Erde legte, hat sie eine Rede gehalten. Die geht mir seitdem nicht aus dem Kopf. Wie so ein Pastor oder sowas. Ich kann das nicht vergessen:
„Kleiner Engel, du gehst jetzt auf eine weite Reise“, hat sie gesagt. „Kleiner Engel“, so hat sie das Baby-Häufchen genannt. Dann hat sie es noch einmal rausgeholt und an sich gedrückt.
„Dein Vater ist ein Schwein. Und deine Mutter...“
Anja:
Kleiner Engel, du gehst jetzt auf eine weite Reise.
Dein Vater ist ein Schwein und deine Mutter ist ein Stück Scheiße, das man auf die Motorhaube wirft, um einmal reinzuficken.
Du hast uns nicht kennen gelernt. Das ist besser so.
Ich hätte dir gerne so vieles gegeben.
Ich hätte dir alles gezeigt und mit dir gelacht.
Aber deine Mama hat nichts zu geben.
Deine Mama kann dich nicht lieben, mein kleiner Engel.
Wenn du einmal ein großer, starker Engel geworden bist, dann sieh nach den Mädchen, die man in den Dreck wirft!
Lass nicht zu, dass dieser feiste Gott mit seinen hübschen Engelchen wegschaut, wenn sie wieder ein Mädchen in den Dreck werfen.
Schrei, bis der Himmel zerspringt und irgendjemand...
Irgendjemand muss doch hinsehen!
Irgendjemand muss doch hingehen, zu dem Mädchen!
Ich kann dir nicht helfen, mein Kleiner Engel.
Du musst alleine fort.
Du hättest eine bessere Mama verdient.
(Legt den gefrorenen Fötus zurück in die Erde und deckt ihn zu.)
Die leg ich flach! von Jens Wirsching steht im Netz seit dem 06. April 2009 unter der freien Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz.
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