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Ende 1

Es war beinahe sechs, als Angel die Schnellstraße nach Westen erreichte. Er trottete langsam den Straßengraben entlang. Es hatte zu regnen begonnen, aber Angel hatte keine Lust gehabt, sein Regenzeug herauszuholen. Es tat ihm gut, stur zu marschieren und den Regen an sich hinunterlaufen zu lassen. Er hatte heute nichts mehr vor, für das es besser gewesen wäre, trocken zu bleiben. Es fröstelte ihn auch nicht. Eigentlich empfand er gar nichts außer dem Regen, der da an ihm herunterlief, und er war dem Regen dankbar dafür, dass er ihm etwas zu empfinden gab.

Yve hatte sich in Dortmund in ein Cafe gesetzt. Sie wusste nicht genau, was sie weiter tun wollte. Sie hatte keine Lust, hierzubleiben. Dortmund gefiel ihr nicht, schon gar nicht im Regen. Zum Zurückfahren war sie zu müde. Außerdem fehlte ihr jeder Anhaltspunkt, was sie zu Hause hätte beginnen sollen. Das Bett und die Wanne reizten sie schon. Aber der Rest? Zudem verfügte sie in ihrem gegenwärtigen Zustand nicht über jene Coolness, derer es bedurft hätte, um mit Mamsel ein weiteres Mal die Grenze zu passieren. Sie holte ihre Karte heraus.

Die enthielt aber auch keinerlei Anhaltspunkte, wo man sinnvollerweise hingekonnt hätte. Yve ertappte sich dabei, wie ihr Blick immer wieder nach Westen schielte. Also gestand sie sich ein, dass sie hier nichts verloren hatte. Das mit Angel war nun endgültig ausgestanden. Sie hatte das wohl machen müssen, hier herkommen, und wenn es nur war, um die Sache endgültig abzuschließen. Man soll nie sagen, dass etwas nichts gebracht hat, den Sinn erkennt man oft erst im nachhinein.

Vielleicht würde sie nach Paris fahren. Sie kannte da Leute, die ganz in Ordnung waren. Hatte sie das nicht ohnehin einmal vorgehabt, bevor ihr Angel dazwischenkam? Paris, da ist immer etwas los. Und ein Job lässt sich dort allemal finden. Sie könnte es zunächst als Messe-Hostess versuchen. Eine Freundin machte das. Das gab gut Geld für etwas Arschgewackel, das man da abziehen musste. Das wäre immerhin ein Einstieg, um sich zunächst über Wasser zu halten. Was dann käme, würde sich zeigen. Etwas besseres als den Tod werden wir überall finden, dachte Yve. Sie lächelte. So. Das war aber jetzt das letzte Mal, dass sie an Angel gedacht hatte. Abgemacht?

Abgemacht. Sie trank ihren Kaffee, zahlte und stieg guter Dinge in Mamsel. Dann stieg sie wieder aus, nahm den Strafzettel von der Windschutzscheibe, schmiß ihn in einen Gulli und fuhr los.

Es war bereits sechs. Sie würde jetzt nicht die Autobahn nehmen, das war auf Dauer zu ermüdend, das wäre in ihrer gegenwärtigen Verfassung zu gefährlich. Yve genoss es, sich um sich selbst Sorgen zu machen. Sie machte Musik an und suchte die Schnellstraße nach Westen. Der Regen prasselte auf ihr Dach, und Yve war es behaglich zumute in Mamsel. dass der olle Scheibenwischer wieder nicht funktionierte, das störte sie jetzt nicht weiter. Yve störte jetzt gar nichts mehr. Alles war gut, so wie es war, und sie freute sich darauf, sich ab jetzt nur noch darum zu kümmern, dass es für sie weiterhin gut so sein würde, wie es eben werden würde.

Angel stellte seinen Rucksack in die aufgeweichte Erde des Grünstreifens. Er musste ausruhen, er war mehrere Stunden durchgelaufen. Er zündete sich eine Zigarette an, ließ sie im mittlerweile knüppeldicken Regen wieder ausgehen, warf sie fort, und fragte sich, wozu Menschen rauchen. Er setzte sich dann einfach in das pampige Gras. Nasser konnte er nicht werden. Er porkelte gerade mit dem Finger im Grünstreifen, als er ein Automobil auf sich zurasen sah. Mit einem gewaltigen Satz sprang er nach hinten weg, sodass das Gefährt nur seinen Rucksack überfuhr. "Allmächtiger!", stöhnte Angel, als er sich aus der Botanik aufgerappelt hatte. Er war über und über mit Schlamm besudelt. Er musste in ein Schlammloch gehechtet sein. "Allmächtiger!"

Yve hatte kaum noch etwas sehen können. Der Regen war so dicht geworden, dass sie plötzlich nicht mehr sicher war, ob das Bremslichter vor ihr waren oder normale Rücklichter. Sie hatte das Steuer herumgerissen und war auf den Grünstreifen ausgewichen. Mit voller Geschwindigkeit bretterte sie über einen gewaltigen Hubbel. Sie konnte Mamsel soeben davon abbringen, nun vollends außer Kontrolle zu geraten.

"Ich muss müde sein", seufzte sie adrenalingeputscht, als sie endlich Mamsel zum Stehen gebracht hatte. Sie lehnte sich einen Augenblick zurück. Dann stieg sie aus. Sie musste diesen Scheibenwischer in Gang bringen. Sie wollte sich nicht auf dieser beschissenen Schnellstraße kurz hinter Dortmund zu Brei fahren. Da gab es bessere Orte. Sie beugte sich über die Kühlerhaube und rüttelte an diesem Biest von einem Scheibenwischer. Ich hätte sie abschmieren sollen, dachte sie und ärgerte sich, dass René wieder einmal recht behalten hatte. "Na komm schon!", sagte sie zum Scheibenwischer. Dann wurde ihr klar, dass der sich gar nicht zu beeilen brauchte, weil sie bereits bis auf die Haut durchnäßt war, der Regen gab, was er konnte. Als sie es daraufhin ruhiger versuchte, fing der Scheibenwischer prompt an, sich zu rühren. "So ist brav", sagte sie. Dann streckte sie sich genüßlich dem Regen entgegen. Es tat gut, das Wasser an sich herunterrinnen zu spüren.

Angel wollte gerade beginnen, den Rucksack aus der Matsche zu ziehen, in die er regelrecht einplaniert war, als er stückweise begriff, dass es Mamsel war, die ihn um ein Haar gleichfalls in die Matsche planiert hätte. Er richtete sich auf und sah sie in einiger Entfernung auf dem Grünstreifen stehen. Das war Mamsel! Langsam ging er los. Mamsel! Jemand beugte sich über Mamsels Kühlerhaube, dann streckte er sich, sie sich, Yve sich, Yve! Angel lief schneller. Yve fuhr sich durchs Haar, dann stieg sie ein. Yve!

Die Autos fuhren jetzt sehr langsam. Die Sicht war schlecht und man musste mit Aquaplaning rechnen. Oft kam die ganze Schlange ins Stocken. Yve fuhr eine Weile im Schrittempo neben der Schlange her. Dann sah sie in den Rückspiegel, ob der Laster sie reinließe. Sie sah eine Gestalt hinter ihrem Wagen durch den Regen rennen. Die Gestalt fuchtelte aufgeregt mit den Armen. Angels Gestalt. Yve wurde von dem Laster reingelassen. Der Wagen vor ihr bremste, es ging nur noch im Schrittempo weiter. Angel lief neben Mamsel. Yve! Yve schaltete das Radio ein. Yve! Yve drehte lauter. Yve! Es ging wieder voran. Angel flog förmlich neben ihr her. Er schlug auf Mamsels Dach. Yve! Dann war er weg. Yve sah in den Rückspiegel. Angel war gegen eine Notrufsäule gerannt. Er lag daneben im Graben.

Angel war gegen eine Notrufsäule gerannt und saß daneben im Graben. Ihm tat alles weh, vor allem, Mamsel davonfahren zu sehen. Es gab keinen Grund, sich aus der Pfütze, in der er saß, zu erheben. Überhaupt keinen.

Der Verkehr Richtung Westen kam dann ganz zum Erliegen. Angel hätte es noch einmal versuchen können. Aber er konnte es nicht noch einmal versuchen. Er saß lieber in der Pfütze an der Notrufsäule und sah nach Westen. In den Autos, die neben ihm standen, wurden die Scheiben heruntergekurbelt. Man hatte das beobachtet und wollte gerne, solange es nicht weiterging, Angel in der Pfütze sitzen sehen. Angel stierte eine ganze Weile auf den Punkt, der sich ihm neben der Fahrbahn langsam näherte. Der Punkt nahm Gestalt an. Yves Gestalt. Yve, die neben den stehenden Autos durch den knüppeldicken Regen ging, auf eine Notrufsäule zu, neben der in einer Pfütze ein junger Mann saß. Wo sie vorbeiging, wurden die Scheiben heruntergedreht. Wann hatte man je eine so schöne, so nasse, junge Frau gesehen?

Eine schöne, nasse, junge Frau stand eine Weile vor einer Notrufsäule, an der ein schöner, nasser, junger Mann sich hochzog. Ein junger Mann versuchte, sich Schlamm von der Kleidung zu klopfen. Eine junge Frau sah ihn unverwandt an. Dann ging sie einen Schritt auf ihn zu und langte ihm eine. Einem jungen Mann flog die Gesichtshaut ein stückweit in den Regen. Dann kam sie zurück. Es klatschte noch einige Male. Einige Autofahrer zählten mit. Viermal sagten später die einen, hundertmal die anderen. Ein junger Mann reichte einer jungen Frau eine ungeladene Pistole. Damit konnte man besser schlagen. Eine junge Frau warf eine Pistole achtlos in ein Schlammloch. Eine junge Frau und ein junger Mann nahmen sich in die Arme. Der Regen umfloß sie und das dauerte eine Minute, sagten später die einen, eine Stunde, andere, sie stehen da noch, soll es auch geheißen haben.

Die Wahrheit ist, dass sie sich an die Hand genommen haben, ohne ein Wort zu reden, dass sie dann an den Autos entlangegangen sind, ohne sich umzusehen, dass sie auch nicht nach sich gesehen haben, sondern nach Westen, nach vorne, wo sich am Horizont ein heller Streif unter die schweren, dunklen Wolken geschoben hatte. Als sie das Ende der Schlange erreicht hatten, stand da einsam Mamsel mitten auf der Fahrbahn, die Fahrertür weit geöffnet. Vor Mamsel war die Fahrbahn frei, frei für Angel und Yve. Yve strich flüchtig Mamsel über die schnabelhafte Kühlerhaube, dann gingen sie weiter, Angel und Yve, mitten auf der Fahrbahn, dahin, wo sich der helle Streif unter die Wolken gezwängt hatte, Hand in Hand.

Die Lastwagenfahrer konnten Angel und Yve am längsten sehen, sie saßen am höchsten. Dann stiegen einige Fahrer aus ihren Fahrzeugen und rollten sehr behutsam, sehr vorsichtig Mamsel auf den Grünstreifen. Sie taten das mit der Sorgfalt, mit der man etwas sehr kostbares behandelt. Als der Verkehr westwärts wieder ins Rollen kam, da sahen wohl viele noch bis es dunkel wurde aus ihren heruntergekurbelten Seitenfenstern, ob sie Angel und Yve nicht irgendwo am Fahrbahnrand entdeckten. Jeder hätte sie wohl gerne ein Stück Weges mitgenommen. Von Angel und Yve aber fehlte von jener Stunde an jede Spur.

Mancher Fahrer behauptete später, sie noch irgendwo gesehen zu haben, an vielen Orten sollen sie gesehen worden sein, aber ich glaube nicht, dass das die Wahrheit ist.

 

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Angel und Yve von Jens Wirsching steht im Netz seit dem 25. März 2009 unter der freien Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz.
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