Zurück zum aristotelischen Verhältnis von Figurencharakterisierung und Tatmotiven, von ethos und mythos
Festzuhalten bleibt, dass die Antigone-Figur Spuren eines aristokratischen, gesellschaftliche Exponiertheit betonenden Selbstbildes charakterisieren. Doch muss darauf bestanden werden, dass diese Spuren wesentlich dezenter gehalten sind, als es die auf "Autismus" als Antigones Programm abhebende Lesart will. Es sei wiederholt, dass diese Spuren Antigones Programm, die aus ihm resultierenden Handlungsweisen und insbesondere ihr Festhalten daran historisch lokalisieren und rollenlogisch unterstützen, plausibel machen. Damit haben sie ihren genauen Ort in dem, was Aristoteles (s.o.) ethos nannte, ein Wort, das durch seine etymologische Genese so sprechend Charakter und Wesensart, also etwas von Identität mit Wohnort, Viehzucht, Stall und Weideplatz 269 verbindet.
Der Charakter (ethos) der Figuren aber sei der klassischen Tragödie nicht das Wesentliche, sondern dem Wesentlichen dienend, der Handlung, sie möglich, plausibel, nach den Gesetzen der Wahrscheinlichkeit durchhaltbar machend, so Aristoteles 270 . Sobald aber in der Deutung der Autismus zu einem Teil des Programms der Antigone-Figur erhoben wird, seine Pflege zu einem ihrer zentralen Anliegen, was er, wie oben zu zeigen versucht wurde, nicht ist, so verrutscht Antigones Charakter zuunrecht auf die Ebene der Handlung selber, wird eine Kraft, ein Strang im Geflecht der Fabel.
Das ist das Dilemma aller Deutungsansätze, die nach einem Motiv der Antigone suchen, und - da die Figur versäumt, eines zu erwähnen, das auf etwas anderes hinausliefe als der Disponiertheit zur Erfüllung einer Ordnung, die sich in gewissen nomoi artikuliert, was aber kein Motiv ist - Aspekte der Charakterisierung der Figur zu ihren Motiven umdisponieren. Das Dilemma fasst Brown (S. 136; Hervorh., J.W.): "Why is Antigone so convinced that she must try to bury Polynices at all costs? We cannot help asking... she replies mainly with unargued assertions of duty ..."
Man könnte natürlich aus diesem Umstand schließen, es ginge Antigone tatsächlich um "duty", um nomoi , so wie sie es eben sagt. Unterstützt würde eine solch fernliegende Annahme von der nicht unerheblichen Tatsache (ebd.):
"The 'Sophoclean hero' seldom deals in balanced arguments or conditional obligations. Each of the seven plays except Trach . (...) revolves largely an unalterable commitment (not necessarily a moral obligation) which is integral to the very existence of a central figure." 271
Solches könnte natürlich bedeuten, dass Ordnungen in ihrer normativen Gestalt die innere Organisation, die Substanz, "the very existence" der sophokleischen Helden ausmachten.
Da man aber gemeinhin so viele Ordnungen nicht kennt neben der einen, nach der sich das eigene Denken und Verstehen organisiert, muss es sich jenseits dieser einen denn doch wohl eher um Instinkte und Gefühle, so etwas wie Natur, handeln (ebd.; Hervorh., J.W.):
"But if the instinctive quality of Antigone's resolve is characteristic of her 'heroic' status, it is also characteristic of Greek religious impulses in general. A belief about the gods or the after-life need not be prior to, and serve to explain, a religious practice; it may rather be a secondary, perhaps improvised answer to a question such as 'why do we treat the dead as we do?'."
Der mythologische Umgang mit nomistischer Praxis, mit dem Ritual, die Genese von griechischer und anderer Religion, ist so sehr zutreffend beschrieben. Doch an der "instinctive quality" nomistischer Praxis lässt der Moderne nicht rütteln (ebd.): "The primary causal factor will then lie simply in the emotions that death and the dead evoke." Hauptsache "simply" natürlich.
Wozu das ganze?
Die bürgerliche Orthodoxie wird immer präzise begreifen, warum Ismene einem Gesetz gehorcht. Warum Antigone einem anderen Gesetz gehorcht, das zu begreifen muss sie so blind sein und bleiben, wie Kreon es ist. Ach, und dabei ist es doch nicht zuletzt diese Tragödie, mit der Sophokles den Rationalismus versuchen wollte, diese ihm konstitutive Unfähigkeit zu erkennen zu erkennen! Was immer zur Errichtung des Gerüstes der Rationalität aus diesem ausgeschlossen wird, etwa in die 'Natur', in ein Felsengrab oder in den für's Kalkül zu vernachlässigenden Rest an feinem Unterschied, das bleibt sein Geheimnis, sein blinder Fleck, seine Leiche im Keller, und wird sich einmal rächen kommen an ihm selbst. Und das ist das Tragische am Rationalismus, dass er ein Ausschlussverfahren ist: per se. Wie schwach ist doch die Kunst gegen die Macht der herrschenden Ordnung.
Aber, auch das eine Lehre dieser Tragödie, wozu auch Erkenntnis? Je objektiver sie ist - und für objektive Erkenntnis muss der oder die Erkennende kosmologisch undeterminiert, mindestens aber unter- oder widersprüchlich, antinomisch determiniert sein, auch frei von subjektiv konditionierter Perspektive, wie der blinde Seher - je objektiver Erkenntnis also ist, desto praktisch nutzloser ist sie - wie für den Wächter, der seine Situation objektiv richtig erkennt und folglich auf der Stelle tritt, der Situation angemessen einen Schritt vor und einen zurück. Nützlich zum Handeln ist nur das subjektiv-perspektivische, kosmologisch konditionierte Erkennen und Denken; so nützlich wie falsch und von daher fatal; denn das Verkannte ist in seiner Existenz und Wirksamkeit nicht abhängig vom Erkanntwerden.
Nützlich - wozu auch immer - ist etwa folgendes Denken: "Über diesen Punkt darf nicht die leisete Unklarheit bleiben, weil an ihm das gesamte Verständnis der Dichtung hängt: Antigone hat ganz und gar recht, Kreon hat ganz und gar unrecht. Es ist nicht gut, die Frage nach dem Recht Antigones in der Schwebe zu lassen ... Denn Sophokles ist als Dichter Theologe und macht theologische Aussagen." ( Müller , S. 11)
Melchinger (S. 68) schreibt zum Oidipus Tyrannos : "Sophokles formuliert kein Programm, er tritt völlig in die Objektivität zurück." So treffend der Satz ist, so sehr müssen zwei Korrektu ren vorgenommen werden. Erstens schreibt ihn Melchinger unter anderem in Abgrenzung zur Antigone , für die er aber uneingeschränkt auch gilt. Und zweitens "tritt" Sophokles nicht ganz freiwillig "völlig in die Objektivität zurück". Vielmehr zwang ihn, so er aufmerksamer Zeitgenosse war, die empirische Antinomie zweier Ordnungen in der Epoche, in der er leben musste, zwang ihn die kosmologische Krise in diese Objektivität, in die kosmologische Bodenlosigkeit. Die Formulierungen des "Zurücktretens", des "Zurückweichens" (ebd.) unterschlagen, dass diese Objektivität ein Loch sein kann, in das das Prekärwerden von Kosmologien die Betroffenen stürzt.
Wenn Antigone von "frommem Frevel" (74) spricht, wenn sie an ihrem Ende fragen muss: "Weil ich - welches Recht der Götter - nicht achtete? / Was soll ich Unglückselige zu den Göttern noch aufblicken? Welchen Beistand benennen? Denn - das ist jetzt klar - / Gottlosigkeit habe ich durch frommes Tun erworben." (921-4), dann ist ein gesellschaftliches Normensystem zusammengebrochen, das unter anderem vor der grauenhaften Nacktheit und Positivi tät der "Objektivität" kosmologisch bewahrte. Wenn Kreon, gottlos von Anbeginn, in der Not sich und seine Stadt orientieren zu müssen, nach dem einzigen greift, an das sich der auf sich selbst Zurückgeworfene halten kann, nach der Ratio, fest entschlossen, an sie um der Selbsterhaltung aller willen nichts kommen zu lassen, nicht Blut und nicht Gefühl und Leidenschaft und Geld, wenn dieser Kreon an seinem Ende schreit (1261f.): "Io! Unsinnigen Denkens Fehler ( phrenon dysphronon hamartemata ), / hart und todbringend", und wenig später, "aiai aiai ! Ich flattere vor Angst" (1306f.), wenn er schließlich endet (1341ff.): "nichts habe ich, / wohin ich blicken, wo ich mich anlehnen kann; denn alles / ist bröcklig, was ich in Händen halte", dann ist auch Rationalität, der kosmologische Sicherheitsgurt derjenigen ohne Gott, dann ist die andere, die rettende, die zwar schon erheblich nacktere, vorgeblich reichlich positive, auch vorderhand so sichere, dann ist die neue Ordnung ihrerseits eingestürzt.
Da steht Sophokles, irgendwo dazwischen, um sich zwei bröcklige Ordnungen mit antinomischen Normen: "Die Toten ehren bedeutet frommes Tun, / Staatsgewalt, wem Staatsgewalt auch immer gehört, / darf keinesfalls übertreten werden." (872ff.) Das ist ein solides "Programm", verschafft Orientierung. Mit diesem "nomologischen Wissen" 272 bin ich etwa davor gefeit, während mein Bruder zu Grabe getragen wird, dem Pastor seine Brieftasche zu klauen. Aber im Falle eines Bestattungsverbotes verrät mir nichteinmal die Grammatik dieser Gebote irgendein Verhältnis, eine Normenhierarchie, irgendwas. Die Normen stehen gegeneinander im gleichen Atemzug.
Wo also zeichnet sich das "Programm" des Sophokles ab? Es zeichnet sich ab in der komischen Figur. Wie unter solchen Verhältnissen einzig zu handeln ist, das zeigt der Wächter: am besten ist es, erstens gar nicht zu handeln, und zweitens gerade nicht da zu sein, wenn andere handeln. Das Englische gibt es wieder: "I did not do the deed, nor did I see who did" (239) 273 . Bloß kein Tun von Taten. Geht es einmal nicht anders, so liefert wiederum der Wächter das Modell sophrosyner Bewältigung von antinomischem Handlungsdruck: "Mit solchen Überlegungen legte ich trödelnd und langsam den Weg zurück, / und so ward ein kurzer Weg lang." Dies ist das "Programm" des Sophokles, wenn man ihm denn partout eines nachsagen will.
Das mäßig handlungsorientierende "Programm" der sophrosyne , wie es der Wächter gibt, kehrt in der Tragödie wieder. Ismene tut keine Tat, aber dafür tut sie beten, "die Unterirdischen bitten, / Verzeihung zu gewähren" (65f.). Sie erkennt die antinomischen Souveränitäten beide als Souveränitäten an, und überbrückt den objektiven Widerspruch unter Einsatz ihrer Innerlichkeit. Entsprechend sophrosyn folgt ihr äußerliches Handeln dem Schema des Wachmannes: einen Schritt vor und einen zurück. Erst tut sie die Tat nicht, um sich alsdann zum Getanhaben der Tat zu bekennen. Ismenes sophrosyne überbrückt die Antinomie mit ihrer In nerlichkeit, mit Gebet und Bekenntnis, wo der Wächter noch mechanisch mit seinen Schritten die Zeit sequenzierte, die er mal dem einen, mal dem gegenläufigen Handlungsdruck gewährte.
Eine letzte Gestalt verleiht Haimon der sophrosyne . In seinem Zorn auf den Souverän droht er nicht diesen, sondern sich, den Sohn zu töten: "und du wirst niemals / mich mit deinen Augen wiedersehn". Gesagt und nicht getan, sehen die beiden sich dennoch wieder. Auch bei dieser nächsten Begegnung schlingert Haimon sophrosyn . Entschlossen, nunmehr doch nicht sich, sondern den anderen zu töten, schlägt er zielstrebig mit dem Schwert daneben, um dann doch wieder zum ursprünglichen Vorhaben der Entselbstung zurückzukehren. Die Konturen des handlungsorientierenden Programms der sophrosyne sind nunmehr deutlich: Tu nie eine Tat; wenn du aber doch einmal eine Tat tun musst, tu sie niemals richtig; sei - auch darin - nicht konsequent; und ziehe keine Konsequenzen - auch nicht aus dieser Tragödie; erwarte nichts - schon gar nicht von deinen Taten - auch nicht den Tod!
Steiner - am Ende seiner Abhandlung über die Antigonen (S. 373f.) - schreibt in aller ihm eigenen Vorsicht:
"Ich unterstelle nicht für einen Moment, dass sich Sophokles der Schlussfolgerung angeschlossen haben könnte (...): >Es liegt etwas von Natur aus Niedriges im Handeln<. Doch (...) Im Bereich der Tragödie, wie wir sie kennen und erleben, liegt (so empfinde ich es jetzt jedenfalls) eine Andeutung des Nichthandelns, der Tat, die durch die eingestandene Bedeutung, die Dichte und die Hemmungen gegenseitigen Verständnisses verhindert wird. Ein solches Stück wäre kein >Drama< im eigentlichen Sinne; wie wir sahen, bedeutet das Wort ja gerade >Handeln<. Der Aufschub der Tat, die Enthaltung des Täters angesichts der Komplexitäten und Zweifel, die ihm durch Denken offenbart und angeboten werden, würde zu einer Art Stasis führen, zu einer Art dauernden Zögerns, das dem Dramatischen (vor, sagen wir, Miltons Samson Agonistes oder den Immobilitäten Becketts) fremd ist. (...) In dem Maße, wie ich dem Stück näherkomme und in dieser Untersuchung hervorgehobene Aspekte hinter mir lasse, ist das Vergeuden von Stille, von gehörtem aber nicht beachtetem Verstehen das, was den Eindruck von etwas Zentralem zu machen beginnt."
Anmerkungen:
269 Vgl. zum Zusammenhang von neolithischer Residenz und der Entstehung gentiler Identität: Wesel , S. 201-14.
270 S.o.: I.C.
271 Hier ist die Rede offensichtlich von den Titel heldInnen, weniger von ihren GegenspielerInnen.
272 Der Begriff von Max Weber nach Meier (1988), S. 43f.
273 Die Übersetzung von Lloyd-Jones .

Antigone-Grabung von Jens Wirsching steht unter einer Creative Commons Attribution-NoDerivs 3.0 Germany Lizenz. Antigone-Grabung steht im Netz auf www.engel-und-krise.de seit dem 19. November 2008. Über diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse können Sie unter www.engel-und-krise.de/lizenzen erhalten.
Sie dürfen dieses Stück Poesie kopieren, drucken, aufführen und beliebig weiter verbreiten, verändern dürfen Sie es nicht, es sei denn, wir werden uns darüber einig. Wenn Sie Ihrerseits gerne etwas geben möchten, finden Sie hier meinen Hut.
