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Eier, Milch und Blut

Die Anna, die ist schön,
die ist einkaufen gehn
und kommt doch nicht zurück,
Eier, Milch und Blut.

Die Mutter, die sprach: "Kind,
willst du einkaufen gehn?",
und gab ihr etwas Geld
und einen Zettel drauf

stand: Eier, Milch und Blut,
und gehe nie bei rot,
sondern geh bei grün,
und komm recht bald zurück!

Sie gab ihr einen Kuss,
"es ist ja schon bald sechs,
und machst du auch geschwind?",
und gab ihr noch ´nen Kuss.

Die Anna, die ist los
mit zehn Mark in der Hand,
und neun Jahr war das Kind,
und schön und Anna hieß:

Die Anna, die ist schön,
die ist einkaufen gehn,
und kommt doch nicht zurück,
Eier, Milch und Blut.

Die Sonne schien noch warm,
es war ja auch schon Mai,
und Anna hielt die zehn
Mark fest in ihrer Hand.

Der Laden ist nicht weit,
da sah sie gegenü-
ber Frau Schuh mit ihrem Hund,
der Hund war dick und hieß

Floh, und Floh war schon
sehr alt und dick und grau,
und schielte wie der Lö-
we Clerence von Daktari.

Die Anna liebte Floh
und auch die alte Schuh,
Frau Schuh die konnte gut
von Prinzen was erzähl´n.

Die Anna, die rief: "Floh!",
Floh wedelt mit dem Schwanz,
Frau Schuh rief noch: "Bleib stehn!",
doch Anna lief schon los.

Die Anna, die ist schön,
die ist einkaufen gehn,
und kommt doch nicht zurück,
Eier, Milch und Blut.

Die Straße, die war breit,
und Anna war erst neun,
Sie lief ne Ewigkeit
und kam nie drüben an.

Der Fahrer schleuderte,
so heftig bremste er,
der hinter ihm fuhr auf,
es krachte laut und dann -

Es hat niemand gesehn,
nur dass die Anna nicht
mehr da war unter dem
Blech und Öl und Glas.

Die Anna, die war weg.
Sie überließ der Welt
nur vierzig Kilo Fleisch
und zehn Mark in der Hand.

Der Fahrer öffnete
die Tür vom PKW,
und suchte Anna und
fand sie nirgendwo.

Nur Floh, der alte Hund,
der leckte ihre Hand,
die Hand mit den zehn Mark
und Mutters Zettel drin.

Die Anna, die ist schön,
die ist einkaufen gehn,
und kommt doch nicht zurück,
Eier, Milch und Blut.

Der Fahrer ging zurück
in seinen PKW,
er suchte irgendwas,
doch wusste er nicht, was.

So kam er wieder raus.
Er hätt gern was gesagt,
doch wusste er nicht, was.
Da fing er an zu heuln:

Acht Stunden Arbeit für
die Frau, das Kind, das Haus,
und auf dem Weg zurück
fährt er die Anna tot.

Später gab er sei-
nen Führerschein dann ab,
er konnte nicht mehr fahrn,
er hatte keine Schuld.

Die Anna, die war schön,
die war einkaufen gehn,
und kam nie mehr zurück,
Eier, Milch und Blut.

 

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Eier, Milch und Blut von Jens Wirsching steht im Netz seit dem 23. März 2009 unter der freien Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz.
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