Angel hatte blonde Locken und genau diese braune Haut zum Anbeißen, und er wusste das, und mit dem sicheren Gefühl, das heimliche Zentrum der Welt zu sein, stand er am Straßenrand und ließ sich die Blicke der Autofahrer gefallen.
Angel war kein Stricher, wie die wütende Frau in ihrem Renault dachte. Ihr Leben war beileibe schwierig genug, und dieser Jüngling da am Straßenrand hatte nicht das Recht, sie um vierzehnuhrdreißig, also auf dem Weg von der Arbeit, mit ihren jahrealten unerfüllten, gut verdrängten Sehnsüchten zu konfrontieren. Er hatte kein Recht, weil diese elenden Sehnsüchte nur weh tun und nichts, aber auch gar nichts daran ändern, dass sie für das Abendessen noch zweihundertfünfzig Gramm Hackfleisch, Eier, Zwiebeln, nein, Zwiebeln hatte sie ja noch, also keine Zwiebeln undsoweiter würde einkaufen müssen.
Nachdem sie mit versteinerter Miene vorbeigefahren war, sah sie in den Rückspiegel. In diesem Augenblick drehte sich Angel um. Vielleicht würde die Alte ja doch einer weiches-Herz-Attacke erliegen und anhalten.
"Noch ganz schön jung der Kleine", nuschelte sie hinter ihrer Sonnenbrille, und in ihre Wut mischte sich ein wenig mütterlicher Sorge, die sie jedoch nicht bewegen konnte, nachzugeben. Ihr gab ja auch nie jemand nach.
Angel war übrigens auch kein Mädchen. Angel hieß er, weil er eigentlich Engel hieß, mit Nachnamen, und wegen seiner Locken riefen ihn alle Angel, das sollte zuerst lustig sein, dann hatten sich alle daran gewöhnt außer Angels Opa, und so hieß er eben Angel. Eigentlich hieß er natürlich Malte, aber das tut hier nichts zur Sache.
Er trug diese weiße Schlafanzughose, die er für eine Bäckerhose hielt, und die so uralt war, dass der Stoff sich an den Nähten auflöste. Er hatte sie in einem übrig gebliebenen Schrank gefunden, in dem Haus, das David, Hanna und die anderen gekauft hatten, und das er mit ihnen renoviert hatte.
Das Gummi, das die Hose auf den Hüften halten sollte, war spröde und ausgeleiert, Angel hatte einen kräftigen Gürtel darum geschlungen, der das mit den endlosen Waschgängen weich gewordene Leinen an seinen Körper presste: Sexy mit einem Schein von Unbedarftheit, die den Betrachter zweifeln ließ, ob der Junge wusste, was er tat.
Er gefiel sich, wie er sich als Kind in seinem Piratenkostüm gefallen hatte. Obenrum trug er ein T-Shirt ohne T, also ohne diese albernen Ärmelchen, die ein Puritaner erfunden haben muss, um jene herrlichen Kugeln zu verbergen, mit denen Oberarme zu Schultern werden. Damit nicht genug, war dieses T-Shirt ohne T unter den Armen ausgeschnitten, bis die schattigen Wellen der Rippenbögen in die junge Taille mündeten.
Sein Rucksack stand neben ihm im Staub, in seinen Ohren steckten die Kopfhörer und wummerte ihm chemical trance in die Großhirnrinde. Seine Augen fixierten solange die Fahrer, bis er ihre Blicke auf sich gezwungen hatte.
Manche entschuldigten sich mit Handzeichen und gaben zu verstehen, dass sie umgehend abbiegen, ihm also nichts bringen würden. Diese liebte Angel, denn er konnte sich vorstellen, dass sie ihn sonst mitgenommen hätten, dass es vielleicht der Trip geworden wäre, jener Trip, auf den er nun seit einer Woche wartete, oder schon sein ganzes Leben, oder doch zumindest so lange, wie er ruhelos herum trieb, manchmal mitten durchgerissen von diesen Gefühlen, wo man nicht weiß, ob das nun Sehnsucht ist oder nur Scheißschmerzen, von denen man wieder nicht weiß, woher die kommen, wo man heulen muss und weiß nicht warum, und wo man die Glasscheiben von den öffentlichen Telefonzellen mit bloßen Unterarmen einschlagen will, damit die Scherben alles aufschneiden und alles rauskommt und alle das sehen, und wo sich ein gigantischer rotgoldener Blitz durch den Kopfbezirk wälzt, der so aussieht, wie es von innen aussieht, wenn man sich eine Kugel durch die Schläfe schickt.
Angel und Yve von Jens Wirsching steht im Netz seit dem 25. März 2009 unter der freien Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz.
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