Angel hatte noch lange die erste Bebauung nicht erreicht, trabte unverdrossen durch das Brachland längs der Ausfallstraße, sein Anflug von Begeisterung war mittlerweile ein wenig verflogen durch die viele Bewegung, als er hinter sich die Reifen eines PKWs quietschen hörte. Es hat ja etwas erregendes, einen Unfall zu sehen, in den man nicht verwickelt ist, also hielt Angel inne und drehte sich um. Es gab keinen Unfall. Eine schwarze Peugeot-Limousine war im Grünzeug neben der Fahrbahn zum Halten gekommen, stand einen Moment in einer gewaltigen Staubwolke, dann wurde deutlich hörbar der Rückwärtsgang eingelegt, und der Wagen schlingerte auf Angel zu.
Nicht ganz ungefährlich das Manöver, brieten doch im Abstand von einem Meter die anderen Fahrzeuge mit achtzig oder hundert Sachen an der hübsch teuren, nagelneuen Karosse vorbei. Angel wusste nicht recht, worauf er sich nun einzustellen hatte, das riskante Manöver galt ziemlich eindeutig ihm. Er trat einige Schritte zurück in das aschgraue Gras und gab so dem Fahrer Gelegenheit, neben ihm zum Stehen zu kommen. Die Beifahrertür wurde aufgestoßen und Angel bedeutet, er möge einsteigen.
Es war nicht ungewöhnlich, dass Autofahrer anhielten, auch wenn man keinen Daumen rausgehalten hatte. Auch hatten schon Fahrer auf dem Standstreifen von Autobahnen gehalten, was ja verboten war, um Angel vor der nächsten unfreundlichen Visite der Autobahnpolizei zu bewahren. Aber das hier war offensichtlich der Hit, zumal er unverkennbar in der entgegengesetzten Richtung unterwegs war. Es verschafft ein erhebendes Gefühl, wenn manchmal Leute sind, die irgendetwas einsetzen, nur um einem, der sich so ganz allem aussetzt, etwas Gutes zu tun.
Angel steckte den Kopf ins Wageninnere, um sich zu bedanken, um sich sehr zu bedanken, weil man solchen Leuten auch zeigen muss, dass man das überhaupt nicht selbstverständlich findet; dass man das bemerkt hat, dass die etwas besonderes getan haben; dass das angekommen ist, egal ob man tatsächlich mitfährt. Damit die das nächste Mal, wenn vielleicht ein anderer sie wirklich braucht, damit die sich erinnern, dass es gut ist, einem anderen etwas Gutes zu tun.
Gerome stellte die Musik ab, nahm seine Sonnenbrille aus dem Gesicht und drückte die Zigarette in den Ascher. "Steig ein!"
Angel war wie vor den Kopf geschlagen, den er also aus dem Wageninneren zurückzog, um wortlos seinen Weg fortzusetzen. Seine Knie zitterten, nicht weil er Angst hatte, es war nur dieses vollkommen Unerwartete. Du denkst irgendetwas Schönes und plötzlich steht das absolute Arschgesicht vor dir und sagt, "Steig ein!"
Gerome meinte es offensichtlich ernst, er setzte erneut zurück, zwang so Angel, wieder auf Seite zu treten, zog an ihm vorbei, hielt an und stieg aus. "Bitte, Sven, steig ein, ich bitte dich."
Angel hatte nicht die leiseste Ahnung, was der Mann von ihm wollen könnte. Es kotzte ihn an, dass der Sven zu ihm sagte. Außerdem: Wenn der ihm etwas zu sagen hatte, so konnte er das hier auf freiem Feld tun. "Wenn du dich wegen gestern entschuldigen willst, dann kannst du das auch hier", versuchte es Angel in möglichst ruhigem Ton, als er bis auf einige Schritte herangekommen war. Er wollte auf keinen Fall so dastehen, als würde er sich von Gerome noch einmal einschüchtern lassen. Gerome wusste offensichtlich nicht, was er sagen sollte und stand etwas unbeholfen im Grasland. Angel dachte, na gut, dann nicht, und nahm sich vor, ganz gelassen aber bestimmt an Gerome vorbei zu gehen, ohne ihn eines weiteren Blickes zu würdigen. Er setzte sich in Bewegung, da trat ihm Gerome in den Weg.
Sie standen sich unmittelbar gegenüber, ein wenig wie Vater und Sohn im Märchen, wenn der Sohn Abschied von zu Hause nimmt, um in die Welt hinauszugehen. Gerome vervollständigte das Bild, streckte seine Arme aus und legte seine Hände um Angels Schultern, als wolle er mit väterlichem Stolz deren Kraft bemessen. Es hätte aber auch jene Stelle aus den Märchen sein können, wo der verloren geglaubte Sohn zum Haus des Vaters zurückkommt, jetzt seinerseits ein Mann nach allem, was er erlebt und bestanden hatte, und wo der Vater, nunmehr ein alter Mann, dem Sohn verzeiht, den Fluch zurück nimmt, mit dem er ihn vor langen Jahren aus dem Haus gejagt hatte, und Tränen des Glückes, des Schmerzes auch und schließlich Tränen der Dankbarkeit weint, weil der Sohn ihm seinerseits verziehen und den Weg zurück zu seinem Haus gesucht hat.
"Junge", presste Gerome mit der Heiserkeit heraus, die kommt, wenn sich die Kehle zusammenschnürt, "steig jetzt bitte ein." Angel hätte nicht sagen können, warum er gehorchte. Vielleicht wegen der Heftigkeit, mit der Gerome ihn bat.
Mühelos steuerte Gerome den Wagen zurück in den Feierabendverkehr. Angel ließ ihm Zeit, Gerome war nicht sicher, wie er es anfangen sollte. "Es tut mir sehr leid, wegen gestern Abend", kam es nach einigen Kilometern von hinterm Lenkrad.
"Schon gut." Angel sah aus dem Seitenfenster.
"Wo willst du jetzt hin?"
"Weiß nicht", log Angel, der keine Lust hatte, dass Gerome wusste, wo er hin wollte. Dann blieb es eine Weile still. Angel meinte, dass er Gerome nichts schuldig war, und dass es dessen Angelegenheit war, die Unterhaltung zu gestalten, das war ihm gestern auch hervorragend gelungen.
Er wollte Musik anmachen, um die gespannte Atmosphäre zu überspielen. "Nein, lass das", befahl Gerome nervös und nahm Angels Hand vom CD-Spieler.
Er steuerte eine Tankstelle an, und Angel hielt das für einen geeigneten Ort, der merkwürdigen Fahrt ein Ende zu bereiten. "Vielen Dank für's Mitnehmen", gab er kurz angebunden zu verstehen und öffnete die Beifahrertür.
"Ich wollte, dass du weggehst. Ich wollte nicht, dass du dableibst."
"Tatsache?" Angel fühlte sich jetzt sicher. "Sonst noch etwas?" Er machte es Gerome nicht gerade leicht, aber was ging's ihn auch an.
"Mir ist nichts besseres eingefallen", sagte Gerome. Angel war halb ausgestiegen, als er nachsetzte: "Ich wusste nicht, wie ich anders verhindern sollte, dass es Luc mit dir macht."
Wenn man aus einem Auto steigt, gibt es einen kurzen Moment, in dem man verdreht, irgendwie auf halb acht, teils hängt, teils steht, und wo man nur mit Schwung wieder in eine halbwegs stabile Position gelangt. Genau in dieser verkorksten Haltung hatte es Angel erwischt. Er blieb da so, halb stehend, halb hängend, auf halb acht eben, und hatte wieder Lucs Schwanz im Mund. Er hatte nicht mehr daran gedacht, aber mit einem Mal hatte er wieder diesen riesigen Schwanz in seinem Mund. Dann sank er widerstandslos zurück in den Beifahrersitz.
"Luc und ich hatten eine Vereinbarung. Ich war nie sicher, ob er sich daran hält, jedenfalls war ich wie versteinert, als ich dich gestern bei ihm sah." Angel hörte Gerome wie von großer Entfernung etwas sagen. Keine Ahnung, was. Dann begann er den ganzen Wagen abzusuchen. Auf dem Rücksitz lag sein Rucksack, er kramte darin herum, zog die leere Wasserflasche hervor, ließ sie abwesend in den Fußraum fallen, öffnete das Handschuhfach, zog die Karten heraus und ließ sie fallen, schob dann einen kleine Pistole zur Seite und fand schließlich, wonach er offensichtlich gesucht hatte. Er öffnete den versilberten Flachmann und nahm einen tiefen Schluck Cognac. Sein Mund war trocken, er hatte das Gefühl zu ersticken.
Der Cognac brannte das Gefühl aus seinem Mund, Angel nahm noch einen Schluck und dankte der Menschheit, dass sie im Laufe ihrer Entwicklungsgeschichte so hervorragende Mittel zur Gefühlsimmunisierung hervorgebracht hatte. Mechanisch reichte er den Flachmann in Richtung Fahrersitz. Gerome, der nicht genau wusste, was gerade abging, nahm zur Vorsicht einen Schluck. Vielleicht hatte die Geste etwas zu bedeuten, was er jetzt nicht ablehnen durfte. Dann kramte er seine Zigaretten hervor und bot Angel eine an.
Nur damit an dieser Stelle keine Missverständnisse entstehen, Angel trank und rauchte so gut wie nie, er fand das affig, wie die Leute in seiner Klasse eines Tages angefangen hatten, sich mit dem Konsum dieser Scheiße voreinander zu produzieren. Er hatte sich davon betont abgesondert und sich einem rüden Abstinenz-Programm verschrieben. Das war ihm aber auch irgendwann affig geworden. Er hatte keine Lust mehr gehabt, wenn ihm jemand etwas anbot, den Moralischen rauszuhängen und stundenlang irgendetwas zu erklären, anstatt zu genießen, dass da jemand war, der einfach mit dir eine rauchen will.
Angel nahm eine Zigarette, Gerome gab ihm Feuer, und sie rauchten und schwiegen. Gerome machte Musik an. Er hatte das Gefühl, dass in Sven gerade etwas vorging, was er nicht unterbrechen wollte, und dass er ihm mit der Musik zeigen konnte, dass er sich Zeit lassen möge.
"Sven", setzte Gerome nach einer Weile an, wurde aber unterbrochen.
"Ich heiße nicht Sven", zischte Angel, und hätte sich im gleichen Augenblick in den Arsch beißen können.
"Wie?"
"Nichts."
"Wie willst du, dass ich dich nenne?"
"Nenn mich, wie du willst. Es ist mir egal."
"O.k., Junge, wie du meinst. Mein Name ist Gerome Detienne, ich bin Rechtsanwalt."
Gleich gibt er mir seine Karte, dachte Angel.
"Hier ist meine Karte", sagte Gerome Detienne, und, Arschloch, dachte Angel.
"Du hast die Beretta im Handschuhfach gesehen?"
"Was habe ich im Handschuhfach gesehen?"
„Die Beretta, meine süße klein 9-MM-Wumme.“
„Ja Hab ich gesehen.“
"O.k., ich werde dir jetzt einiges über mich, auch über Luc erzählen", fuhr Gerome fort. "Seit ich dich gestern das erste Mal gesehen habe..."
Er unterbrach sich, offensichtlich war er unsicher. "Den habe ich immer bei mir." Angel hatte die Beretta prüfend in die Hand genommen. "Es ist nur eine Kugel im Magazin. Manchmal nehme ich sie heraus und schaue sie lange an. Es ist meine Kugel." Dann schwieg Gerome. Die Leute gingen am Wagen vorbei, Angel sah nach einem Mädchen, in seinem Alter vielleicht. Sie nuckelte an einem Eis, er wäre gerne mit ihr weitergefahren.
"Gefällt sie dir?" Gerome entging nichts.
Was geht dich das an, dachte Angel. Er wandte sich abrupt um: "Was willst du von mir?"
"Dir helfen!", zischte Gerome überdreht, startete den Motor und raste mit gefährlicher Geschwindigkeit zurück auf die Schnellstraße. Erst nach einigen halsbrecherischen Überholmanövern hatte er sich wieder im Griff. "Du musst mir Zeit lassen! Was ich dir erzählen will, das habe ich noch nie jemandem erzählt. Außer Luc." Er sagte das mit einer Bitterkeit, als wäre er schrecklich verraten worden. "Luc und ich, wir kennen uns seit vielen Jahren. Wir lernten uns in deinem Alter kennen. Das war in der Zeit, wo man damals seine ersten Erfahrungen sammelte, auch sexueller Art. Entschuldige, ich würde dich damit nicht behelligen..."
Angel hatte schon viele Männer beichten hören. Es hatte immer etwas merkwürdiges, wenn ausgewachsene Männer, die mitten im Leben standen, die ansonsten so gar keine Schwächen zeigen durften, die teilweise ganz oben standen auf der Karriereleiter, ihm, einem herumstreunenden Jungen, von ihren Problemen erzählten, und dabei mit Geschichten herauskamen, dass man nicht mehr wusste, was man sagen sollte. Er hatte immer das Gefühl, die nehmen ihn mit und so, und irgendwann nach hundert Kilometern merken sie, dass jemand besonderes mit ihnen fuhr, der mehr zuließ als andere. Schließlich würden sie den Jungen nie wieder sehen, er wusste ihre Namen nicht, es war also risikolos; das ganze war zeitlich beschränkt, es ging eben solange, wie sie ihn mitnehmen konnten, und so nutzten sie die Gelegenheit und packten aus, aber da gab es dann kein Halten mehr.
Hier verhielt es sich anders. Angel hatte die Visitenkarte von Gerome, und das ganze war kein Zufall, Gerome hatte es offensichtlich darauf angelegt. Wenn er jetzt echte Dinger auspacken würde, dann würde er damit Angel Macht über sich geben. Dabei hatte Gerome wirklich keinen Anlass, ihm zu vertrauen. Angel blickte jedenfalls bei Gerome immer noch nicht durch. Vielleicht war es das, weshalb er allmählich begann, aufmerksamer zuzuhören.
"In der Nähe der schäbigen Siedlung, wo wir wohnten", begann Gerome etwas mühsam zu erzählen, "lebte in einer ramponierten Hütte, ein älterer Herr, wir nannten ihn den Professor, weil er sehr viele Bücher besaß und alles zu wissen schien. Er lebte zurückgezogen, war ein echter Kauz, liderlich könnte man sagen. Aber mich hatte er offenbar gern, er lud mich ein, immer wieder zu kommen, er erzählte mir viel über die Welt, den Krieg, die Zukunft, und er zeigte mir seine Bücher.
Ich brachte Luc da mit hin, der Professor hatte mich gefragt, ob ich nicht ein paar Freunde mitbringen wollte, er würde uns dann etwas ganz besonderes zeigen. Manchmal werfe ich mir heute noch vor, dass ich Luc mit hineingezogen habe, aber Luc will davon nichts wissen. Der Professor zeigte uns Aufklärungshefte, wie er sagte, das waren, was es damals an Schwulenpornos gab, verbotene, ziemlich schlechte Drucke von irgendwelchen Männern, die sich die Schwänze in den Rachen schoben, oder in den Arsch, naja, du weißt schon. Irgendwann ging er zum praktischen Aufklärungsunterricht über. Wir mussten uns ausziehen, auch er zog sich aus, und wir sahen zum ersten Mal einen nackten Mann. Dann hat er das alles auf den Fotos mit uns gemacht.
Er sagte, wir seien jetzt ein Männerbund, und da gilt einer für alle und alle für einen. Er wäre als Ältester dafür verantwortlich, dass es uns an nichts fehle, er gab uns Geld, auch Bier und Zigaretten, versorgte uns mit der modernsten Literatur, immer, wenn etwas erschien, dann hatten wir das, noch bevor es in die Buchläden kam. Wir wurden in der Schule die absoluten Durchblicker. Den Lehrern war das unheimlich, aber sie fragten nicht danach, auch um sich keine Blöße zu geben, oft wussten wir mehr als sie. Jedenfalls waren wir auch ein Geheimbund. Unser Vorsprung vor den anderen basiere darauf, so sagte der Professor, dass wir die geheime Quelle unseres Wissens niemals verrieten. Hörst du mir zu?"
Angel hatte Gerome die ganze Zeit über nicht angesehen. Er tat es auch jetzt nicht. Mit einer Spannung, als müsse er noch immer auf der Hut sein, sah er aus dem Fenster, immer in der gleichen Richtung. Er machte keine Anstalten, zu reagieren. Dann nestelte er aus der Ablage zwischen den Sitzen die Zigarettenschachtel hervor, nahm sich eine zweite Zigarette und bat um Feuer. Gerome beeilte sich, dann fuhr er fort.
"Die Geschichte mit dem Professor endete, als wir zum Militär eingezogen wurden. Danach besuchten wir ihn nur noch sporadisch, es wurde auch nur geredet, nichts mehr mit Aufklärungsunterricht. Luc und ich verloren uns während des Militärdienstes aus den Augen, wir waren an unterschiedlichen Orten stationiert.
Das kam dann erst wieder, als wir in Paris auf die Universität gingen, da nahmen wir unseren geheimen Männerbund wieder auf, zunächst nur wir zwei, später nahmen wir auch andere Studenten auf, jüngere Semester, für die wir die Ältesten waren. Das ging alles ziemlich schnell, geriet ein stückweit außer Kontrolle, das waren diese bewegten Jahre mit den politischen Revolten, naja, und eben auch mit dem, was später die sexuelle Revolution genannt werden sollte. Es galt damals, kein Tabu übrig zu lassen, und wir waren flott dabei, auch Jungs aus den umliegenden Gymnasien in unseren Bund mit aufzunehmen. Die bekamen bei uns alles, Drogen, politische Theorie und eben unseren Aufklärungsunterricht beziehungsweise die Erziehung zu sexueller Freiheit, wie wir das nannten.
Es wurde schick, sich mit Leuten aus den untersten Schichten der Gesellschaft zu umgeben, und so gingen wir dazu über, die Gymnasiasten Gymnasiasten sein zu lassen und rekrutierten unseren Nachwuchs direkt vom Strich, vom Pariser Straßenstrich, zum Teil blutjunge Kerle, Vagabunden wie dich, die auf Drogen waren, und mit denen wir alles machen konnten, alles. Wie gesagt, es ging damals alles sehr schnell."
Gerome machte eine Pause. Er sah zu Angel hinüber. "Ich nehme an, du weißt, warum ich dir das erzähle?"
"Ich habe nicht den leisesten Schimmer." Wollte Gerome sich für Luc entschuldigen? Oder selber etwas mit Angel anfangen? Angel kannte die Art, wie Männer von Liebe reden, wenn sie dir ans Leder wollen, wie sie dabei schnaufen und Fäden ziehen. Gerome aber sprach anders, anders auch als die beichtenden Männer. Irgendwie klang alles zurechtgelegt, als wolle Gerome auf ihn hinaus, überlegte Angel. Sie fuhren eine weitere Tankstelle an, Gerome musste auf Toilette, Angel ging auch. Wie er Gerome breitbeinig vorm Pissoir stehen sah, entschied er sich für eine Kabine.
Es war dunkel geworden. Für einen Moment überlegte Angel, ob er sich absetzen sollte. Doch er wartete auf Gerome, der noch im Tankstellenshop ein paar Kleinigkeiten zu essen, neue Zigaretten und Cola besorgte. Als er zurück kam, hatte er den Arm voller Zeug, Angel musste lächeln, irgendwie hatte der auch etwas fürsorgliches. Er stieg also wieder ein.
"Wo wollen wir eigentlich hin?", fragte Gerome.
"Ich weiß nicht." Angel hielt es nicht für nötig, sich länger cool zu geben. Auch hatte er nicht mehr die rechte Lust, zurück zu Luc zu fahren, das mit dem Schwanz steckte ihm noch in den Knochen. Es hatte etwas abgefucktes, zu erfahren, dass das kein Zufall oder wenigstens nur so über Luc gekommen war, sondern dass es offensichtlich die Masche von ihm war. Angel fühlte sich benutzt. Sollte auch das verzweifelte Gewimmer auf der Türschwelle nur Show gewesen sein? Doch das war zu echt gewesen, er hatte ja Lucs Verzweiflung noch bis zur Haustüre spüren können; das war nicht gespielt gewesen, das hätte er gemerkt.
"Nach Westen", probierte es Angel zögerlich. Gerome lachte und schüttelte den Kopf. "Nach Westen! Wie konnte ich das vergessen?" Es dauerte nun eine ganze Weile, ehe Gerome den Faden wieder aufnahm. Sie beschäftigten sich derweil mit dem Proviant. Die Fahrt gewann, je dunkler es wurde, an Gemütlichkeit, jedenfalls für Angel. Er war immer für Nachtfahrten zu haben. Allein irgendwo draußen im Dreck seinen Schlafsack ausbreiten war mitunter eine trostlose Angelegenheit. Er lehnte sich zurück. Er hätte jetzt gerne Musik angemacht, aber Gerome schien noch nicht fertig zu sein. Angel öffnete eine Tüte mit Erdnüssen.
"Es war, als ich mich auf mein Examen vorbereitete, da machte ich mir klar, dass das so nicht weitergehen konnte." Gerome sprach leiser, es dauerte auch länger zwischen den Sätzen. "In dem Beruf, auf den ich mich vorbereitete, da ist es schon so, dass man unbescholten sein muss. Das gesellschaftliche Klima hatte sich auch gewandelt: Zuungunsten dessen, was wir politisch und anderweitig getrieben hatten. Ich bekam Depressionen, auch einfach Angst, dass einer von den Jungs, die wir zu uns genommen hatten, irgendwann irgendwo auspacken könnte. Schließlich war, was da gelaufen war, mächtig strafbar. Von einem Tag auf den anderen machte ich einen Schnitt, ich stieg aus aus unserem Bund und schwor, dass von jetzt ab nichts, aber auch gar nichts mehr in der Richtung laufen sollte. Ich machte mein Examen mit Auszeichnung und zog so schnell wie möglich weg von Paris, ging für einige Jahre ins Ausland, wo ich dann auch eine Frau kennenlernte.
Wir heirateten. Es zog mich zurück nach Frankreich, das war, als meine Frau schwanger wurde. Ich gründete hier mein Anwaltsbüro, hatte Erfolg und war viele Jahre glücklich. Es ist oft nicht so, dass man entweder-oder ist, verstehst du. Ich liebte meine Frau sehr und tu es noch."
Gerome erzählte immer zögerlicher, dann sprudelte es wieder nur so aus ihm heraus. Nervös nestelte er am Schaltknüppel, schaltete mitunter, wo es nichts zu schalten gab, überholte und fuhr daraufhin so, dass die Laster hinter ihnen hupten. Angel, der einiges an Fahrverhalten vertrug, hatte sich angeschnallt und hielt sich am Türgriff fest, hütete sich aber, etwas zu sagen. Gerome atmete tief durch und versuchte eine erträgliche Sitzhaltung zu finden. Dann entschuldigte er sich mehrfach, dass er Angel mit seiner Geschichte behelligte. Angel gab sich Mühe, ihm klar zu machen, dass das jetzt einmal o.k. sei, und dass er gerne hören wolle, wie es denn weiter gegangen, ja, dass es ihn wirklich interessiere.
"Wie gesagt, wir waren viele Jahre sehr glücklich, wir waren eine richtige Familie, meine Frau und ich und der Kleine", mühte es sich aus Gerome hervor. "Scheiße! Wir waren eine glückliche Familie!" Dann versuchte er eine Weile, sein Heulen in den Griff zu bekommen. Angel fand das nicht peinlich. Er hatte Mitleid, wusste aber nicht, was er machen sollte. Ab und zu kontrollierte er die genaue Position auf der Fahrbahn, ob Gerome da noch alles im Griff hatte; das ging aber offensichtlich soweit klar.
Schließlich entschied er sich, Gerome seine Hand auf die Schulter zu legen, um ihn zu trösten oder zumindest zu beruhigen, doch riss es Gerome wie einen Epileptiker aus seinem Ledersitz. "Fass mich nicht an!", schrie er Angel an, hielt seinen Zeigefinger direkt unter dessen Nase, und wiederholte, während Angel versuchte, seine Hand möglichst unauffällig von dem Pulverfass zu ziehen, "Fass mich nie wieder an, nie wieder! Hast du mich verstanden?"
Angel sah aus der Wäsche wie ein Kind, das man zu Unrecht geschlagen hatte. "Ob du mich verstanden hast?", wollte Gerome wissen.
Angel nickte zur Vorsicht. Als wäre mir daran gelegen, dich anzufassen! "Könntest du hier anhalten bitte, ich möchte aussteigen."
"Gib mir noch ein paar Minuten", bat Gerome. "Ich setze dich ab, wo du willst, ich bezahle dir ein Hotel, aber gib mir noch ein paar Minuten. Ich werde mich beeilen, bitte."
Es ist merkwürdig, Angel konnte immer ganz schlecht nein sagen, eigentlich konnte er es überhaupt nicht.
"Es ging wieder los, als mein Sohn zehn war - ungefähr, genau weiß ich es nicht mehr. Ich verfluchte mich, ich versuchte alles, ich ging in Therapie, aber ich konnte es nicht abstellen. Immer wieder kam das, eine Zwangsvorstellung, selbst am Schreibtisch: Überall holte es mich ein, dass ich mir vorstellte, wie ich meinen Jungen ausziehe und ihm einen runterhole. Spätestens da versuchte ich, die Phantasie abzubrechen, aber wie von alleine ging sie weiter, wie ich ihn dann auf den Bauch drehe und meinen Schwanz in seinen kindlichen Anus stecke. Ich bin verflucht, Junge, glaub mir, ich bin dazu verflucht, das ist keine Krankheit und keine Vorliebe mein Junge, das ist ein Fluch.
Ich besuchte wieder den Straßenstrich, meistens in Paris, wo ich beruflich oft hin musste, später auch hier in der Stadt. Ich hoffte, so verhindern zu können, dass ich eines Tages wirklich bei meinem Jungen anfange. Ich dachte, lieber mit den Strichern, für die ist die Geschichte eh gelaufen. Es half nichts. Ich habe meinen Jungen an seinem zwölften Geburtstag zum Geschenk in den Arsch gefickt, ich habe ihm gesagt, das sei, weil er jetzt bald ein Mann werde, und da würde ich jetzt mit ihm Aufklärungsunterricht machen."
Gerome heulte ungebremst, er schrie fast, aber er schrie seine Geschichte tapfer zu Ende. "Mein Junge ist vierzehn geworden," schrie er, "dann kamen zwei Beamte von der Polizei und teilten uns mit, dass er sich von einer Autobahnbrücke gestürzt hatte."
Gerome war fertig und wimmerte; keiner der beiden wusste später, wie der Wagen auf dem Grünstreifen zu stehen gekommen war. Angel dachte nicht mehr daran, auszusteigen, irgendwann zündete er sich eine dritte Zigarette an, auch er hatte geheult. Vielleicht hatte er daran gedacht, wie oft er selber auf Autobahnbrücken gestanden hatte.
Es machte jetzt keinen Sinn mehr, weiter zu fahren. Sie suchten einen Waldweg, stellten den Wagen ab, und Angel organisierte auf einer freien Fläche ein Feuer. Es war eine angenehme Nacht, der Wald roch nach Kräutern, und Angel tat es gut, sich zu bewegen. Er war benommen gewesen, als er aus dem Auto gestiegen war. Gerome saß lange Zeit regungslos am Feuer, dann wimmerte er wieder ein Weilchen, zitterte auch, aber schien sich im ganzen allmählich beruhigen zu wollen.
Irgendwann fing er wieder an zu sprechen, ohne nach Angel zu sehen, der gerade im Wagen nach der Rotweinflasche suchte. "Es hat nie jemand davon erfahren, nicht einmal meine Frau. Weißt du, wenn du erst einmal eine bestimmte Stellung hast in unserer Gesellschaft, dann fragt auch niemand mehr so genau. Ich kann dir aus dem Stegreif ein gutes Dutzend Männer sagen, deren Namen hier jeder im Land kennt, die du mindestens wöchentlich vor irgendeiner Kamera siehst, und die es mit ihren eigenen Kindern treiben oder mit anderen. Manche lassen sich die Jungs zuführen, das ist komplett organisiert. Den Geheimbund, zu dessen Gründern ich mich zählen darf, den gibt es noch immer, Scheiße, und da laufen regelrechte Rituale ab mit Jungs. Von den Mitgliedern dieses Bundes, mein Junge, da verdient keiner unter sechzigtausend Franc im Monat. Aber wenn einer kein Recht hat, über andere zu urteilen, dann bin ich es."
"Möchtest du etwas trinken?", fragte Angel, als er mit der Rotweinflasche zurück kam. Ohne die Frage wahrgenommen zu haben fuhr Gerome fort, vor sich hin zu reden. Angel hörte halb zu, halb sah er ins Feuer, trank Wein und genoss das nächtliche Fuhrwerken der Vögel und Insekten.
"Nach dem Tod meines Jungen bin ich zu Luc gegangen. Irgendwem musste ich das alles erzählen. Außer dir ist er der einzige, der es weiß. Ich habe damals überlegt, mich selber anzuzeigen. Ich war krank vor Schuldgefühlen, das kannst du dir denken, ich bin es immer noch. Luc hat mir damals sehr geholfen. Er überzeugte mich, dass es niemandem helfen würde, wenn ich mich anzeige, dass es den Jungen nicht wieder lebendig macht. Er riet mir, ich solle versuchen, in meiner Funktion als Anwalt etwas zu tun, Kindern in solchen Fällen vor Gericht helfen, wenn nötig ohne Geld, gewissermaßen als Buße, die dann auch anderen etwas bringt. Und ich könne ja politisch etwas machen, die Rechtslage war damals für betroffene Kinder katastrophal, einiges haben wir schon ändern können, auch wenn es immer noch ein grausiges Verfahren ist.
Ich bin seinem Rat gefolgt. Mittlerweile werde ich von den entsprechenden Stellen regelmäßig empfohlen. Ich habe noch nie eine Mutter weggeschickt, die mit ihrem Kind ankam. Oder wenn Frauen aus den Beratungsstellen kommen, da tu ich alles, das schwöre ich dir. Das hilft mir ein wenig, auch wenn es mir oft nicht genügt. Manchmal muss ich Interviews geben, oder bei den Plädoyiers, da komme ich mir so scheinheilig vor, so verlogen, das kannst du mir glauben. Ich habe damals mit Luc eine Vereinbarung getroffen. dass wir es nie wieder machen, nie wieder, und dass, wenn einer mitkriegt, dass der andere es doch wieder macht, dass wir uns dann gegenseitig anzeigen. Jetzt verstehst du vielleicht, warum ich mich gestern so aufgeführt habe. Ich wollte dir das ersparen. Und vielleicht wollte ich auch mir und Luc ersparen, dass ich ihn anzeigen muss."
"Wirst du ihn anzeigen?"
"Ich weiß nicht. Wie alt bist du?"
"Achtzehn", log Angel.
Gerome lachte kurz. Es war sehr angenehm, dass er lachte, wenn auch nur kurz und leise. "Du willst ihn schützen?" Angel zuckte mit den Achseln. "Tja," seufzte Gerome, "wir verteidigen die, die uns kaputtmachen, noch wenn wir auf der Autobahnbrücke stehen, so läuft das eben."
Angel wollte etwas einwenden, ihm fiel aber nichts ein. "Wozu hast du die Pistole?", versuchte er das Thema wechseln.
"Für mich!" Gerome lachte wieder, er schien sich langsam zu erholen. "Für mich, mein Junge. Weißt du, Männer wie ich, die können sich ihrer nie sicher sein. Das ist der Fluch, verstehst du. Das ist wie bei einem Alkoholiker. Du machst Entzug, und dann geht das auch irgendwie. Aber nimm einen Tropfen Alkohol, und du hängst wieder an der Flasche, so ist das eben. Deswegen sollst du mich nicht anfassen, Junge, und wenn ich verrecke, deswegen. Wenn's eines Tages bei mir wieder losgeht, dann habe ich meine Beretta, und dann werde ich mich hüten, zu warten, bis Freund Luc mich anzeigt, dann werde ich das selber erledigen."
Angel wurde das im Moment etwas viel, der Rotwein machte seinen Kopf auch schwer. "Macht es dir etwas aus, wenn ich schon mal meinen Schlafsack raushole?" Er packte das Ding neben das Feuer. "Ich bin sehr müde, vielleicht können wir ja morgen noch reden." Angel fand sich schrecklich unhöflich, Gerome nach allem, was der erzählt hatte, mit seiner Müdigkeit zu behelligen, aber das ging plötzlich Schlag auf Schlag, dass er seine Augen kaum noch offen halten konnte. Er kroch in den Schlafsack und versuchte noch etwas freundliches zu sagen, aber da kam nicht mehr viel.
Gerome war zu sehr mit sich beschäftigt, um richtig zu registrieren, was in seiner Umgebung vor sich ging. Er redete einfach weiter. Im Einschlafen hörte Angel ihn noch sagen: "Warum ich dir das alles erzählt habe, ich weiß nicht, ob du dir darüber ganz im Klaren bist. Vom ersten Augenblick an, als ich dich gestern sah, da hatte ich das Gefühl, es dir förmlich anzusehen. Männer wie ich und Luc, wir haben da eine ganz eigene Hellsichtigkeit, wir sehen euch an, und dann wissen wir, dass wir es mit euch machen können. Ich will dir ja keine Angst machen, aber ich kann das sehen, dass du was hinter dir hast, etwas, wovon vielleicht nicht einmal du etwas ahnst. Das musst du raus kriegen, sonst bist du prädestiniert. Weißt du, wenn du nicht aufpasst, mein Junge, dann wirst du immer wieder in diese Geschichten hinein rennen, immer wieder, solange, bis du eines Tages selber damit anfängst, auf die eine oder andere Art. Das ist der Fluch, Junge, sieh dich vor. Deswegen habe ich dich heute auf allen Straßen gesucht, weil ich es dir ansehe. Ich wünschte, ich könnte dir helfen, Junge, ich sehe dich auf dieser schmalen Brücke tanzen, und du siehst nichts, weil du so jung bist, und ich will dich da runter holen, will dir helfen, will dich tragen, aber die Brücke ist nur für dich gemacht, sie trägt nicht zwei, du musst allein hinüber, und ich kann nur zusehen und Angst haben um dich, mein Junge."
Doch da war Angel längst eingeschlafen. Gerome hätte ihm gerne zum Abschied die Haare aus der Stirn gestrichen, ihn geküsst oder den Schlafsack noch etwas nach oben gezogen. Aber er verbot es sich und ging zurück zum Wagen.
Angel und Yve von Jens Wirsching steht im Netz seit dem 25. März 2009 unter der freien Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz.
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