Es wurde Abend. Die Batterie hatte Angel wieder eingebaut. Yve fragte sich, ob er an dem Motor herummanipuliert haben könnte. Sie traute ihm soviel Geschick einerseits und soviel Durchtriebenheit andererseits aber nicht zu. Im Gegenteil hielt sie ihn im Augenblick eher für einen ziemlichen Schwachkopf. Außerdem verhielt sie sich wirklich eklig genug, um jedermann, selbst diesem treuherzigen Schwachkopf, ihre baldmöglichste Abreise zu einem ureigensten Anliegen werden zu lassen.
Sie hatten gekocht, es wurde langsam kühler. Schweigend aßen sie. Als sie fertig waren, sagte Angel beiläufig: "Yve, ich liebe dich."
Er wollte das noch gesagt haben, er erwartete nichts davon. Er hatte nur gedacht, dass er sovieles nicht gesagt hatte bisher, dass er das zumindest noch gesagt haben wollte, bevor sie sich nicht mehr wiedersehen würden.
"Bitte?" Yve hatte eine ganze Weile gebraucht, um etwas erwidern zu können.
"Ich liebe dich, Yve."
Der war tolldreist. Das hätte ihm auch früher einfallen können. Jetzt waren jedenfalls die Züge abgefahren. Aber Yve hatte gehört, dass der das nicht gesagt hatte, um irgendetwas zu bewirken. Trotzdem fing dieser Scheißsatz an, bei Yve zu wirken.
"Weißt du noch, wie du gesagt hast, wir müssten da etwas miteinander klarmachen?", fragte Angel. Yve wollte aber jetzt nicht daran denken. Sie war mit den Nerven hinreichend durch von diesem verdammten Tag. Sie hatte bestimmt keine Lust, dem jetzt auch noch eine Heulorgie zu bieten.
"Bevor du fährst, wollte ich das noch klargemacht haben, tut mir leid", sagte Angel.
Yve heulte jetzt doch. Angel legte den Arm um sie. Er fühlte sich schäbig, sie zum Heulen zu bringen, um dann so den Arm um sie zu legen. Aber er hatte das nicht extra gemacht. Also heulte er mit.
Kurt kam aus seinem Versteck gekrochen, legte sich vor ihre Füße und wimmerte gleichfalls vor sich hin. Dann wurde es dunkel.
Sie legten sich das erste Mal seit ihrer ersten richtigen Nacht getrennt jeder in seinen eigenen Schlafsack. Das Feuer flackerte, es war Wind aufgekommen.
Angel konnte nicht schlafen, wozu auch. Auch Yve drehte sich hin und her. Angel begann, den Außenbezug ihres Schlafsackes zu streicheln. Er wollte ihr damit zeigen, dass er sich mit ihr versöhnen wollte, ob sie nun morgen fahren würde oder nicht. Er wollte ihr zeigen, dass er sie lieb hatte, nach wie vor. Er wollte, dass sie ruhig einschlafen würde. Er hätte jetzt nie in ihren Schlafsack gefasst, er wollte nicht irgendeine gelaufene Geschichte wieder hochkochen oder etwas in der Richtung. Er wollte einfach so den Außenbezug von ihrem Schlafsack streicheln.
Yve hoffte, dass er nicht mit seiner Hand in ihren Schlafsack käme. Die Hand nervte sie. Vor allem nervte sie, dass sie mitunter doch wünschte, dass seine Hand in ihren Schlafsack käme. Sie nahm Angels Hand, legte sie irgendwo in den Dreck und drehte sich auf die andere Seite.
Kurt hatte sich später zwischen die beiden gelegt und solange geschimpft, bis sich in seinem Fell zwei Hände trafen, sich hielten und nicht mehr losließen. Yve hatte das nur noch halb mitbekommen, kurz darauf schlief sie ganz ein. Angel hatte noch lange ihre Hand gehalten.
Yve erwachte, als der Motor von Mamsel Pekoe ansprang. Sie wusste nicht genau, wie lange sie geschlafen hatte. Richtig lang konnte es nicht gewesen sein. Sie richtete sich schlagartig auf. Du Arschgesicht! Hatte er also doch am Motor herummanipuliert. Sie kramte sich aus ihrem Schlafsack, als sie die Rücklichter hinter einer gewaltigen Staubwolke verschwinden sah.
Angel und Yve von Jens Wirsching steht im Netz seit dem 25. März 2009 unter der freien Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz.
Mehr über meinen Gebrauch freier Lizenzen erfahren Sie unter hier http://www.engel-und-krise.de/lizenzen.html.
Wenn Sie Ihrerseits gerne etwas geben möchten, finden Sie hier meinen Hut.
