Haimon:
Die jetzt tot sind hatten bronze-schöne Haut - davor.
Jung warn die Krieger und von glattem Fleisch - davor.
Ihre Finger glitten durch die Locken uns - davor.
Jetzt hat der Staub ihr Blut gefressen
und begraben liegt, was war,
davor.
Ismene:
Ich hatte einen Freund, der war mein Freund, der war
bis gestern, als die Lanze in sein Auge traf,
da war er tot und schrie den letzten Schrei, zum letz-
ten mal hör ich die helle Stimme, die mich Hai-
mon, Freund mich rief und starb,
jetzt bin ich nicht mehr jung.
Mein liebster Liebster hatte langes blondes Haar,
das flog um seinen wilden Blick, die Augen stech-
end blau, doch küsste mich sein Mund, doch küsste mich...
Haimon:
Vergiss, Ismene, ihn, sein Schädel platzte ges-
tern unterm Pferdehuf! Vergiss, Ismene ihn,
vergiss ihn nie.
Mein Vater trieb die Truppen in die Schlacht, er schrie
und peitschte uns, als ich die Leiche meines Freunds
in meine Arme schloss, denn kämpfen sollte ich;
ich tat's und schlug und lebe noch und er, der Va-
ter heißt heut König 'lebe hoch!',
er lebe hoch.
Antigone:
Meine Brüder ritten scharf, und einer ge-
gen seines Fleisches lieben andern schlugen sie
an der verfeindeten Armeen Spitze töd-
lich sich ins Fleisch. Der eine heißt heut Held des Va-
terlands. Der andere liegt unbeweint zur Schau
im Dreck. Doch Bruder nennen wir sie alle bei-
de; uns gelten die Gesetze nicht des Kriegs.
Alle drei:
Nach diesem Krieg ist keiner von uns jung;
es geht was vor, von dem zu sagen, was es ist,
uns jedes Wort im Mund zerbricht, wir trauern um
die Toten, die uns fehlen, um das Fleisch, das un-
ser war, das Fleisch, das fehlt, und das doch un-
ser war.
Klagelied der Jugend von Jens Wirsching steht im Netz seit dem 23. März 2009 unter der freien Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz.
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