Angel hatte aufgehört, den Dreck durch seine Hände rieseln zu lassen. Regungslos saß er da und ließ die Stimme Lucs in seinem Kopf wiederhallen. Er fühlte sich verantwortlich für Luc, er verurteilte sich dafür, wie er den Mann auf der Türschwelle zurückgelassen hatte, haltlos ihm verfallen, wimmernd, er möge doch bleiben. Angel hielt sich für hart und herzlos. Bei dem Bild dieses zusammengesunkenen Mannes, groß und kräftig und doch verletzlicher als ein Kind, zog sich ihm alles zusammen.
Dann wurde dieses Gefühl zu einer Sehnsucht. Angel stellte sich vor, wie er zurückgehen würde, wie er die drei Stockwerke hochsteigen und Luc noch immer apathisch auf der Türschwelle hockend finden würde. Er würde sich zu ihm niederknien, den massigen Kopf in seine Hände nehmen und an seine Brust drücken. Er würde Luc aufraffen und in sein Appartement zurückbringen, ihn aufs Bett legen und ihm ein Glas Wasser bringen. Dann würde er Gerome anrufen und den am Telefon zur Sau machen. Danach würde er mit Luc vielleicht ans Meer fahren, Luc würde ihm alles bezahlen, sie hätten das Auto und sie würden einfach rumfahren mit Ambientegeklingel und nicht viel reden. Abends würden sie in den Dünen liegen, Wein trinken und sich vorstellen, wie man einmal leben will.
Angel stand langsam auf. Er war jetzt ganz bei Luc. Er nahm seinen Rucksack in der ruhigen Gewissheit, dass er nun wisse, was zu tun sei, und ging die Ausfallstraße nach Westen zurück in Richtung Stadt, in Richtung Luc.
Es ist vielleicht erwähnenswert, dass Angel dabei nicht einen Moment an die späteren Geschehnisse der vergangenen Nacht dachte. Mit denen verhielt es sich vielmehr wie mit einem Traum, wenn du aufwachst, und der Traum sinkt einfach aus deinem Kopf, du denkst beim Aufstehen nicht daran, und dann erinnerst du dich auch nicht mehr, und dann ist es ganz einfach weg, spurlos, als wäre nichts gewesen. Angel dachte eben nicht mehr daran. Und warum auch? In gewisser Weise war er ja nicht beteiligt gewesen. Nur eines wusste er genau. Er würde Luc erklären, dass er Angel heiße und nicht Sven. Er wollte Luc von nun ab nicht mehr täuschen. Er schämte sich, dass er das getan hatte, es kam ihm billig und unangemessen vor, zumal in Anbetracht der unverstellten Aufrichtigkeit, mit der Luc ihm seine Gefühle und seine Verletzlichkeit preisgegeben hatte.
Ein Gefühl von Kraft, dessen nur junge Herzen fähig sind, bemächtigte sich Angels. Nichts mehr von Niedergeschlagenheit, jetzt würde sein ganz großer Trip endlich beginnen. Er war den Autofahrern dankbar, dass niemand angehalten und ihn mitgenommen, ihn weiter weg von der Stadt, von Luc gebracht hatte. Mit einem triumphierenden Lachen sah er den entgegenkommenden Fahrern in ihre Sonnenbrillen und rief: "Was glotzt ihr? Fahrt zur Hölle, ich bin Angel!"
Angel und Yve von Jens Wirsching steht im Netz seit dem 25. März 2009 unter der freien Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz.
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