Luc hatte sich beim Kochen nicht helfen lassen. Er war ein perfekter Koch. Er hantierte mit einer unfassbaren Geschwindigkeit, trällerte alberne Liedchen und zitierte Angel herbei, dass der noch ein Sößchen koste.
Irgendwann entkam Angel unter die Dusche. Er duschte und duschte. Das hatte er von seiner Mutter, die sich auf diese Weise ihren Kummer weg zu spülen pflegte.
Angel durfte nicht einmal den Tisch eindecken. Schon beim Legen der Bestecke verriet er sich als hoffnungsloser Banause. Ihn störte das wenig, er gefiel sich in einer genau bemessenen Unbedarftheit, mit der er seinen, wie er glaubte, ansonsten so souveränen Umgang mit Menschen ausglich.
Als es klingelte und eine Meute von ausgelassenen Männern in den besten Jahren in das Appartement mit großem "Hallo!" einfiel, war Luc aus dem Häuschen. Er ließ es sich nicht nehmen, Angel jedem der Freunde einzeln vorzustellen: "Das ist Sven, wir sind im Supermarkt förmlich aufeinander gestoßen, mir war augenblicklich klar, dass wir füreinander bestimmt sind."
Vor Mühe, seine Verlegenheit zu überspielen, kam Angel nicht dazu, sich die Namen der Männer zu merken. Es waren vier. Selten hatte Angel Männer in diesem Alter so fröhlich scherzend, so aufgekratzt und albern erlebt. Es gefiel ihm, nachdem er sein Misstrauen überwunden hatte. Solche Vitalität männlicherseits kannte er von zu Hause nicht.
Dennoch blieb er auf der Hut. Einer der vier, der Stattlichste, warf ihm einen abschätzigen Blick zu. Als dieser Angel beim Eintreten bemerkt hatte, hatte sich sein Lachen für einen Moment zusammengezogen, seine Züge verhärteten sich, und Angel meinte beobachtet zu haben, wie er Luc einen scharfen, fast wütenden Blick zuwarf. Die Situation war auch so undurchsichtig genug, und er beschloss, abzuwarten. Er wich dem Mann so gut es ging aus, konnte sich aber nicht verkneifen, von Zeit zu Zeit hin zu schielen. Die Feindseligkeit war nicht weg zu deuten.
Die Freunde redeten über Filme über Bücher über Musik. Sie redeten philosophisch, politisch und psychologisch. Sie redeten nicht über Frauen. Sie redeten über das Essen und den Wein, über Griechenland und Sport, sie redeten nicht über ihre Berufe. Sie waren anders.
Luc war aufgeblüht, er ließ es an nichts fehlen, war auch sehr höflich zu Angel und versuchte ab und an, ihn in das Gespräch einzubeziehen, wobei sich Angel regelmäßig ertappt fühlte, denn er hatte von alledem keine Ahnung. Auf seine Verlegenheit hin verstummte die Runde kurz, Angel starb vor Scham, dann fuhr man mit etwas anderem fort. Luc aber klopfte ihm sanft auf die Schulter und sagte etwas wie: "Richtig, mein Junge, genau so denke ich auch immer", dann lachte er laut und legte irgendwem etwas auf den Teller, schenkte Wein nach oder erhob sich, um mit den Worten: "Was haltet ihr von...?", eine neue CD einzuschieben.
Angel spürte, wie seine Gesichtsmuskulatur erschlaffte durch all das freundliche Lächeln und aufmerksame Schauen nach den klugen Rednern, von deren Reden er so wenig begriff. Er ging auf die Toilette. Er musste sich ein wenig entspannen, spülte kaltes Wasser durch sein strapaziertes Gesicht, um es für die nächste Runde Lächeln frisch zu machen. Dann sah er lange in den Spiegel. Er sah, dass er hübsch war, braun von der ganzen Sonne, die Haare waren blonder geworden, und seine Züge von großer Klarheit. Er hatte das Gefühl, als könne er durch seine Augen tief in ein dunkles, friedliches Inneres sehen. Für einen Moment fühlte er sich ganz mit sich verbunden.
Das schallende Gelächter der Männer dröhnte durch die Kacheln. Er musste schon viel zu lange im Bad geblieben sein, möglicherweise hatte das Gelächter ihm gegolten. Er verabschiedete sich von seinem Spiegelbild, überprüfte den Sitz seiner Kleidung, bedauerte kurz, dass er immer noch diese verräterische Bäckerhose trug, atmete tief durch, um dann mit der gebotenen Ruhe aus dem Bad zu treten.
Die Männer schwiegen erwartungsvoll, als er seinen Platz wieder einnahm. Dann richtete Gerome, so der Name des Mannes, der Angel keine Ruhe ließ, das Wort an ihn: "Sven, wir sprachen gerade über Theater, und da wollte ich doch wissen, ob denn der genosse Heiner Müller endlich das alte Theaterschiff flottgemacht hat."
"Ich glaube doch", antwortete Angel, "ja, ich glaube, das ist ihm gelungen, und mit Bravour", wagte er todesmutig hinzuzufügen, nicht, ohne einen hilfesuchenden Blick nach Luc zu werfen. Der zog bedauernd die Brauen hoch. Angel hatte noch nie etwas von diesem genossen Müller gehört. Triumphierend gröhlte Gerome nun, dass ihn Angels Antwort aber beruhigen würde, hatte er doch in der dummen französischen Presse zu seinem Unglauben lesen müssen, dass der unsterbliche Müller kürzlich verstorben sei.
Angel errötete. Er wollte endlich auf der Stelle tot sein, da half es nichts, dass Luc einzulenken versuchte, der Junge würde doch noch zur Schule gehen. Lucs Beistand schien Gerome nur noch mehr herauszufordern. Er, Sven, würde sich aber doch auch für Theater interessieren.
"Ja, doch, schon, nur ich kenne mich jetzt nicht so gut aus", versuchte Angel sich zu retten. Vergebens. Was denn so sein Lieblingsstück sei? Angel kramte verzweifelt in seinem Gedächtnis. Wie hieß die ganze Scheiße nochmal? Im Unterricht hatten sie diesen ewig alten Schinken besprochen. Vorsichtig bekannte er, Antigone, ja, Antigone, das sei sein Lieblingsstück.
"Ah, Antigone, die gute, alte Antigone", säuselte Gerome mit gefährlicher Genugtuung, da kenne Sven ja einen richtigen französischen Autoren. Was er denn mal ganz ehrlich vom französischen Existenzialismus halte. Leck mich am Arsch, dachte Angel, dem es allmählich reichte, und bekundete, Antigone sei von einem griechischen Schriftsteller.
"Was du nicht sagst, von einem griechischen Schriftsteller also?"
Die anderen verfolgten das ungerechte Scharmützel mit gespannter Aufmerksamkeit. Gerome war nicht zu bremsen. Aus irgendeinem Grunde schien er Angel bis aufs Blut reizen oder demütigen zu wollen. Ob der es nicht für nötig halte, sich für französische Literatur zu interessieren. Die Deutschen, auch die deutsche Jugend habe eine verdammte Pflicht, ihre arische Scheißnase über den nationalen Tellerrand zu heben.
"Vom größten ostdeutschen Bühnendichter nie etwas gehört, wozu auch, bist Wessi, wie du aussiehst. Und Jean Anouilh? Hat unter der Besatzung der deutschen Faschisten in Paris ein Widerstandsdrama veröffentlicht, das Antigone heißt. Na und? Nie was von gehört. Ihr Deutschen seid noch, wo ihr euch Antifaschisten nennt, national borniert. Versuch mal mit einem deutschen Antifaschisten über die französische Neue Rechte zu sprechen, der ist im Handumdrehen wieder bei deutschen Flüchtlingsheimen! Le Pen? Schon einmal gehört? Ihr Deutschen kotzt mich an! Und du? Hältst es nicht für nötig über deinen Tellerrand zu gucken, aber lässt dich von uns durchfüttern? Na, hat's denn auch geschmeckt?"
Angel heulte. Er war es nicht gewohnt, sich zu verteidigen. Gemeinen Leuten wich er aus, jetzt hatte es ihn erwischt. Schluchzend stand er auf, suchte seinen Rucksack und wollte gehen. Gerome erhob sich, ging ihm entgegen, "Darf ich behilflich sein?", und wies ihm den Weg zur Tür.
Unterdessen hatte sich auch Luc erhoben, der die ganze Zeit über hasserfüllt auf Gerome gestarrt hatte, ohne ein Wort zu sagen. "Sven, du bleibst!" Dann wandte er sich zu Gerome. "Raus aus meiner Wohnung! Raus!".
"Aber Luc, du willst doch nicht diesen kleinen deutschen Tölpel deinem alten Freund vorziehen!"
Die beiden standen sich gegenüber und stierten sich, zwei Duellanten, in die Augen. Ohne den Blick von Luc zu lassen zischte Gerome: "Verschwinde endlich!" Dann redete er energisch auf Luc ein. Seine Stimme hatte er gesenkt, sodass außer Luc niemand seine Worte verstand. Luc wollte davon nichts wissen.
Bevor die beiden sich ans Leder gingen, griffen die anderen ein, trennten sie und begleiteten Gerome hinaus, sich ihrerseits verabschiedend.
"Mistkerl!", fluchte Luc. "Den ganzen Abend hast du mir verdorben." Seine Stimme wurde weinerlich. Orientierungslos begann er Geschirr abzutragen.
"Und dabei habe ich mir solche Mühe gegeben! Immer musst du mir allen Spaß verderben. Ich ruf ihn sofort an. Mistkerl. Was kann ich dafür, dass du's noch immer nicht verwunden hast?"
Angel und sein Rucksack standen im Korridor. "Ich geh jetzt besser."
Luc begriff nicht. Er war meilenweit entfernt. Als er schließlich den Jungen mit seinem Gepäck an der Tür realisierte, stellte er den Stapel Dessertteller auf den Tisch zurück und rieb sich die Hände am Tischtuch ab.
"Nein nein, du brauchst nicht gehen, Kleiner. Es tut mir so unendlich leid. Weißt du, Gerome ist mein Freund, ich verstehe wirklich nicht, warum er mir das angetan hat. Du wirst ihn ganz einfach vergessen. Der war doch betrunken. Nimm dir das nicht zu Herzen."
Luc schloss Angel in seine Arme und strich ihm tröstend über den Rücken. "Ist schon gut mein Kleiner", flüsterte er beschwichtigend, und Angel war klar, dass er jetzt nicht gehen konnte, ohne einen hysterischen Anfall zu verschulden. Luc zog Angel von der Tür weg und die Jacke aus.
"Komm, mein Junge, ich zeige dir, wo du schlafen kannst. Nein nein, das räume ich später ab." Er führte Angel ins Schlafzimmer.
"Ich hole meinen Schlafsack."
"Du schläfst heute Nacht bei mir", korrigierte Luc. "In meinem Bett kannst du schlafen, hier ist Platz für uns beide."
Angel hatte zu allem anderen Lust, als mit Luc in einem Bett zu schlafen, aber er konnte nicht verständlich machen, warum er seinen miefigen Schlafsack und den harten Fußboden vorziehen wollte. Er versuchte es mit Gewohnheit, dann mit Urlaubsfeeling, aber Luc bestand darauf, dass Sven sein Bett nehmen würde. Sollte es ihm unangenehm sein, mit ihm, Luc, in einem Bett zu schlafen, dann würde er sich auf die Couch nebenan legen, das wäre gar kein Thema.
Was blieb Angel übrig? Er legte sich auf das Bett und sah zur Decke. Er wollte gerne vermeiden, sich vor Luc auszuziehen und tat so, als würde er noch über etwas nachdenken. Luc blieb hartnäckig. Er setzte sich auf die Bettkante, beklagte sich ein wenig über seine Freunde und meinte dann, jetzt wäre es aber Zeit für Sven, woraufhin er begann, Angels Gürtel aufzunesteln, ihm Schuhe und Hose auszuziehen, um dann fürsorglich die Decke über den Jungen zu breiten. "Ich bin so froh, dass du da bist", sagte er noch, küsste Angel auf die Stirn, machte das Licht aus und verließ das Zimmer. Die Tür ließ er einen spaltbreit offen. Angel war erleichtert, so glimpflich davongekommen zu sein, und versuchte bei dem Geklapper aus der Küche und Lucs gelegentlichen Flüchen einzuschlafen.
Angel und Yve von Jens Wirsching steht im Netz seit dem 25. März 2009 unter der freien Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz.
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