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Die schöne Zeit 5

Nach dieser Nacht war klar, dass die Zeit auf Cap Feret abgelaufen war. Angel hatte nicht die geringste Lust gehabt, im Männerschlafsaal zu übernachten, hatte da seinen Schlafsack herausgeholt und sich in die Dünen gelegt.

Er war froh, dass Yve jetzt nicht bei ihm war, er hatte das Bedürfnis, allein zu sein. Er musste einiges verdauen, wollte sich auch interviewen, wie das nun weitergehen sollte. Es war zwar wunderschön, bei ihr zu sein, doch konnte er nicht mehr vor sich verbergen, wie verliebt er in sie war. Und da das offensichtlich aussichtslos war, hatte er immer wieder seine Gefühle wegstecken müssen, um nicht zu verderben, was immerhin war zwischen ihnen.

Das aber war auf Dauer nicht nur anstrengend, es tat auch weh, zum Beispiel an einem Abend wie diesem. Angel war traurig, war wütend auf Yve, auch wenn die versichert hatte, dass das nicht von ihr ausgegangen und für sie auch blöd gewesen war. Er hatte sie dann gefragt, warum sie nicht einfach weggegangen wäre. Da hatte sie ihn entrüstet angesehen und ihm vorgeworfen, dass er ruhig mal zu ihr halten könne, und dass er bloß nicht anfangen solle, jetzt den Eifersüchtigen zu spielen.

Das war für den ohnehin lädierten Angel zuviel gewesen. Er war wortlos abgedampft, hatte seine Sachen geholt und war an den Strand gelaufen, baden mochte er nicht. Trotzig beschloss er, dass es nun gut sei, dass er morgen seine Sachen aus Yves Auto nehmen und wieder allein weiter ziehen würde.

Es kam anders. Als Angel morgens, fest entschlossen, sich von Yve zu verabschieden, zur Jugendherberge zurück kam, fand er Yve in der Mitte einer Traube von aufgescheuchten Frühstückern. Sie veranstaltete ein gewaltiges Gezeter. Angel brauchte eine Weile, bis er raus hatte, worum es eigentlich ging. Jemand hatte Yve alles Geld geklaut, aber wirklich alles. Später zeigte sich, dass auch einer anderen Frau aus Yves Schlafsaal das Geld weggeklaut worden war. Yve war fertig.

Angel konnte jetzt schlecht seinen Abschied nehmen, vielmehr musste er Yve lange in den Arm nehmen, bis sie sich einigermaßen beruhigt hatte. Für Yve bedeutete das, dass sie jetzt keine Spesen mehr hatte, dass sie also vorzeitig zurück musste, obwohl sie nicht einmal das nötige Kleingeld zum Tanken hatte. Angel setzte sie an einen der langen Tische in dem üppigen Garten, holte ihre Sachen aus dem Frauenschlafsaal, holte auch seine Sachen, legte alles in Mamsel Pekoe, die ja jetzt einige Tage Ruhe genossen hatte, kam dann zu Yve zurück und führte sie einen Milchkaffee trinken. Die Übernachtungen hatten sie im Voraus zahlen müssen.

Yve blieb zerknirscht. Sie hörte Angel kaum zu, wie der sie trösten wollte. Sie nippte nicht einmal an ihrem Kaffee. Immer wieder fing sie damit an, dass das eine Riesensauerei wäre, dass sie noch nicht zurück wolle, und zwar auf gar keinen Fall, dass sie jetzt auch jemand etwas klauen würde, dass sie keine zehn Pferde zurück brächten, eher würde sie Angels Pistole nehmen und eine Bank überfallen, und was ihr desgleichen mehr noch einfiel.

Angel besorgte eine Packung Zigaretten. Er war nicht sicher, aber vielleicht würde Yve das ja helfen, auf den Boden zurückzukommen. Tatsächlich wurde Yve so schwindelig, dass sie zunächst bleischwer in ihren Korbstuhl sank und die Augen schloss.

Als sie die Zigarette tapfer und zu allem entschlossen zu Ende geraucht hatte, drehte sie entspannt mit den Augäpfeln im Kopf herum. "So, Kollege Sven, wie geht's jetzt weiter?"

Angel bedauerte, dass er immer noch nicht diese alberne Namensgeschichte aufgeklärt hatte, fand den Augenblick aber wieder einmal unpassend. Stattdessen kramte er den immer noch beachtlichen Stapel Geldscheine, den ihm Gerome vor Ewigkeiten, wie es ihm jetzt schien, zugesteckt hatte, aus seiner Tasche, und legte ihn mit dieser gönnerhaften Gebärde auf den Tisch, mit der sich ein sizilianischer Mafiosi eine Frau kauft.

Das war ganz entschieden ein Fehler gewesen. Yve sah überrascht, dann verächtlich auf den Stapel Scheine, dann noch verächtlicher auf Angel. Schließlich fragte sie, dass es Angel kalt den Rücken hinunter lief, "Meinst du, ich lasse mich von dir aushalten?"

Yve schob den Stapel mit einem vielleicht auch wieder übertrieben angewiderten Gesicht von der Tischmitte zurück zu Angel, dann nahm sie sich noch eine Zigarette, wandte sich der Straße zu, entzündete, ohne Angel noch die geringste Aufmerksamkeit zu widmen, die Zigarette und paffte beleidigt vor sich hin. Sie war doch nicht von zu Hause weg und von René weg, um sich jetzt von irgendeinem Typen aushalten zu lassen. Eher würde sie am Strand betteln gehen. Oder hungern! Oder zumindest sich von wechselnden Typen aushalten lassen, aber nicht von Sven.

Hätte Angel, als er das Geld auf den Tisch gelegt hatte, einen Spiegel gehabt, er hätte Yves Reaktion verstanden. Er hatte aber keinen Spiegel gehabt. Seinerseits zutiefst gekränkt, weil sein ja nur freundschaftlich gemeintes Angebot so barsch abgewiesen worden war, erinnerte sich Angel an seinen Entschluss von heute Nacht. Jetzt reichte es wirklich. Er ließ sich hier nicht zum Idioten machen, mit dem man mal so mal so umspringen konnte, gerade wie es dem launischen Fräulein in den Kram passte. Die Blöße, jetzt das Geld zurückzunehmen, die würde er sich jedenfalls nicht geben. Er würde jetzt zwei schön weit getrennte Stapel machen, fifty-fifty, und dann würde er seinen einstecken, den anderen einfach liegen lassen und endgültig seine Sachen aus dem Wagen nehmen. Sollte die doch zusehen, ob sie auf das Geld verzichten konnte. Was ging ihn das weiter an?

Und so machte er es. Ohne ein weiteres Wort zählte er zwei Stapel auf den Tisch, nahm sich einen, legte noch etwas Geld für die beiden Milchkaffee und die Zigaretten hinzu, sagte, "War schön, dich kennen gelernt zu haben", und überquerte ohne auf eine Antwort zu warten, die Terrasse.

Du eingebildetes Arschloch, dachte Yve, die sich nicht verkneifen konnte, ihm nachzusehen. Sie hatte auch das Gefühl, dass es sie gerade mitten durchriss, als sie das Schlagen der Tür von Mamsel Pekoe vernahm. Angel hatte übrigens gleichfalls das Gefühl, dass es ihn gerade mitten durchriss, als er sich in Mamsel Pekoe von der Pieta verabschiedete.

Er irrte in der Hitze durch die Straßen des kleinen Örtchens, ohne wirklich zu wissen, in welche beschissene Richtung er wollte.

Eine Kellnerin brachte einem zerlaufenden Mädchen, mit dem sie Mitleid hatte, diskret ein Glas Wasser und eine Serviette auf die Terrasse. Ein älterer Herr mit einer Zeitung unterm Arm fragte einen jungen Mann, der zerlaufend an einer Laterne lehnte, ob er ihm helfen könne. Ein Mädchen wischte sich mit dem Unterarm den Rotz weg, schwankte über eine Terrasse, stieg in eine Kastenente und konnte die Straße kaum sehen, die in ihren Tränen verschwamm. Ein Junge setzt seinen Rucksack an einem Laternenpfahl ab, ließ ihn achtlos stehen, ein älterer Herr mit Zeitung unterm Arm rief ihm deswegen hinterher. Eine Kastenente röhrte im ersten Gang eine staubige Straße hinab, ein junger Mann rannte einen Namen rufend eine staubige Straße hinauf. Eine Kastenente machte im letzten Moment eine Vollbremsung. Ein Junge stand Rotz und Wasser heulend vor einer Stoßstange, eine Fahrertür wurde aufgerissen, ein Junge und ein Mädchen fielen sich in die Arme, versuchten sich zu küssen, was nicht ging, weil zwei Münder die bebenden Lippen aufeinander pressen mussten. Eine Kellnerin kam mit einem Packen Geldscheine wedelnd die Straße herunter gelaufen, ein älterer Herr mit einer Zeitung unterm Arm schleppte schwitzend einen Rucksack die Straße hinauf.

Angel und Yve hielten einander fest. Sie mischten ihre Tränen, sie küssten, sie mussten wohl auch stoßweise einmal lachen. Eine Kastenente blockierte eine Fahrbahn, eine Menschenmenge sammelte sich auf der anderen, es fuhr kein Auto mehr, in einem Ort trat eine merkwürdige Ruhe ein. Leute mit Baguette und Milch fragten einander, was es gebe. Es haben sich Bruder und Schwester nach langer Suche wiedergefunden, sagten die einen, es habe eine im Lotto gewonnen, andere. Es habe auch einen Unfall gegeben, doch durch ein Wunder sei niemand zu Schaden gekommen.

Ein älterer Herr legte unauffällig einen Rucksack in eine Kastenente und nickte einem jungen Mann freundlich zu. Eine Kellnerin steckte einem Mädchen unauffällig einen Stapel Scheine zu und strich ihm flüchtig übers Haar. Ein Autofahrer kam mit einem Kästchen Verbandszeug, ein LKW-Fahrer rupfte einige Blumen aus seiner duftenden Ladung. Ein Junge und ein Mädchen stiegen in eine gebrochen orange Kastenente, ein Auflauf von morgendlichen Männern und Frauen sah einem Automobil nach, das langsam seinen Weg aus einem sommerlichen Ort suchte.

Eine sehr alte Frau stützte sich auf ihren Stock, lauschte dem Geschepper eines vorbeituckernden Automobils, dachte an das Geräusch von Hochzeitskutschen und wackelte mit dem Kopf. "Nana", seufzte sie wohl auch.

 

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