Die vorliegende Sicht auf die Antigone
Christian Meiers Analyse der griechischen Klassik als Symptom einer kosmologischen Krise
Einführendes:
Die vorliegende Sicht auf die Antigone
Die Antigone des Sophokles erzählt die Geschichte einer Frau, Antigones, die ihren Bruder begräbt, obgleich sie weiß, dass dies von oberster staatlicher Instanz verboten worden ist. Polyneikes, ihr Bruder, ist als Staatsfeind gestorben. Erzählt wird auch die Geschichte eines Königs, Kreon, der sich gezwungen sieht, das Begraben eines Staatsfeindes unter Strafe zu stellen, obgleich er weiß, dass dieser Staatsfeind, Polyneikes, sein naher Verwandter, sein Neffe, und der Bruder seiner Nichte, Antigones, ist.
Diese Arbeit sieht es so: Der Mann Polyneikes, der zugleich ein "Lieber" seiner Verwandten, eines Teils seiner Gesellschaft, und ein Feind ihres staatlich verfassten Gesamt ist, setzt diese Gesellschaft mit der Frage nach der Behandlung seiner Leiche - ob als Leiche eines "Lieben", eines Freundes, oder als Leiche eines Feindes - einem ihr inneren Widerspruch aus. Der innere Widerspruch dieser Gesellschaft, das Nebeneinander eines verwandtschaftlichen und eines politisch-staatlichen Ordnungssystems sozialer und rechtlicher Beziehungen, tritt nach außen, indem beide Ordnungssysteme unvereinbar entgegengesetzte Behandlung der Leiche fordern. Das Nebeneinander der Ordnungssysteme entfaltet sich zu einem Gegeneinander, sie geraten in Kollision.
So sehr dieser innere Widerspruch zwischen staatlich-politischer Verfasstheit der Gesellschaft und ihrer inneren Organisation nach Verwandtschaft bereits ein wesentliches Movens der Vorgeschichte der Antigone ausmacht, so sehr ist er den einzelnen Aspekten eingeschrieben, in denen sich die Kollision gestaltet. Eine Frau, Antigone, die gezwungenermaßen die Imperative des verwandtschaftlichen Ordnungssystems ihrer Gesellschaft zum Politikum erhebt, opfert in der politischen Auseinandersetzung um das Recht auf - und die Pflicht zur - Bestattung alle ihr eigenen Optionen auf Verwirklichung der verwandtschaftlichen Aspekte ihrer Existenz unter den Lebenden. Ihr politisches Streiten für die Gültigkeit des verwandtschaftlichen Ordnungssystems kostet sie ihre Schwester und ihre Ehe, also ihre potentiellen Kinder.
Ein König, Kreon, der im Amte die Leiche seines Neffen als die eines Staatsfeindes behandeln zu müssen gute Gründe hat, erhebt so die Imperative des staatlich-politischen Ordnungssystems zum Politikum. Indem er für den Zweifelsfall ihre Priorisierung einfordert, gerät er in die Situation, diesen Imperativen nach der Leiche seines Neffen seine Nichte und sein Mündel, in Latenz gar seine Braut, Antigone, opfern zu müssen 1 . Schließlich wird die Kollision den König sein leibliches Kind, seinen Sohn, und seine tastsächliche Gattin, Eurydike, kosten.
Nicht aus der Gestalt der kollidierenden Kräfte, sondern aus der Weise der Durchführung ihrer Kollision lassen sich Schlüsse auf etwas wie den Sinn der Tragödie ziehen. Die kollidierenden Kräfte, hier die beiden antinomischen Ordnungssysteme derselben Gesellschaft, sind jedoch dramatische Gestalt der Frage- oder Problemstellung, vor der einerseits die Tragödie selber ihren dramatischen Sinn entfaltet, und die zum anderen mindestens den Ausgangspunkt markieren sollte, von dem aus die Rezeption nach dem Sinn der Tragödie fragt.
Diese Arbeit sucht einerseits nach Hinweisen auf die der Tragödie zugrundeliegende Fragestellung in der Exposition der Antigone . Zum anderen versucht sie, diese Hinweise einzuordnen in einen Horizont von kontextuellen Informationen, um gesellschafts-, geistes- und kultur geschichtliche Dimensionen der Fragestellung aufzuweisen, die die Tragödie als Teil menschlicher Suche nach historischer und allgemeiner Wahrheit ausweisen.
Es entstehen so zwei sehr verschiedene Distanzen im Blick auf den Text. Die Untersuchung springt mitunter von akribischer Textnähe zur Distanz des Panoramablickes. Diese Sprunghaftigkeit vermeidet es, den Text nach einer ihm äußerlichen Systematik zu lesen. Sie ist dem Umstand geschuldet, dass die beiden Ordnungen, die kaum anders als im Panoramablick erfasst werden können, nicht schlicht als Vorwissen auf den Text projiziert worden, sondern in einem breiten Spektrum theoretischer Literatur gesucht worden sind, wo immer die Deutung des Textes unbefriedigend blieb. So wird in der vorliegenden Darstellung auch jeweils der Text selber zum Anlaß genommen, auf Distanz zu ihm zu gehen. Was wie Abwendung von ihm erscheinen mag, folgt ihm in seinen Impulsen, heute, nach bald zweieinhalbtausend Jahren, verstanden werden zu wollen.
Christian Meiers Analyse der griechischen Klassik als Symptom einer kosmologischen Krise
Die auch in der Antigone wirksame Einheit der Suche nach konkreter historischer Wahrheit, solcher also, die nutzbringend in den gesellschaftlichen Prozess einzubringen ist, und nach allgemeiner, also abstrakt theoretischer Wahrheit, war möglicherweise einer der Faktoren, die die griechische Klassik hervorbrachten. Der Althistoriker Christian Meier fragt in verschiedenen seiner Untersuchungen, was die geschichtliche Sonderlage ausmachte, aus der heraus die Griechen der archaischen und klassischen Zeit, insbesondere die Bürger der Polis Athen, gesellschaftliche, politische und kulturelle Paradigmen abendländischer Zivilisation schufen. Nach Meier war ein wesentliches Moment dieser Sonderlage die Intensität und Fruchtbarkeit des wechselseitigen Abhängigkeitsverhältnisses von Aufklärung und gesellschaftlichem Wandel. Wie die Gesellschaft zur Gestaltung ihrer Wandlungsprozesse Aufklärung nachfragte, orientierte sich die griechische Aufklärung an den konkreten Belangen gesellschaftlicher Notwendigkeit. 2
Die unmittelbare und ungestörte, gewissermaßen naive Beziehung zwischen Aufklärung und gesellschaftlichem Prozess dankte sich, so Meier, wesentlich dem Fehlen des ansonsten historisch so regelmäßigen Zwischenschrittes im Übergang von "nomistischen" zu "kratischen" Gesellschaften, dem Fehlen starker Monarchien, die dazu tendieren, jenseits der gesellschaftlichen Mitte sowohl geistige wie gesellschaftliche Prozesse zu kontrollieren bzw. zu vermitteln 3 . Die Begriffe "Nomismus" und "Kratismus" sind von Meier übernommen 4 und werden in dieser Arbeit gebraucht, um die gesellschaftlichen Ordnungen zu bezeichnen, deren gegensätzliches Funktionieren den Konflikt zwischen Antigone und Kreon kosmologie- und rechtsgeschichtlich substantiiert.
Beide Begriffe bezeichnen verscheidene Weisen, nach denen Gesellschaften ihre Angelegenheiten regeln 5 . Nomistische Gesellschaften - wie die frühen griechischen vor der geschichtlichen Zeit - regeln ihre Angelegenheiten nach einem Modus möglichst getreuer, ihrem Wesen nach mimetisch-ritueller Reproduktion der überlieferten und so bereits gegebenen Ordnung. Ihnen fehlt die Kategorie des freien, letztlich bürgerlichen Subjektes, das sich wesentlich aus seiner Option auf Entscheidung und folglich aus der des von ihm selbst zu verantwortenden Handelns konstituiert. An seiner Stelle wohnen die ewigen Götter, das Handeln findet seine Orientierung und seine Legitimation in deren "ewigen Gesetzen". Grundverschieden regeln kratische Gesellschaften ihre Angelegenheiten nicht nach einem Modus der Reproduktion von überliefertem Gewesenen, sondern nach einem der Produktion von antizipiertem Möglichen. Die Option auf eine Wahl der Zwecke konstituiert das Subjekt als Instanz von Entscheidungen auf der Grundlage authentischen Willens und als persönlich haftbaren Träger von selbstverantwortetem Handeln.
Eine Gesellschaft, die, um gewissen Entwicklungen Rechnung zu tragen, ausgelöst etwa durch innere Krisen, den Umbruch von einer nomistischen zu einer kratischen Ordnung vollzieht, wird in der Phase des Übergangs einer Antinomie der handlungsorientierenden Instanzen ausgesetzt sein. Das Nebeneinander von Gott und Subjekt, von Tradition und Möglichkeit, von Sitte und Gesetz bildet einen Widerspruch aus, dessen kosmologische Erscheinung nicht über seine Existentialität hinwegtäuschen sollte. Eine solche Übergangsphase ist geistesgeschichtlich eine Phase der kosmologischen Krise wie der kosmologischen Produktivität.
Die griechischen Versuche zur Beilegung der kosmologischen Krise brachten so unterschiedliche Disziplinen hervor wie Philosophie, Geschichtsschreibung, Pädagogik und eben die klassische griechische Kunst. Insbesondere die Tragödie versteht Meier als ein Unternehmen der Selbstverständigung, als eine Arbeit der attischen Bürger an ihrer Kosmologie, oder, wie Meier es nennt, an ihrer "mentalen Infrastruktur" 6 .
Aus dieser recht abstrakten Sicht auf die kulturelle Umtriebigkeit der Griechen der vorklassischen und klassischen Zeit ergeben sich Vorentscheidungen für die Betrachtung und Deutung der Antigone , die, wenn sie richtig sind, sich in der Deutung selber bestätigt finden müssen. Eine solche Vorentscheidung etwa ist es, Problemstellung und Sinn der Tragödie nicht im Urteil über die physiologische, charakterliche, intellektuelle, soziale oder moralische Beschaffenheit einzelner ihrer Figuren zu suchen, sondern deren Wesen nach den ihnen möglicherweise zugrundeliegenden Kosmo-Logiken zu untersuchen.
Es könnte sein, dass alles, was den Figuren Antigone und Kreon in der Tragödie, besonders aber in ihrer Rezeption, an charakterlichen Eigenschaften zugeschrieben wird, sich zurückführen lässt auf dramatische Erscheinungsformen der gesellschaftlichen Ordnungssysteme, die sie figurieren. Es könnte sein, dass alles, was Antigone sagt und tut der inneren Gesetzmäßigkeit einer bestimmten nomistischen Ordnung folgt, ebenso wie Kreons Handeln und Reden nicht seinem Charakter oder dessen Fehlern geschuldet sind, sondern präzise der Logik und Gesetzmäßigkeit staatlich-politischer Ordnung folgen.
Wenn aber die antagonistischen Figuren möglicherweise konstruiert sind aus den Gesetzmäßigkeiten der gesellschaftlichen Ordnungen, für deren Gültigkeit sie streiten, so würde die Tragödie einem gesellschaftstheoretischen Experiment gleichen, in dem die Antinomie der Ordnungsmodi die Versuchsanordnung darstellt. Diese Versuchsanordnung genau darzustellen ist das Ziel der vorliegenden Arbeit. Sie unterlässt es, den weiteren Verlauf und das Ergebnis des Experimentes darzustellen.
Mit Aristoteles gegen Charakterstudien als Deutungsgrundlage: Gesetzgeben unter experimentellen Bedingungen als Thema der Antigone
Was wird nun in der Antigone den experimentellen Bedingungen tragischer Dramaturgie ausgesetzt? Was setzt Sophokles dem streitbaren Interesse der antagonistischen Ordnungssysteme aus? Um was dreht sich der Konflikt der Antigone ? In seinen Antigonen schreibt George Steiner , was den besonderen Reiz der Antigone ausmache und wesentlich zur Vielfältigkeit der Wege ihrer Rezeption beigetragen habe, sei folgender Umstand: "Nur einem einzigen literarischen Text war es, glaube ich, gegeben, alle Hauptkonstanten des Konflikts in der menschlichen Existenz auszudrücken. Diese Konstanten sind fünffach..." ( Steiner , S. 287). Und der Agon zwischen Antigone und Kreon sei es, in dem sie in kompaktester Form entfaltet würden:
"Die Verse 441-581 der Antigone des Sophokles sind der Ort, an dem jede der fünf grundlegenden Kategorien menschlicher Definition und Selbstdefinition durch Kon flikt verwirklicht ist, und alle fünf in einem einzigen Konfrontationsakt zum Tragen kommen. Kein anderer Moment, den ich kenne, sei es in sakraler oder säkularer Vorstellung, erreicht diese Totalität. Kreon und Antigone prallen als Mann und Frau zusammen. Kreon ist ein reifer, ja ein alternder Mann; Antigone hat die Jungfräulichkeit der Jugend. In ihrer tödlichen Auseinandersetzung geht es um die Natur der Koexistenz zwischen privater Vorstellung und öffentlichem Erfordernis, zwischen Ich und Gemeinschaft. Die Imperative des Immanenten, der Lebenden in der polis , bedrängen Kreon; in Antigone begegnen diese Imperative den nicht weniger fordernden nächtlichen Scharen der Toten." (ebd., S. 289)
Die Formulierung, dass die fünf grundlegenden, konflikthaften Kategorien im Agon, im "Konfrontationsakt zum Tragen kommen", ist vorsichtig gewählt. Geschlecht und Alter der Protagonisten etwa sind nicht Gegenstand der Konfrontation, tragen sie indes, indem sie die Konfrontation und die Form ihrer Durchführung möglich, plausibel machen. Geschlecht und Alter gehören in die Kategorie, die Aristoteles in seiner Poetik (1450a, 15-25) ethos nennt, eine substantielle Version dessen, was mit Charakter 7 übersetzt wird. Die Tragödie ahme aber in erster Linie nicht Menschen, deren Charaktere und Beschaffenheit nach, sondern praxis und bios , Handlung und Leben (ebd.): "Folglich handeln die Personen nicht, um die Charaktere nachzuahmen, sondern um der Handlungen willen beziehen sie Charaktere ein. Daher sind die Geschehnisse und der Mythos (die Fabel, J.W.) das Ziel der Tragödie; das Ziel aber ist das Wichtigste von allem."
Diese Maxime auf die Antigone anzuwenden erscheint mir sehr fruchtbar, da sie zunächst den Zugang zu Irrwegen versperrt, die allzutief in scheinbare seelische Dispositionen der Heldin 8 oder ihres Gegenspielers 9 verführen. Dass es sich tatsächlich um Irrwege, mindestens aber um irreführende Akzentuierungen handelt, in die die neuzeitlich Rezeption sich so vielfach verstrickt, erweist sich genau, wenn man die Praxis oder das pragma näher untersucht, die sich übrigens auch mit 'Angelegenheit', 'Gegenstand', 'Staatsgeschäfte', und 'Politik' übersetzen lassen, und die nach Aristoteles "das Wichtigste von allem" sind. Ist nämlich der Gegenstand der Antigone gefunden, so lassen sich einige Handlungsweisen 10 der Protagonisten, die neuzeitliches Denken kaum anders als etwa psycho-logisch lesen kann, auf andere Logiken zurückführen, die Sophokles vielleicht eher im Auge gehabt haben mag.
Der Gegenstand, der den Konflikt zwischen Antigone und Kreon herbeiführt, möchte man meinen, ist ein Leichnam, der des Polyneikes, der unbegraben irgendwo vor der Stadt liegt. Antigone möchte ihn begraben, Kreon unbegraben wissen. Genauer wäre also die Unbegrabenheit des Leichnams Objekt des Streites zwischen den beiden. Ihr Agon müsste dann, etwas verkürzt, lauten, der Tote müsse, bzw. dürfe nicht begraben werden. Dies sind zwar tatsächlich konkret die Anliegen der Antagonisten, doch worum sie streiten ist nicht die Leiche, nicht ihr Zustand, die Unbegrabenheit, sondern es ist selber eine Praxis .
Objekt der Auseinandersetzung ist eine politische Praxis, das Begräbnisverbot Kreons, das erlassene Gesetz. Antigones Praxis ist, seine Gültigkeit für sich zu verneinen, Kreons Praxis hingegen, Gesetze zu geben und ihnen Gehorsam einzufordern. Die Antigone ist ein dramatischer Diskurs über das Phänomen des Gesetzgebens und seiner Konsequenzen, durchgeführt an einem Begräbnisverbot. Darin steht sie nicht allein. Ein anderes Begräbnisverbot bildet das thematische Zentrum des zweiten Teils des Aias , einer früheren Tragödie des Sophokles, und auch Oidipus wird im Oidipus auf Kolonos , der letzten Tragödie des Sophokles, umgetrieben von dem Problem, auf welchem staatlichen Territorium er sein Gebein wohl lassen könne.
Der politische Umgang mit dem Begräbnis, einem uralten Ritual, das seinen originären Ort in vorpolitischen, in nomistischen Gesellschaften hatte 11 , schien eine besondere Eignung zur tragischen Behandlung mit sich zu bringen. Die politisch motivierte Verweigerung des Rituals bringt zwei Normensysteme zur Kollision, und sie verwickelt dabei notwendigerweise bestimmte Personen, die Anverwandten des Toten, die zugleich der staatlich verfassten Gesellschaft angehören, in diese Kollision. Anhand der Begräbnisverweigerung lassen sich auf intimster personaler Ebene Fragestellungen sehr allgemeiner, gesellschaftlicher Art dramatisieren.
"Denn die Alten (Tragödiendichter des 5. Jhdts. v. Chr., J.W.) ließen die Figuren politisch reden", lehrt Aristoteles (Poetik 1450 b 7). Politik, die kratische Form Gesellschaft ordnender Praktik und das Ritual, die nomistische Form Gesellschaft ordnender Praktik, Politik und Ritual, zwei gegensätzliche Ordnungsmodi, treten gegeneinander an. Die Antigone fragt, was passiert, wenn ein Subjekt eine Entscheidung trifft, beziehungsweise wenn einer im Amt eines Staates politisch handelt, indem er ein Gesetz erlässt. Ihre ersten achtunddreißig Verse protokollieren die Versuchsanordnung.
Zur Beschränkung auf die Exposition
Die Deutung der Exposition ist in gewisser Hinsicht unbefriedigend, solange sie die Exposition einer Deutung der gesamten Tragödie bleibt, die nicht erfolgt. Um die Exposition zu deuten, ist die gesamte Theorie nötig, die auch zur Deutung der gesamten Tragödie nötig ist. Sie kommt aber nicht zur vollen Anwendung. Die beiden in der Exposition vorgestellten Ordnungsmodi, insbesondere der staatlich-politische, werden im weiteren Gang der Handlung ausführlich entfaltet.
Das tragische Funktionieren der staatlich-politischen Ordnungsweise gelangt erst mit dem Auftreten Kreons zu differenzierter Anschauung. Mit dem Auftreten weiterer Figuren, etwa des Wächters oder Haimons werden andere Umgangsweisen mit dem Druck, entscheiden und handeln zu müssen, vorgestellt. Die innere Gesetzmäßigkeit, Logik und Notwendigkeit kratischen Handelns können im Rahmen der Exposition nicht zuletzt aufgrund ihrer dramatischen Komposition nur andeutungsweise erscheinen. Insbesondere der Erste Auftritt der Antigone , in dem Kreon sein Regierungsprogramm verkündet und damit sein Gesetz legitimiert, ist der Ort, an dem Staatstheorie anzusetzen hat, um in seiner Rede unter dem Tonfall tyrannischer Willkür und des anmaßenden Potentatentums, wie ihn modernes Hören wahrnimmt, die Spuren der realen und noch heute einsehbaren Logik des Staates freizulegen.
Ebenso enthalten Antigones Reden im Zweiten und Vierten Auftritt vielerlei Passi, deren zum Teil scheinbar inkohärenten Bedeutungen die Hinzuziehung ethnologischer und sozialgeschichtlicher Theorie zur Erhellung von Kohärenz und Logik der Figur und ihrer Reden, zur Erhellung der ihr zugrundeliegenden Ordnung erst endgültig als notwendig erweisen. Es wird daher in der Deutung der Exposition auf späteren Text und die zu seinem Verständnis nötige Theorie vorgegriffen oder verwiesen. Die Beschränkung auf eine eingehende Untersuchung der Exposition bleibt dennoch sinnvoll, insofern sie, wenngleich sie keine geschlossene Deutung der Tragödie liefern kann, geeignet ist, einen Deutungsansatz zu begründen und vorzuführen, der es, wollte man ihn auf die gesamte Tragödie anwenden, erlaubt, eine Vielzahl von Deutungen beider Figuren, Antigones und Kreons, zu widerlegen, und statt ihrer eine Deutung vorzuschlagen, die nachteilhafterweise sich durch keinerlei praktische Nützlichkeit im Sinne von Lehren für's Leben - und sei es für's gesellschaftliche - auszeichnet.
Zur Literatur
Der zentrale Gedanke dieser Arbeit, dass die Griechen der klassischen Zeit in ihrer tragischen Dichtung an kosmologischen Fragestellungen arbeiteten, die sich ihnen als existentiell aufdrängten, da ihre Gesellschaft innerhalb allerkürzester Zeit den Weg vom Nomismus zum Kratismus gegangen war, dieser Gedanke ist der Christian Meiers. Einigen seiner Bücher, insbesondere der Entstehung des Politischen bei den Griechen (1980), ist die Sensibilität für die geistesgeschichtlichen Dimensionen dieses Umbruches und seiner Bewältigung geschuldet. Als Historiker beschäftigt sich Meier jedoch im wesentlichen mit dem, was auch "die geschichtliche Zeit" in der Geschichte der griechischen Gesellschaften genannt wird. Diese Zeit umfasst das Ende des Nomismus 12 , vor allem aber die Entstehung des Kratismus und seine Blüte.
Bezüglich der "vorgeschichtlichen Zeit" der griechischen Gesellschaften, in der sie nomistisch funktionierten, trifft die historische Disziplin jedoch häufig nur Aussagen darüber, was man nicht sicher weiß 13 . Meier benutzt die Kategorie des Nomismus im wesentlichen, um Bedeutung und Ausmaß der geistigen Ümbrüche jener Zeit zu verdeutlichen, als abgeleiteten Gegenbegriff also zum Kratismus, dem sein eigentliches Forschungsinteresse gilt. Es überrascht von daher nicht, dass Meier in seiner eigenen Deutung der Antigone zwar die sophokleische Problematisierung des Kratismus deutlich hervorhebt, den von Antigone figurierten Nomismus aber weitgehend übersieht, und ihm nicht die gebührende Bedeutung für die Konstruktion der Tragödie beizumessen weiß 14 . Der Nomismus, seinem Wesen nach selber geschichtslos, entzieht sich quellenlos dem Zugriff des Historikers. Die Lücke, die sich hier den sich auf positives Wissen beschränkenden Erkenntnisformen auftut, steht in engem Zusammenhang mit Vagheit einerseits und Extremheit andererseits in den Deutungen der Antigone-Figur. Es gibt jedoch Möglichkeiten theoretischer Art, im Inneren der Lücke Zusammenhänge auszumachen.
Im Zuge der Aufklärung, mit der die Griechen ihren Übergang zum Kratismus geistig konsolidierten, entwickelten sie selber Geschichtsbewußtsein. Während noch Herodot die unterschiedlichsten ethnographischen Daten zu einem erbaulichen Kuriositäten-Spektakulum zusammensammelte, erlaubt sich Thukydides den Gedanken, dass die Griechen selber eine Konstellation der Geschichte darstellen, deren Genese ihren Ausgang von Gesellschaften nahm, über die sich Aussagen möglicherweise im Analogieverfahren machen lassen. Thukydides schlägt vor, zeitgenössische "barbarische" Gesellschaften als Modell der frühen griechischen anzusehen 15 . Dieser Vorschlag einer vergleichenden Methode wird von moderner Sozialgeschichtsforschung mit den Befunden der Ethnologie praktiziert. So umstritten die Methode sein mag, so liefert sie immerhin für die vorgeschichtliche Zeit der Griechen das Bild einer Stammesgesellschaft, in der Antigones Handeln und Reden eine Selbstverständlichkeit gewesen wären. 16
Bezeichnenderweise scheint Sophokles jene Worte der Anitgone, die der Rezeption das schlimmste Kopfzerbrechen bereitet haben, den sogenannten "Kalkulus" (905-12), seinerseits einer ethnographischen Anekdote Herodots entlehnt zu haben 17 . Möglicherweise dachte er ähnlich wie Thukydides und andere, und schlug daraus für eines seiner Figurenkonzepte Kapital. Allein diese Möglichkeit legitimiert den Versuch, zum Verständnis der Antigonefigur die theoretische Literatur jener umstrittenen Fraktion moderner Sozialgeschichtsforschung heranzuziehen. Den Ausführungen über den (gentilen) Nomismus und den Wandel der Ordnungsmodi liegen insbesondere die Schriften George Thomson s zugrunde, desweiteren Die Entstehung der Familie, des Privateigentums und des Staates von Friedrich Engels , eine ins Englische übersetzte Ausgabe der La Cité Antique von Fustel De Coulanges sowie die Untersuchung über Frühformen des Rechts in vorstaatlichen Gesellschaften von Uwe Wesel .
Den Sinn für Kratismus als einem Problem schärft wiederum Christian Meier. Insbesondere weist er deutlich auf das diesbezügliche Problembewußtsein der Griechen selbst hin. Während sein Augenmerk diesem Problembewußtsein und den Bewältigungsstrategien gilt, da sie einen sehr außergewöhnlichen Aspekt griechischer Kulturleistung darstellen, ist Kratismus selber als Problem eher ein Thema der Geschichts- und Kulturphilosophie, liegt damit wiederum am Rande seiner Disziplin. Für eine Deutung einer Tragödie, in deren thematischen Zentrum der Kratismus als Problem steht, ist es hilfreich, ein eigenes, modernes Problembewußtsein diesbezüglich zu aktivieren. Dem modernen Lesen bietet sich hierzu die Rationalismuskritik der Kritischen Theorie an. Das dieser Arbeit zugrundeliegende Problembewußtsein diesbezüglich schärften die "Philosophischen Fragmente" der Dialektik der Aufklärung der Autoren Horkheimer und Adorno , die Kritik der instrumentellen Vernunft Horkheimer s sowie die Negative Dialktik Adorno s.
Den staatstheoretischen Überlegungen, die im Rahmen der Exposition indes wenig zum Tragen kommen, liegen die Allgemeine Staatslehre von Reinhold Zippelius sowie die Studien zur Rechtsphilosophie, Staatstheorie und Verfassungsgeschichte von Ernst-Wolfgang Böckenförde zugrunde. Der vorsichtige Rechtspositivismus dieser Darstellungen, wo er theoretisch bleibt, verhilft zu einiger Nüchternheit bei der Erfassung derjenigen Ordnung, innerhalb derer Kreon zwangsläufig so handelt, wie er handelt. Die Möglichkeit, Recht und Herrschaft modernen Geistes überhaupt (dis-)positiv denken zu können, öffnete die Studie Überwachen und Strafen von Michel Foucault , ein ihriges taten die Dispositive der Macht 18 des gleichen Autors. Hegel, der geistige Vater der neuzeitlichen Apologie Kreons, konnte aufgrund semantischer Schwierigkeiten im Rahmen dieser Arbeit nicht rezipiert werden. Zur Kenntnis genommen wurde indes die Studie Zur Dramentheorie Hegels von Michael Schulte , sowie die Darstellung der Antigonerezeption Hegels bei Steiner 19 . Die besagten semantischen Schwierigkeiten sind umso bedauerlicher, als sich der vorliegende Deutungsansatz und der Hegels 20 in vielem offensichtlich entsprechen.
Sie unterscheiden sich, soweit das aus der Distanz zu beurteilen ist, zunächst in der hier nicht getroffenen Bewertung des Sittlichkeitsgrades der Schwesterlichkeit Antigones 21 . In dieser Arbeit wird es um Sitten gehen, nicht um Sittlichkeit. Der zweite, vielleicht wesentlichere Unterschied, besteht darin, dass in der Hegel'schen Konzeption die zwei "sittlichen Mächte", für die Kreon und Antigone stehen, gemeinsam in ihrem Gegeneinander ein Drittes konstituieren, eine "ewige Gerechtigkeit" 22 . Dieser Konzeption liegt der Begriff der bürgerlichen Familie zugrunde, die ungleich der Gens Antigones von vornherein ein "Element des" - bei Hegel wiederum von vornherein staatlich verfassten - "Gemeinwesens" ist 23 . Im Rahmen dieser Arbeit wird etwas über zwei unvereinbare Rechtsordnungen zu lesen sein, die sich gegenseitig ad absurdum führen. Vielleicht ist aber auch dieser Unterschied nur einer der Bennennung und Bewertung? Das lässt sich aufgrund der genannten semantischen Schwierigkeiten meinerseits nicht beurteilen.
Kräftige Unterstützung erhält diese Arbeit von der anthroplogisch orientierten Untersuchung Women in Greek Tragedy von der Norwegerin S. Des Bouvrie . Des Bouvrie kennt wesentliche Daten und Zusammenhänge des gentilen Verwandtschaftssystems, und kann von daher beobachten, wie in der griechischen Tragödie allgemein und in der Antigone speziell mit Phänomenen dieser Gesellschafts- und Rechtsordnung dramatisch operiert wird. Entsprechend gelangt sie rundheraus und schematisch zu einer Ablehnung derjenigen Literatur zur Antigone , die sich dieser Kenntnisse nicht meint versichern zu müssen, da es offensichtlich von den entsprechenden AutorInnen als für eine Deutung für ausreichend empfunden wird, neben literatur- und sprachwissenschaftlichen Kenntnissen über intimere Informationen bezüglich des Wesens der Liebe oder ähnlichem zu verfügen. Und das ist beinahe die gesamte Literatur zur Antigone . Eine Ausnahme macht Winington-Ingram, der ebenfalls mit gewissen Doktrinen seines Faches bewundernswert geduldig ins Gericht geht.
Einer der Schlüsselbegriffe dieser Arbeit, der Begriff der "Kosmologien" wird verwendet in Anlehnung an die Untersuchung Tragic Ambiguity. Anthropology, Philosophy and Sophocles' Antigone von Oudemans und Lardinois. Die Autoren skizzieren zwei Kosmologie-Typen, die sie einerseits als "separative" 24 , andererseits als "interconnected cosmologies" 25 bezeichnen. Während Sophokles' Antigone eine "interconnected cosmology" zugrundeliege 26 , würde sie in ihrer neuzeitlichen Rezeption regelmäßig gelesen auf der Grundlage von "separative cosmologies" 27 . In ihrer Analyse der Antigone führen die Autoren die gängigen Schwierigkeiten und entsprechenden Manöver und Irrtümer der neuzeitlichen Rezeption zurück auf die Unvereinbarkeit der Kosmologietypen. Das neuzeitliche Miß-, bzw. Unverstehen ist so kosmologisch vorprogrammiert.
Dabei habe die neuzeitliche, trennende Kosmologie mit Hegels Dialektik eine neue Dimension erorbert, die von den Autoren als "harmonizing separative cosmology" bezeichnet wird. Sie ist das äußerste, was der Kosmologie Sophokles' von rationaler Philosophie, also von "separative cosmologies", an Verständnis entgegenzubringen sei. Einzig Ambiguität als solche zu erfassen, gelinge der "harmonization" nicht. 28
So sehr diese Arbeit sich der Analyse anschließt, dass kosmologische Orthodoxie der neuzeitlichen Rezeption ein Verständnis der Antigone in vielerlei Hinsicht verbaut, dass die eigene Kosmologie ein hermeneutisches Dilemma darstellt, so sehr widerspricht sie der anthropologischen Deutung von Oudemans und Lardinois in einem wesentlichen Punkt, in dem sie sich wiederum Meier, dem Historiker, anschließt. Sophokles schrieb nicht über irgendetwas, während er selber die selbstverständlichen Gewißheiten einer intakten Kosmologie genoß - und sei sie eine oberflächlich wenig idyllische (Ambiguität). Er selber war infiziert von der kosmologischen Krise seiner Zeit. Zwei Kosmologien, die nicht nebeneinander sein können, unter anderem, weil sie je eigene Rechtsordnungen, aber auch - wenn man so will - zwei unterschiedliche anthropologische Typen hervorbringen, die sich widersprechen, zwei solche Kosmologien sind das Problem seiner Tragödie.
Dass sich dieses Problem, da die eine der beiden Kosmologien auch die der neuzeitlichen Rezeption ist (Kreons erste und dem Stück zentrale Amtshandlung ist "separativ"), in diese hinein verlängert, das ist auch Thema dieser Arbeit. Um die Kosmologien begrifflich zu trennen, wird hier unter Betonung der Relevanz für die jeweiligen gesellschaftlichen Ordnungen von nomistischer und kratischer Kosmologie gesprochen werden. In entsprechendem Sinne wird für "nomistisch" auch das Attribut "gentil" gebraucht, für "kratisch" auch "rationalistisch" sowie "bürgerlich" 29 .
Der altphilologische Antigone -Diskurs rekurriert in hohem Grade auf sich selbst. Gewisse Stereotypen der Deutung kehren in vielfältiger Variation regelmäßig wieder. Ein interdisziplinärer Zugriff auf Befunde anderweitiger Forschung scheint nur ausnahmsweise unternommen zu werden und kaum den Weg zu einer Revision der durch vielerlei Autoritäten des Faches gesicherten Annahmen zu finden. Die Gewohnheiten der Exegese verhindern möglicherweise den Mut zur Theorie. Aus dem umfangreichen Kanon altphilologischer Antigone -Literatur wurden prominente Schriften zur Kenntnis genommen. Es gibt nicht einen Gedanken in dieser Arbeit, der nicht anderweitig schon formuliert worden wäre. Ihre Berechtigung liegt in dem Versuch, eine bestimmte Akzentuierung der Deutung als die Richtige vorzuschlagen. Dass etwa Antigone es mit der Verwandtschaft hat, wird naturgemäß in keiner Untersuchung übersehen. Dass aber Verwandtschaft als ein spezifisches gesellschaftliches Ordnungsprinzip der Schlüssel zu ihrer Figur ist, was bedeutet, dass es keinen anderen passenden gibt, in dieser Akzentuierung muss sich diese Arbeit auf den Kanon altphilologischer Literatur im wesentlichen polemisch beziehen.
Von dieser Insistenz abgesehen dankt die vorliegende Arbeit ihre Sensibilität für den geistigen Reichtum der Antigone im wesentlichen der Deutung durch George Steiner im dritten Teil seines Buches Die Antigonen .
Die Arbeit verzichtet darauf, im einzelnen nachzuweisen, bei welcher ungeheuren Anzahl von Autoren Deutungen auf der Unterstellung psychomotorischer und anderer Disponiertheiten der beiden Hauptfiguren aufbauen. Da sich diese Deutungen auf ein gewisses Spektrum zugeschriebener Charakter- und sonstiger Eigenschaften zurückführen lassen, werden diese pauschal als Deutungsstereotypen bezeichnet, auch wo sie in ausgesprochen elaborierten und diffizilen Psycho-Logiken aufzugehen scheinen. Der interdisziplinäre Ansatz dieser Arbeit würde einer eingehenderen Auseinandersetzung mit jener Literatur den Umfang einer eigenständigen Arbeit verleihen. 30
Als besonders nützlich bei der Textarbeit erwies sich der Kommentar O'Brien s, da er sich unter anderem an des Altgriechischen nicht mächtige Laien wendet, und diese etwa mit Hinweisen auf die Grammatik versorgt, auch wo sie der Altphilologie unproblematisch ist. Anregungen, und sei es über die intuitive Ablehnung einzelner Deutungen, die zu Begründung herausforderte, und somit zur Vergewisserung beitrug, erhielt die Arbeit indes von allen in der Literaturliste aufgeführten Schriften.
Der Arbeit liegt, wenn nicht anders angegeben, der Text der Antigone in der Ausgabe A. C. Pearsons, herausgegeben und übersetzt von Norbert Zink, zugrunde. Wenn ohne weitere Angaben der Text in deutscher Übersetzung zitiert wird, so handelt es sich um die Übersetzung Zinks. Vokabeln des Griechischen werden kursiv in lateinischer Schrift und ohne Akzente wiedergegeben, auch wo zitierte Literatur die griechische Schrift und Akzentsetzung wählt. Die Literaturangaben beschränken sich auf die Namen der zitierten AutorInnen, soweit im Rahmen der Arbeit nur aus einem ihrer Werke zitiert wird. Andernfalls ist den Namen der VerfasserInnen das Erscheinungsjahr des zitierten Buches angefügt. Am Ende der Arbeit befindet sich ein Verzeichnis der so abgekürzt verwendeten Literatur.
Anmerkungen:
1 Vgl. hierzu: IV.C.3.4.2.
2 "Wir finden uns hier vor einem eigenartigen historischen Prozess. In ihm trafen sich eine aus Not und Unzufriedenheit resultierende, auf Verbesserung ihrer Verhältnisse drängende gesellschaftliche Kraft und eine Strömung frühen politischen Denkens. Einsicht und Anspruch, Zielsetzungen einer kleinen Elite und die Macht breiter Schichten wuchsen aneinander. Das Denken lebte und schritt fort im Austausch mit der Wirklichkeit, aus breiter Resonanz." ( Meier 1980, S. 488)
3 Vgl.: ebd.
4 Vgl.: Meier 1980.
5 S.hierzu u.: IV.B.1.-3.
6 Vgl.: Meier (1988), S. 9ff.
7 Neben Charakter, Sinnesart, Denkweise schwingen in ethos auch Wohnort, Weideplatz und Stall mit. Vgl.: Langenscheidts Wörterbuch.
8 etwa in ihre "Todesverfallenheit"; vgl. zu dieser Deutungsstereotype: IV.C.1.
9 etwa in den "Tiefstand von Kreons Anmaßung und geistiger Verderbtheit" ( Ehrenberg , S. 91).
10 Handlungsweise ist ebenso mögliche Bedeutung von praxis . Vgl.: Langenscheidts Wörterbuch .
11 S.u.: IV.C.1.
12 Der historische Rahmen derjenigen Epoche, die in dieser Arbeit unter Nomismus gefasst wird, ist nicht identisch mit demjenigen, den Meier der nomistischen Epoche setzt; er ist - sicher im Sinne Meiers - von Meier abgeleitet; s.u.: II.B.2.;3.
13 Vgl. etwa: M. Finley, "Die ägäische Welt" in: Fischer Weltgeschichte Bd. 3, Die Altorientalischen Reiche II. Das Ende des zweiten Jahrtausends, hrsg. v. Elena Cassin u.a., Frankfurt a. M. 1966, insbes.: S. 296f.
14 Meier (1988, S. 219) sieht Antigones "sehr besondere(n) Motive(n)" in ihrer "so ganz rätselhaften, im Grunde anstößigen Bruderliebe", im "tiefen Unglück" und daraus resultierend "einer Art von Todesverfallenheit", schließlich "in ihrem kompromißlosen, harten Wesen".
15 S.u.: IV.C.2.
16 Vgl. zur komparativen Methode, zur Debatte ihrer Legitimität sowie ein Plädoyer für diese: Wesel , S. 34-48; Thomson (1956), S. 5.
17 S.u.: IV.C.2.
18 Foucault, Michel, Dispositive der Macht. Michel Foucault über Sexualität, Wissen und Wahrheit, Berlin 1978.
19 Steiner , S. 34-60.
20 "Hegel" im folgenden: Hegel aus zweiter Hand.
21 Hegel unterstellt der Schwester-Bruder-Beziehung eine sittliche Qualität allerhöchsten Grades, insofern sie die einzige Mann-Frau-Beziehung ist, in der Liebe ohne verunreinigende Zusätze von Zwecken der Reproduktion möglich ist. Insofern sei Schwesterlichkeit die höchstmögliche Verwirklichungsform der "sittlichen Substanz" einer Frau (vgl.: Steiner , S. 49f.; Schulte , S. 104-12, 139-49). Für diese Klassifikation von "Sittlichkeit" sprechen m. E. keine Anhaltspunkte im Drama selbst. Die Sitte, der Brauch, um den es in der Antigone wesentlich geht, die des Begräbnisses, kennt, und das ist, wie sich zeigen wird, für Sitten allgemein der Fall, ursprünglich keine differenzierende "Sittlichkeits"-Klassifizierung, sondern nur den Unterschied zwischen korrekter Anwendung und nicht. Insofern ist Hegels Sittlichkeitsgebäude ein der Tragödie aus neuzeitlicher Perspektive aufprojiziertes. Es stellt sich dieser Arbeit dar als eines jener Gebilde (vgl. u. zu "Gerechtigkeit", "Naturrecht", "Humanität"), mit der die Moderne die Legitimationsdefizite ihrer Rechtsordnung oder ihrer Kritik derselben zu kompensieren versucht.
22 Die Begriffe aus Hegels Vorlesungen über die Philosophie der Religionen (Teil II.3.a) zit. nach Steiner , S. 54.; vgl. zum "harmonizing point of view" dieser Sicht auf die Antigone bei Hegel: Oudemans , S. 110-7.
23 Vgl.: Schulte , S. 101ff.
24 Vgl.: Oudemans , S. 29ff.
25 Vgl.: ebd., S. 48ff.
26 Vgl.: ebd., S. 201ff.
27 Vgl.: ebd., S. 107-17.
28 Vgl.: ebd., S. 110-7.
29 "bürgerlich": nicht als Wertbegriff, sondern als Verweis auf die zugrundeliegende Urbanität.
30 Eine kritische Zusammenstellung dieser Deutungsansätze bei: Des Bouvrie , S. 167-71. Unter dem wohl prominentesten Stichwort: "Antigone's action is frequently understood as motivated by love and affection, thus an expression of 'women's nature'" zählt Des Bouvrie "as a sample of interpretations" einhundertdreiundzwanzig (123) AutorInnen auf, z.T. mit mehreren Veröffentlichungen. So schematisch die Vorgehensweise ist, so evident ist, dass diese einhundertdreiundzwanzig AutorInnen zutiefst widersprechen würden, wenn man behauptete, Antigones philia stünde kein anderes Organ der Protagonistin zur Verfügung, als deren Hände; obgleich es genau dies ist, was Antigone (543; 546f.) indirekt zu verstehen gibt. Zur philia Antigones s.u.: IV.A.5.;6., sowie IV.C.1;2. und IV.F.5.3.

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