Angel war ein gutes Jahr in psychotherapeutischer Behandlung gewesen. Das war nicht so, wie man es normalerweise erzählt. So, dass er da hineingesteckt worden wäre, und dann hat er den Therapeuten zum Wahnsinn getrieben oder so. Er hatte versucht, sich vorübergehend umzubringen. Das war, sagte man, eine Wahnvorstellung, eine Psychose. Angel war besessen gewesen von dieser Idee, dass manche Sachen unnötig ungerecht abliefen. Das war also etwas altmodisch, er dachte, dass es Leute gibt, die irgendwo vor Hunger und Durst krepieren, und er seine Pisse aber mit jedesmal mindestens zweieinhalb Litern Wasser in die Kanalisation pumpte. Trinkwasser. Und dass welche nichts zu verdauen hatten als ihre Magenschleimhäute, während er zum Geburtstag ein neues Kassettendeck von Technics bekam. Er war also so besessen, dass er sein ganzes Geld, was nicht viel war, nach Honolulu oder irgendwohin spendete, nach Äthiopien, um genau zu sein, und dass er immer noch ein schlechtes Gewissen hatte, weil er seine Hifi-Anlage nicht gleich hinterherschickte.
Schlechtes Gewissen sagt man so, und man denkt an Sonntag Vormittag. In Wirklichkeit geht es um Schuldgefühle. Angel hatte nicht begreifen können, warum er der letzte Dreck war, eine Obersau wie alle anderen, anstatt seine Vision konsequent durchzuziehen.
Und seine Vision war nicht von Pappe. Allein wie Aschenbrödel zog er darin in einen groben Sack gehüllt barfuß durch das Land, erzählte den Leuten, denen er begegnete, von Liebe, was heißt, gut füreinander sein, und wurde bewundert und bestaunt, verspottet und gefürchtet. Das Muster ist klar, er war Jesus Christus, und er war geil. Und ganz nebenbei war er frei. Da war nicht die ganze Scheiße, wegen der man doch jeden Tag nach Hause zurückkommt, das war alles weg, die Hifi-Anlage, die Eltern und was da alles noch so dranhängt. Nur er und die Straße, die Landschaft, die Leute, an die er sich nicht band, sondern die immer auf Distanz blieben, sein Publikum waren, und die er verließ, während er in ihren Köpfen weiterspukte.
Das war Angels Vision. Ein bisschen größenwahnsinnig, ein bisschen romantisch und ein bisschen gar nicht so verkehrt. Und das hatte er nicht ausgehalten, dass er in seinem Kopf so scharfe Filme von sich drehte, und in Wirklichkeit in seinem verpupsten Ikea-Jugendzimmer saß, und zu dieser Welt keinen produktiven Beitrag beitrug.
Sicher, da waren auch andere Sachen, die er nicht so gut aushalten konnte. Das alles war jedenfalls eines Tages zuviel, und da musste er deutlich signalisieren, dass das so nicht weiterging. Er gab seinen Eltern einen Wink mit dem Zaunpfahl, weil die ansonsten zu sehr mit sich beschäftigt waren, den Zaunpfahl verstanden sie jedoch, und steckten ihn in Therapie.
Die Therapie war auch sehr gut. Die war ausgezeichnet.
Angel und Yve von Jens Wirsching steht im Netz seit dem 25. März 2009 unter der freien Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz.
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