Luc, der Inhaber der Adresse, saß auf seinem Balkon und onanierte. Dabei dachte er intensiv an letzte Nacht und an was er noch so alles mit dem Kleinen machen würde, wenn der jetzt anrufen würde.
Sie waren sich in einem Supermarkt begegnet. Er hatte für ein paar Freunde kochen wollen und schob seinen reichlich gefüllten Einkaufswagen an den Milchprodukten vorbei, als er den Jüngling mit dem Rucksack erblickte, wie der unentschlossen zwei Camemberts gegeneinander abwog und schließlich einen davon in seinem Ausschnitt verschwinden ließ. Er hatte sich hinter den Jungen gestellt und mit strengem Unterton gefragt, ob er einmal in dessen Ausschnitt schauen dürfe. Als der Knabe jäh herumfuhr und irgendetwas stotterte, hatte er ein väterliches Lächeln aufgesetzt und bekannt, dass er keineswegs Kaufhausdetektiv sei, sondern Luc, einer der angesehensten Filmkritiker seines Departements. Er hatte Angel seine Visitenkarte überreicht und gefragt, ob er ihn nicht für den Abend zum Essen einladen dürfe, er würde für einige Freunde kochen, und da käme es auf einen Esser mehr oder weniger durchaus nicht an.
Luc war Mitte vierzig, füllig beleibt wie jemand, der sich keinen Genuss entgehen lassen konnte. Er trug seine mittlerweile spärlichen grauen Haare zu einem Zöpfchen zusammengebunden und musste in seiner Jugend erheblich unter Akne gelitten haben. Dabei war sein Gesicht lebendig geblieben. Seine Blicke hefteten sich an alle möglichen Objekte, die die Umgebung bot, sogen förmlich an der Fülle der alltäglichen Erscheinungen ohne allzu lang zu verharren. Angel hatte unwillkürlich an eine Biene denken müssen, die im Frühsommer von Kelch zu Kelch flog, um von allen flüchtig zu naschen.
Abstoßender als seine Aknemaserung war seine Angewohnheit, in unregelmäßigen Abständen mit einem notorischen Zucken seine Mundwinkel in Richtung Ohrläppchen zu ziehen, was seine ohnehin zu schmalen Lippen gefährlich aufeinander preßte.
Angel hatte sich bereitwillig einladen lassen. Es war klar, dass sich an das Essen das Angebot einer Übernachtungsmöglichkeit anschließen würde, er konnte eine Dusche gebrauchen, und eine bequeme Abwechslung zu seinen steinigen Nachtlagern war ihm hoch willkommen. Luc bezahlte eine Unsumme für die ganzen Kostbarkeiten in seinem Einkaufswagen, davon hätte sich Angel drei Wochen durchschlagen können, mindestens.
Mit einigem Behagen stieg er in das Auto, in dem sicheren Wissen, dass er nach dem Aussteigen nicht wieder allein und auf sich gestellt sein würde, dass für ihn gesorgt sein würde, und er sich nicht kümmern brauchte, wo er schläft, ob die Bullen ihn finden, und ob das das Leben ist.
Die Fahrt konnte gar nicht lang genug dauern, Angel lehnte sich bequem in den Beifahrersitz und erlaubte sich ungefragt das Tape einzuschalten. Irgendein Ambientegeklingel, Angel drehte lauter und sah genüsslich die Vorstadtstraßen an sich vorbeiziehen. Herrlich ist das Zigeunerleben, dachte er und nahm den kühlen Camembert aus seinem Shirt.
Luc genoss aus den Augenwinkeln, wie der Knabe es sich wohl ergehen ließ. Jung müsste man sein! Innig ließ er die Hände über das Leder gleiten, das um sein Lenkrad gespannt war. Dann lachte er vergnügt und wies auf Angels unter den Achseln so großzügig geschnittenes Hemdchen. Der Junge aber verstand keinen Spaß und starrte genervt aus dem Fenster.
"Ich bin in solchen Sachen sehr frei, weißt du. Die Leute hier, die gucken vielleicht komisch, wenn du so rumläufst. Ich finde das in Ordnung. Wir sollten nicht so verklemmt sein, wir müssen lernen, frei mit unseren Körpern umzugehen, was meinst du?"
Angel meinte dazu eigentlich gar nichts. Um die mit einiger Wahrscheinlichkeit sich gleich anknüpfenden Erklärungen über freie Liebe abzukürzen, die er mittlerweile in allen Variationen und in mehreren europäischen Sprachen auswendig kannte, nahm er jedoch vorweg, dass er durchaus zustimme, und dass er darüber hinaus völlig der Meinung sei, dass man auch in der Liebe sich keinerlei gesellschaftlichen Zwängen unterwerfen, sondern mit aller Freiheit seinen ganz individuellen Wünschen nachgehen solle.
"Junge", überschlug sich Luc, "das ist genau, was ich auch denke. Was für ein großartiger Zufall, dass wir uns begegnet sind. Ich hatte schon beim Aufstehen das Gefühl, dass dies ein besonderer Tag werden würde. Wie heißt du?"
"Ich heiße Sven", sagte Angel.
"Sven! Großartig, Sven, ich heiße Luc", und Luc langte mit seinem mächtigen Arm hinüber, legte ihn um Angels Schultern, zog diesen halb auf die Handbremse und drückte ihn an sich.
Einen Moment lang blieb Angel in dieser unglücklichen Position, dann drückte er sich hoch und wand sich aus der mächtigen Umarmung. Luc entschuldigte sich zerknittert, er habe sich nur so gefreut, habe ihm nicht zu nahe treten wollen, habe auch gedacht, er, Sven, würde das sicher locker sehen. Oder ob er etwas dabei finde, wenn ein Mann einen Mann umarmt.
Angel verneinte wahrheitsgemäß, er fände da nichts dabei, und er schämte sich ein wenig, Luc direkt irgendwelche Absichten unterstellt zu haben. Lucs Mundwinkel zuckten enttäuscht vor sich hin, und seine Augen, die noch eben so munter geblinzelt hatten, ließen nun gehetzte, dunkle Blicke über die Windschutzscheibe huschen. Dann fuhr er den Wagen rechts ran. Angel rechnete damit, rausgesetzt zu werden.
"Wir sind da."
Angel wandte sich dem massigen Mann zu und sah ihn unverwandt an, bis dessen Augen und Mundwinkel sich beruhigt hatten. Luc sah niedergeschlagen aus, sein Blick ging ins Leere. Angel fühlte sich ihm jetzt nah, nah genug, um ihn trösten zu wollen. Er begann behutsam, den Nacken dieses Mannes mit den Fingerspitzen entlangzufahren.
"Alles klar, Luc?"
"Ja", antwortete Luc, "ja, Sven, alles klar, danke."
Langsam zog Angel seine Hand zurück, und sie schleppten gemeinsam den Einkauf die drei Stockwerke zu Lucs Appartement hinauf.
Angel rutschte von seinem Rucksack. Er hatte das unausweichliche Bedürfnis, im Dreck zu sitzen. Wie ein Kind im Sandkasten ließ er den Staub durch seine Fäuste rinnen, Autos fuhren vorüber. "Sven!", grummelte er verächtlich.
Angel und Yve von Jens Wirsching steht im Netz seit dem 25. März 2009 unter der freien Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz.
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