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Ende 2 Epilog

Ich darf mich an dieser Stelle vorstellen. Ich bin Anwalt, das heißt, ich war Anwalt. Gerome Detienne ist nicht mein richtiger Name, wie ich übrigens alle Namen aus guten Gründen geändert habe. Ich habe heute sehr, sehr viel Zeit. Ich bin fast immer allein. So habe ich viel Zeit, wieder und wieder an die Geschichte von Angel und Yve zu denken. Oft hilft es mir, daran zu denken, hier ist es nicht immer leicht für mich. Vielleicht war es auch nicht zuletzt Angel, der mir mit seiner Geschichte geholfen hat, endlich über meine eigene zu reden. Ich habe meiner Frau damals, als ich Angel und Yve aus den Augen verloren hatte, alles über mich erzählt, auch die Geschichte mit unserem Sohn. Sie hat sich daraufhin von mir scheiden lassen und Anzeige erstattet, was ich beides gut verstehen kann. Ich werde hier noch einige Jahre sitzen müssen, aber das ist nicht schlimm. Als Doktor Kinderschänder, wie man mich hier nennt, habe ich es nicht leicht, das darf man mir glauben, aber ich war nie der Meinung, dass ich verdient hätte, es leicht zu haben, nein, das nicht. Immerhin hat man mich in eine Einzelzelle gesperrt. Für andere ist das eine Strafe, für mich ist es ein Segen. Der einzige, der mich ab und an besucht, ist Luc. Er ist mein Freund und wird es bleiben, das ist gut zu wissen. Oft stelle ich mir vor, eines Tages erhalte ich Post von Angel und Yve, das stelle ich mir oft vor. Ich stelle mir vor, sie schreiben mir von wo immer sie gelandet sind, und es sind nur ein paar liebe Grüße auf der Karte, und dass es ihnen gut geht. Ich glaube, dann wäre ich sehr glücklich.

Ich habe das alles für mich aufgeschrieben, das stimmt. Vielleicht habe ich es aber auch aufgeschrieben für diejenigen da draußen, die in ähnlichen Geschichten stecken, die auch verscheißert werden, sexuell, wie Angel damals. Und wie auch ich vor langer Zeit. Denjenigen da draußen, Gott, ich weiß, wie viele ihr seid, würde ich an dieser Stelle gerne sagen dürfen, hört auf, euch verscheißern zu lassen, es kommt euch zu teuer. Nehmt nicht Rücksicht darauf, wer es ist, es sind ja allzuoft gerade die, die einem lieb und teuer sind. Schießt sie zum Mond oder in den Kopf, aber schießt! Und redet! Schweigt nicht, es macht euch auf Dauer tot. Lebt! Redet! Schießt! Ihr seid verloren sonst. Ich kann euch da nicht helfen, ich sitze hier. Andere werden euch helfen, wenn ihr bloß nicht aufgeben wolltet. Gebt euch nicht auf, Jungs. Und Mädchen, Gott, ich weiß, wie viele ihr seid!

Nachtrag

Luc war heute zu Besuch. Er war ganz aus dem Häuschen. Er hat eine Nachricht von den beiden erhalten. Sie sind irgendwo in Kanada, sagt er, sie haben da ein Haus in den Bergen, im Sommer wollen sie Wanderer beherbergen, im Winter Skigäste. Yve erwartet ein Kind, sagt Luc, ein Kind! Und die beiden wollen, dass ich sein Patenonkel werde, das hat er wirklich gesagt. Ich weiß nicht, ob ich dann schon wieder draußen bin. Vielleicht kann ich Hafturlaub beantragen?

 

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Angel und Yve von Jens Wirsching steht im Netz seit dem 25. März 2009 unter der freien Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz.
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