Als Angel erwachte, war er eine Weile damit beschäftigt zu sortieren, wo er war, und wie er hergekommen war. Er hatte geträumt, er stehe allein auf einer Brücke. Weit unter sich sah er Schlangen, einen ganzen Strom von Schlangenleibern. Er beugte sich über das Geländer, um sie besser sehen zu können. Plötzlich stand ein Mann hinter ihm, vielleicht sein Therapeut, und sagte, er solle schnell kommen, er würde ihm helfen. Dann war der Mann aber weg, und Angel lief von der Brücke, ihn zu suchen. Er kam in einen Wald voller Geäst und Schlingpflanzen, durch die er kaum vorwärts kam. Plötzlich stand ein alter, hellgrauer Wolf vor ihm, der scheinbar krank war, seine Zunge hing herunter und der Speichel troff in langen Fäden davon zu Boden. Angel versuchte sein Messer aufzuklappen, weil der Wolf ganz langsam auf ihn zukam, doch es wollte ihm nicht gelingen. Ob und wie es dann weiterging, hatte Angel vergessen.
Wo war Gerome? Angel hatte damit gerechnet, dass auch er hier übernachten würde. Wahrscheinlich hatte er früh zur Arbeit gemusst, Angel hatte lange geschlafen. Trotzdem fühlte er sich wie gerädert. Er rappelte sich hoch und stellte fest, dass sein Schlafsack von einer dünnen Ascheschicht eingedeckt war. Der Wind musste gedreht haben. Es war auch kühler als die anderen Morgende. Angel sah zum Himmel: Dicke Wolken. Ihm war es gleich, er hatte Regenzeug dabei. Dann sah er sich um.
Er fand ein Häufchen von allem, was an Proviant gestern Abend übrig geblieben sein musste. Er würde sich zuerst über die Erdnüsse hermachen, dachte Angel, als er zwischen den Tütchen und Schachteln die Pistole fand. Er nahm ihn hoch, hielt ihn in der Hand, zielte in der Gegend herum, dann ließ er ihn wieder sinken und fragte sich, was er damit solle, was Gerome mit dem eigenartigen Präsent hatte bezwecken wollen. Es fiel ihm nichts gescheites ein.
Er verspürte Lust, das Ding auszuprobieren. Als er auf einen Baum anlegte, erinnerte er sich, dass angeblich nur eine Kugel darin sei, und da wäre es natürlich Verschwendung, die jetzt in so einen Baum zu ballern. Er versuchte, das Magazin herauszubekommen, fand den Sicherungshebel und stellte fest, dass es tatsächlich nur eine Kugel enthielt. Er fühlte sich nicht wirklich ernst genommen. Wenn schon eine Waffe, dann sollte sie wenigstens anständig geladen sein. Er ließ das Ding verächtlich fallen, erschrak, weil so Dinger ja losgehen können, hob es wieder auf und legte es zwischen zwei Wurzeln.
Während er dasaß und trockene Erdnüsse kaute, ließ ihn das Gerät nicht in Frieden. Er musste hinsehen, es in die Hand nehmen, weglegen undsoweiter. Eine Waffe ist kultig, ob man sie liebt oder hasst oder nicht anfassen will oder immer mit sich rumtragen, das alles spielt dabei keine Rolle, denn es ist, weil eine Waffe eben kultig ist, genau wie ein Handy, nur eben auf ihre Art, und vor allem: sie ist kultiger.
Angel nahm die Pistole und steckte sie in seinen Gürtel. Beretta. Als Vagabund fühlte er sich berechtigt, eine Waffe zu tragen, und anders herum berechtigte ihn die Pistole, sich als waschechter Vagabund zu fühlen. Das alles ging also ziemlich logisch auf. Er packte seine Sachen in den Rucksack, um einmal zu fühlen, wie es sich anfühlte, mit einer Pistole als ausgewiesener Vagabund durch die Weltgeschichte zu stiefeln. Zu diesem Gefühl muss erwähnt werden, dass es zunächst scheiße war, weil der Rucksack empfindlich auf die Beretta, die er hinten im Gürtel trug, drückte, dergestalt, dass der Lauf mittig in die eine Pobacke piekte. Angel löste das dann anders.
Zurück auf die Schnellstraße wollte er nicht. Ein Gefühl vollständigen Ausgelutschtseins bewog Angel, zu Fuß weiter zu ziehen, durch den Wald, westwärts. Er konnte sich nicht vorstellen, jetzt einem beliebigen Autofahrer die gewünschte Aufmerksamkeit entgegenzubringen. Er hatte davon in den letzten Tagen zuviel ausgeteilt und wollte seine Ruhe. So weit konnte es zur Küste nicht mehr sein, und wenn doch, auch egal.
Erst am Abend fand er den Briefumschlag, den er zunächst mit dem Proviant achtlos in den Rucksack geknüllt hatte. Er öffnete ihn und fand einen beachtlichen Stapel Fünfhundert-Franc-Schein, zählte sie und konnte es nicht fassen. Was Gerome ihm da zugesteckt hatte, das würde bei seiner Lebenshaltung nicht für Wochen, das würde für Monate reichen. Er hatte Skrupel, die Scheine einzustecken. Erst die Pistole, jetzt dieses Geld. Er nahm den Brief aus dem Couvert, faltete ihn auseinander und las:
Lieber Angel,
verzeih, dass ich Dich bei Deinem richtigen Namen nenne. Ich habe, als Du schon schliefst, Deinen Personalausweis angeschaut, um nachzusehen, wie alt Du wirklich bist. Entschuldige. Ich lasse Dir meine Beretta hier. Manchmal wünsche ich mir, einer wie Du würde einen wie Luc oder wie mich in einer Situation, wie Du sie vermutlich gestern Abend erlebt haben wirst, einfach abknallen. Ich habe auch das Gefühl, dass Du noch eine andere Rechnung offen hast. Rumballern ist keine Lösung. Aber manchmal ist es ein Anfang. Vielleicht schmeißt Du das Ding ja einfach weg. Dann ist es auch gut.
Ich wünsche Dir von Herzen alles Gute,
Dein Gerome.
Angel und Yve von Jens Wirsching steht im Netz seit dem 25. März 2009 unter der freien Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz.
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