Totemistische Spuren im Ritual: Die Klage
Das Vogelreich des Aristophanes
Die Vögel in der Antigone. Ihr totemistischer Ursprung und ihre Funktion als Seismograph für den Zustand der einen, alten, gentilen Ordnung
Die Ausführung der "süßen" ( glykyn ) Mahlzeit der Vögel ignoriert die Hunde, die Kreon aufruft. In Kenntnis der Version Kreons (s.o.) erhalten die Vögel durch diese Verkürzung einen besonderen Akzent. Es geht Antigone also nicht vornehmlich um eine möglichst effektreiche Drastik in der Darstellung der zu erwartenden Häßlichkeiten gegen den Leichnam. Der Akzent auf die Vögel erhellt sich, wenn man ihn im Kontext der weiteren Erwähnungen von Vögeln im Text liest. Diese Erwähnungen zusammengenommen ergeben, dass die Vögel in der Antigone einen Seismographen für Verletztungen der einen Kosmologie symbolisieren. Wer sind die Vögel in der Antigone des Sophokles? Die Vogelsymbolik taucht in folgenden Zusammenhängen wieder auf.
Der weiße Adler der Parodos
Kapaneus, der Riese, den Polyneikes aus Argos gegen Theben herangeführt hatte, "flog mit schrillem Schrei / wie ein Adler ins Land, / von schneeweißem Gefieder bedeckt", so schildert es der Chor in seiner Parodos (112-4). Das erste Strophenpaar dieses Einzugsliedes beschäftigt sich mit jenem Krieger, seinem luftigen Ort "über den Dächern" (117), am "Kranz der Türme" (122), "auf den hohen Mauern" (132), also weit über der Stadt, und seinem schließlich dröhnenden Sturz. Er war einer der gewaltigen "Gegner des Drachen" (125f.). Die Vogelsymbolik ist in diesem Strophenpaar von der Darstellung des Kriegers bis in die seiner Bewegung, die eine zunächst aufsteigende Flugkurve mit anschließendem Absturz beschreibt, omnipresent.
So wie Kapaneus, der "Mann mit dem weißen Schild" (106; Hervorh., J.W.), jenem Ort dessen, was man im Schilde führt, ein Wappen etwa, oder etwas archaischer: ein Totem, so wie jener Kapaneus mit dem weißgefiederten Adler identifiziert wird 228 , so die die Stadt verteidigende Streitmacht mit dem Drachen, jenem thebanischen Wappentier. Steiner (S. 271) schreibt in aller Vorsicht: "Kommentatoren lenken die Aufmerksamkeit darauf, wie Sophokles in dieser Parodos sinnbildliche, ursprünglich vielleicht totemische Züge verwendet, wie sie in der fast rituellen Kunst der Sieben gegen Theben entwickelt wurden."
Es darf also hier schon vorsichtig vermutet werden, dass die Vögel der Antigone mit totemistischer Symbolik besetzt sein könnten. Was ist ein Totem? Häufig wird für gentile Gesellschaften als Synonym der Begriff Clansymbol gebraucht. Dabei ist zu beachten, dass es sich beim Totem nicht nur um eine erkennungstechnische Chiffre handelt, sondern dass das Totem zugleich Träger von spirituellen Bedeutungen ist. Diese erschließen sich aus der mimetischen Identifizierung, die von verwandtschaftlich determinierten Gruppen und etwa einem Tier, einem bestimmten Vogel beispielsweise, vorgenommen wird. In der Sprache des Totemismus sind Kapaneus und die Angehörigen seines Clans Vögel, genauer: Adler, weiße Adler. Und auch die Ahnen des Kapaneus waren weiße Adler, genauer: sind weiße Adler. Wenn Kapaneus einen weißen Adler sieht, sieht er einen Ahn. Wenn jemand einen weißen Adler tötet, tötet er einen Ahn des Kapaneus, umgekehrt tötet er einen weißen Adler, wenn er Kapaneus tötet. Wiederum steht der Dual Modell: Kapaneus und sein Totem sind eine untrennbare Einheit.
Der Totemismus 229 scheint als Ordnungssystem dem verwandtschaftlich-gentilen zunächst vorausgegangen zu sein, er war ursprünglich die Kosmologie der vor-neolithischen Gesellschaften, also der jagenden und sammelnden. Als die neue Produktionsweise die je nachwachsenden Generationen in existentiellere Abhängigkeit von den je älteren brachte, erfuhren die verwandtschaftlichen Beziehungen eine allgemeine Aufwertung und avancierten schließlich zur Grundlage einer neuen gesellschaftlichen Ordnung, zur gentilen. Im Zuge dieser gesellschaftlichen Transformation veränderten sich notwendig die rituellen Praktiken der betroffenen Gesellschaften. Die rituellen - wohl wesentlich mimetischen - Praktiken des Totemismus hat der Ahnenkult der Gentilgesellschaft weitgehend verdrängt, seine Symbolik wurde indes teilweise in den verwandtschaftlichen Ordnungskodex integriert.
Im klassischen Athen jedenfalls waren die Codes totemistischer wie auch gentiler Ordnung um-, und zum Teil überlagert von einem neuen Code, einem politisch-bürgerlichen. Aber sie waren gekannt, hatten ihren festen Ort in ritueller und anderer gesellschaftlicher, etwa militärischer Organisation.
Der Vogelschrei der Antigone
Was also bedeutet es, wenn Antigone an der erneut entblößten Leiche ihres Bruders laut jammert, "im schrillen Ton eines Vogels, wie er klagt, wenn er des leeren / Nestes Unterschlupf sieht, von den Jungen verwaist" (424f.)? Das Jammern lässt sich so lesen als metaphorisch ins Naturhafte gewendete Expression. Doch möglicherweise erfasst die metaphorische Deutung nicht alle Bedeutungsschichten. Steiner (S. 281) weist auf den verwandtschaftlichen Bedeutungshintergrund der Passage:
"Sophokles' gedrängt gestaltetes, aber vermutlich traditionelles Gleichnis verknüpft das >leere Nest< mit einem >verwaisten Bett<. In menschlichem Sinne ist lechos ein Bett. Das ist kein konventioneller Kontrast, keine formale Verdopplung; es ist eine überwältigende Andeutung von Unfruchtbarkeit, von Einsamkeit. Polyneikes' Entweihung bedingt Antigones eigenen unmittelbar bevorstehenden Untergang. Auch für sie soll das >Nest/Bett< von Ehe und Mutterschaft leer sein und die Fortpflanzung brachgelegt. Die Sprache stützt an diesem Punkt Erkenntnisvorgänge und Transpositionen buchstäblicher und symbolischer Markierungen..."
Doch unsicher bezüglich der totemischen Konnotationen schließt Steiner (ebd.) zweifelhaft: "Antigones schrille Klage bringt Instinkte und Werte zum Ausdruck, die älter und weniger rational sind als der Mensch und menschlicher Diskurs." Zweifelhaft ist die Datierung auf "älter ... als der Mensch und menschlicher Diskurs", die außerhalb rationalisierender Diskursivierung der Welt nur Natur kennt. Historisch richtiger wäre zu formulieren: "älter als der Bürger und bürgerlicher Diskurs".
Ähnlich enthistorisierende Verortungen der Antigonefigur ins Reich des Naturhaften als der Gegen-Kategorie zum Gesellschaftlichen finden sich in der Rezeption mit großer Vielfalt. Sie verweisen auf die Ungebrochenheit bzw. Unreflektiertheit bürgerlicher Kosmologie auf Seiten der Rezeption. Rohdich (S. 37; Hervorh., J.W.) etwa schreibt zur philia Antigones, die ja - sei es als Chiffre für ein bestimmtes soziales und rechtliches Verhältnis innerhalb einer bestimmten Ordnung, sei es als innige Gemütsregung - Kontext auch des Vogelschreies ist:
"In ihr wehrt sich der Trieb der Verwandtenliebe gegen seine politische Unterwerfung und Domestikation, seine Brechung und Entfremdung durch den gesellschaftlichen Nutzen. Die Philia steht als das historisch Ältere, dem Denken und Fühlen des Individuums Nähere und Unmittelbarere ungebärdig gegen die gesellschaftliche Entwicklung auf, die in der Polis gipfelt, die für den von ihr erreichten Fortschritt in der Daseinsbewältigung 230 vom Individuum verlangt, dass es die triebhafte Unmittelbarkeit seiner Regungen dem politischen Interesse unterordnet. (...) In der von Kreon geschaffenen Situation wird die Philia zum Ausdruck der Auflehnung des Individuums gegen den totalitären Anspruch, mit dem der Staat nach dem Menschen greift; sie ist dramaturgisches Vehikel zur Demonstration individualer Größe, dramatische Chiffre für Individualität selbst."
Die philia Antigones ist demnach ein Trieb, älter als Kultur und Gesellschaft steht sie dem Individuum, das so selber von einer bürgerlichen zur naturhaften Kategorie wird, näher. Dies zu schreiben ist nur in den Bestimmungen bürgerlicher Kosmologie möglich, inwiefern solches auch aus dem Munde Kreons oder des Chors denkbar wäre. Und tatsächlich kommentiert der Chor Antigones Kommos: "Noch immer hat der gleichen Stürme Wucht / ihre Seele in der Gewalt" (929f.) Das Individuum ist als letztlich juridische Kategorie ureigenste Hervorbringung des bürgerlichen Kratismus. Sein Eintreten in die Geschichte begleitete den Übergang von Vertrags- und Straffähigkeit vom gentil-genossenschaftlichen Verband auf den Einzelnen. 231 Der Kratismus brachte es notwendig hervor als den - zumindest theoretisch-konzeptionell - authentischen Träger kratischen Willens, weshalb im Strafrecht noch heute seine ihm angetragene, authentische Willkür dort problematisch ist, wo diese von anderen Kräften, von pathologischen Leidenschaften oder Drogeneinflüssen überlagert scheint, im Begriff seiner Schuldfähigkeit. 232
Eine solche Kategorie ist der gentilen Gesellschaft fremd. Das Individuum, herausgelöst aus verwandtschaftlichen, aus staatlicher Perspektive subalternen, verbindlichen Zugehörigkeiten, ist Produkt, Voraussetzung, und Problem bürgerlich-kratischer Kosmologie. Nur aus ihrer Perspektive, und nur, wo diese borniert bleibt, also aus der Kreons und des Chors, wo dieser die staatliche Perspektive einnimmt, damit jedoch für das antinomische Gesamt der Tragödie durchaus relevant, hat Rohdich recht, wenn er schreibt, die Philia werde unter bürgerlichen Verhältnissen, unter dem Edikt Kreons, zur "dramatischen Chiffre für Individualität selbst".
Doch die Deutung hat Distanz zu nehmen. Zum Verstehen der Antigone-Figur taugt diese Festschreibung auf "Demonstration individualer Größe" nichts. Darüberhinaus gefährdet sol che Festschreibung in der Sprache bürgerlicher Kosmologie das Verständnis der gesamten Tragödie, deren Projekt ja genau die Relativierung derselben qua antinomischer Konstruktion der Kosmologien zu sein scheint. Es bedeutet ein Opfern der Antigone-Figur, eine Wiederholung des Projektes Kreons und der Zustimmung dazu des Chores, vor allem aber ein Einbrechen der dramatischen Konstruktion des Sophokles, von der sein Experiment abhängt, wenn man, und sei es Kreon-kritisch, schreibt (ebd., S. 39; Hervorh., J.W.): "Bei aller Berufung auf das Recht der Philia, das in den Hadesgesetzen göttlich sanktioniert ist, bleibt Antigones Vorhaben die Rebellion des Individuums gegen die politische Macht, die eigenmächtige Mißachtung des Superioritätsverhältnisses zwischen Polis und Einzelnem, die autonom-individuale Korrektur politischen Unrechts, die ihrerseits neues Unrecht setzt." Das alles bleibt das alles: indes nur aus der Sicht bürgerlicher Orthodoxie.
Versetzt man sich einmal in sophokleische, theoretische Distanz zu dieser, so zeigt sich, dass das kratische Subjekt der Tragödie, dass Kreon wesentlich pregnanter die Grundzüge der bürgerlichen Kategorie eines Individuums trägt. Er handelt tatsächlich auf der Grundlage seines ureigensten, kratischen Entschlusses. Diesen begründet Kreon nebenbei konsequent rational, unter anderem, weil ihm im Gegensatz zu Antigone andere, nomistische Entscheidungsgrundlagen fehlen, die, wo sie intakt sind, Entscheidungen gar nicht zulassen. Dem Entschluss Kreons aber liegt - bei aller Rationalität - letztlich nichts anderes zugrunde, als dessen authentischer Wille zu einer subjektiv antizipierten, anderen Wirklichkeit. So trägt Kreon allein die Verantwortung für sein Handeln, wo Antigone nur Gebote erfüllt, die Verantwortung für ihr Handeln also bei den Göttern liegt. Die resultierende persönliche Haftbarkeit Kreons, die das Finale der Tragödie ausmacht, fügt sich da folgerichtig an. In bürgerlicher Kosmologie bezeichnet auf der Ebene des menschlichen Einzelwesens die Kategorie des Individuums, was auf der Ebene der Gesellschaft der Souverän ist: das kratische Subjekt.
Totemistische Spuren im Ritual: Die Klage
Älter als der Bürger und bürgerlicher Diskurs, auch älter als die intimen Regungen einer individuellen Seele 233 , ist Antigones Klage in der Tat. Sie ist ganz unabhängig von den persönlichen Empfindungen der je Klagenden eine rituelle Formel, Brauch, ein Brauch anlässlich des Versterbens Anverwandter und ihrer Beisetzung. Ein Brauch, den Antigone neben dem Gießen und irdischen Fixieren auch präzise erwähnt in ihrer Aufzählung der kanonischen Beisetzungsriten bzw. ihrer verordneten Verweigerung: keiner solle um Polyneikes wehklagen , sondern unbeklagt solle man ihn lassen (28f.). Der Brauch des Klagens ist der Tragödie ganz allgemein konstitutiv, und er hat sich ihr eingeschrieben in seiner ritualisierten Klanglichkeit, im io etwa, das in seiner präzisen Kodiertheit, in seiner ganz eigenen Ordentlichkeit 234 nur unzu länglich ins deutsche, intimere, und gewissermaßen anarchisch-leidenschaftlichere 'ach ' und 'weh ' sich übertragen lässt. Dieser rituelle Klagelaut ist in seiner melodiösen Vokalität dem Vogelruf sehr nah, und vielleicht weniger, weil der Mensch im Schmerz dem Tier sich annähert, sondern weil der Klagelaut möglicherweise seinen Ursprung im Kontext mimetischer Rituale hatte, in denen je nach Clantotem Tiere, Vögel etwa, eine zentrale Rolle gespielt haben könnten. Diese Genesis mag in Antigones Vogelschrei mitschwingen: er gehört jedenfalls auch zum Ritual, das zum zweitenmal zu verrichten sie sich nach dem Bericht des Wächters anschickte.
Dass die Klage neben der Expression intimen Empfindens auch Formel kollektiven Kultes ist, die keine Rücksicht auf ersteres zu nehmen braucht, konstituiert wiederum ein formales Element der tragischen Gattung, den Kommos, das Klagelied, das mitunter von Chören gesungen werden konnte, die aufgrund ihres sozialen Verhältnisses zum Beklagten persönlich-emotional dem Todesfall mindestens distanziert gegenübergestanden haben müssten. 235 Die rituelle Tradition der Klage wie des vogelhaften Klagelautes verweist also nicht unmittelbar in die Natur, sondern zunächst in die Kultur vorbürgerlicher Gesellschaften.
Das Vogelreich des Aristophanes
Bezeichnenderweise lässt der Kommödiendichter Aristophanes eine attische Expedition vor der bürgerlichen Gesellschaft ins Vogelreich fliehen. Doch gegen ihren Willen schleppen die Ausreißer ihre "mentale Infrastruktur" mit, und solcherart ausgestattet mit allem politischen, staatmachenden Programm beginnen sie, das Vogelreich durch die Errichtung bürgerlich-staatlicher Institutionen zu missionieren. Zwar haftet dem Vogelreich aus bürgerlicher Perspektive das Naturhafte durchaus an, aus kulturhistorischer, auf die Entwicklung menschlicher Gesellschaften fokussierender Perspektive hingegen, wie aus der des Komödiendichters, markiert das Vogelreich den Ort lediglich vorpolitischer, vorbürgerlicher Gesellschaften, 'barbarischer', wie die Griechen sie wiederum mimetisch lautmalend bezeichnet haben. Es könnte also sein, dass mit Antigones Vogelschrei weniger ihre Naturhaftigkeit als ihre Zugehörigkeit zu einer anderen Kultur als der der Polis ihren Ausdruck findet.
Kreons atheistische Entmystifizierung der Vögel
Dass die Vögel in der Antigone einen wesentlich mit dem Ahnenkult zusammenhängenden, sakralen Topos besetzen, lässt sich aus ihrer Erwähnung in der Verlautbarung seines Ediktes durch Kreon (205) ahnen. Jedoch scheint Kreon, insbesondere durch die Gleichheit der Rollen, die er Vögeln und Hunden in der angestrebten Pervertierung des Rituals vorsieht, die spirituelle Besetztheit der Vögel, die mit seiner politischen Symbolik ja konkurriert, profanisieren zu wollen. Diese Tendenz der Praxis Kreons findet ihren stärksten Ausdruck in derjenigen Formel, in der sich seine Blasphemie im Sinne der alten und seine Theologie im Sinne der neuen Kosmologie am kompaktesten und wiederum in der Symbolik von Tod, Ritual und heiligen Vögeln entlädt (1040-4): "Auch dann nicht, wenn die Adler des Zeus ihn als Fraß / durch Raub zum Thron des obersten Gottes bringen wollen - / ich zittere nicht vor dieser Befleckung -, und so werde ich / nicht zulassen, ihn zu begraben; denn ich weiß wohl, dass / die Götter zu entweihen keiner der Menschen vermag."
Denn: "ich weiß wohl, dass / die Götter zu entweihen keiner der Menschen vermag." Dies ist die Formel totaler Profanität menschlichen Handelns, die eine Kosmologie bedingt, in der das Verhältnis der Menschen zur Sphäre des Heiligen so vollständig distanziert ist, dass es keinen Unterschied mehr macht, ob es Gott noch gibt oder nicht. In dieser Kosmologie ist ohne Relevanz und Konsequenzen, was heilige Vögel mit einem unbegrabenen Leichnam veranstalten. Zumindest ist die einzige Relevanz der Veranstaltungen der heiligen Vögel am Leichnam wiederum vollständig profan: als Dokumentation der realen Unwirksamkeit der in ihrer Pervertierung verneinten alten Ordnung, ihrer Codes und ihrer sakralen Topoi, sowie als Dokumentation der Wirksamkeit der neuen Ordnung.
Dass Kreons Rechnung mit der Profanität der Wirklichkeit, mit ihrer Machbarkeit 236 durch den Menschen ohne Einbezug der Variable 'Gott' ins Kalkül, nicht aufgeht, ist die Lektion der Tragödie für den Rationalismus. Sie klingt bereits in der Darstellung des Geschicks jenes Vogelmannes Kapaneus durch den Chor an. In der Parodos stehen menschlicher und göttlicher Beitrag am Ergebnis menschlichen Handelns zunächst in einem auffälligen Verhältnis. Während am Konflikt und seinem Austrag ausschließlich Menschen beteiligt sind, führen das Ergebnis menschlichen Handelns, die Entscheidung des Konfliktes regelmäßig die Götter herbei. Es ist der Strahl der Sonne (100) 237 , der den Krieger Kapaneus trieb, "dass er flüchtend davonlief / mit schärfer angelegtem Zügel" (108f.), es ist Hephaist 238 , "der mit seiner Kienfackel" (123)- wohlgemerkt in den Händen des Kapaneus - die Türme der Stadtmauer zu entflammen droht, und es ist Ares, der im Rücken des Gegners einen nicht zu bewältigenden Wirbel erhebt (124-6). Seinen letzten Grund hat das göttliche Engagement auf thebanischer Seite in Zeus, "Denn Zeus haßt großsprecherischer Zunge Prahlen" (127), und so "warf er den Blitz nach dem, / der auf den hohen Mauern / schon ansetzte, >Sieg< zu schreien" (131-3), soweit die erste Strophe und Gegenstrophe. Der Mensch, scheint es, ist nicht Herr über das Ergebnis seines Handelns.
Die Bewegung, die Kapaneus im ersten Strophenpaar zugeschrieben wird, ist streng aufsteigend (s.o.). Sein Ziel ist offensichtlich der "Kranz der Türme" (122). Dass er dieses Ziel nicht erreicht, dankte sich Zeus, der aus sehr spezifischen Gründen den Blitz warf, und so hebt das zweite Strophenpaar mit der drastischen Schilderung der Gegenbewegung an: "Auf die Erde stürzte er, hingeschmettert, dass sie dröhnte" (134). In der Bewegung des Aufstiegs zu hoher Höhe und des entsprechend tiefen Falls, die Kapaneus zugeschrieben wird, ist die Bewegung vorweggenommen, die die Dramaturgie der Tragödie Kreon durchmachen lassen wird.
Es gibt weitere Momente, die Aspekte seines Schicksals in dem des Kapaneus reflektieren. So ist das Motiv des Zeus für sein Dazwischentreten sein über alles großer Haß auf "großsprecherischer Zunge Prahlen" (127). Das Prahlen, etwa wenn Kapaneus "auf den hohen Mauern schon ansetzte, >Sieg< zu schreien" (132f.), besteht offensichtlich in der artikulierten Antizipation einer subjektiv wünschenswerten und vermeintlich herbeiführbaren, veränderten Wirklichkeit. Noch allgemeiner besteht es in der Behauptung der Machbarkeit der Wirklichkeit durch den Menschen, was wiederum nichts anderes ist als die Vergottung des Subjektes, die Negation Gottes, weshalb Zeus durchaus allen Grund hat, diese Haltung nicht zu mögen. Zornig interveniert er, um seinen Status als dem wirklichkeitsmachenden, als "dem siegverleihenden Zeus" (143) zu restaurieren.
Wird die Wirklichkeit vom Subjekt als von ihm machbar angesehen, so mutieren seine Wünsche zu Erwartungen, seine Hoffnungen verlassen das Gebet und werden zu Handlungsorientierungen, zu Zielvorgaben seines Planens. Will Zeus seine Macht über die Wirklichkeit offenbaren, so wird er dies am sinnfälligsten im Durchkreuzen von Plänen und Erwartungen tun. Den Sturz des den Sieg erwartenden Kriegers fasst der Chor lakonisch zusammen: "Doch es erging ihm nicht wie erwartet" (138). Das Thema der Gefährlichkeit von Hoffnungen, wo sie zur Handlungsorientierung herangezogen werden, taucht wieder auf im zweiten Stasimon, wiederum kontrapunktiert von der unüberwindbaren Macht des Zeus.
In der Parodos formuliert der Chor also am Beispiel des Kapaneus seine allgemeine Doktrin, dass der Ausgang menschlichen Handelns, welches den Willen des Subjektes zu seiner Zielvorgabe macht, des kratischen also, von gewissen dem Subjekt äußerlichen Kräften, von den 'Göttern' bestimmt wird, dass folglich von Hybris geschlagen ist, wer sich als Subjekt für wirklichkeitsmächtig, subjektiv antizipierte Wirklichkeit für objektivierbar hält, und dass der von Hybris Verblendete an den von ihm mißachteten Kräften, die nichtsdestotrotz, vielleicht gar umso mehr in der Wirklichkeit wirksam sind, zu Fall kommt. Kreons späteres Schicksal schließlich wird der Chor in gewollter Analogie zu Kapaneus kommentieren: "... doch große Worte / von Prahlenden haben, wenn sie unter großen Schlägen gebüßt, im Alter vernünftiges Besinnen gelehrt" (1350ff.). Das "Besinnen", auf das die Tragödie endet, lautet aus dem Munde Kreons, des kratischen Subjektes, er, also dieses, sei ein wegzuschaffender "der" ( ton ), "der nicht mehr ist als ein Niemand" (1325). Das finale "Besinnen" ist identisch mit der Eliminierung der cartesianischen ersten Person.
Die Vogelschau des Teiresias
Bezeichnend ist wiederum das Umfeld, in dem Kreon das oben zitierte Dogma bürgerlich-kratischer Theologie ("denn ich weiß wohl, dass / die Götter zu entweihen keiner der Menschen vermag.", 1043f.) formuliert. Seiner Sentenz voraus ging ein Bericht des Sehers Teiresias. Dessen mantische Technik, von deren Befunden der blinde Seher Zeugnis gibt, ist die Vogelschau. Aus dem Kosmos des Vogelreiches liest er den Zustand des menschlichen Kosmos, akosmische Tendenzen im Verhalten der Vögel zeigen ihm Bedrohung des menschlichen Kosmos an. Die unausgesprochene Prämisse seiner Technik ist wiederum, dass die beiden Reiche im Rahmen einer umfassenden Ordnung aufeinander bezogen sind durch irgendeine Form von 'Verwandtschaft'. Die mantische Technik des Teiresias wie auch seine Deutung der Befunde zeigen ihn in eben derselben Kosmologie beheimatet wie Antigone. Der Kern seines Anspruches an Kreon besteht darin, dieser möge die mittlerweile doppelte Pervertierung der alten Ordnung revidieren, möge die Lebende aus der unterirdischen Fixierung lösen und den Toten unterirdisch fixieren: ordentlich nach der Ordnung, der alten.
In dieser Passage offenbart sich am deutlichsten die Funktion der Vögel in der Antigone als einem Seismographen für den Zustand der Ordnung der menschlichen Gesellschaft gemäß alter, gentiler Kosmologie. Schließlich entwirft der Seher in seiner Schilderung des akosmischen Zustands im Vogelreich ein Panorama des Bruder- und Bürgerkrieges, der Stasis (1001-4): "da höre ich unbekannten Laut von Vögeln, wie sie in böser / und unverständlicher Wut krächzten; / wie sie mit den Klauen einander blutig zerfleischten, erkannte ich da ...".
Mit dieser Antizipation kommenden Unheils von gesellschaftlicher Dimension, ausgelöst allein durch die nicht vollzogene unterirdische Fixierung eines Leichnams, bestätigt Teiresias, dass mit der richtigen Anwendung der Bestattungsriten nicht liturgische Pedanterie befriedigt, nicht private Pietät gewahrt werden soll, sondern dass in ihr die gesellschaftliche Ordnung der Lebenden, das Leben der Lebenden auf dem Spiel steht, soweit jedenfalls, wie ihre Ordnung, ihre Gesellschaft noch nicht aufgehört hat, eine gentile zu sein.
Die Heiligkeit der Vögel, nicht zuletzt ihre totemistische Nähe zur Welt der Ahnen, akzentuiert Antigone, indem sie Kreons aggressive Profanisierung, die programmatische Koalierung von Vögeln und Hunden ihrerseits programmatisch unterschlägt. Und indem sie das von Kreon intendierte unheilige Werk der heiligen Vögel am Leichnam, die Pervertierung der Kosmologie durch die gesetzliche Negation des Rituals drastisch evoziert, nimmt sie beschwörend die Vision des Teiresias, die Vision akosmischer, tödlicher Verwirrung von gesellschaftlichen Dimensionen vorweg. Der Chor wird in seinem letzten Standlied, nachdem alle Agone ihren segenlosen Ausgang genommen haben, eine entsprechende Diagnose des Zustandes des thebanischen Gemeinwesens mit einer frommen Bitte um irrationalistische Therapie verbinden. Den Gott Dionysos wird er anrufen: "auch jetzt, wo von gewaltiger / Krankheit die Stadt mit dem gesamten Volk ( pandamos polis !) erfasst wird, komm mit reinigendem Fuß..." (1140ff.) Die Dimensionen des Anschlags der Regierung auf die gentile Ordnung und ihre Kosmologie sind exponiert in dreißig Versen. Der Anschlag ist total, lebensbedrohlich, schaudererregend. Antigone ändert ihren Tonfall.
Anmerkungen:
228 Sein Eigenname wird im Chorlied nicht genannt, er ist gewissermaßen in dieser Darstellung nichts anderes als der Vogel, der weiße Adler.
229 S.o.: II.B.1.
230 Die These vom "Fortschritt in der Daseinsbewältigung" ist zweifelhaft. Sie gehört möglicherweise zu den Mythen der urbanen Welt. Wesel (S. 74f.) schreibt hierzu:
"Noch vor einigen Jahren war allgemeine Überzeugung, die Ökonomie der Jäger sei eine sogenannte Subsistenzwirtschaft. Man meinte damit, es sei eine Wirtschaft am Rande des Existenzminimums. Sie seien ständig von Hunger und Hungertod bedroht und müssten mit der höchsten Anspannung aller Kräfte um ihr Überleben kämpfen... Erst mit der >neolithischen Revolution< ... sei das besser geworden... Inzwischen hat sich die Meinung vieler Ethnologen geändert... Ausschlaggebend waren Untersuchungen über die Arbeitszeit in (rezenten; Anm., J.W.) Jägergesellschaften... Die Entwicklung ist eher umgekehrt verlaufen, als man bisher angenommen hat. Mit der Landwirtschaft scheint eine Zunahme der Arbeitszeit verbunden gewesen zu sein. Sie ist später noch größer geworden, als mit der Entstehung staatlicher Zentralinstanzen der Druck auf die Bauern gewachsen ist." (Anm., J.W.)
231 Vgl. hierzu: Wesel , S. 343-55.
232 Vgl.: Foucault , S. 29ff.
233 Vgl. zur "Seele" als ebenfalls bürgerlich-juridischem Diskurs erst entwachsenes Organ des Individuums: Michel Foucault , S. 41f., 318-29.
234 Die griechische Tragödie kennt ein differenziertes System unterschiedlich kodierter Klagelaute, das etwa im Kommos der Choephoren des Aischylos zur Anwendung kommt; nach einer mündlichen Mitteilung Prof. H. Kurzenbergers.
235 Der Chor der Choephoren des Aischylos etwa bestand aus Mädchen, die offensichtlich von Agammemnon, dem ihr Kommos gilt, aus ihrer Heimat, Troja wohl, in die Sklaverei verschleppt worden sind.
236 mechanos (das Mögliche/Machbare) und amechanos (das Unmögliche/Nichtmachbare) sind Schlüsselbegriffe der Antigone . Insbesondere im Prolog und im ersten Stasimon thematisieren sie die (im Kratisums problematische) Grenzziehung zwischen menschlichem Handeln und dem diesem Unzugänglichen. Vgl.: Steiner , S. 263.
237 Die griechische Vokabel für Sonne ist helios , eine Vokabel die den Namen des Sonnengottes in sich trägt.
238 Hephaistos : der Gott der Schmiede.

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