(Frau Damisch sitzt in ihrem Büro. Sie muss noch eine Vernehmung durchführen, dann ist Feierabend. Es klopft.)
Damisch:
Ja!
Anja:
(Anja steht in der Tür.)
Ich soll mich hier melden.
Damisch:
(Bedeutet ihr, sich zu setzen.)
Wie heisst du?
Anja:
Anja.
Damisch:
Wie noch?
Anja:
Rekesch.
Damisch:
Aha. Und weshalb bist du hier?
Anja:
Weiss ich doch nicht.
(Hält die Vorladung in der Hand.)
Wegen dem hier.
Damisch:
Aha. Und worum soll es bei „dem hier“ gehen?
Anja:
Woher soll ich denn das wissen?
Damisch:
Ja, wenn nicht einmal du das weißt ...
Anja:
Steht doch drin.
Damisch:
Was steht da drin?
Anja:
Wegen der Anzeige.
Damisch:
Und weshalb hast du die Anzeige gemacht?
Anja:
Das wissen Sie doch alles schon!
Damisch:
Ich weiß gar nichts.
(Zum Publikum.)
So welche haben wir hier immer wieder.
Meinen, sie könnten sich wichtig machen mit ihren Geschichten.
Wenn ich die Mutter wäre, ich würde ihr rechts und links was geben.
Vergewaltigt!
Ich habe den jungen Mann schon hier gehabt. Ganz anständiger junger Mann.
Ist doch aus gutem Hause, das Kind. Nicht, was sonst so hier sitzt. Dass die das nötig hat ...
Wer meint, hier auf anderer Leute Kosten Aufmerksamkeit zu kriegen, ist bei mir im falschen Büro.
Ich hab mich für den jungen Mann entschieden.
Damisch:
(Setzt sich ungebührlich dicht vor Anja hin.)
Also. Weshalb hast du die Anzeige gemacht?
(Pause.)
Wie soll das abgelaufen sein? Hm?
Wie soll das vor sich gegangen sein?
(Pause.)
Dir muss schon klar sein, dass so eine Anzeige nicht ganz ohne ist.
Stell dir vor, der junge Mann wird wegen Vergewaltigung verurteilt. Da ist dessen Leben zerstört.
Hm?
(Pause.)
Na?
Da muss man schon bei der Wahrheit bleiben.
Die leg ich flach! von Jens Wirsching steht im Netz seit dem 05. April 2009 unter der freien Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz.
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