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Antigone-Grabung: Horizont

Gesellschaftsgeschichtlicher Horizont

Retrospektiver Überblick31

 

v. Chr.

 
431 Beginn des Peloponnesischen Krieges
442 (?) Aufführung der Antigone
443 Ostrakismus gegen den Adelsführer Thukydides (nicht der Historiker) / Durchsetzung der Baupolitik des Perikles (gegen den Adel und die Maximen der traditionellen Kosmologie)
um 450 Aufführung des Aias: Katastrophe des traditionell-aristokratischen Krieger-Ideals und moralischer Sieg der bürgerlichen Sophrosyne figuriert durch Odysseus
451/0 Perikles' Bürgerrechtsgesetz:  politische Manipulation am verwandtschaftlich organisierten Kodex der Staatszugehörigkeit
458 Aufführung der Orestie Lob der Überwindung der nomistischen Krise durch die Institutionalisierung des kratischen Politischen; indirekte Kritik an der Entmachtung des Areopags und Warnung vor einem unfrommen bzw. totalen Kratismus
462/1 Entmachtung des Areopags:   Beseitigung des letzten institutionalisierten Reliktes der Adelsherrschaft; zugleich auch Beseitigung der von Solon eingerichteten Funktion eines von Politik unabhängigen Verfassungsgerichtes
480 Schlacht bei Salamis:  Paradigmatischer Sieg des attischen Rationalismus über die gigantische mechanische Überlegenheit der Perser
507 Beginn der kleisthenischen ("Phylen"-) Reformen:   staatlich-politische Besetzung überlebter gentiler Institutionen
594/3 Solons Archontat:   staatlich-politische Verfassungsgebung im Auftrag einer vom gentilen Nomismus in die Krise getriebenen Gesellschaft (Schuldknechtschaft); schriftliche Aufzeichnung des geltenden Rechts; Beginn kratischer Staatlichkeit
um 750 Homerische Epen (Abfassung); Wiederkehr der Schrift; Beginn der "geschichtlichen" Zeit; Beginn der Kolonisation
1200-800 "Dunkles" Zeitalter
1250-1150 Untergang der mykenischen Gesellschaften; Einwanderungsbewegung aus dem Norden
1213 traditionelles Datum des mythischen Zuges der Sieben gegen Theben unter der Führung des Polyneikes
1850-1600 Einwanderung "indogermanischer" Stämme ("Protogriechen"), Entstehung der mykenischen Gesellschaften; Kephalität (Königtum als kratisches Element an der Spitze nomistischer Gesellschaften)
5000-3000 Neolithische Revolution (Jungsteinzeit, Entwicklung von Ackerbau und Viehzucht), Entstehung des gentilen Nomismus; in der Frühphase: Akephalität (Abwesenheit von institutionalisierter Macht)
vor 5000 Jagende und sammelnde Gesellschaften; (totemistische Kosmologie; Entstehung von Verwandtschaft; Übergang von der Horden- zur Stammesgesellschaft)

 

 

Zusammenhänge und Umbrüche der griechischen Geschichte: Transformation von einer Stammesgesellschaft zur staatlich verfassten Polisgesellschaft

 

Die drei gesellschaftlichen Grundformen

 

Vor der neolithischen Revolution, die, anders als ihr Name suggeriert, nicht ein impulsiver Umbruch aufgrund der "Entdeckung" neuer Techniken der Nahrungsmittelgewinnung, sondern eine über viele Generationen sich erstreckende Transformation der Gesellschaften darstellte, vor dieser neolithischen Revolution gab es eine Zeit, in der die Menschen offensichtlich weder Verwandtschaft noch Politik kannten noch brauchten. Die dieser Arbeit zugrundeliegende allgemeine Theorie gesellschaftsgeschichter Entwicklungszusammenhänge macht plausibel, dass die Entwicklung menschlicher Gesellschaften bisher drei Grundformen ausgebildet hat. 32 Den drei Grundformen eignen je verschiedene und auf die vorherrschende Produktionsweise der Gesellschaften abgestimmte Ordnungsmodi.

Staatlich verfasste Gesellschaften ordnen ihre Angelegenheiten insbesondere über Gesetzgebung. Das Beschließen der Gesetze als Ergebnis politischer Prozesse verweist auf Politik als den Ordnungsmodus dieser Gesellschaften. Diese dritte gesellschaftliche Grundform ist in ihrer Entstehung gebunden an einen gewissen Grad von Urbanität. Städte als Zentrum des ökonomischen Verkehrs entstehen in einem gesellschaftlichen Umfeld, das Güter über die Subsistenz hinaus, also Waren für einen Markt produziert. 33 Staatlich verfasste Gesellschaften, deren Ordnung politisch funktioniert, bewirtschaften neben dem Sektor agrarischer Produktion maßgeblich die Bereiche von Handwerk, Industrie und Handel. 34

Die Poleis der Griechen in der klassischen Zeit waren staatlich verfasste Gesellschaften. 35 Staatlichkeit und das Politische als sein Ordnungsmodus waren indes jung, und sie trugen alle Züge derjenigen Gesellschaftsform, aus der sie entstanden waren - sei es als Besonderheiten im Vergleich zu neuzeitlicher Staatlichkeit und Politik, sei es als innere Widersprüche. Diese andere, frühere Gesellschaftsform wird als Stammes- oder Gentilgesellschaft bezeichnet. 36 Sie ist die insbesondere der neolithischen Produktionsweise, ihre Funktionsweise ist verzahnt mit den Techniken des frühen Ackerbaus und der Viehzucht. Ihr Ordnungsmodus ist die Verwandtschaft. Über Verwandtschaft regelt sich der Zugang zu den Produktionsmitteln, insbesondere zu Land und Vieh, sowie die Verteilung der Produkte. Es werden in der Gentilgesellschaft keine Gesetze erlassen, da der Kanon von Rechten und Pflichten durch den Ort des Einzelnen in sehr differenzierten - und zwischen den einzelnen Gesellschaften sehr verscheidenen - verwandtschaftlichen Klassifikationssystemen qua Geburt kodiert ist. Es gibt innerhalb dieser Gesellschaften keinen Modus des Politischen. 37

Stammesgesellschaften, wie sie die moderne Ethnologie anhand ihrer rezenten Formen zu beschreiben unternimmt, und die sich auch für die Frühgeschichte des Mittelmeerraumes umrißhaft erschließen lassen, sind ihrem Wesen nach akephal , ihre Struktur wird auch als "segmentär" bezeichnet. 38 Ihnen fehlt ursprünglich eine institutionalisierte oberste Entscheidungsgewalt. Ökonomische Autarkie und gesellschaftliche Autonomie ihrer einzelnen Einheiten ("Segmente") bedingen sich. 39 Angelegenheiten, die über den traditionalen Ordnungsmechanismus "ungeschriebener Gesetze" hinaus Regelbedarf zeitigen, werden ohne Einsatz von Macht ausgehandelt. Nicht die Durchsetzung von Rechten, sondern gesellschaftlicher Druckausgleich ist das Prinzip dieses Prozederes. 40

Die Akephalität dieser Gesellschaftsform schwindet mit der ökonomischen Autarkie ihrer Einheiten. Deren agrarische Subsistenz kann durch vielerlei Faktoren beieinträchtigt werden. Wanderungsbewegungen, ausgelöst durch Wasserknappheit, Klimaänderungen, oder Seuchen, Bevölkerungswachstum, oder ähnliches, auch der Kontakt mit neuen Techniken, etwa der Metallurgie, können das empfindliche Gleichgewicht dieser Gesellschaftsform zerstören. Bestimmte, zuvor nicht mit Macht ausgestattete Institutionen können unter solchen Bedingungen neue gesellschaftliche Stabilität, also gesellschaftliche Selbsterhaltung zum Preis gesellschaftlicher Transformation gewähren. Sie müssen zu diesem Zweck jedoch - und sei es vorübergehend - mit Macht ausgestattet werden. 41

Die gesellschaftliche Kontinuität unter Krisenbedingungen kann gesellschaftliche Veränderung bedeuten. Da die Gentilgesellschaft zutiefst traditional, dem Wesen nach rituell funktioniert, ist die Möglichkeit gegeben, dass die vorübergehend institutionalisierte Macht nach Überwindung der krisenhaften Situation bereits selber traditionales Element seiner Gesellschaft geworden ist, sich festigt und weiterhin "vererbt". Gentilgesellschaften, wie die mykenischen und archaischen griechischen, deren Verfasstheit über Kephalität verfügt, organisieren sich protostaatlich . Sie sind einem scharfen inneren Widerspruch zwischen den staatlichen (staatliche Einheit) und den traditional segmentären, akephalen und verwandtschaftszentrierten (verwandtschaftliche Einheiten) Tendenzen ihrer Ordnung ausgesetzt. 42

Dass es vor der gentilen Gesellschaftsform Gesellschaften anderen Typs gab, ist im Zusammenhang einer Antigone -Deutung in zweierlei Hinsicht interessant. Zum einen lässt sich plausibel machen, dass Verwandtschaft, also das Ordnungsprinzip gentiler Gesellschaften, nicht ursprünglich ein biologischer Zusammenhang ist, der im Laufe menschlicher Kulturgeschichte eben "entdeckt" wurde, sondern dass sie selber zunächst ein kulturelles Produkt gesellschaftlicher Formation ist. Verwandtschaft entstand als Nebenprodukt exogamer Heiratspraxis, die die vorneolithischen Horden irgendwann und aus sehr spezifischen Gründen zu praktizieren begannen. Die Exogamie hatte ihren Entstehungszusammenhang nicht in Verwandtschaftssystemen, etwa zu deren Reinerhaltung, sondern sie war die Durchführung des allgemeinen Ordnungsprinzips dieser Gesellschaften, des reziproken Tauschens: im Falle der HeiratspartnerInnen auf der Ebene der Horden-Kollektive. 43

HeiratspartnerInnen, also geschlechtsreifer Nachwuchs wurde getauscht, um gesellschaftliche Verhältnisse zwischen den Horden herzustellen und zu stabilisieren. Das unterband nur nebenbei Hordenendogamie. Nun erst ließen sich verwandtschaftliche Beziehungen überhaupt eindeutig bestimmen und verwandtschaftliche Kategorien sich definieren. Zum Prinzip gesellschaftlicher Ordnung wurden diese verwandtschaftlichen Beziehungen indes erst mit der neolithischen Revolution. Die jagenden und sammelnden Horden brauchten Verwandtschaft nicht zur sozialen Klassifikation. Sie verfügten über ein anderes gesellschaftliches Klassifikationssystem, nach welchem sie Zugehörigkeiten und Einheiten bestimmten, den Totemismus . 44 Später verband sich der Totemismus mit verwandtschaftlicher Kodierung sozialer Beziehungen, und auch von ihm finden sich in der Antigone Spuren, auf die bei der Behandlung des Vogel-Motivs einerseits und bei der Behandlung der Parodos des Chores andererseits näher einzugehen ist.

Verwandtschaft als kulturelles Erzeugnis zu verstehen und nicht als Natur, als historisch Vermitteltes und nicht als ewig Unmittelbares, bedeutet, die Antigonefigur, der Verwandtschaft konstitutiv ist, vor einem gesellschaftsgeschichtlichen Horizont zu hinterfragen, anstatt aus dem Zusammenhang gelöste Dikta ihrer Rede im Kontext ahistorischer Seins- und Sinnkonstruktionen zu universalisieren. Verwandtschaft als seinerseits historisch vermitteltetes gegen das Politische als das kontemporär hegemoniale Ordnungsprinzip aufgewartet zu sehen, entlässt die Deutung aus den Dichotomien von Natur und Gesellschaft, von Triebhaftigkeit und Kultur, von der Weiblichkeit der Liebe und der Männlichkeit der Ratio, von der urwüchsigen Gewissenskraft des Individuums und der Unmenschlichkeit der Staatsraison. Die mit Historizität aufgeladene Versuchsanordnung öffnet den Blick auf die rationalismuskritischen und theologischen Aspekte der Fragestellung, der das Experiment Antigone gewidmet ist. Und die Historizität beider Ordnungen, die der gentilen geschichtlich erfahren, gestaltet in der Vorgeschichte der Fabel und in der Protagonistin, die der staatlich-rationalen Ordnung im tragischen Experiment ermittelt, zentraler Strang der Fabel selbst, mahnt die Deutung, dass ihre Ergebnisse so dialektisch zu sein haben, wie ihr Gegenstand selber ist.

 

Analogien in der Krisenhaftigkeit der ausgehenden mykenischen und der archaischen Zeit als Schlüssel zum Phänomen der Brauchbarkeit der mykenischen Heldensagen für die gesellschaftstheoretische Reflektion in klassischer Zeit: protostaatliche, kratische Momente im Widerspruch zur nomistischen Gesellschaft

 

Die Antigone wurde wohl 443/2 geschrieben und 442 aufgeführt. Von diesem Datum aus, das mit der fieberhaften Blüte der attischen Polis-Staatlichkeit und der griechischen Aufklärung zusammenfällt, lassen sich verschiedene Stationen ausmachen, die die Entwicklung einer gentilen Gesellschaft zur vollendeten Staatlichkeit markieren.

Die Homerischen Epen, die auf etwa 750 v. Chr. datiert werden, schildern mythische Ereignisse in einer mythischen mykenischen Welt, deren möglicherweise historischer Kern, der Krieg um Troja, auf die zweite Hälfte des 12. Jahrhunderts v. Chr. datiert wird. Diese Ereignisse verschmelzen in der Darstellung mit Züge einer Adelsgesellschaft, wie sie in den sogenannten Dunklen Jahrhunderten, jener Zeit nach dem Zusammenbruch der mykenischen Welt und vor dem achten Jahrhundert, den griechischen Mittelmeerraum beherrscht haben wird. 45 Zunächst handelt es sich um eine gentile Gesellschaft. Der Zugang zu wesentlichen Gütern regelt sich vor dem Erwerb über Ahnenreihen, also ein gentiles, agnatisches Verwandtschaftssystem. 46 Gleichzeitig verfügt diese Gesellschaft über eine sehr bestimmte Form von Kephalität. Adelige Fürsten herrschen über wohl recht überschaubare territoriale und gesellschaftliche Einheiten. Diese Herrschaftsstruktur, wie auch die Ratsversammlungen, von denen als einem Beschlussorgan berichtet wird, und die schwache, nicht mit monarchischer Zwangsgewalt ausgestatte Institution des Heerführers, weisen auf die segmentäre Struktur dieser Gesellschaft 47 .

Segmentäre Struktur und Kephalität, wo sie gemeinsam auftreten sind die Insignien einer Gesellschaft im Übergang. Die Spannung, die dieser Übergang der Gesellschaft auferlegt, findet ihren poetischen Niederschlag nicht zuletzt in den so konträren Heldenfiguren eines Achill hier und eines Odysseus dort. Verzehrt sich der eine in seinen blindwütigen Leidenschaften, zu deren Kost ihn die Kephalität seines Blutes 48 ermächtigt, auf diese (auto-) aggressive Weise den Widerspruch von Kephalität und Gentilität in sich austragend, so weist die Kephalität, die listenreiche Kopfhaftigkeit des anderen bereits auf deren historisch noch ferne Einlösung in der Gestalt des Rationalismus. Mit dem Kopf seiner Gesellschaft, mit Odysseus als der Inkarnation des selbsterhaltenden Listenreichtums, der instrumentellen Vernunft, im Kampf mit den mythischen Gestalten des untergehenden Nomismus, wird der entbehrungsreiche Beginn der Aufklärung besungen. 49

Eine ihrer schärfsten Waffen, die Schrift 50 , begegnet nach langer Vergessenheit erstmals wieder in der griechischen Geschichte mit eben jenen Epen. Nicht lange darauf wird sie benutzt, um das Recht schriftlich zu fixieren. Mit dieser Praxis erhält das Recht jene Allgemeinheit, mit der Willkür, etwa Adelswillkür, eingeschränkt werden kann. 51 Andere Daten dieser Zeit verweisen ebenso auf eine tiefe Krise der Gesellschaft, deren wesentlichen Merkmale die Ke phalität auf gentiler Legitimationsbasis sind. Schuldknechtschaft machte aus Bauern landlose Unfreie, der mittels Ahnenkult gehütete Nexus zwischen Land und Mensch war einem größeren Teil der Bevölkerung durchtrennt zugunsten des neu aufblühenden Handels, in dem die nichtindustriellen Adeligen nur über größeren wirtschaftlichen Druck auf ihre Hintersassen mithalten konnten. 52

 

Solon und Kleisthenes

 

Die Bewegung zu mehr Staatlichkeit als Antwort auf die Krise der kephalen und zunehmend urbanen, von ihren materiellen Grundlagen entfremdeten Gentilgesellschaft findet in der attischen Geschichte ihre Signifikanten in den Namen Solon und Kleisthenes. Die Berufung Solons zum "Wiederinslotbringer" verfolgte oberflächlich schon dem Namen nach restaurative Absichten. 53 Der kephalen Gentilgesellschaft sollte ihre verlorene Stabilität wiedergegeben werden, ein Anliegen, das im Gegensatz zu Solons Maßnahmen die Ursachen der Krise, den Widerspruch von Kephalität und Gentilität, nicht reflektierte. Dennoch steht dem restaurativen Charakter des Zweckes bereits im gewählten Mittel die progressive Tendenz zu fortschreitender Verstaatlichung gegenüber. Indem Solon - wenngleich vorübergehend - alle Vollmachten übertragen wurden, entäußerte die Gesellschaft aus sich einen von ihren partikularen Momenten formal unabhängigen Souverän, verfasste sich krisenbedingt als Staat, als eine gesellschaftliche Einheit oberhalb ihrer segmentären, oder allgemeiner oberhalb ihrer partikularen Struktur. Der Versuch einer Restauration der segmentären Gesellschaft war bereits Auftakt zu ihrer Überwindung.

Die Maßnahmen Solons tragen dieser Tendenz zu staatlicher Verfasstheit in vielerlei Hinsicht Rechnung. Indem er die Schuldknechtschaft aufhob, restaurierte er zwar den Status der Bauern als Freie, zugleich schuf er aber damit die Grundlage rechtlicher Gleichheit, das juridische Charakteristikum des Bürgers in einer entsegmentierten Gesellschaft. Er entkoppelte politische Privilegien weitgehend von Erblichkeit und knüpfte sie an Eigentum, für dessen Verteilung Verwandtschaft weder notwendige noch hinreichende Bedingung ist. Er veranlaßte die schriftliche Fixierung des Rechts, Voraussetzung seiner Allgemeinheit.

Und schließlich, da seine Amtszeit vorab zeitlich beschränkt war, benannte er eine Institution, den Areopag, die, wie er, von partikularen Momenten der Gesellschaft formal unabhängig, darüber wachen sollte, dass künftige Gesetzgebung den Rahmen der göttlich sanktionierten Rechtsordnung, des Nomismus, nicht sprenge. Ihm war in modernem Jargon die Kontrolle naturrechtlicher Eingebundenheit des fortschreitenden staatlichen Verrechtlichungsprozesses aufgetragen. Mit dem Areopag versuchte Solon das Spannungsfeld der antinomischen Ordnungen institutionell zu besetzen, die Spannung institutionell zu entschärfen.

Die krisenhafte Protostaatlichkeit war, wenngleich nicht die Krise selber, überwunden. An die Stelle der Segmentierung nach Verwandtschaft trat die dynamischere bürgerliche Segmentierung nach Eigentum (Timokratie). Politische Ungleichheit wurde bei - nach Eigentum - gleichem Recht auf Zugang zu Ämtern der Tendenz nach akzidentiell, das gleiche Recht jedoch Prinzip. Die Gleichheit der Gesellschaftsangehörigen im Status des Bürgers als Bedingung staatlicher Einheit wie ihr Gegenüber, eine von der akzidentiellen Ungleichheit und den von ihr ausgebildeten partikularen Momenten unabhängige Instanz, wurden Verfassung, die Polis verfasster Staat.

Solons Verfassung zu einer staatlichen Einheit löste zwar die Bindung von Standeszugehörigkeit und Kephalität. Die segmentäre Struktur der Gesellschaft ließ er indes gemäß seinem Auftrag bestehen. Immerhin stellte er der Segmentierung nach Blutsverwandtschaft diejenige nach Eigentum gegenüber - und schwächte sie damit in ihrer politischen Wirksamkeit. Kleisthenes war es, der die Segmentierung der Gesellschaft überführte in eine geopolitische - und damit die politische Wirksamkeit außerpolitischer segmentierender Faktoren wie Geburt und Eigentum weitgehend neutralisierte. 54 Sein Unternehmen wird Phylenreform genannt. Die attischen Phylen, alte gentile Einheiten, längst unter den Bedingungen urbaner Mobilität und Fluktuation aus ihren genealogischen Koordinaten geraten, jedoch weiterexistierend als traditionale segmentäre Organe mit politischen Funktionen, die Phylen, zu denen der Zugang sich traditionellerweise qua Blutsverwandtschaft regelte, ließ Kleisthenes als Organe bestehen. Nur teilte er sie neu ein und änderte den Modus der Zugehörigkeit, die sich nun nicht länger aus der Geburt, sondern aus dem Wohnsitz ergab.

Was wie ein Verwaltungsakt daherkam, ist seiner Bedeutung nach eine dezente bürgerliche Revolution. Das System von Identität und Zugehörigkeit bekam endgültig eine neue Ordnung, deren Prinzip nicht länger verwandtschaftlicher, sondern rein politischer, im Falle der Phylen geopolitischer Natur war. Diese Anpassung des Ordnungsmodus an die veränderten Bedingungen einer entwickelten, urbanen Gesellschaft, ihre Entsegmentierung zugunsten staatlicher Einheit, die Maßnahmen Solons und insbesondere des Kleisthenes liefern das historische Modell für den energischen Kampf Kreons gegen partikularistische Tendenzen seiner Gesellschaft und insbesondere gegen Antigones Insistenz auf eine Souveränität des verwandtschaftlichen Segments.

Der Umstand, dass die traditionale Ordnung, die verwandtschaftliche Struktur der Gesellschaft in die Verfügung politischen Denkens und Handelns geraten war, erweist, wie weitgehend der Nomismus gegen Ende des 6. Jhdts. an gesellschaftlicher Basis verloren hatte und wie kratisch die attische Ordnung bereits funktionierte. Dabei darf nicht vergessen werden, dass die Daten, die sich mit den Namen Solon und Kleisthenes verbunden haben, ihre Möglichkeit dem Druck der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Krise verdankten. Die Neuerungen waren ungeheuer, sie konnten gedacht und durchgeführt werden, weil Not dazu zwang, Auswege zu suchen und zu erproben. Die Entwicklungen tragen die Züge einer Flucht nach vorn. Fraglich ist, wie unmittelbar die Gesellschaft Schritt halten konnte mit den Kapriolen ihrer politischen Verfassung, deren Implikationen und Konsequenzen. Mit Sicherheit hörte der Nomismus als "mentale Infrastruktur" nicht schlagartig auf, sich weiter zu tradieren, alltägliches Wahrnehmen, Denken und Urteilen zu prägen. Die kognitiven Prozesse jener Zeit des Umbruches müssen zunehmenden Widersprüchen ausgesetzt gewesen sein 55 , ein Zustand, der hier als "kosmologische Krise" bezeichnet werden soll.

Staatliche Einheit, Tyrannen und Hopliten

 

Der Austrag dieser Widersprüche, der sein Forum wesentlich auch in der Tragödie der klassischen Zeit fand, ist begleitet von einer Reihe von Daten, die das kontinuierliche Fortschreiten des Prozesses markieren, welcher Entsegmentierung zugunsten staatlicher Einheit befestigte und eine schwindelerregende Wandlung der Gesellschaft nicht nur in ihren Institutionen, sondern in ihrer innersten Ordnung hervorbrachte.

Die sowenig "naturwüchsig" entstandene, bereits selber durch kratischen Akt gesetzte attische Staatlichkeit hat etwas Überraschendes an sich. Da sie nicht zunächst mit der Kraft eines rein partikularen Interesses betrieben, sondern unter anderem als Ergebnis theoretischer Reflektion der gesamtgesellschaftlichen Problemlage entwickelt wurde, fehlt ihr weitgehend ein Element, das ein seinerseits partikulares Interesse an Staatlichkeit hat, eine starke Regierung. 56 Was mit dieser Funktion nach Solon und Kleisthenes betraut war, blieb schwach und konturlos, Staat und Gesellschaft, nach deren politischer Entsegmentierung, blieben weitgehend identisch. Der Staat, einmal geschaffen, harrte förmlich seiner Usurpation. Dieses Geschäft übernahmen mit mäßigem Erfolg eine Reihe von Tyrannen. Ihre Versuche, den Staat gegen die Gesellschaft zur Geltung zu bringen, konnten nicht sonderlich weit gehen. Der Staat verfügte über keine Eigenständigkeit, war je mehr Macht er entfalten wollte, umso abhängiger von der Anbindung an gesellschaftliche Kräfte.

Die Tyrannis, der Versuch, den Staat von der Gesellschaft zu emanzipieren, scheiterte paradoxerweise am kratischen Wesen der Entwicklungen, die den Staat hervorgebracht hatten. Bevor die u.a. genealogische Abhängigkeit des Staates von seiner Gesellschaft nicht zuletzt um seines Erhaltes willen konsequent zur attischen Demokratie führte, ereignete sich neben dem Sturz der Tyrannen noch einiges. Es etablierte sich etwa, noch unter der Tyrannis des Peisistratos, die Tragödie zum festen Bestandteil eines neuen, staatlich gegründeten Festes, der Großen Dionysien. An der staatlichen Festpolitik manifestiert sich wiederum die Abhängigkeit des Staates von der Gesellschaft. 57

Umgekehrt manifestierte sich die gesellschaftliche Tendenz zur Befestigung ihrer Einheit auf militärischem Gebiet. Die vergangene archaische Zeit war gesäumt von den Namen heldischer Krieger, die durch individuelle Tapferkeit dem Namen ihres Geschlechtes Ruhm erhielten oder erwarben. Was kriegerische Tugend war, individuelle Höchstleistung, mutierte nun zum unziemlichen Laster. Die neue Schlachttechnik der Hoplitenphalanx forderte vom Einzelnen strikte Unterordnung unter das einheitliche Manöver. Individuelles Ausscheren, und sei es mit besonderer Tapferkeit, erntete nunmehr strengen Tadel, da es die Einheit sprengte. 58 Die Unterordnung unter die (hier militärische) Einheit kann nicht schlichtweg aufoktroyiert gewesen sein. Dagegen spricht die Leistungsfähigkeit dieser Hopliteneinheiten, die einen allgemeinen Willen indiziert. Ihm muss ein gesellschaftliches Bewußtsein zugrundegelegen haben. Mit der Kampftechnik des einheitlichen Hopliten-Manövers schlugen die Griechen das zahlenmäßig weit überlegene Heer der Perser bei Marathon (490 v. Chr.).

 

Salamis. Kratismus als herrschende Ordnung und als kosmologisches Problem

 

Was bislang als Prozess sich abzeichnet, kulminiert ereignishaft in den Vorgängen um die zehn Jahre spätere Seeschlacht gegen die gewaltige Perserflotte bei Salamis (480 v. Chr.). Der Not, die die in ihrer Existenz gemeinsam Bedrohten jenseits ihrer Partikularität zur Einheit schweißte, stand vielerlei zur Seite 59 ; der seinerseits kratische Entschluss etwa, mit den Mitteln des noch wenig vertrauten Rationalismus gegen die mechanische Übermacht zu rüsten; die Allgemeinheit, die dieser Entschluss gegen alle Widerstände und mit dem Willen zur Einheit annehmen konnte; die Entfaltung ungekannter Leistungspotentiale durch die Allgemeinheit der Teilhabe am kratischen Beschließen und Handeln. Salamis wurde zum historischen Paradigma des mechanisch unterlegenen, doch ob seiner listenreichen Wendigkeit über die Mechanik triumphierenden Rationalismus, das sein mythisches Vorbild in der List des Odysseus und seiner Gesellen gegen den vorzeitlichen Zyklopen hat.

Der Triumph des griechischen und speziell attischen Rationalismus bei Salamis mag als Markierung einer Zeitenwende dienen, der Untergang einer alten und der Antritt einer neuen gesellschaftlichen Ordnung kristallisiert sich in ihm. Vom Rationalismus - und vom Kratismus als seiner politischen Gestalt mit all seinen kosmologischen Implikationen - kann nun für attische Verhältnisse als von der herrschenden Ordnung gesprochen werden. Der theoretischen Reflektion ändern sich damit die Koordinaten. musste für die vergangene Epoche Gentilität und ihre nomistische Kosmologie als Problem, Aufklärung und Staatlichkeit als seine fortschrittlichen Lösungen betrachtet werden, so verkehrt sich nun einiges. Rationalismus und kratische Kosmologie werden ihrerseits zum Problem oder neutraler: zum Gegenstand theoretischer Reflektion.

Aufklärung als geistesgeschichtliche Gestalt des Rationalismus, indem sie für befragbar nimmt, wie etwas sei und warum es so sei, schließlich, was es bedeute, was daraus erwachse, dass etwas so ist, wie es ist, arbeitet per se mit der impliziten Annahme, etwas könne oder müsse nicht so sein, wie es vorderhand erscheine. Aufklärung arbeitet notwendigerweise methodisch mit der theoretischen Negation dessen, was sich als das Gegebene zeigt. Die nähere Bestimmung des Negativums des als Gegebenes Erscheinenden bedarf zu ihrer Begreifbarkeit jedoch wiederum der Kategorien und Begriffe aus dem Bereich des Positiven, Gekannten.

Um ihrer eigenen Konsequenz willen, um nicht vor sich selber haltzumachen, vielleicht auch aus der Not der Selbsterhaltung einer rationalistischen Gesellschaft heraus, wird Aufklärung schließlich sich selber, dem Rationalismus, Irrationalität nachweisen; und um ihrer Vermittelbarkeit willen, wie aus der Logik des Nachweises selber, wird sie dabei die positiven Kategorien des vergangenen 'Irrationalen', die Götter etwa oder das Heilige, gegen sich ins Feld führen, um sie aus ihrer eigenen Logik - in veränderter Gestalt - neu hervorzubringen.

Zum Beispiel Sophokles

 

Wie sehr die Frage nach dem Verhältnis von Göttern und Ratio die Athener der klassischen Zeit umtrieb, davon legt das Werk Sophokles' beredtes Zeugnis ab. An dessen überlieferten Stationen lässt sich einiges erfahren darüber, wie sich Aufklärung auf sich selber richtet, und wie sich ihre Erscheinung in diesem Prozess verändert. So erscheint Vernunft im Aias , der wohl frühesten der überlieferten Tragödien des Sophokles, verkörpert vom mythischen Prototypen des Rationalisten, von Odysseus, in ihrer reinsten, integrierenden, zugunsten gesellschaftlicher Selbsterhaltung partikularistische Leidenschaften befriedenden Gestalt. Sie kon terminiert sich zunehmend mit unheilbringender, selbstvernichtender Potenz, erreicht den Hö hepunkt ihrer Ambivalenz im Oidipus Tyrannos , um schließlich zum brutalen Instrument in der Hand ihrerseits partikularistischer Interessensverfolgung zu werden, wie es der nun zum gewissenlosen social engineer heruntergekommene Odysseus des Philoktetes vorführt.

Das individuelle Gewissen, jene Instanz, die Sokrates entfesselte, um sie anstelle der vernichteten Götter dem rückhaltlosen Instrumentalismus der Ratio gegenüberzustellen 60 , schlummert bereits in der Figur der Antigone, wird von der Rezeption vielfach herausgespürt und benannt. Tatsächlich ist individuelles Gewissen in der Figur strukturell vollständig angelegt, insofern antizipiert. Aber Antigone hat kein Gewissen. Es ist angelegt, ohne schon in Erscheinung treten zu können, wird gewissermaßen von Antigone noch ausgetragen, um erst mit der Figur des Neoptolemos wiederum im Philoktetes im Zwiespalt von traditioneller Norm und instrumenteller Zweckorientierung dramatische Gestalt anzunehmen.

Auch das Gewissen ist ein Produkt der Geschichte und kein unmittelbares Allgemeinmenschliches. Es muss bei der Abfassung der Antigone bereits förmlich in der Luft gelegen haben, ohne bereits benannt werden zu können. Es auf den Namen Antigone zu taufen ist eine retrospektive Interpolation, die sich sowenig auf den Rollentext der Figur stützen kann, wie sie sich mit deren mit spezifischer Historizität aufgeladenen Konturen in Einklang bringen lässt. Gewissen ist eine Kategorie, die an das bürgerliche Individuum gebunden ist. Nomistischen Gesellschaften ist es so fremd wie sein Territorium, das atomisierte und - da auf nichts als seinen authentischen Willen zurückgeworfene - autonomisierte Individuum. Sein Auftauchen indiziert die kratische Durchdrungenheit der "mentalen Infrastruktur" einer Gesellschaft und ihrer Individuen. In der Antigone liegt ein Zeugnis jenes Durchdringungsprozesses vor, das ihn nicht am Ende in seinen Ergebnissen zeigt, sondern in einer Phase, in der Kratismus noch prekär ist, in der die poetische Fiktion etwa eine Heldin anstatt mit einem kräftigen Gewissen mit einem verbindlichen Normenkanon der Vergangenheit auszustatten vorzieht.

Wie sehr die Antigone im Kontext der hier umrissenen gesellschafts- und geistesgeschichtlichen Umbrüche verwurzelt ist, zeigen die Hinweise C. Meiers auf die aktuellen Ereignisse, die ihre Abfassung wohl beeinflusst haben dürften. Nach der Entmachtung des Areopags, jener Institution, die als Scharnier zwischen Kratismus und Nomismus funktionieren, dazu ihrem Auftrag gemäß von Partikularismen unabhängig sein sollte, aufgrund ihrer adeligen Zusammensetzung jedoch spätestens mit fortschreitender Demokratisierung offensichtlich zu einem Organ partikularer Interessen geworden war, nach deren Entmachtung fiel es dem adeligen Stand mitnichten schwer, seine Interessen weiterhin wirksam zur Geltung zu bringen.

Der Hader zwischen Adel und Demokraten erreichte einen Höhepunkt in den Auseinandersetzungen um die Baupolitik des Perikles. 61 Gelder des Seebundes, zweckgebundene Tribute von Bundesgenossen also, sollten für die Entfaltung städtebaulicher Pracht gewissermaßen veruntreut werden. Athen würde sich dadurch aus dem genossenschaftlichen Kreis der Poleis eigenmächtig erhoben und seinen Anspruch auf Verfügungsgewalt über die gemeinsame Kasse provokativ demonstriert haben. Dergleichen war in der griechischen Welt ohne Beispiel. Nach nomistischem Weltbild wird die adelige Fraktion nicht zuletzt den Zorn der eifersüchtigen Götter für derlei Selbstüberhebung angedroht haben. Die Adeligen unterlagen in der Volksversammlung und mit ihnen nomistische Norm, der Zorn der Götter wurde in Kauf genommen, vielleicht auch, um nichts möglicherweise Mögliches unversucht zu lassen. Im Zuge der folgenden Baupolitik setzte sich der attische Kratismus das bis heute gültige Denkmal seiner selbst, etwa in der Gestalt des Parthenons.

Der Kratismus bildet offensichtlich ein spezifisches Abhängigkeitsverhältnis von Möglichkeiten und Macht aus. Wie sich die Macht im Arsenal ihrer Möglichkeiten erfährt, ist ihr Bestand von ihrem Sicherweisen qua Realisation derselben abhängig; eine gefährliche Eigendynamik, in der die Macht sich zu verzehren droht. Realisiert sie die Möglichkeiten, aus deren Potentialität sie sich erfährt, so bedarf sie weitergehender, um sie in ihrer Verwirklichung als Möglichkeiten wiederum zu vernichten. Selbsterhaltung und Selbstvernichtung rücken der Kratik gefährlich nahe zusammen.

Die Thematik von Möglichem und Unmöglichem, insbesondere auch die Problematik des Handelns nach Maßgabe des scheinbar wünschenswerten möglicherweise Möglichen sind zentrale Stränge des Diskurses der Antigone . Problematisiert wird die Ratio, ursprünglich instrumentellen Wesens, Mittel der Schwachen zu ihrer Selbserhaltung, mit welchem sie das zum Möglichen Nötige bestimmen, das, je mehr Mögliches und ehemals Unmögliches es der Machbarkeit überführt, sich mit Macht und Eigendynamik auflädt und die Anbindung an die Zwecke der Selbsterhaltung, seine ureigenste Rationalität, verliert. Aufgeworfen wird die Frage ihrer Rückbindung, die Frage, mit welchen Mitteln Rationalität vor ihrem Umschlag ins Irrationale aufgehalten werden könne, wie ihre Entfesselung zu kontrollieren sei. Nicht jedoch individuelles Gewissen wird als die grenzziehende Instanz vorgeführt.

Überhaupt wird keine Antwort programmatisch illustriert, im Gegenteil zerfallen die meisten rationalitätspuffernden Strategien im Zuge der Handlung, sodass jene ihre eigenste Katastrophe schließlich erleiden muss. Was an Ansätzen bleibt, ist beunruhigend vage, ängstlich, nicht radikal, warnend nur insofern, dass weiterhin dringend gesucht werden müsse, vielleicht etwa jenes Gewissen, das Sophokles selbst noch nicht gefunden hatte. Andererseits wird Rationalismus und kratisches Handeln bis in seine innersten Strukturen so präzise problematisiert, dass es der Rezeption zu einer Zeit, der Gewissen zu einem Witz des vorigen Jahrhunderts geworden ist, zur Grundlage gereichen könnte, ihrerseits die Frage neu aufzuwerfen, womit dem irrational gewordenen neuzeitlichen Rationalismus wohl beizukommen sei.

Die Antigone jedenfalls wurde geschrieben und aufgeführt ziemlich exakt in der Mitte jener achzig Jahre, die als die Klassische Zeit in die Geschichte eingingen. Deren Zenit, die Perikleische Zeit war erreicht und nach der Verbannung des Führers der insbesondere adeligen Opposition auf dem Höhepunkt ihrer Macht. Wo retrospektiv von Zenit gesprochen wird, impliziert dies Abstieg und Untergang, die die attische Polis in jederlei Hinsicht im Peloponnesischen Krieg erfuhr. Dieser, seinerseits Ergebnis der Dynamik kratischer Machtentfesselung, war kein bedauerlicher Unfall, sondern lag in der Konsequenz der turbulenten Entwicklung der Polis Athen selber.

Zu einer ähnlichen gesellschaftlichen Katastrophe, zurechtgestutzt auf das Arsenal dramatischer Form, führt die Fabel der Antigone mit analoger Konsequenz. Etwas wie das vorsichtige, möglichst regungslose Leben inmitten eines übermächtigen Scherbenhaufens zeichnet sich bei ihrem Finale als fahler Schimmer am Horizont ab, von dem als von Utopie zu reden er nicht gestattet. Nicht der Hellenismus und nicht die neuzeitliche Wiederholung des Zyklus von Aufklärung und ihrem Umschlag haben sich verstanden auf dieses "Programm" von Müdigkeit eines Kreon und einer Ismene am Morgen danach. Eingelöst wurde es erst zweieinhalb Jahrtausende später - und wiederum auf der Bühne - von der heroischen Regungslosigkeit der Helden Becketts.

Anmerkungen:

31  Die Chronologie von 431 v. Chr. bis 750 v. Chr. stellt eine Auswahl derjenigen Meier s (1993, S. 692f.) dar. Folgende Daten sind anderweitig entnommen: das Aufführungsdatum der Antigone (442 ?): ebd., S. 428; das Aufführungsdatum des Aias (um 450): Latacz , S. 168; Abfassung der Homerischen Epen (um 750): Hermann Kinder u. Werner Hilgemann, dtv-Atlas zur Weltgeschichte . Karten und chronologischer Abriß, Bd. 1.; Von den Anfängen bis zur Französischen Revolution , München (1964) 29 1995, S. 51; "Dunkles Zeitalter": Finley (a.a.O.), S. 337-40;“Untergang der mykenischen Gesellschaften“: Kinder u. Hilgemann (a.a.O.), S. 47; "Zug der Sieben gegen Theben" (trad. Dat.: 1213): Stuart Rossiter, Reiseführer Griechenland (dt. Ausg. v.: ders., "Blue Guide Greece", London 1981), München o. J., S. 427; Einwanderung "indogerm." Stämme (1850-1600): Kinder u. Hilgemann, a.a.O.; "Neolithische Revolution" (5000-3000), sowie Hordengesellschaft (vor 5000): ebd., S. 15f.

Die in Klammern gesetzten Stichworte entsprechen der Interpretation der Ereignisse und Epochen im folgenden Kapitel II.B.

32  Vgl. zu den drei Grundformen der Gesellschaft und den Entwicklungsgesetzen ihrer Transformation: Engels , S. 173-8, 285-304; in marxistischer Tradition quellenreich auf die frühgriechische Geschichte bezogen: Thomson (1956), S. 11-98; für die ersten beiden Grundformen aus nicht-marxistischer Tradition an rezenten Gesellschaften (Jäger und Sammler bzw. Hordengesellschaft und Ackerbau / Viehzucht bzw. Stammesgesellschaft): Wesel , S. 11-52, 71-94, 189-214.

33  Vgl.: Engels , S. 247f.

34  Vgl.: ebd., S. 253f.

35  Die Begrifflichlkeit ist prekär, was die institutionellen Aspekte des Begriffs "Staatlichkeit" angeht. Von dieser Seite aus von den gr. Poleis als von "Staaten" sprechen zu können, verneinen: Meier (1988), S. 8f.; Böckenförde , S. 92f. In dieser Arbeit wird von der attischen - wie von der fiktiven thebanischen - Polis als von einem "Staat" gesprochen, insofern es sich bei ihnen um nicht qua Verwandtschaft konstituierte Einheiten handelt, in denen eine institutionalisierte Souveränität, hier die Volksversammlung, dort König Kreon, Herrschaft ( kratos ) über die gesamte Einheit ausübt. Böckenförde weist die Rede vom ">Staat der Hellenen<" (ebd.) zurück, um "Staat" folgendermaßen zu definieren (ebd., Hervorh. und Nummerierung, J.W.):

"Wir wissen, (..) wie (...) die

(1.) einheitliche , nach außen souveräne,

(2.) nach innen höchste , und

(3.) dem hergebrachten Rechtszustand überlegene , in ihrer

(4.) Zuständigkeit potentiell allumfassende Staatsgewalt entstand und ihr gegenüber die herrschaftlich-politisch

(5.) eingeebnete Gesellschaft der

(6.) ( rechtsgleichen ) Untertanen bzw. Staatsbürger."

Es wird sich in dieser Arbeit zeigen, dass es in der Antigone um genau alle einzelnen Punkte dieser Definition (ausgenommen: die außenpolitische Souveränität, wenn man die diplomatischen Beziehungen Thebens zum Olymp hierunter nicht fassen will) gehen wird. Sie bleiben indes umstritten. Von "Staat" zu reden, ist insofern legitim, als "Staat" im fiktiven Theben, wie in der Polis Athen als Projekt vorhanden ist, zugleich bereits wirksam und noch prekär.

36  Vgl. z. folgenden: Wesel , S. 191f.

37  S.u.: IV.B. 1.-4.

38  "akephal" (gr.: "kopflos") meint: frei von institutionalisierter, gesellschaftlicher Herrschaft; vgl.: Wesel , S. 22f.; "segmentäre Ordnung", vgl.: ebd., S. 211-14.

39  Vgl.: Engels , S. 247f.

40  Vgl. hierzu: Wesel , S. 255-72.

41  Vgl.: Thomson (1956), S. 63f.

42  Vgl.: ebd.

43  Vgl.: Wesel , S. 197-205.

44  Vgl.: ebd., S. 200.

45  Vgl. zum folgenden: Thomson (1956), S. 66-71.; Moses I. Finley, „Die Griechen“, in: Elena Cassin u.a. (Hrsg.), Fischer Weltgeschichte, Bd. 4. Die Altorientalischen Reiche III. Die erste Hälfte des 1. Jahrtausends, Frankfurt a. M. 1967, S. 291-5.

46  Vgl. etwa das ohnmächtige Warten des Telemachos auf die Heimkehr seines Vaters.

47  Vgl.: Thomson (1956), S. 70.

48  Achill ist sehr unmittelbar "göttlicher" Abstammung .

49  Vgl.: die Deutung der Figur des Odysseus im ersten Exkurs der Dialektik der Aufklärung , Horkheimer und Adorno , S. 67-103.

50  Vgl.: Finley, "Die Griechen", a.a.O., S. 295ff.

51  Vgl.: Meier (1980), S. 307f.

52  Vgl.: Thomson (1956), S. 90.

53  Die Darstellung der Reformen Solons nach: Meier (1993), S. 69-85.

54  Die Darstellung der Phylenreform des Kleisthenes nach: Meier (1980), S. 91-143.

55  Vgl.: ders. (1988), S. 29ff.

56  Vgl.: ebd., S. 8f.

57  Die Großen Dionysien wurden nicht zuletzt begründet, um dem Staat und seinem Repräsentanten die Sympathien der zugezogenen ländlichen Bevölkerung (fortschreitende Urbanisierung und Verlust der gentilen Lebensgrundlage!) zu sichern. Die Dionysien waren zuvor ein Kult der ländlichen Dorfgemeinschaften. Vgl. zur Festgeschichte: Latacz , S. 41-44.

58  Vgl.:  Yvon Garlan, Der Mensch und der Krieg , in: Vernant , S. 76-81.

59  Vgl.: Meier (1988), S. 17ff.

60  Vgl.: Meier 1993, S. 667-71.

61  Vgl. hierzu: Meier (1993), S. 402-11; ders. (1988), S. 220f.

 

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