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Eingeholt 5

Wie gesagt, Angel blieb gute vier Wochen in Haft. Er kam in dieser Zeit ein stückweit zu sich selber, ganz würde er vielleicht nie dort ankommen. Dann war der ziemlich schmutzige Deal zwischen Gerome und den Anwälten von Pierre De Beaumont perfekt.

Die Gegenüberstellung zwischen De Beaumont und Angel fand statt, und zur Überraschung der anwesenden Beamten und der Journalisten später auf der Pressekonferenz erklärte der längst vollständig genesene De Beaumont, der junge Mann sei ihm völlig unbekannt und in keiner Weise identisch mit jenem Mann, der auf ihn den bewaffneten Raubüberfall ausgeübt habe.

Aus später nicht weiter zu klärenden Gründen hatte ebenfalls der Polizist aus dem Streifenwagen seine ursprüngliche Aussage zurückgezogen, bei Angel handele es sich um den jungen Mann, den er etwa eine Stunde nach Tatzeit in De Beaumonts Fahrzeug angetroffen habe. Es musste da eine dunkle Verwechselung stattgefunden haben. Selbst das Gutachten über Angels Fingerabdrücke, die man angeblich im Fahrzeug von De Beaumont entdeckt hatte, war spurlos verschwunden. Der unabhängige Gutachter, der es erstellt hatte, wollte sich indes an einige Fragwürdigkeiten erinnern, die er in dem Gutachten bezüglich der eindeutigen Nachweisbarkeit der Identität der Fingerabdrücke mit denen Angels geäußert habe. In den Archiven der Justizbehörde hatte auf Anweisung von ganz oben just der Raum, in dem das Gutachten gelegen hatte, umgeräumt werden müssen, und danach war es einfach nicht mehr aufzufinden. Ein Archivar der Justizbehörde soll später verstetzt worden sein, das war alles.

Die Anwälte von De Beaumont musste das ganze einiges gekostet haben. Aber was spielt das für eine Rolle, zumal für einen Mann in De Beaumonts Stellung. Vielleicht hat er das Arrangement von der Summe beglichen, die ihm seine Diebstahlversicherung für den angeblich erbeuteten, immens hohen Bargeldbetrag erstatten musste. Eine neue Fahndung mit mäßigem Engagement wurde eingeleitet und ein neues Phantombild herausgegeben. Die Polizei sucht noch heute erfolglos nach dem Täter. Niemand hat aber ein besonderes Interesse daran, ihn tatsächlich zu finden, und so wird dieser Fall irgendwann wie so viele zu den Akten gelegt werden.

Angel stand am Schreibtisch des wachhabenden Beamten. Umständlich wurden ihm seine Papiere ausgehändigt. Auch sein Rucksack stand da, den man in Verwahrung genommen hatte. Nur die Beretta fehlte, man hatte dieses Indiz ebenfalls verschwinden lassen. Der Beamte entschuldigte sich förmlich für die Unannehmlichkeiten, die man Angel so zu Unrecht bereitet habe. Angel aber bedankte sich für die freundliche Bewirtung. Es wäre für ihn eine wichtige Zeit gewesen, und er werde die Wache in angenehmer Erinnerung behalten. Der Beamte musste schmunzeln, soetwas hatte er noch nicht gehört. Zu allem Überfluß erhielt Angel zweiunddreißig Tagessätze ausgehändigt, also einhundertundzwanzig Francs pro Tag, den er unschuldig, wie ja nun erwiesen war, in Untersuchungshaft gesessen hatte. Gerome hatte das für ihn eingeklagt. Angel musste etwas unterschreiben, dann durfte er gehen.

Einfach gehen. Angel trat auf die Straße. Es war ein klarer, fast ein wenig kühler Vormittag. Er stellte seinen Rucksack, den er noch nicht aufsetzen mochte, neben sich auf die Steinstufen und sah in das Licht. Ein paar Leute, die vorübergingen, sahen ihn abschätzig an. Es sieht nie gut aus, wenn einer aus einer Polizeiwache tritt, egal, was er dort zu erledigen hatte. Dann erst sah er den Wagen von Gerome.

Gerome hatte viel für ihn getan. Jetzt öffnete er die Beifahrertür und winkte Angel herbei. Der nahm seinen Rucksack auf und warf ihn auf den Rücksitz. Dann setzte er sich auf den Beifahrersitz und schloß die Tür.

"Darf ich dich umarmen?", fragte er.

"Ja."

Angel drückte ihn an sich. Gerome machte sich bald wieder frei und bot Angel eine Zigarette an. Schweigend saßen sie nebeneinander und rauchten.

"Darf ich Musik anmachen?"

Gerome schob eine CD ein. "Und jetzt?"

"Bringst du mich zur Autobahn?"

Gerome startete und fuhr los. Angel genoss es, wieder mitgenommen zu werden. Er dachte kurz an Mamsel, aber so war es auch gut.

Es war ausgezeichnet. Er sah die Häuser an sich vorbeifliegen, die Straßenschilder und die Bäume, von denen einige bereits begonnen hatten, ihr Laub einzufärben. "Was für einen Tag haben wir heute?"

"Mittwoch, den dreiundzwanzigsten September", sagte Gerome.

Angel pfiff durch die Zähne. Seine Eltern hatte man informiert. Er hatte auch schon mit ihnen telefoniert. Aber so richtig viel gab es da nicht zu sagen. "Hast du etwas von Yve gehört?"

"Nein", log Gerome. Natürlich, er hatte öfter mit ihr telefoniert, hatte sie auch einmal besucht, um zu sehen, wie es ihr ging. Er würde Angel nichts von den Veränderungen sagen, der sollte sich jetzt um sich selber kümmern.

"Ich habe öfter versucht, sie anzurufen", sagte Angel. "Ich habe ihr auch Briefe geschrieben. Yves Mutter hat aber nichts durchgelassen. Die Briefe würde sie immer gleich vernichten, hat sie mir am Telefon gesagt. Yve wäre mit einem René zusammen, ob ich das nicht wüßte. Sie würde jetzt ihre Ausbildung machen und es würde ihr sehr gut damit gehen." Er drückte die Zigarette aus.

"Denk nicht mehr an Yve", sagte Gerome. "Es hat keinen Zweck."

"So? Ich dachte, du hast nichts mehr von ihr gehört."

"Das war das letzte, was ich von ihr gehört habe", erklärte Gerome, "lass es besser bleiben."

Die Autobahn war bereits ausgeschildert. "Wo willst du jetzt hin?"

"Ich werde zurückfahren."

"Das wird das beste sein", schloß Gerome das Thema ab.

Er brachte Angel auf einen belebten Rastplatz. Angel bedankte sich für alles, Gerome wollte davon aber nichts wissen.

"Hast du meine Adresse noch?", fragte er stattdessen.

"Ich weiß nicht. Ich glaube, ja." Angel machte eine längere Pause. "Ich brauche die Beretta."

"Aber..." Gerome wollte etwas einwenden, da hatte Angel schon das Handschuhfach geöffnet und die neue Beretta beschlagnahmt. Er nahm das Magazin heraus. Es war eine Kugel darin. "Das muss reichen."

Gerome sah ihn müde an. "Mach keine Dummheiten, Junge, für Deutschland habe ich keine Konzession."

"Manchmal wünsche ich mir", begann Angel aus Geromes Brief von damals zu zitieren, "einer wie Du würde einen wie Luc oder wie mich in einer Situation, wie Du sie vermutlich gestern abend erlebt haben wirst, einfach abknallen. Ich habe auch das Gefühl, dass Du noch eine andere Rechnung offen hast."

Gerome lachte kurz. "Soll ich mich verfluchen dafür, dir das geschrieben zu haben?"

"Nein, Gerome. Ich glaube, es ist langsam gut mit deinen Flüchen."

Gerome sah ihn verdattert an. An die Möglichkeit, dass ein Fluch eines Tages Vergangenheit sein könnte, hatte er nie gedacht. Sie sahen sich noch eine Weile an, dann stieg Angel aus, hievte seinen Rucksack über die Rückenlehne und schlug die Tür zu.

Ohne sich noch einmal umzusehen ging er auf einen Wagen zu, der an einer Tanksäule hielt. Gerome sah, wie Angel den Fahrer, einen Geschäftsmann offensichtlich, ansprach. Die beiden verständigten sich eine Weile, dann stieg Angel ein und wartete, bis der Fahrer aus dem Kassenraum zurückkam. Langsam fuhr der Wagen an und rollte auf die Fahrbahn Richtung Nordosten. Gerome verlor ihn aus den Augen. Er klappte das Handschuhfach zu, stieg aus und ging einen Kaffee trinken.

 

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Angel und Yve von Jens Wirsching steht im Netz seit dem 25. März 2009 unter der freien Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz.
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