Der griechische Dual und der erste Vers: Problematisierung genossenschaftlicher Identität
Die philia Antigones und modernes Unverständnis diesbezüglich am Beispiel Kreons
Zur Frage vom Zusammenhang der philia und Antigones weiblichem Charakter (ethos)
Die ersten achtunddreißig Verse der Antigone des Sophokles
Die Handlung, die aristotelische Praxis einer Tragödie setzt in der Regel ein mit deren erstem Auftritt, also nach dem Prolog und dem Einzugslied (Parodos) des Chores. In gewisser Hinsicht ist dies auch in der Antigone der Fall, denn im Ersten Auftritt wird Kreon sein Gesetz verkünden, nach welchem unter anderem die Leiche des Polyneikes nicht zu bestatten sei. Und im Ersten Auftritt, signifikant für den kompakten Bau der Antigone , wird der Wächter von der mysteriösen Übertretung eben dieses Gesetzes berichten, den Antagonismus auf der Ebene der Handlung also einleiten.
Funktion eines Prologes hingegen ist, die für die kommende Handlung wesentlichen Aspekte ihrer Vorgeschichte zu exponieren, zentrale Motive und Themen anklingen zu lassen, düstere Vorahnungen diesbezüglich zu schüren und so atmosphärisch den Einstieg in das kommende Unheil vorzubereiten. Der Prolog ist der Ort der Exposition einer Tragödie.
Der Prolog der Antigone erfüllt alle diese Aufgaben. Gestaltet ist er jedoch als seinerseits bereits dramatischer Dialog zwischen der Protagonistin und ihrer Schwester, Ismene. 62 Dramatisch, also Handlung tragend, ist dieser Dialog insofern, als der einen Figur, Ismene, eine Entscheidung abverlangt und diese getroffen wird, was zwischen beiden Schwestern ein ihrerseits antagonistisches Verhältnis etabliert. Damit variiert bereits, und das ist das außergewöhnliche, der Prolog in dramatischer Form den Hauptkonflikt der Antigone , den zwischen der Heldin und ihrem Gegenspieler Kreon. Zugleich etabliert er auf diese Weise die vollständige Isolation Antigones.
Der nicht-dramatische Teil des Prologs, also die Exposition im engeren Sinne, endet mit den Versen (37f.), mit denen Antigone die Entscheidung Ismenes fordert. Im weiteren Verlauf findet sich zwar eine Reprise (49-57) der Exposition. Ismene beschwört in dieser Passage den Hang zur Selbstzerstörung, der das Labdakidengeschlecht weitgehend aufgerieben habe. Doch der letztlich antagonistische Zusammenhang der Passage, wie auch der Umstand, dass sie bereits Exponiertes (2-6; 13-6) variiert, also eine dramatische Spannung zwischen zwei unterschiedlichen Sichtweisen des Gleichen herstellt 63 , erlauben es, auch diese formal exponierende Passage dem dramatischen Teil des Prologs zuzuschlagen.
Im Zentrum des Prologs steht das Edikt Kreons, von dem Antigone der uninformierten Ismene berichtet (21-36). Das Verbot des Begräbnisses hat für die Anverwandten des Toten, also für Antigone und Ismene, einen Loaylitätskonflikt zwischen gesetzgebendem Staat einerseits und pflichtheischender Verwandtschaft andererseits zur Folge, der die Schwestern aufgrund ihrer gegensätzlichen Entscheidungen 64 ihrerseits in eine konflikthafte Konstellation geraten lässt. Der Austrag dieses Konfliktes und seiner Konsequenzen bildet den dramatischen Teil des Prologs.
Bezeichnend für die gesamte Tragödie ist die formale Konstruktion der Exposition (1-38). Von den achtunddreißig Versen der Exposition spricht Ismene acht, Antigone also dreißig. Von diesen dreißig Versen der Antigone gehören zweiundzwanzig dem Edikt Kreons. 65 Schon aus dieser rein quantitativen Beobachtung lässt sich die thematische Zentralität des Gesetzes für die Tragödie ablesen. Zugleich ergibt sich die Frage, ob, wenn nicht Antigone, ihre Eigenarten und Programme, sondern Kreon bzw. sein Gesetz zentraler Gegenstand der Exposition der Tragödie sind, ob dann mit dem Titel der Tragödie ihr Gegenstand , ihr thematisches Zentrum hinreichend wiedergegeben sind. Die Frage, ob die Tragödie nicht richtiger 'Kreon' hätte tituliert werden müssen, ist vielfach erörtert worden. 66 Möglicherweise liegt ihr eine falsche Prämisse zugrunde. Möglicherweise ist die Tragödie mit Antigone aufgrund gattungsspezifischer Konventionen durchaus zutreffend tituliert, obwohl thematisches Zentrum nicht der vielgerühmte Widerstand der Protagonistin, sondern das konsequenzenreiche Gesetzgeben ihres Antagonisten ist. 67
Der Umstand, dass es Antigones Perspektive ist, aus der heraus das Gesetz exponiert wird, lässt es von vornherein als grundsätzlich problematisch erscheinen. 68 Dabei wird die nähere Analyse der zweiundzwanzig Verse, durch die das Gesetz exponiert wird, ergeben, dass durch den Vordergrund seines konkreten Inhaltes sehr deutlich und von Anbeginn die allgemeine Praxis des Gesetzgebens als einer zum Ritual allgemein antinomischen hindurchscheint. Kann ein Gesetz ein Ritual, ein funktionales Moment einer anderen Rechtsordnung verbieten? Mit dem konkreten Gesetzestext wird die allgemeine Praxis kratischen Gesetzgebens schon in der Exposition der kritischen Befragung anheimgestellt, und es wäre erstaunlich, wenn die in der Exposition vorgenommene Perspektivierung sich nicht als paradigmatisch für das Gesamt der Tragödie erweisen sollte.
Die Verse 1-22
Untergang einer verwandtschaftlichen Gruppe und finaler Angriff der neuen, bürgerlichen Regierung auf diese (Verse 1-10)
Den ersten Vers spricht Antigone. Seine Sprache ist ekstatisch. Steiner (S. 257) schreibt: "Der erste Vers besteht aus fünf Wörtern, von denen zwei, >O< und >Ismene< unproblematisch sind. Die anderen drei sind Gegenstand ausführlicher Exegese gewesen. Das Halbdunkel, in dem sie gesprochen werden, scheint ihnen anzuhaften". Objekt der Anrufung Antigones ist nicht Ismene, sondern ihr Haupt, Ismenes kara , "mit aller ihm anhaftenden Materialität und 'Primitivität'" (ebd., S. 109). Die Übersetzung Hölderlins kommentiert Steiner (ebd.): "Und wo gewöhnliche Übersetzer nach Umschreibung und irgendeinem 'rationalen' Ausdruck der Zuneigung suchen, ist Hölderlin unverhüllt wörtlich: >o Ismenes Haupt!<". Die beiden Attribute, die Antigone diesem Haupt ihrer Schwester verleiht, koinon und autadelphon zieht Hölderlin zusammen zu "Gemeinsamschwesterliches", nach Steiner (ebd.) ein "gewolltes Monstrum".
"Gemeinsamschwesterliches, o Ismenes Haupt!", die Übersetzung Hölderlins, ist lexikalisch präzise und transportiert in der ungewöhnlichen, "monströsen" Attributverbindung jene sprachliche Bewegung, mit der Antigone vielleicht flehentlich, vielleicht fordernd ihrer Schwester begegnet: "In seiner gebieterischen Unbeholfenheit, in seiner stilisierten Fleischlichkeit, die zugleich aischyleisch ist ( autadelphos kommt sowohl in den Sieben gegen Theben als auch in den Eumeniden vor) und älter als Aischylos, strebt Antigones Auftakt danach, Ismene in sich einzufügen, sie sich >einzuverleiben<. Sie verlangt einen >einhäuptigen< Einklang. Im Dämmerlicht verschmelzen Schatten zu einer ununterscheidbaren Masse" (ebd., S. 259f.).
Koinon trägt die Bedeutungen "gemeinsam" wie auch "blutsverwandt". Adelphos bedeutet "schwesterlich", "geschwisterlich". Thomson (1949, S. 109) weist darauf hin, dass etymolo gisch adelphos "aus demselben Mutterleib" stammend bedeute. Die Vorsilbe aut -, "selb-", "selbst-", "eigen-" oder "gleich-", unterstreicht den Aspekt des Identischen. Die in den Attributen zu Ismenes Kopf mitschwingenden Bedeutungen von Blut und Schoß ergeben jenes nach Steiner so mulmige Konglomerat "stilisierter Fleischlichkeit". Ohne diesen Aspekt allzu sehr zu strapazieren ließe sich der erste Vers also übersetzen:
"O durch Blutsverwandtschaft gemeinsames, von selbem Schoß her schwesterliches,
Ismenes Haupt!" 69
Antigone verschweißt sich und die Schwester zu identischem Fleisch und Blut, in seiner sprachlichen Kompaktheit zu einem Bollwerk der Blutsverwandtschaft. Der archaisierende Gestus des Verses zerstreut schließlich jeden Zweifel, dass hier Gentilität beschworen wird. Wo die Übersetzung "nach irgendeinem rationalen Ausdruck der Zuneigung" sucht, gerät sie in Gefahr, den impliziten gentilen Zwangscharakter zu übersehen, der neben Zuneigung auch - zumal in Mythos und griechischer Tragödie - mit Blutschuld, Blutrache und Inzest konnotiert ist. Brown (S. 136f.) schreibt: "It is difficult for the translater to avoid giving a tone of subjective sentiment with words like 'dear', but, though the line is passionately spoken, Antigone is not speaking about her emotions, but about the physical fact of kinship. Kinship is what matters to Antigone ..."
Was sich in seiner archaischen Klobigkeit als fleischernes Bollwerk ausnimmt, gewinnt nunmehr die Konturen der letzten Bastion eines untergehenden Geschlechtes, einer Gens. Im Dual 70 zieht Antigone (3) sich und Ismene zu einer grammatischen Einheit zusammen, zu "uns beiden noch Lebenden". Das Deutsche kennt den Ausdruck "unsereins", das den nicht in deutsche Grammatik transponierbaren Numerus immerhin semantisch wiedergibt. Antigone und Ismene sind die letzten Überlebenden des Labdakidengeschlechtes. Ihre Abstammung, ihr als Schwestern identischer Ort im Stammbaum dieses Geschlechtes bilden die gentile Grundlage jener gemeinsamen Identität, auf der Antigone so beharrt.
"... nichts Schmerzendes, nichts ohne Unheil, / nichts Schändliches, nichts Entehrendes gibt es" (4f.), das die beiden nicht im Zuge dieses Unterganges zu ihrem Unglück mitansehen mussten. Die einzelnen Stationen dieses schmählichen Unterganges wird Ismene später (49-57) anführen, in der Absicht, sich von der Erbschaft des Leidens ihres Geschlechtes, von Antigones absichtsvoller Umklammerung zu distanzieren 71 . Für Antigone hat diese Fortsetzung bereits begonnen (7f.): "Und jetzt, was ist dies wieder - wie sie sagen - / für eine Verfügung, die der Herr des Militärs vor allem Volk verkünden ließ?" Antigone knüpft die Verfügung, das Bestattungsverbot selbst, mit ihrem "Und jetzt, was ist dies wieder" an die Kette des Unheils - nicht etwa ihr eigenes, von ihr bereits in etwa absehbares Geschick.
Am Ende ihrer ersten Rede (10) bezeichnet Antigone das Edikt als einen "Anschlag". Von hieraus ergibt sich die agonale Logik, nach der sie Ismene auf deren gentilen Posten ruft. Um sie, die beiden noch lebenden Angehörigen der Gens der Labdakiden, ist Feindesland, der Polis-Staat, von dessen Gesetzgeber, dem strategos , dem "Herrn des Militärs" (8), dieser Anschlag ausgeht:
"Weißt du etwas und hast du's gehört? Oder merkst du /
gegen die Freunde gerichtete Anschläge der Feinde nicht?" (9f.)
Der Wechsel der Richtung, aus der das Leid herrührt, lässt ahnen, dass sich die Zeiten geändert haben. Noch nahe und fortwirkende Vergangenheit sind die "von Oidipus herkommenden Leiden" (2), welche "Zeus an uns beiden noch Lebenden" erfüllte (3). Oidipus, König aufgrund doppelter verwandtschaftlicher Beziehungen, sei es als Sohn und legitimer Erbe König Laios', sei es als Gemahl der Königin Iokaste und Vater ihrer Kinder, Oidipus, aufgrund gentiler Norm Kratiker, war gleichzeitig Schänder der Gentilität, Vatermörder und Frevler an ihren exogamen Heriatsregeln. Von ihm erbten als Fluch seine im Inzest gezeugten Söhne die unheilvolle Verbindung von kratischer Macht und ihrer gentilen Legitimation. Sie begingen wechselseitig Brudermord um der Herrschaft willen. Der nach gentilem Nomismus für sie reservierte Zugang zu politischer Macht, zu kratos , hat den männlichen Teil der dynastischen Gens seine Gentilität - nomistische Grundlage seines Zuganges zu kratischer Herrschaft - vernichten lassen. 72
Genos und kratos treten nun auseinander 73 . Das neue Leiden, das Edikt, fügt sich an die Kette derjenigen gentiler Schande, trägt wiederum die Signatur der Kratik, doch trifft es die Gens jetzt von außen. Kratos hat sich von der Gens emanzipiert und tritt ihr feindlich gegenüber. Die Umbrüche der ausgehenden archaischen und ihre konsequente Fortsetzung in der klassischen Zeit sind in der ersten Rede Antigones strukturell angelegt; der im ausgehenden Nomismus innere Widerspruch von staatlich-politischer und verwandtschaftlicher Gesellschaftsordnung hat sich mit den Versen 7-10 entäußert zum Antagonismus voneinander getrennter Sphären, in den von genos und kratos , von verwandtschaftlicher Gruppe und Polis-Staat.
Antigones Topografie von 'Freunden' (philoi) und 'Feinden' (echthroi): Exposition der je souveränen Einheiten Gens und Staat
Der oben nach Zink zitierte Vers 10 ("gegen die Freunde gerichtete Anschläge der Feinde") wird mitunter anders übersetzt. Brown (S. 137) und andere bevorzugen: "evils such as we might wish on our enemies". Es spricht zwar nicht viel für diese Variante, aber immerhin einiges nicht dagegen (ebd.): "We have no reason to assume that Antigone is any less capable than Teucer ( Aj . 1177) or Electra ( El . 1487-90) of wishing that an enemy's body should lie unburied." 74 Winnington-Ingram (a.a.O.) 75 rehabilitiert jedoch die auch von Zink gewählte Übersetzung:
"Nevertheless, it is just because Antigone is kinship-oriented that one doubts whether she spared a moment's thought for the enemies of the state (Staatsfeinde als die üblichen Objekte von Bestattungsverboten; J.W.). (...) Creon is the enemy; the ills are coming from the echthroi of the family. No other 'enemies' enter into the vision of Antigone. I incline therefore to return to L. Campbell's view..." 76
Antigone fragt also die Schwester, ob sie die "gegen die Freunde gerichteten Anschläge der Feinde" nicht merke. Diese Frage, mit der sie druckvoll, drohend 77 ihre Anrufung der Schwester endet, gibt den Blick frei auf Antigones antagonistische Topik. Das Edikt ist ein Anschlag der Feinde, des Souveräns, dessen Ort die polis ist. Diese Lokalisierung ergibt sich zunächst aus der Bezüglichkeit der Versenden 7 und 8. Kreon, der strategos (8), habe sein Edikt pandemoi polei (7) verkünden lassen, Zink übersetzt "vor allem Volk". Nun liegt in dem Plural, in den Antigone die Feinde setzt (10), nachdem der Urheber des Ediktes im Singular als der "Herr des Militärs" benannt ist, eine Verallgemeinerung, die ahnen lässt, dass in Antigones Topik Regierung und Polis identisch sind. Die Polis, das Territorium der Staatlichkeit, der Re gierungen 78 und ihrer Edikte, tritt durch diese Verallgemeinerung der Gens, jenem zur letzten Bastion geschrumpften Territorium der Verwandtschaft, gegenüber.
Diese Identifizierung von Polis und Regierung ist für die Deutung wesentlich. Sie wird wiederkehren, sie liegt auch Kreons Topik zugrunde. 79 Im Zusammenhang mit der Verfasstheit der attischen Demokratie jener Zeit erhält sie ihren eigenwilligen Sinn. In Athen, anders als in neuzeitlichen Republiken, waren die Gewalten der Gesetzgebung und der Regierung nichteinmal formal scharf getrennt. Ort der politischen Entscheidungen über innere Angelegenheiten, über Gesetze also, wie über äußere, über Verträge, Kriege und Frieden, aber auch Organ von Beschlüssen unterhalb der Gesetzgebung, selbst Gericht war in Athen die Volksversammlung. 80 Sie war das kratische Organ der Polis, vergleichbar den Parlamenten moderner reprä sentativer Demokratien 81 . Souverän, also Träger des Willens, der in den Gesetzen Gestalt annimmt, war die Bürgerschaft, in einem gewissen Sinn die pandemoi polei . Die der Verfassung nach schwache Regierung, selbst die durch sein Ansehn gestärkte des Perikles, war von ihr sehr unmittelbar abhängig, kontrolliert und absetzbar.
Der König der Antigone aber vereinigt die Gewalten von Legislative und Exekutive auf sich. Dies ist zwar für einen mythischen König nicht ungewöhnlich. Doch bleibt festzustellen, dass Kreon so aus der Perspektive attischer staatlicher Verfasstheit qua Gesetzgebungskompetenz im Rahmen der Antigone die attische Volksversammlung, des 'gesamtenvolks' kratisches Organ, repräsentiert. Es ist wiederum V. Ehrenberg , der darauf hinweist, dass Perikles' Regierung zu jener Zeit autokratische Züge annahm 82 . Sein Einfluss auf die Volksversammlung war offensichtlich so groß, dass die verfasste Gewaltenteilung in der politischen Praxis prekär wurde. Das ändert indes nichts daran, dass die Volksversammlung bis zum Sturz der Demokratie am Ende des 5. Jahrhunderts das kratische Organ der Polis blieb; und alles weist darauf hin, dass sie sich selbstbewußt als solches empfand. Insofern bietet die von Antigone vorgetragene politische Struktur ein dezentes Moment der Identifikation von Kreon und der zuschauenden attischen Bürgerschaft an, das ihre Logik einer Topografie unterstützt, in der ihrer gentilen Bastion durch die Identität von Polis und Regierung eine homogene Sphäre der Polis-Staatlichkeit feindlich gegenübersteht.
Antigone setzt dieser im Plural der Feinde kristallisierten Identifizierung eine zweite Verallgemeinerung entgegen. Die philoi , die Freunde, gegen die die Anschläge gerichtet seien, sind entweder grammatischer Unsinn, wenn sie sich auf Polyneikes beziehen sollen, auf dessen singulären Leichnam ja das Edikt zunächst zielt. Oder Polyneikes ist genauso mit einem Kollektiv zu identifizieren, wie der strategos mit der ganzen Polis. Und das ist der Fall. Nach Antigones Topik ist, wie Kreon mit der gesamtenvolks Stadt, Polyneikes mit seiner verwandtschaftlichen Gruppe zu identifizieren. 83 Das bedeutet, dass die Anschläge, die von der ganzen Polis kommen, die ganze Verwandtschaft des Polyneikes treffen, mindestens also Antigone selbst und Ismene, die letzten Überlebenden ihres Geschlechtes.
So hat der Plural, in den das Edikt, der Anschlag, gesetzt wird, schließlich auch sein Recht, da es nicht allein einer gegen Polyneikes ist. Letztendlich sind die Verallgemeinerungen in Vers 10 zwar so rhetorisch wie dessen Frageform. Doch schmälert die Rhetorik nicht, dass fast vollständig Antigones Perspektive auf die Topografie des tragischen Schauplatzes in den exponierten und exponierenden ersten Versen gegeben ist: hier die angegriffene Gens, dort der angreifende Polis-Staat.
Der Gegensatz von philos und echthros , den Antigone auf die beiden gesellschaftlichen Einheiten anwendet, muss nicht notwendig den Beiklang heftigen Affektes haben, den die Begriffe 'Freund' und 'Feind' implizieren. Philos und echthros enthalten auch die weniger leidenschaftlichen Bedeutungen von 'durch gegenseitige Abhängigkeit in Verbindlichkeit aufeinander bezogen' und 'bei gegenseitiger Unabhängigkteit in (möglicher) Rivalität aufeinander bezogen', was nicht Gefühl zur Bedingung haben muss, dieses aber möglicherweise hervorbringen kann 84 . Die beiden Bedeutungsmöglichkeiten sind keine Alternativen. Die nüchternere Variante bezeichnet einen anderen Aspekt, der der polemischeren zugrundeliegt. Es handelt sich um ein Bedeutungsspektrum, das die soziale Substanz, die wechselseitige (Un-) Abhängigkeit, ebenso umfasst, wie ihre möglichen Konsequenzen der Polarisierung in antagonistische Kollektive und deren affektive Aufladung.
Es wird in der Antigone viel von diesem Gegensatzpaar gehandelt, und zwar in sehr verschiedenen Anwendungen, sodass es nötig ist, sein Gemeinsames und Grundsätzliches regelmäßig mitzudenken: es geht möglicherweise um Liebe und Haß, immer aber um die Markierung sozialer Territorien, deren ursprünglichste und dauerhafteste Substanz nicht Gefühle und Haltungen sind, sondern Notwendigkeiten, wechselseitige Abhängigkeiten bzw. Rivalitäten in den Belangen gesellschaftlicher Selbsterhaltung.
Wo es in der Übersetzung nicht angebracht scheint, die Sprache der Tragödie zu entdramatisieren, ist ihrer Deutung aufgetragen, nach den Bedeutungsdimensionen nicht selbstverständlicher Schlüsselbegriffe zu fragen, anstatt sich in Assoziationen bezüglich deren übersetzter Surrougate zu ergehen. Insofern wird im folgenden das Begriffsfeld der philia in der Verwendung Antigones neben der naheliegenden 'Liebe' und deren Ableitungen wiedergegeben in Termini der Gentilität. Gentilität, die gemeint ist, auch wo im folgenden von Antigones 'Freunden' die Rede ist, bezeichnet die Genossenschaftlichkeit eines blutsverwandten Kollektivs, die Zuneigung nicht ausschließt. Die philia Kreons 85 bezeichnet gleichermaßen Genossenschaftlichkeit, jedoch anstelle der der verwandtschaftlichen eine der staatlich verfassten Genossenschaft. Unter die Gegenkategorie der echthroi , der 'Feinde', fallen für Antigone wie für Kreon logischerweise alle die jeweilige Genossenschaft bedrohenden Personen und deren Verbände. 86
Der griechische Dual und der erste Vers: Problematisierung genossenschaftlicher Identität
Ismene weiß von dem neuen Unheil nichts. Nichts Neues "seit / beide Brüder verloren wir zwei, / als an einem Tage sie starben durch zweifachen Streich" (12, ff.). Für die von mir hervorgehobenen Worte "beide Brüder" und "sie starben" verwendet der griechische Text wiederum (s.o.) den Dual, einen Numerus, der im Deutschen keine Entsprechung hat. "Greek has a dual number in addition to singular and plural, often used of two people whom the speaker considers a unit" ( O'Brien , S. 2). Grammatisch knüpft Ismene damit an den dritten Vers an, in dem Antigone " uns beiden noch Lebenden " in derselben grammatischen Form zu einer Einheit verschmolz. Konstitutiv für die beiden Dual-Einheiten ist zunächst die Blutsverwandtschaft, der Schwestern dort, der Brüder hier.
Antigones Verwendung des Dual
Bei Antigone hat die Verwendung des Duals einen sehr hermetischen Akzent. Er setzt sie, die beiden Schwestern, als Einheit der "noch Lebenden" ab von einerseits dem Rest ihrer Gens, der bereits vollzählig verschieden ist, andererseits aber von den nicht durch Verwandtschaft mit dieser Einheit verbundenen übrigen Mitgliedern der thebanischen Gesellschaft. Diese zweite Hermetik stellt die Schwestern im Dual in einen Gegensatz zu pandemoi polei . Gerade in der Betonung des alle einschließenden Geltungsbereiches des Ediktes klingt eine Empörung Antigones darüber an, dass dieser Geltungsbereich auch sie beide als Verwandte des Unbegrabenen umfassen, die ehemals souveräne verwandtschaftliche Einheit inklusive ihres Kanons von Rechten und Pflichten also dem Zugriff bürgerlich-staatlichen Anordnens unterstellt werden soll 87 . Mit dem Dual markiert Antigone ein separates Territorium, und der Protest, der in pandemoi anklingt, lässt ahnen, dass sie nicht gewillt sein wird, die Souveränität dieses Territoriums an die sich überordnende abzutreten.
Die verbindliche Dual-Grammatik Antigones folgt dem gleichen Schema, nach dem sie bereits Ismenes Kopf, nach modernem Verständnis physischer Ort individueller Identität 88 , als einen ihr und der Schwester durch Blutsverwandtschaft gemeinsamen bezeichnete. Antigones Rede treibt, im ersten Vers semantisch, im dritten grammatisch zur Auflösung personaler Identität in kollektiver.
Einschub: Kreons Genossenschaftlichkeit
In dieser Tendenz steht ihr Kreon in nichts nach. Seine zentralen Dogmen, dass einerseits paritkulare Interessen denen der staatlichen Einheit unterzuordnen seien 89 , und dass andererseits der Einzelne den Anordnungen dieser staatlichen Einheit unbedingten Gehorsam schulde 90 , zielen gleichermaßen auf Eingebundenheit und Aufgehobenheit der individuellen in kollektiver Identität - nur eben in der bürgerschaftlich-staatlichen.
Indem sie beide auf die gesellschaftliche Komponente des Individuums fokussieren, jene Schnittstelle, über die es durch seine spezifischen sozialen und ökonomischen Abhängigkeiten einem diesen entsprechenden Kollektiv angeschlossen ist, entbrennt ihr Streit - da sie unterschiedlich umrissene kollektive Einheiten als den existentiellen Bedürfnissen des Individuums für entsprechend halten - implizit über die Frage der existentiellen Zugehörigkeit des Individuums; explizit entbrennt er über die der Souveränität, darüber also, welches Kollektiv beziehungsweise welchen Kollektivs kratisches Organ, hier die Götter und ihre tradierte Ordnung, dort der staatliche Souverän, dem Individuum gegenüber - dank dessen Abhängigkeit vom Kollektiv - letztentscheidungsbefugt ist.
Ismenes Verwendung des Dual
Ismenes Gebrauch des Dual folgt einem zu Antigones Gebrauch geradezu gegenläufigen Schema. Postuliert der Dual im Umfeld von Antigones Versen Einheit, artikuliert er in grammatischer Form ihr gentiles Programm, so klingt in Ismenes Worten etwas wie eine Abwendung, ein leiser Horror vor diesem Numerus mit. Für Antigone und sich, "wir zwei" ( duo , 13), benutzt sie bezeichnenderweise keinen Dual. Als wolle sie sich aus der grammatischen Umklammerung der Schwester, vom Zwangscharakter gentiler Identität, vom 'unsereins' emanzipieren, benutzt sie den Plural. Dabei stehen ihren am Versende betonten "zwei", stehen ihrer Insistenz auf der Pluralität der noch lebenden Schwestern am Versanfang die Brüder in grausiger Einheit, im Dual tot gegenüber. Ihre Einheit fanden sie auf der Ebene der Fabel darin, dass sie, als Brüder ohnehin schon allzu identisch 91 , sich durch "zweifachen Streich" wechselseitig erschlugen. Ismenes Betonung fataler Koinzidenz des gegenseitigen Brudermordes "am gleichen Tag" wiederholt narrativ ihre Konnotierung des Duals mit Unheil.
Ismenes Abwendung vom Dual hat ihren tiefen Grund. Die Dialektik von Einheit, die Nichtidentisches identifiziert, und ihre autoaggressive Kehrseite, auf der sich zu Identischem zusammengeschmolzenes Nichtidentisches entselbstet, charakterisieren den Fluch, der auf ihrem Geschlecht lastet: Oidipus, in dualer Identität zugleich Sohn und Gatte seiner Frau und Mutter, sticht sich, als er selbst dies entdeckt, seinen gentilen Identitätsknoten also rational in dessen heterogene Momente auftrennt, selbst beide Augen aus. Iokaste, ihrerseits dualer Identität seine Frau und Mutter, hängt sich selbst auf. Seine beiden Söhne, die zugleich seine Brüder von gleicher Mutter her sind, töten sich in ihrem identischen Wunsch nach Thronfolge gemeinsam gegenseitig. Im Rapport, den Ismene später von den einzelnen Stationen des Fluches gibt (49-57), ziehen sich die Vokabeln der Zweiheit ( diplas , duo , koinon ) und des sich entselbstenden Identischen ( autos , auto -) in großer Häufung durch jede Katastrophe 92 . Diese Schilderung endet, für Ismene bezeichnend (58): "Jetzt aber hinwiederum sind wir beide allein noch übrig..." Dieses "allein", im Griechischen mona , kündigt duale Identität. Das "allein" ist keine Gemütsregung und kein soziales Datum, sondern der - Antigone zunächst unerreichbare - Ort des Einzelnen in einer Kosmologie, in der gentile, mimetische, duale Identität untergegangen ist - ein Vorgang, den der dramatische Mythos als Untergang der Gens erzählt.
Der Dual ist nicht Ismenes Programm, aber er ist das Schicksal ihres Geschlechtes, und ängstlich fragt sie (20), was denn Neues sie erfahren müsse: "Was gibt es? Man sieht, du bist aufgewühlt über die Kunde". Vielleicht konstatiert sie gar mit zurückgehaltener Panik: "... you are brooding over something you are going to say" ( Lloyd-Jones ).
ton men - ton de : der eine - der andere. Differenzierung des vormals Identischen (Bruder/Bruder) - und Setzung neuer genossenschaftlicher Identität (Bürger) - als Programm des Ediktes des neuen Souveräns (Verse 21f.)
Jetzt endlich wird Antigone konkret, führt aus, welcher Art der Anschlag der Feinde auf die Freunde ist. "Hat nämlich nicht der Bestattung", so hebt sie (21) an, um dann Gentilität auf eine merkwürdige Formel zu bringen: diese übersetzt Zink "unsere beiden Brüder"; eigentlich könnte es, um das Deutsche dem vorliegenden doppelten Dual 93 anzunähern, etwa heißen: "unser beider beide Brüder" 94 , eine Fügung, die zwei monadische Einheiten possessiv zu einer dritten aufeinander bezieht. Alsdann löst sie die Praxis des neuen Souveräns ebenfalls in Grammatik auf; es folgt als Subjekt des Satzes der Feind, "Kreon", der Souverän der Polis, und unternimmt seinen Anschlag (22), der die grammatische Entität zerprengt in Parataxis: ton men hierhin, der eine wird der Bestattung gewürdigt, ton d' dorthin, dem anderen wird sie zur Schande verweigert.
Kreon reißt, was für Antigone ein Dual ist, die Brüder, auseinander in zwei einzelne, voneinander getrennte Satzteile, die grammatisch nur zusammenhängen über das gemeinsame Geni tivobjekt der Bestattung, deren unterschiedliche Handhabung sie ja eben trennt, sowie durch ein Hilfsverb ( echo , haben), das aber nach Kreon, dem grammatischen Subjekt, konjugiert wird, und mit dem er die gegensätzlichen Partizipien des Ehrens ( protisas ) und Entehrens (atimasas ) an den so getrennten Brüdern praktiziert:
Hat nämlich nicht der Bestattung unser beider beide Brüder Kreon
den einen gewürdigt, den anderen entwürdigend nicht? (21f.) 95
Hatte Antigone zunächst das Konfliktschema exponiert, den Anschlag der Feinde gegen die Freunde, so hat sie nun im zweiten Schritt das Wesen dieses Anschlags offenbart - und vielleicht am deutlichsten in ihrer Grammatik. Dieses Wesen des Anschlags ist die Trennung der Brüder. Die Brüder sind aber nach Antigones Topik philoi , im Dual eine untrennbare Einheit. Und Kreon geht nach Antigone weiter, er trennt nicht nur. In den Partizipien der gegensätzlichen Praxis antizipiert Antigone, was Kreon meint, will, und in seinem ersten Auftritt sagen wird: aus den Brüdern, den verwandtschaftlich miteinander Verbundenen, den philoi , macht er echthroi , miteinander nicht verbundene, aus den Freunden Feinde.
Die philia Antigones und modernes Unverständnis diesbezüglich am Beispiel Kreons
Es öffnet sich ein weiterer Blick auf den Plural, in den Antigone die Freunde (10) gesetzt hatte. In impliziter Verlängerung könnte mit den philoi , gegen die sich der Anschlag richtet, auch Eteokles, könnten neben anderen beide Brüder gemeint sein - obgleich Kreon den einen doch offensichtlich ehrte. Indem er mit ihren Leichnamen den Bruder vom Bruder trennt, durchtrennt er ihr verwandtschaftliches Band der philia , das sie noch im Tod so unheilvoll ineinander verstrickte 96 . An der in Antigones philia zur Geltung kommenden Verbundenheit über Verwandtschaft ändert der Bruderzwist nämlich nichts, nicht einmal, dass er politische und militärische Dimensionen angenommen hat, denn diese Konfliktqualitäten annullieren ihre Verwandtschaft nicht. 97
Tatsächlich wird Antigone später (515) bezweifeln, Eteokles müsse ihre Erfüllung verwandtschaftlicher Pflicht an seinem Bruder mißbilligen - was er Kreons Logik (514) zufolge müsste. Antigone und Kreon streiten in dieser Passage ihres Agon um die Koordinaten, nach welchen sich ihrer beider Kategorien von Freund und Feind bestimmen. Antigone pocht darauf, es sei nicht unrecht, "die Blutsverwandten fromm zu achten" (511). Der von ihr verwendetet Plural erlaubt Kreon, einzuhaken, da seiner Auffassung nach Antigones Handlung einen ihrer Blutsverwandten, Eteokles - indem sie seinen Feind ehrt - nicht geachtet, sondern beleidigt habe: "Starb nun nicht aus deinem Blute auch der andere?" (512). Dieser Trennung der Brüder nach den Koordinaten politischer Topografie hält Antigone (513) deren Identität nach gentiler Topografie entgegen: "Söhne von einer Mutter und demselben Vater."
Die beiden Topografien sind nicht integrierbar, der Agon findet keine Schnittstelle zwischen ihnen, über die sich kommunizieren ließe. 98 Kreon will mit der folgenden Frage (514) nicht etwa verstehen, sondern Antigone auf die Widersprüchlichkeit ihrer Rede aufmerksam machen: "Wie zollst du dem einen Respekt, jenem bekundest du Feindschaft?" Diese Widersprüchlichkeit ergibt sich jedoch nur in den Koordinaten politischer Topografie. Ob Eteokles in diesen Koordinaten dachte und empfand, ist eine andere Frage, Antigone kontert (515): "Nicht bezeugt dies der Dahingeschiedene." Schließlich können seinem Einsatz bei der Verteidigung Thebens sehr unterschiedliche Motive unterstellt werden. Neben dem getreuen Patriotismus, den Kreon behauptet 99 , könnte Eteokles durchaus seinen auf gentiler Grundlage beruhenden Anspruch auf die Thronfolge, sein gentiles Erbrecht verteidigt haben. Hätte er nur jenes Wohl der Stadt und nicht den Genuss gentil legitimierten Privilegs im Auge gehabt, wieso verweigerte er dann die mit dem Bruder vereinbarte Ämterrotation, von der eine prominente Version des Mythos berichtet 100 ?
Antigone und Kreon können sich nicht verständigen. Die Hiebe ihres Agons verfangen nirgends auf der Gegenseite. Die gleichen Begriffe ( philos und echthros ) verwendend, meinen sie unterschiedliches, das gleiche meinend, Polyneikes etwa, verwenden sie verscheidene Begriffe. Das vielgerühmte Diktum Antigones, mit dem sie den Agon mit Kreon beschließt, erhellt sich nur aus dem zentralen Problem nichtintegrierbarer Koordinaten für die Begriffe philos und echthros in diesem Dialog: "Nicht um Feind, nein, um Freund zu sein, ward ich geboren" (523). Zunächst bedeutet dies im Zusammenhang des zuvor Geredeten, Antigone sei nicht "geboren", sei nicht "da", von Sophokles gewissermaßen nicht geschaffen, um in den Koordinaten des Politischen "mit Feind zu sein" ( synechthein ), sondern, um in den Koordinaten der Gentilität "mit Freund zu sein" ( symphilein ). Die Allgemeinheit des Diktums fordert zu kraftvoller Deutung zweifellos heraus. Dennoch ist seine engere Bedeutung so spröde, wie sie hier aus dem ihm vorangegangenen Agon hergeleitet wurde.
Zur Frage vom Zusammenhang der philia und Antigones weiblichem Charakter (ethos)
Die "Geburt" Antigones ist in diesem Zusammenhang nicht nur eine zum Wesen der Gentilität. "Geboren" ist Antigone auch zur Frau. Diese Disponiertheit Antigones als weiblichen Geschlechts, einem Moment ihres aristotelischen Charakters (ethos) , unterstützt die oben gegebene Deutung. "Mit Feind zu sein" ist nämlich nach gentiler wie nach patriarchal spezifizierter bürgerlicher Kosmologie vornehmlicher Beruf der Angehörigen männlichen Geschlechts. Wäre Antigone ein Mann gentilen Wesens, so hätte sie gegen Kreon, den Beleidiger der Leiche ihres Bruders, das Schwert zu zücken, "mit Feind zu sein" wäre sie geboren. 101 dass sie dies nicht tut - diese Tragödie will es nicht so - lässt Antigone sinnvollerweise weiblichen Geschlechts sein. Darin, dass sie zweitens nicht das Schwert gegen Kreon zieht und erstens nicht Polyneikes aufgrund politischer Axiome aus dem Kreis ihrer philia verbannt, sondern das Begräbnisritual erstens ausführt und sich zweitens auf dessen Vollzug beschränkt, anstatt die Schmach zu rächen, darin erschöpft sich bereits im wesentlichen der Sinn des "Nicht mit Feind zu sein, sondern mit Freund zu sein, bin ich da" - wie auch der ihres weiblichen Charakters (ethos) .
Daran ändert nicht, dass sich das alles aus der Perspektive der Kosmologie Kreons sehr anders ausnimmt. Dieser sieht - wie er in den Brüdern nicht Brüder, sondern Feinde sieht - in Antigones Handeln und Reden das Bestreben dieser Frau, sich zum Mann 'aufzuschwingen' 102 ; aus seiner Perspektive muss es so scheinen, als glaube Antigone, "mit Feind zu sein" geboren zu sein, ist doch ihr Reden und Handeln - aus der Perspektive des Staates - das von Staats feinden , von Trägern männlichen Charakters (ethos) also nach den Axiomen jedweder patriarchal spezifizierten Kosmologie. Daran ändert wiederum nichts, dass Antigone dergleichen nicht intendiert, noch es aus der Perspektive ihrer Kosmologie, aus der sie "mit Freund", nicht "mit Feind" ist , repräsentiert.
Anmerkungen:
62 Brown (S. 135) schreibt: "Euripides would have conveyed this information through a formal 'prologue speech' detached from the ensuing drama. Soph. conveys it through an intensely dramatic confrontation between the two sisters, so that the exposition is inseparable from the depiction of their contrasting characters, and the action is well under way by the time that all the facts have been revealed."
63 Die verwandtschaftlichen Bezogenheiten, auf die Antigone sich als ihren Imperativen (s.u., IV.C.1.) positiv bezieht, erscheinen in Ismenes Reprise negativ konnotiert (Selbstzerstörung, s.u., IV.A.3.3.).
64 In einem engeren Sinne kann nur für den Fall Ismenes von "Entscheidung" gesprochen werden (s.u., IV.F.1.;2.).
65 Die zwei letzten Verse (37f.), mit denen Antigone Ismene zur Entscheidung auffordert, welchem Imperativ sie Loyalität erweisen wolle, zähle ich zur Exposition, sie sind also in den genannten 30 bzw. 22 Versen mitgezählt. Diese Entscheidung ist eher pragmatisch als korrekt. Zwar setzt die Handlung des Prologs, also der antagonistische Diskurs über die Loyalitäten erst mit Vers 39 ein, doch trägt Antigones Aufforderung in der Schärfe ihrer Formulierung bereits einen polemischen Akzent (s.u., IV.F.1.;2.).
66 Vgl.: Des Bouvrie , S. 171.
67 Vieles spricht dafür, dass insbesondere bei Benennung nach Einzelfiguren für die Titelwürdigkeit im wesentlichen der Opferstatus der Figuren einer Tragödie ausschlaggebend ist. Zum opferkultischen Entstehungszusammenhang der Gattung vgl.: Burkert, Walter, Wilder Ursprung. Opferritual und Mythos bei den Griechen, Berlin 1990; sowie: Girard .
68 Die Perspektivierung, der Vorgang, das Edikt als Ausdruck der einen Ordnung aus der Sicht der attackierten anderen zu exponieren, erzeugt selber eine Spannung, dramatisiert formal das antinomische Verhältnis zweier Ordnungen. Brown (S. 135) schreibt: "Thus we learn of the edict, not of a bold report, but through Antigone's sense of outrage at it". Da sich diese innere Dramatik aber noch nicht in äußerer Handlung entfaltet, darf die Passage wohl doch Exposition genannt werden.
69 Zink übersetzt: "Vom gleichen Blut, schwesterlich verbunden, Ismenes Haupt"; Steiner (S. 257): "O meiner leiblichen Schwester gemeinsames Haupt Ismenes"; Brown (S. 136) sehr wörtlich: "common self-sister head of Ismene".
70 Dual: griech. Numerus.
71 Vgl.: IV.A.3.3.
72 Vgl.: II.B.2. und IV.A.3.3.
73 Dies stimmt zwar 'nur' aus der Perspektive der dynastischen Gens. Eine andere wird aber hier nicht vorgestellt.
74 Für weiteres, was nicht dagegen spricht, vgl.: Winnington-Ingram , S. 135, Anm. 55. So schreibt Winnington-Ingram etwa (ebd.): "It can also be admitted that Antigone may have been indifferent to the non-burial of non-kinsman. And this yields a dramatic - and ironic - point". Anzumerken wäre hier, dass die besagte Ironie sich nur denjenigen Deutungsansätzen erschließt, die Antigones Bestattungsvorhaben über ihren Rollentext hinaus (und was die Verse 905-12 anbetrifft: gegen ihn) ein universales, also humanistisches Programm unterstellen. Bezeichnend für Traditionsreichtum und ungebrochenen Einfluss auf den Antigone -Diskurs jener Deutungsansätze ist, dass selbst Winnington-Ingram, der sich ihnen nicht unverholen anschließt, jenes Humanismus-Apriori seines Hinweises auf einen "ironischen Punkt" entgeht.
75 Der Hinweis auf Winnington-Ingram : Brown , a.a.O.
76 Winington-Ingram (ebd.) liefert ein formales Argument für die von ihm unterstützte Übersetzung: "It is because of the basic structural importance of ring-composition in Sophocles that one is reluctant to separate the philos / echthros antithesis in 10 from the three words of enmity directed against Ismene at the end of the scene (86, 93f.)." Die "ring-composition" als formale Durchführung des zentralen Themas nicht - bzw. in ihrem Gegenteil - sich erfüllender Erwartungen lege aufgrund der durch sie möglichen negativen Bezüglichkeit des Prologendes auf dessen Auftakt L. Campbells Deutung nahe. Vgl. hierzu: IV.F.5.3.
77 Rohdich (S. 26) liest in der Frage: "Oder merkst du nicht ..." (9f.), unbegreiflicherweise die "selbstverständliche Annahme gleichen Fühlens und Denkens". Dagegen: Kamerbeek , S. 39.
78 Strategos hat zwar zunächst die militärische Bedeutung, die Zink in seiner Übersetzung mit "Herr des Militärs" wiedergibt. Die offensichtlich gegebene Möglichkeit dieses Feldherrn, allem Volk der Stadt, also auf zivilem Sektor, Vorschriften zu machen, impliziert jedoch weitreichende politische Kompetenzen dieses Amtes, genauer diejenigen einer souveränen Regierung. V. Ehrenberg (S. 92-104, 126-43) u.a. weisen darauf hin, dass Perikles, faktisch zeitgenössischer Regent der Polis Athen, seinem Amt und Titel nach genau jenes war, ein strategos . Dass in Antigones Nachricht also von der Regierung der Polis die Rede ist, wird im Assoziationsspektrum der zeitgenössischen Rezeption deutlich wahrgenommen worden sein.
79 Vgl. zur Identität von Regierung (Kreon) und Polis: Rohdich , S. 31.
80 Vgl.: Triantaphyllopoulos , S.5ff.
81 Indes mit so weitreichenden und unmittelbaren Regelkompetenzen, wie sie in unseren Verfassungen den entsprechenden Organen nur im "Notstand" zugebilligt werden.
82 Vgl.: Ehrenberg , S. 104-13.
83 Dies ergibt sich aus dem gleichen Prinzip verwandtschaftlicher Identität, nach dem schon Antigone sich und die Schwester in 1 und 3 zu einer gemeinsamen, singulären Identität verschmolz.
84 O'Brien (S. 5) schlägt nach Snell für philos die Übersetzungen "one's own", "dear one" und "firend" vor, für echthros entsprechend "not one's own", "outsider" und schließlich "enemy". Zurecht weist er darauf hin (ebd.), Polyneikes habe auf Antigones philia "based on a strong primitive right" einen Anspruch . Diese rückt damit in den Stand eines gewissermaßen vorschriftlich verbrieften Rechtstitels, sie gleicht einem ererbten Vertrag innerhalb einer spezifischen - nicht wie die bürgerliche auf willkürlichem Vertragsschluss basierenden - Rechtsordnung.
85 Vgl. etwa die Verse 187, 522, 641-7.
86 Vgl. zum Gegensatzpaar philos und echthros : O'Brien , S. 5f.; Mary Whitlock Blundell, Helping friends and harming enemies . A study in Sophocles and Greek ethics, Cambridge 1989, S. 31-59.
87 Vgl. a.: 31f. (s.u.) und 48: "Aber es steht ihm (Kreon, J.W.) überhaupt nicht zu, von den Meinen mich wegzudrängen."
88 Vgl.: Steiner , S. 257-60.
89 Vgl. V. 182f.: "Und wer ein anderes Gut als das eigene Vaterland / für größer hält, der gilt in meinen Augen nichts."
90 Vgl. V. 666f.: "Nein, wen immer die Stadt einsetzt, auf den muss man hören / im Kleinen und im Gerechten und im Gegenteil davon."
91 Ihr Streit um die Thronfolge hatte zur Grundlage ihre identischen Erbrechte. Entsprechend pocht später Antigone auf Gleich behandlung der Leichname nicht etwa aufgrund ihrer besonderen Liebe zu einem der beiden, sondern aufgrund der Identität beider Brüder als "Söhne von einer Mutter und demselben Vater" (513). Ihr Tod im Dual und Antigones Forderung nach einheitlicher Behandlung der Leichname folgt der gleichen gentilen Logik.
92 Vgl.: O'Brien , S. 15f.
93 Die Formulierung lautet bei Sophokles noin to kasigneto , wobei noin der Genitiv Dual von ego ist, und die Brüder im Akkusativ Dual stehen. Vgl.: O'Brien , S. 26.
94 Die Übersetzungen von Brown und Lloyd-Jones interessieren sich hier nicht besonders für Grammatik.
95 Dieser Übersetzungsvorschlag ergänzt die von Zink gegebene Übersetzung um den Versuch einer Wiedergabe des doppelten Duals ( noin to kasigneto ) in 21 und um das Partizip des Entehrens ( atimasas ) bzgl. Polyneikes in 22. Zink übersetzt: "Hat nämlich nicht der Bestattung unsere beiden Büder Kreon / den einen gewürdigt, dem anderen sie verwehrt?"
96 Diesen Aspekt in aller Plastizität bei Anouilh .
97 Es ließe sich etwa spekulieren, dass die beiden anläßlich einer verwandtschaftlichen Kultveranstaltung ihre Kampfhandlungen eingestellt hätten.
98 Vgl. zu den beiden unvereinbaren philia -Konzepten Kreons und Antigones: Blundell (a.a.O.), S. 106-30.
99 Vgl. 194f.: "... Eteokles, der für diese Stadt mit letztem Einsatz kämpfte / und dabei den Tod fand, als Held im Kampfe fallend".
100 Die beiden Brüder wollten sich im Amt abwechseln; als Polyneikes an der Reihe gewesen wäre, jagt ihn Eteokles aus der Stadt. Vgl. hierzu: Latacz , S. 204.
101 Erhellend ist hierzu das lange Warten der Elektra auf ihren Bruder, der als Mann berufen ist, den Vater zu rächen. Auch Elektra ist in Antigones Sinn nicht "mit zu hassen", "mit Feind zu sein" geboren, was, wie die Elektra des Sophokles zeigt, wesentlicher ihrer Praxis Beschränkungen auferlegt als ihrem Sinnen und Fühlen.
102 Vgl. 484f.: "Und nicht ich wäre der Mann, sondern sie wäre es, / wenn diese Macht ihr ungestraft zuteil würde."

Antigone-Grabung von Jens Wirsching steht unter einer Creative Commons Attribution-NoDerivs 3.0 Germany Lizenz. Antigone-Grabung steht im Netz auf www.engel-und-krise.de seit dem 19. November 2008. Über diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse können Sie unter www.engel-und-krise.de/lizenzen erhalten.
Sie dürfen dieses Stück Poesie kopieren, drucken, aufführen und beliebig weiter verbreiten, verändern dürfen Sie es nicht, es sei denn, wir werden uns darüber einig. Wenn Sie Ihrerseits gerne etwas geben möchten, finden Sie hier meinen Hut.
