Wie gesagt war Angel mit zehn nach diesem selbstgefälligen Düsseldorf gezogen und wurde auf eines der angesehensten Gymnasien gesteckt. In der Erwartung, dass alles begehrenswert sei, weil er die Welt als diesen großartigen Garten kennengelernt hatte, gab er sich zwei Jahre lang hin: Neue Gesichter, neues Revier, neue Gesetze, neue Gefühle. Doch im dritten Jahr stand fest, dass von jenem Garten keine Spur mehr zu finden war. Es gab roten Schotter, einen Bach mit gelben Schaumflocken darauf, blaue Briefe und unlösbare Hausaufgaben. Es gab ein Mädchen, das mit ihm spielte, Katz und Maus, verschwitzte, dicke Jungen, die gemein waren, wenn es darauf ankam, und Eltern, die weg waren, wenn er die Einsamkeit nicht ertrug.
Das war die Zeit, als es anfing, dass Angel von zu Hause weg blieb. Er kam mittags nach der Schule, machte sich Spiegeleier oder Pudding, dann zog er los, um erst abends zum Limit wieder zu erscheinen. Seine Eltern fragten nicht viel. Man war stolz auf die frühe Selbständigkeit der Kinder. Angel verbrachte die Nachmittage in der Stadt, wo er die Preisdifferenzen zwischen den einzelnen Angeboten der Plattenläden in- und auswendig wusste. Er machte schräge Sachen, ging in Museen, obwohl er von soetwas nichts verstand. Vielleicht war es diese heilige Stille, die ihn anzog, oder das Gefühl, dass man etwas machen konnte, ein Bild oder eine Figur, und die stand dann da, und alle guckten das an und fanden einen gut, weil man das gemacht hatte. Mit Heiligkeit jedenfalls hatte er etwas. Er trieb sich in Kirchen herum, betete, weiß Gott was, oder schlich auf Friedhöfe.
Der Tod selber ist ja eher abstrakt. Und auch nicht besonders attraktiv. Die Vorstellung zu sterben, oder genauer: sich umzubringen, war hingegen für Angel ein muss. Er tat das täglich etwa viermal, an Gelegenheiten mangelte es nicht. Das lief mit ziemlich viel Blut, und wenn Angel sich lange genug vorgestellt hatte, wie er sich umbringt und das Blut so rumrinnt, und er langsam stirbt, dann konnte es passieren, dass er anfing zu weinen, so als trauere er um sich selber, und das war wohltuend und erleichternd, wenn wenigstens einer richtig traurig war, dass der arme Angel nicht mehr da war.
Er malte auch Bilder, sehr symbolisch, mit großen Tropfen, die Tränen oder Blutstropfen sein konnten und Herzen, wo Messer drin steckten, auch Friedenstauben, da soll man nicht lachen, und natürlich Kreuze über Kreuze. Und immer waren da auch riesengroße Augen, keine Ahnung warum. Manchmal tauchte in diesen Bildern ein Name auf, ein Mädchenname. Sie hieß Miriam.
Am schlimmsten waren die Ferien, wenn die meisten nicht da waren, und die Stadt war noch toter als ohnehin. Angel saß tagelang in seinem Zimmer, schaute aus dem Fenster, an das dieser Aachner Dauerregen nieselte, hörte düstere Musik und malte Bilder.
Er war depressiv, das muss man so sagen, das lässt sich nicht leugnen, auch wenn er natürlich keine Ahnung davon hatte, sondern glauben musste, dass diese Scheißwelt nicht für ihn gemacht war, und dass er es auch nicht im geringsten brachte, weil er ein armseliger, verschissener Looser war. Manchmal stach er sich aufwendig mit einer Nadel in die Hand, um eines seiner Bilder mit echtem Blut zu signieren.
Egal, es gab, was das Leben so erfreulich macht, in dieser Zeit auch einen Lichtblick, und der hieß, es wurde schon gesagt, Miriam. Das mit Miriam ist eine ganz eigene Geschichte, eine lange und wunderschöne Geschichte und dann schließlich der absolute Horror. Hier sei nur soviel gesagt: Keiner von Angels Freunden, und die hatten ja immerhin ihre eigenen Tächtel, hatte je begreifen können, wie man so ganz mit Haut und Haar einem Mädchen verfallen konnte. Sie schüttelten ihre Köpfe, und als es später so ganz schlimm zu stehen begann, da hatten sie Mitleid mit Angel. Selbst seine Rivalen wagten sich, solange die Geschichte noch lief, nicht an Miriam heran, weil sie wussten, dass das Angel vollends vernichten würde, sie wussten, dass er dann unweigerlich ernst machen würde, das war klar, und da wollte dann doch niemand so recht hinein verwickelt werden.
Miriam selber wurde das natürlich zuviel. Angel war, wie man so sagt, besitzergreifend, aber das ist gar kein Ausdruck. Noch als sie längst dicht gemacht hatte, und jeder, aber auch jeder hätte merken müssen, dass da nicht mehr viel läuft, kauerte Angel Stunde um Stunde, Woche um Woche auf ihrem Bettvorleger, und wartete darauf, dass sie ihn noch einmal zu sich lassen würde.
Es fiel Miriam nicht leicht, ihm klar zu machen, dass es endgültig aus war, doch weiter von Angel belagert zu werden, war keine Alternative. Als sie endlich herausbrachte, dass er nicht mehr kommen solle, da war es nicht so, dass Angel nicht gewusst hätte, wie es längst um sie stand. Er wusste nur nicht, wie er ohne Miriam weiterleben sollte. Er hatte sich vollständig von ihr, später dann von seiner Hoffnung auf die Rückkehr ihrer Liebe abhängig gemacht.
Es ist immer ein Rätsel, wie die Leute das überleben, diese absoluten Zusammenbrüche von allem, woran sie gehangen haben. Aber irgendwie läuft das. Angels Freunde bemühten sich um ihn, sie schleppten ihn in die Tanzstunde, sie besuchten ihn regelmäßig reihum, veranstalteten Fahrradtouren, hörten sich zum tausendsten Mal an, warum Miriam so über alles toll war, diskutierten mit ihm, warum er seine komplizierten Pläne, sie zurück zu bekommen, besser auf Eis legen solle, und irgendwann arrangierten sie, dass Angel eine andere kennen lernte.
Keine Ahnung, wie die hieß, ist auch beinahe egal. Angel bemühte sich mit aller Macht, sich noch einmal zu verlieben, von ferne hätte man es gewollt finden können. Schließlich hatte die Veranstaltung, soviel Mühe sich Angel auch gab, zu wenig mit dem Mädchen selber zu tun. Die hatte zwar aus Neugier oder warum auch immer ja gesagt, aber eigentlich gehörte ihr Herz Keanu Reeves, und sie sammelte Schlümpfe, falls noch einer weiß, was das ist. Es kam die Zeit, wo Angel es satt hatte, statt zu knutschen und rumzumachen über Keanu Reeves zu reden, während das Mädchen es leid war, immer rumzuknutschen und sich befummeln zu lassen. Sie lernte einen anderen kennen, der war auch mehr ein Spaßmacher als der ernste Angel, und das mit den beiden war gegessen.
Es war nicht, dass Angel ihr lange nachgetrauert hätte. Es kam schlimmer. Angel wollte es nicht wahrhaben, er wusste ja nun, was das bedeutete. Er lenkte sich ab eine Weile, fuhr Rad wie ein Weltmeister, machte wieder Schulaufgaben, betete, es wollte alles nicht helfen. Er konnte sich förmlich von außen stürzen sehen, langsam aber stetig und immer tiefer, unaufhaltsam in dieses schwarze Loch seiner hoffnungslosen Liebe zu Miriam.
Er wusste, dass er um keinen Preis wieder damit anfangen durfte, er verbot sich, an sie zu denken, in der Schule wich er ihr aus, grüßte sie nur flüchtig, wo es sich nicht vermeiden ließ, schnitt sie ansonsten, umsonst. Einmal schlich er abends in die Wiesen, kletterte auf einen verkorksten Baum und sah in ihr Fenster, an das sie nicht trat. Und er heulte leise vor sich hin. Er war ein Hund, dessen Frauchen gestorben war.
Es kam natürlich noch einiges zusammen an dem Tag, an jenem schwarzen Tag drei Wochen vor seinem fünfzehnten Geburtstag. Da war diese absolute Einsamkeit, und da waren diese Schuldgefühle moralischer Art, dass man selbst nichts taugt und dann auch noch im Wohlstand lebt. Aber eigentlich war es doch, dass er diese Liebe nicht mehr ertrug, was ihn dazu bewog, dass es so nicht weiterging. An diesem Tag war niemand im Haus und er hatte den Bus verpasst, mit dem er irgendwo sehr wichtiges hingewollt hatte.
Ob seine verzweifelte Liebe auch wirklich ein guter Grund gewesen war, an seinen Pulsadern herumzuschneiden, das sei einmal dahingestellt. Immerhin war es bis auf weiteres das letzte Mal, dass Angel ein ganz eindeutiges, ein kristallklares Gefühl für einen anderen Menschen gehabt haben sollte.
Die Wagen zogen an Angel vorbei, und ihr Abwind ließ seine Tuchhose, sein Shirt ohne T und seine Locken flattern. Es gibt ein Bild, das stammt aus der französischen Revolution, da steht eine kräftige Frau auf den Barrikaden oder stürmt nach vorne und hält die Fahne der Freiheit in den Gegenwind. Der Wind presst das Tuch ihres Kleides auf ihre Haut, und man kann die Umrisse ihres Körpers darin abgebildet sehen. Genau so stürmte Angel am Rand der Ausfallstraße durch den Abwind der Autos, nur war er jünger, schöner und zarter. Die Autofahrer waren Franzosen, und es bereitete ihnen keine Mühe, in Angel die Allegorie der Freiheit, wie die Dame auf dem Bild auch genannt wird, wieder zu erkennen.
Angel und Yve von Jens Wirsching steht im Netz seit dem 25. März 2009 unter der freien Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz.
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