engel-und-krise.de
Gedichte, Stücke und mehr von Jens Wirsching
» engel und krise » roman » Angel und Yve » Angel und Yve - Dritter Teil » Die Liebe 3
Die Liebe 3

Die Nacht, sie war angebrochen, ihre erste, richtige, gemeinsame Nacht. Sie roch nach Salz und weit entferntem, harzigen Nadelholz. Die beiden hatten noch lange auf ihrer Düne gesessen und auf das Meer hinausgesehen. Ob sie es sich nicht gemütlich machen wollten, fragte Yve, es war immer Yve, die im entscheidenden Augenblick die Initiative ergriff, auch ihr war das nicht entgangen.

Sie hatten sich bis auf die Unterhosen ausgezogen, hatten ihre Iso-Matten nebeneinander gelegt und waren je in ihren Schlafsack gekrochen. Sie hatten einander die Außenbezüge der Schlafsäcke gestreichelt, waren wohl auch atemlos die Haut ihrer Oberarme entlanggefahren, hinauf zu den Schultern, den Nacken entlang in die Locken und wieder zurück. Irgendwann hatte Yve den Reißverschluss geöffnet, hatte Angels Hand genommen und in das Innere ihres Schlafsackes gezogen. Angel ließ erschrocken seine Hand über ihre Taille gleiten, umfasste ihren Beckenknochen, hielt es da vor Aufregung nicht aus, ließ sie über die Taille zurückgleiten und auf Yves Schulterblatt vorläufig zur Ruhe kommen.

Yve öffnete dann auch Angels Schlafsack, Angel starb vor Aufregung, zumal als ihre Hand in die tieferen Bereiche hinabfuhr, ohne sich von seiner Erregung abschrecken zu lassen. Schließlich ließ auch er seiner Hand freien Lauf, dahin bei Yve zu wandern, wo ihre Hand bei ihm war. Er fühlte durch den dünnen Stoff der Unterhose die dunkle Wärme ihrer Scheide. Yve berührte sein Glied, das bei irgendeiner Gelegenheit die drangvolle Enge der Unterhose verlassen hatte. Sie hatte ihre Beine geöffnet für Angels Hand und der seine für ihre. Irgendwann hatte er es nicht mehr ausgehalten, und seine Hand war unter den dünnen Stoff gefahren, hatte sich ihren Weg durch das Schamhaar gesucht und zu weichen, offenen Lippen gefunden. Die Finger berührten diese so sanft, als seien sie das kostbarste, das es auf der Welt für Finger zu berühren gäbe. Und vielleicht ist das ja auch wirklich für manche Finger so. Yve ließ die Finger gewähren, öffnete die Beine noch ein wenig und spielte mit dem pulsierenden Glied in ihrer Hand.

Sie küssten sich dabei, und sie ließen das erste Mal ihre Zungenspitzen einander necken. Doch die Zungenspitzen wollten mehr und drangen nach einander, umschlangen sich und wurden gierig. Sie balgten und fuhren je in die tiefsten Gründe eines unbekannten Mundes. Das alles geschah in der Senke zwischen den Dünen, und das Meer warf vorsichtig kleine Wellen auf den Strand, während die Sterne eifersüchtig darüber wachten, dass niemand die beiden stören käme.

Es kam aber doch jemand. Weit hinten auf dem Parkplatz hörte man einen Motor, dann nicht mehr, es wurden Türen geschlagen, man hörte wohl auch Hundegebell und Kläffen, schließlich Jaulen, dann wurde noch etwas gerufen, wieder schlugen Türen zu, ein Motor heulte auf und ein Auto entfernte sich rasch. Dann wurde es still. Die beiden aber hatten in ihren wilden Zärtlichkeiten, hatten in ihrem verliebten Spiel und in ihrer wütenden Gier nach einander innegehalten, ihre Hände lagen noch da, wo sie nach etwas gefasst hatten, aber sie fühlten sich jetzt ertappt dort und zogen sich vorsichtig zurück.

Angel und Yve richteten sich auf. Beide waren sie merkwürdig ernsthaft, wie man es ist, wenn man sehr weit gegangen ist, und plötzlich das Gefühl hat, dass man sehr weit gegangen ist, und man sich erst einmal vergewissern muss, ob man noch man selber ist und ob auch sonst noch alles da ist und dasselbe ist. Und ein stückweit ist nichts mehr dasselbe, obwohl man noch alles wiedererkennt, stellt man dann befremdet fest. So saßen die beiden da und lauschten, ob weitere Geräusche kämen, es kamen aber keine.

Yve stand auf, öffnete den Rest ihres Schlafsackes, zog sich im weißen Mondlicht die Unterhose aus, die ja überwunden war, zeigte Angel, auch er möchte aufstehen, Angel versuchte, sein Glied in die dafür zu kleine Unterhose zurückzudrängen, stand auf, Yve breitete ihren Schlafsack über beide Iso-Matten, bedeutete Angel, auch seinen Schlafsack bis zum Fußende zu öffnen, dann legte sie ihren Körper in das schimmernde Mondlicht, während Angel gegen den Reißverschluss kämpfte, in den das Futter geraten war, ihn schließlich aufbrachte, über Yve seinen muffelnden Schlafsack breiten wollte, zuvor aber sich über ihre ausgestreckte Schönheit wundern musste, dann seinen Schlafsack doch über sie legte, schließlich sich daneben setzte und ein Ende des Textils über seine angewinkelten Beine zog: "Yve, ich muss dir jetzt etwas sagen." Er musste es ihr jetzt sagen, es war schon viel zu spät, aber jetzt musste er es sagen, schließlich war sie bereits ganz ausgezogen.

Yve hatte sich schlagartig aufgerichtet und suchte nach ihrer Unterhose. "Kondome habe ich dabei, wenn es das ist." Natürlich wusste sie, dass es das nicht war. Aber was immer es sonst sein würde, sie hatte keine Lust darauf.

"Yve ..." Yves Reaktion hatte es Angel nicht leichter gemacht. Es war ein Scheißaugenblick, das jetzt zu sagen. Es war ja nicht wirklich schlimm, auf jeden Fall wäre es nicht schlimm gewesen, wenn er es früher gesagt hätte. Jetzt machte es alles kaputt.

"Du hast Angst vor Frauen, stimmt's?" Yve hatte keine Lust, sich soweit vorgearbeitet zu haben, und jetzt das. Sie kam sich verarscht vor, schließlich hatte sie sich gerade ganz ausgezogen, und es ist demütigend, dann zurückgewiesen zu werden. Da muss einer vorher etwas klarmachen, oder er ist ein Oberarsch.

Angel musste schlucken. Es war für ihn sehr wichtig, dass er nicht schwul war, schließlich war er lange nicht sicher gewesen. Ob sie spürte, dass er etwas mit Männern gehabt hatte? "Nein, das ist es nicht, ich habe keine Angst vor Frauen."

"Pfff!" Natürlich hast du Angst vor Frauen, dachte Yve, alle Typen haben das. "Also, was ist los, bist du impotent? Hast du AIDS oder bist du schwul?"

Angel starrte wütend vor sich hin. Das ausufernde Schweigen wurde nur ab und an durch ein fernes, klägliches Jaulen unterbrochen, dann war es wieder still.

"Hal-lo Sve-en! Lebst du noch, oder bist du jetzt auch noch unter die Taubstummen gegangen?"

"Ich heiße nicht Sven!"

"Wie?"

"Ich heiße nicht Sven", sagte Angel nun etwas leiser.

"Ist es das, was du mir sagen wolltest?"

"Ja." Angel bebte. Yve wusste nicht, ob sie lachen sollte, oder ihm eine ballern. Sie hatte nach diesem Auftritt mit einem anderen Kaliber gerechnet, deswegen. Na gut, es war nicht eben angenehm, zu erfahren, dass man die ganze Zeit eine Liebesgeschichte mit jemand auf den Weg bringt, und dann hält der es nicht einmal für nötig, seinen richtigen Namen zu sagen. Es hatte etwas von Betrug, wie wenn man fremd geht und dem anderen nichts sagt, sondern so tut, als wäre alles heile Welt.

Es ist einfach keine Grundlage, wenn man jemandem vertrauen will, und der gibt nicht einmal Details wie seinen Namen preis. Andererseits war sie erleichtert, sie hatte wie gesagt mit allem möglichen gerechnet. "Ist das alles?"

"Ich heiße eigentlich Angel", stellte der sich zerknirscht vor.

"Angenehm, ich heiße Yve, Yve Rossard. Und jetzt komm her, Jo-hann."

Sie hatten noch eine Weile gebraucht, ehe sie da weitermachen konnten, wo sie einmal aufgehört hatten. Über den Rest sei an dieser Stelle nicht viel gesagt. Nur soviel: Yve war sehr glücklich gewesen mit Angel, diese Nacht. Und Angel? Für ihn war es das erste Mal gewesen. Yve hatte ihn, tja, auch sehr glücklich gemacht, auch diese Nacht. Und zwar sehr, aber das kann man schlecht ausdrücken.

Yve erwachte am anderen Morgen davon, dass Angel sie abschleckte. Sie ließ sich das eine ganze Weile gefallen. Der schleckte und schleckte und wollte einfach nicht aufhören. Sie versuchte vorsichtig, ihn wegzudrücken. Da hatte Angel aber einen erstaunlich beweglichen Kopf, den man kaum zu fassen bekam. Außerdem waren seine Locken viel kürzer, auch struppiger als in der Nacht.

"Jetzt lass das mal!" Yve hatte sich aufgerichtet, rieb sich die Augen und sah den winzigen, struppigen Hund, eine kleine, schwarze Welpe, die offensichtlich mitten in der Nacht zwischen den beiden Liebenden, als die schon schliefen, ihr Nest gefunden hatte.

Angel war von Yves Gemecker aufgewacht. "Wo kommt der denn her?"

"Keine Ahnung, ich dachte das wärst du."

"Ich?"

"Naja, er hat mich so angeleckt, und da dachte ich, das wärst du."

"Aber wieso ich?"

Yve gab Angel erst einmal einen Kuss, dass er hellwach wurde. "Na, Süßer?"

"Na ... Yve." Die beiden hatten mechanisch angefangen, das junge Tier zu kraulen. Angel hob es hoch. "Wer bist denn du?"

Die Welpe antwortete nicht. "Der kann noch nicht sprechen, ist noch zu klein", sagte Yve.

Angel reichte ihr das Bündel, sie schien mehr davon zu verstehen. Yve schnüffelte an der Schnauze des Tierchens, dann setzte sie es ab und fragte: "Schwimmen?" Schwimmen.

Angel und Yve nahmen sich an die Hand und liefen nackt, wie sie waren, über den Strand. Es war noch früh, niemand konnte sie sehen. Hinter den beiden her lief die kleine schwarze Wolke, und sie lief solange am Wasser auf und ab, bis Angel und Yve erfrischt wieder herauskamen. Als sie den Strand hinauf gingen, sprang das Biest zwischen ihren Füßen herum, dass sie aufpassen mussten, es nicht zu treten.

"Sieht so aus, als würde er uns mögen", sagte Yve.

"Erinnerst du dich an das Auto heute Nacht?"

Yve nickte. "Armer Kleiner." Sie hob das Bündel auf. Im Radio wurde gemeldet, dass Kurt Cobain sich erschossen habe. Yve schob eine Nirvana-Kassette ein. Von da an hieß die Welpe Kurt.

 

Creative Commons License
Angel und Yve von Jens Wirsching steht im Netz seit dem 25. März 2009 unter der freien Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz.
Mehr über meinen Gebrauch freier Lizenzen erfahren Sie unter hier http://www.engel-und-krise.de/lizenzen.html.
Wenn Sie Ihrerseits gerne etwas geben möchten, finden Sie hier meinen Hut.