Sehn! Sehn! Ich will nicht mehr sehn!
Will nichts mehr sehn! Dieses Geschlecht
frisst seines Blutes eigne Früch-
te, und ich will's nicht länger sehn!
All die Jungen, kaum schon Männer,
Mädchen grad erst Frauen, frisch
erblüht zu Fruchtbarkeit und kaum
das erste Mal genascht am süßen
Schoß der Liebe, liegen sie
im Blut ersoffen, eingemauert,
unbegraben, aufgegeben,
wie ein fauler Dreck.
Ich will nicht mehr sehn!
Wie sie sich liebten,
Hoffnung verbürgten;
jetzt stürzt die Sonne
die Himmel hinunter
und leuchtet im Hades
den lieben Erwürgten.
Finsternis senkt sich
auf unser Theben,
auf uns das Verhängnis,
die wir noch leben.
Ach, wär ich gestorben
mit euch, meine Toten,
ach könnte mein Blut
auch die Tiefe ausloten!
Mein Los ist einsam,
ich höre kein Singen,
kein Knabe wird kommen,
mir Blumen zu bringen.
Die Jugend ist tot,
mich umfängt es leise,
mit sechzehn seht ihr
mich werden zum Greise.
Still! Still, ich höre,
wie die Aschen sich senken
meiner Liebe, die niemand
hat, sich zu verschenken!
Still, still! Ach hört,
wie die Asche sich senkt,
und grau mir das Eis
meinen Mädchenschoß tränkt.
Wer, wer, ach wer soll nun
an unserer Stelle das nötige tun?
Dahin ist die Jugend,
und die es noch gibt,
die sind schon ins Töten
und Höhnen verliebt.
Wer noch, ach wer soll nun
an unserer Stelle das nötige tun?
Io! Ich höre,
wie leise die Asche
mein altes, mein junges
Verlangen mir stillt.
Klagelied der übriggebliebenen Schwester von Jens Wirsching steht im Netz seit dem 23. März 2009 unter der freien Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz.
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