Angel hatte seine Sachen in den Rucksack gepackt, den aufgesetzt und war losgelaufen. Kurt dackelte mit eingezogenem Schwanz hinter ihm her. Angel nahm keine Notiz von ihm.
Ihm war alles egal. Er würde sich vielleicht Munition besorgen. Wenn die Bullen ihn dann finden, würde er sie ganz nah herankommen lassen und dann sein Magazin auf sie abfeuern, soweit jedenfalls, wie er kommen würde. Ob sie zurückschießen oder ihn festnehmen, was machte das noch für einen Unterschied? Sein ganz großer Trip war gelaufen. Da war nicht mehr viel zu erwarten. Die Härte und Kälte von heute Nacht war nicht von ihm gewichen. Daran hatte das Schlafen nichts geändert. Im Gegenteil. Der Abschied von Yve hatte ihn nur härter gemacht. Angel war jetzt unverletzbar. Da gab es keine Stelle mehr, wo man noch hätte ansetzen können. Kurt bekam das zu spüren und hielt Abstand.
Als Yve endlich den Platz erreicht hatte, an dem sie geschlafen hatten, war von Angel keine Spur mehr. Sie sah nach allen Seiten. Sie hatte nicht die leiseste Ahnung, in welcher Richtung sie suchen sollte. Sie versuchte es dann mit Süden. Vielleicht würde Angel in den Pyrenäen Unterschlupf suchen. Dort konnte man untertauchen, die Leute waren das gewohnt im Baskenland, wo jede Familie irgendeinen jungen Rebellen versteckt hielt. Yve wusste das von René, der da Leute kannte.
Zu ungefähr dieser Stunde hatte Kurt Angel wieder eingeholt. Der ignorierte den Hund. Kurt ließ sich das aber nicht gefallen. Er zappelte und knurrte aus Leibeskräften, hielt sich an Angels Hosenbein fest, dass das ausfranste, und quälte den armen, mit sich beschäftigten Jungen solange, bis der ihm einen herben Tritt verpasste. Kurt flog ein Stück, plumpste auf den Boden und japste nach Luft. Angel ließ sich davon nicht beeindrucken. Er ging weiter ohne sich umzudrehen. Kurt lag da und winselte.
Soetwas war jetzt nichts mehr für Angel. Erst nach einer ganzen Weile drehte er sich nach dem armen Viehch um. Da aber war von Kurt nichts mehr zu sehen. Angel bequemte sich zurück zu der Stelle, wo Kurt gelegen hatte, nach dem Tritt. Er sah sich um, sah aber nichts und beschloss, dass es so besser sei. Er hatte keine Lust, sich um das Geschöpfchen noch zu kümmern. Er ging dann einfach weiter.
Yve sah Kurt schon aus einiger Entfernung auf sie zurasen. Wie ein Kaninchen hoppelte er über den harten Boden. Sie ging in die Hocke und ließ ihn an sich hochspringen. Sie nahm ihn, beruhigte ihn, jedenfalls versuchte sie es, und küsste ihm auf die kleine, schwarze Schnauze. "Na, wo hast du Angel gelassen?" Kurt fuhr mit seiner rosa Zunge durch ihr Gesicht und ließ sich kraulen. "Zu schade, dass du nicht sprechen kannst."
Yve stand auf und sah sich um. In großer Entfernung fuhr ein Streifenwagen vorüber. Yve sah ihm nach. "Haben sie ihn?" Kurt wedelte mit dem Schwanz.
Angel fühlte sich einsam und ausgemergelt. Die ganze Zeit zu hassen, sich hart zu machen und kalt, war auch anstrengend. Es tat ihm leid, dass er Kurt so behandelt hatte. Das hatte er jetzt davon. Was sollte er noch weiter laufen, was gab es noch zu erwarten? Er war müde, hatte keine Lust mehr, abzuhauen. Er hatte zu gar nichts mehr Lust. Dann sah er in weiter Entfernung einen Streifenwagen vorüberfahren. Er drehte sich um und ging in eben die Richtung, aus der er gekommen war. Da war dann wieder etwas von dieser Härte. Er lachte böse über sich, wie er da schön im Kreis lief.
Yve und Kurt waren zu Mamsel zurückgegangen. Yve hatte es aufgegeben, Angel zu suchen. Sie würde Nachrichten hören. Vielleicht hatten sie ihn wirklich schon. Früher oder später würden sie ihn jedenfalls schnappen. Und sie würde nur unnötig mit hineingezogen, wenn sie weiter suchen würde. Sie setzte sich ans Steuer, ließ die Beine heraushängen und drehte das Radio an. Es würde noch eine Weile dauern, bis die Nachrichten kämen. Kurt, der auf ihren Schoß gesprungen war, wurde unruhig. Er sprang raus, dann zurück auf ihren Schoß, zog an ihrem Schuh, bellte, rannte ein Stück vor, dann wieder zurück und wieder vor.
"Hör auf mit dem Theater!" Yve war müde und schlecht gelaunt. Kurt rannte weg. Irgendwann kam er zurück und war noch hektischer als zuvor.
Angel sah von Ferne die gebrochen orange Beule in der Brachlandschaft stehen. Was will die noch hier, fragte er sich. Dann kam Kurt auf ihn zugerast, machte einen Bogen um ihn, Angel konnte das nach vorhin gut verstehen, und verschwand in Richtung gebrochen oranger Beule.
Yve und Angel standen sich in einigem Abstand gegenüber und musterten sich. Yve war ausgestiegen, als sie die Gestalt auf sich zukommen sah. Kurt war zwischen den beiden hin- und hergeflitzt. Sie standen so eine ganze Weile.
Angel stellte seinen Rucksack in den Staub. "Was willst du noch hier?"
"Ich habe auf dich gewartet."
"So?"
"Ja."
Die beiden blieben ziemlich cool. Da wäre jetzt nichts mit in die Arme fallen gelaufen. Angel hatte sich systematisch hart gemacht, als er sich dem Automobil genähert hatte. Und Yve war auch nicht besonders euphorisch.
Angel gefiel das, wie Yve so völlig unnahbar an Mamsels Türe lehnte.
"Du siehst schlecht aus", sagte Yve.
"Tja."
"Sie suchen dich."
"Tja."
"Sie haben eine ziemlich genaue Beschreibung von dir. Kann nicht mehr lange dauern."
"So?", fragte Angel unbeteiligt.
"Hast dich wohl nicht besonders geschickt angestellt, was?"
Du blöde Sau, dachte Angel. "Was geht dich das an?"
"Nichts. Steigst du ein?"
Angel schmiss seinen Rucksack in den Kasten und setzte sich auf den Beifahrersitz. Yve setzte sich auch. Die Tür hatte Angel offengelassen, so machte es Yve.
"Und jetzt?", fragte Angel.
"Ich kenne Leute, die kennen Leute im Baskenland. Die sind das da gewöhnt, andere zu verstecken. Wegen den Anschlägen. Der Typ war Staatssekretär. Das finden die Basken bestimmt o.k." Yve hielt inne. "Was ist da eigentlich gelaufen, heute nacht?"
"Staatssekretär?"
"Tu nicht blöd! Und du hast ihn zusammengeschlagen oder was?"
Angel hatte nicht mehr dieses Gefühl von früher, dass es schlecht sein könnte für irgendetwas, wenn man alles sagt. Es war ihm vielmehr gleichgültig, ob Yve das jetzt wusste oder nicht. Zum Beispiel das mit dem Strich.
"Ich bin nach Bordeaux gefahren. Da hab ich mich auf den Straßenstrich gestellt." Es machte ihm beinahe Spaß, ihr das so geradeheraus ins Gesicht zu sagen. Sollte sie doch denken, was sie wollte. "Dann fuhr da so ein fetter Schlitten vor. Der Typ wollte meinen Arsch ficken." Zufrieden sah Angel, wie seine Sätze bei Yve verfingen, wie sie merkwürdig angespannt am Lenkrad fummelte und starr geradeaus guckte. Er würde ihr jetzt nicht das leiseste bisschen ersparen. "Ich hab für den Arschfick fünfhundert verlangt. Der Typ war zufrieden. Also bin ich mit ihm zu seinem Hotel. Der hatte so ein absolutes Nobelzimmer, muss steinreich gewesen sein. Und oberpervers. Im Treppenhaus hat er an mir rumgefummelt und mir seine Zunge ins Maul gedrückt." Angel genoss es, wie Yve ihre Empörung und ihren Ekel versuchte zu überspielen. "Der hatte Mundgeruch", setzte er aus schierer Bosheit einen drauf.
"So genau wollte ich es nicht wissen."
"Ach? Was möchtest du denn gerne wissen. Ist es dir vielleicht möglich, dir auch mal Sachen anzuhören, die dir nicht so auf Anhieb gefallen?"
Yve antwortete auf so eine Scheiße grundsätzlich nicht.
Angel beschloss trotzdem, es jetzt kürzer zu machen. "Ich hab ihm dann die Beretta über den Schädel gezogen. Dreimal, falls das eine von den Angelegenheiten ist, die dein gewogenes Interesse auf sich ziehen."
Yve versuchte, da überhaupt nicht hinzuhören.
"Dann hab ich seine Brieftasche... O.k., ich kann auch aufhören!"
Yve sah lange aus der Türöffnung. Sie hatte nicht die geringste Lust, Angel anzusehen. "Komisch", sagte sie irgendwann.
"Was ist komisch?"
"Komisch, ich habe von Anfang an so etwas gedacht, dass du schwul bist oder was ähnliches. Vielleicht wollte ich es ja immer nicht richtig wahrhaben."
"Tja", sagte Angel in bedauerndem Tonfall, sollte sie doch denken, was sie wollte. Leute, die sich nicht darauf verstehen, einmal nachzufragen, müssen eben in die Irre laufen, so will es das Schicksal.
"Jetzt weiß ich auch, warum du im Bett so gewandt bist. Ist ja klar, wenn man das beruflich macht." Yve kam langsam in Fahrt. Sie fühlte sich entsetzlich betrogen und kam jetzt langsam richtig in Fahrt. "Schön, wenn man nachträglich erfährt, dass man es mit einem Profi zu tun hatte. Ich kann dir leider nicht viel dafür geben, ich habe kein Geld mehr. Aber das hättest du wirklich vorher sagen müssen."
Angel sah aus der Türöffnung und kochte. Er hatte eigentlich cool bleiben wollen.
"Naja, zum Schluss haben dann ja deine Dienstleistungen etwas an Qualität verloren. Aber da will man nicht mäkeln, wenn man's gratis gekriegt hat. War wirklich schön, mal einen richtigen Profi kennen gelernt zu haben, wie der das so macht. Welche Frau kann das schon von sich sagen?"
"Freut mich, dass du zufrieden bist." Angel war erleichtert, die Attacke cool überstanden zu haben.
"Schade eigentlich, dass du nichts von Frauen willst, du machst dich da ganz gut, würde sich sicher rentieren. Würdest du jetzt bitte aussteigen?"
"Erinnerst du dich noch an unser Versprechen?", fragte Angel. Er würde ihr das jetzt einmal zeigen, ob er nichts von Frauen wollte.
"Welches Versprechen?"
"Du wolltest noch einmal mit mir schlafen, wenn wir uns trennen, erinnerst du dich?"
Yve lachte spöttisch. Angel stieg langsam aus, ohne den Blick von ihr zu nehmen. Er schlenderte um die Kühlerhaube und stand vor der Fahrertür. "Bist du soweit?", fragte er freundlich.
Yve musterte ihn abschätzig.
"Na komm", säuselte Angel, fass te ihr Handgelenk und half ihr aus Mamsel. Yve lachte noch immer verächtlich, als Angel ihr das T-Shirt auszog, dann die Hose, den Slip. Er machte ihre Beine auseinander. Man kann hier vielleicht fragen, warum Yve das mit sich hat machen lassen. Es war sicher nicht, dass sie sich besonders an ihr Versprechen gebunden fühlte. Vielleicht wollte sie vielmehr, dass Angel mit jedem Stoß seines Beckens ein Stück des Bildes seiner selbst in ihr zum Verlöschen brachte. Mit jedem weiteren Stoß würde ein Stück von ihm in ihr sterben. An die Stelle seines Bildes sollte eine abgrundtiefe Verachtung treten.
Angel hatte seine Hose herunter gelassen, und sein Glied in ihre Scheide getan. Er rutschte an ihr herum, dann stieß er brutaler zu. Er fand einen eigenwilligen Gefallen daran, wie sie sich so regungslos ihm auslieferte. Nur manchmal verzog sie still das Gesicht, wenn es ihr wehtat. Angel wollte ihr keine Schmerzen zufügen, er wurde dann wieder vorsichtiger. Er wollte sie nur demütigen. Hätte sie sich gewehrt, hätte er aufgehört. Aber genau, wie sie es so unbeteiligt über sich ergehen ließ, es sichtbar nicht genoss, sondern gleichgültig blieb, das war, was ihn erregte. Manchmal beobachtete er sich bei dem, was er gerade tat, und dann fragte er sich, ob das wahr sein konnte, dass das wirklich er gerade da machte. Aber dann sagte eine andere Stimme in seinem Kopf, dass das nur gerecht sei, dass Yve ihn herausgefordert habe, und dass sie das ja jetzt auch selber hinnehme.
Irgendwann war Angel fertig. Er zog sein Glied zurück, half Yve von der Kühlerhaube, auf die er sie gelegt hatte, zog seine Hose hoch und schämte sich. Er schämte sich zu Tode für das. Dabei wusste er, dass es unmöglich war, Yve jetzt auch noch seine Scham über sich zuzumuten. Schon sich zu entschuldigen wäre impertinent und zynisch gewesen. Er konnte nur seine Sachen nehmen und gehen. Er würde sie nicht einmal mehr ansehen.
Yve dachte gar nichts. Sie war einfach nur fertig mit der Angelegenheit. Das gerade hatte fast noch gefehlt, jetzt war sie jedenfalls fertig damit. Vielleicht dachte sie etwas undramatisch abfälliges, etwas wie: Du arme, arme Sau.
Sie war dabei, ihre Anziehsachen zusammenzusammeln, als Kurt losraste. Jetzt erst hörte auch sie das Gebell, das sich langsam näherte und mehr und mehr anschwoll. Eine Meute Schäferhunde jagte durch das Brachland auf sie zu. Yve blieb wie angewurzelt stehen. Es hatte etwas entsetzliches. Angel hob seinen Blick in dieselbe Richtung und starrte gebannt auf das Rudel. Es mussten an die dreißig sein.
Kurt? Kurt stürtzte ihnen entgegen. Es war nicht einsichtig, was er gegen die ausgewachsenen, wütenden Schäferhunde auszurichten gedachte. Immerhin gelang es ihm, sie zum Stehen zu bringen, wie, das hätte man nicht sagen können. Es gelang ihm eben. Vielleicht achtzig oder hundert Meter von Angel und Yve entfernt lief er aufgescheucht vor der Phalanx zähnefletschender Köter auf und ab. Dann blieb er vor dem kräftigsten stehen, ging in Angriffshaltung und bellte sein Jungehundebellen. Vielleicht hat er versucht, ebenfalls die Zähne zu fletschen. Er hatte das noch nie probiert. Dann setzte er zu einem Sprung an und hüpfte dem mächtigen Tier ins Gesicht.
Das war das letzte, was Angel und Yve von Kurt gesehen haben. Es wurde eine Menge Staub hochgewirbelt, es wurde gejault und gekläfft, dann raste die Meute weiter auf Angel und Yve zu. Von Kurt war nichts übriggeblieben. Vielleicht, wenn man gesucht hätte, hätte man an der Stelle noch bis zum nächsten Regen das Schwarz von Kurts angetrocknetem Blut auf den Grashalmen finden können. Aber es hat nie jemand danach gesucht.
Die Polizeihunde waren gut dressiert. Sie überwanden jeden Widerstand, aber als sie Angel und Yve eingekreist hatten, verharrten sie ohne zuzupacken, bis die Hundeführerstaffel sie wieder an ihre Leinen legte. Angel und Yve hatten sich nicht gerührt bis zu diesem Augenblick, sie hatten gewusst, dass die Hunde auf sie losgegangen wären. Sie ließen sich auch widerstandslos festnehmen. Es hatte ohnehin alles keinen Zweck mehr, war so dermaßen gelaufen.
Angel war dankbar, dass genau in diesem Augenblick jemand gekommen war und alle Verantwortung für sein weiteres Verbleiben ohne Rückfragen übernahm. Für Yve tat es ihm leid, aber sie würden sie sicher bald laufen lassen, sie hatte nichts getan.
Die Beamten waren höflich zu Yve, ließen ihr Zeit sich anzuziehen. Fragten auch, ob Angel ihr etwas angetan habe, was sie aber zu dessen Überraschung nach einigem Zögern verneinte. Sie müssten sie aber trotzdem vorläufig mitnehmen, ist schon klar. Zu Angel waren sie nicht ganz so höflich, aber sie behandelten ihn nicht schlecht. Yve musste einem Beamten den Schlüssel von Mamsel geben, damit sie weggefahren werden konnte. Sie tat das nur sehr widerwillig, musste es aber schließlich zulassen. In separaten Polizeiwagen wurden sie zur Wache gefahren, wo sie sich nicht wieder begegneten.
Angel und Yve von Jens Wirsching steht im Netz seit dem 25. März 2009 unter der freien Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz.
Mehr über meinen Gebrauch freier Lizenzen erfahren Sie unter hier http://www.engel-und-krise.de/lizenzen.html.
Wenn Sie Ihrerseits gerne etwas geben möchten, finden Sie hier meinen Hut.
