Dieser Arbeit liegen folgende Thesen zugrunde:
1. Die Antigonefigur ist die positive Ausgestaltung der Negation der Kreonfigur.
2. Die Kreonfigur ist Gegenstand der tragisch-experimentellen Untersuchung, die Antigonefigur ihre Methode.
3. Die Kreonfigur ist in Rede und Handlung (bis zum Abgang des Teiresias) nichts als die konsequente Durchführung bürgerlicher Kosmologie in der Gestalt dramatischer Personalisierung.
4. Die Antigonefigur ist in Rede und Handlung nichts als die konsequente Durchführung gentil spezifizierter nomistischer Kosmologie in der Gestalt dramatischer Personalisierung.
5. Jede Deutung, die für Rede und/oder Handlung beider oder einer der beiden Figuren (eingeschränkt für Kreon: bis zum Abgang des Teiresias) irgendein Motiv oder irgendeine Kausalität behauptet, die sich nicht streng und eindeutig aus den Axiomen der jeweiligen Kosmologie herleiten, ist insofern falsch.
5.1. Insbesondere handelt und redet Antigone nicht so, wie sie es tut, aus Motiven oder Kausalzusammenhängen von:
- Weiblichkeit;
- Emotion;
- Naturwüchsigkeit;
- Gewissen;
- Todesverfallenheit;
- Humanität;
- Jugend;
- Selbstherrlichkeit.
5.2. Insbesondere handelt und redet Kreon nicht so, wie er es tut, aus Motiven oder Kausalzusammenhängen von:
- persönlich-charakterlicher Unzulänglichkeit, als da wären:
Männlichkeit;
Grausamkeit;
Sturheit;
fortgeschrittenes Alter;
Machtbesessenheit;
Borniertheit;
moralische Verderbtheit;
Gefühllosigkeit;
- politischer Inkorrektheit, als da wären:
Tyrannentum;
Despotentum;
Demokratiefeindlichkeit (Autoritarismus);
Militaristentum.
6. Keine der beiden Figuren handelt oder redet auf der Grundlage irgendwelcher 'Ideen'. Ausschließliche Grundlage ihrer Handlungen und Reden sind die Gesetze der Ordnungen, die sie figurieren (Einschränkung zu Kreon: s.o.). Diese Gesetze unterscheiden sich von 'Ideen' durch ihre Gesetzeskraft, die sie aus ihrer Ableitung von gesellschaftlicher Notwendigkeit beziehen. Beiden zur Darstellung gebrachten Ordnungen kommt historische Evidenz zu. Also arbeitet die Antigone an der Wahrheit, ein Relativismus in ihrer Rezeption ist von daher unzulässig.
7. Beide Figuren sind gleichermaßen tragische Figuren.
8. Der Antigone ist weder mit gesundem Menschenverstand noch mit positivistischem Wissenschaftsverständnis beizukommen. Zu ihrem Verständnis bedarf es jenes an sich selber krank gewordenen Denkens, mit dem die fortgeschrittensten Köpfe der Zeit ihrer Abfassung bereits inkubiert waren, des dialektischen.
9. Der 'Sinn' der Tragödie ist negativ: Gott ist tot - Die Städte sind aus seiner Leiche - Je mehr die Leiche verwest, desto wirklichkeitsmächtiger wird ihr Gift.
10. Die Menschen der Städte brauchen die Städte.

Antigone-Grabung von Jens Wirsching steht unter einer Creative Commons Attribution-NoDerivs 3.0 Germany Lizenz. Antigone-Grabung steht im Netz auf www.engel-und-krise.de seit dem 19. November 2008. Über diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse können Sie unter www.engel-und-krise.de/lizenzen erhalten.
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