Yve hatte eine beschissene Nacht. Eigentlich hatte sie ja spätestens von dem Augenblick an, als der Typ nicht über den Witz mit dem Reißverschluss hatte lachen können, gewusst, dass mit dem nicht viel Spaß zu haben sein würde. Genau genommen war das von vornherein klar gewesen.
Als er sich dann mit seinem breiten Arsch in die arme Mamsel gezwängt hatte, da war die ächzend in die Knie gegangen. Yve schämte sich vor ihr. Ratschläge zum Autofahren hatte der Idiot ihr geben wollen, da war sie ihm aber über den Mund gefahren. Nichtsdestotrotz ging sie mit dem Typen auf sein Zimmer, keine Ahnung warum, er wohnte noch bei Muttern. Yve schätzte mal, sie hatte das auch gemacht, damit eines ganz klar war: Sie würde in den kommenden Wochen, deren zweite Nacht das war, vor nichts, aber auch vor gar nichts zurückschrecken, sie würde auch keine Rücksicht auf Renés Ansprüche oder auf irgendetwas anderes nehmen, sondern nur das tun, worauf sie Lust hatte, und davon wiederum nichts, aber auch gar nichts unterlassen.
Mit der Lust war es dann so eine Sache. Klar war es ganz amüsant gewesen, den Obermacker, auf den sämtliche Schnallen in dem Laden scharf waren, den mal eben so wegzufischen. Aber damit hatte sich das meiste Vergnügen auch erledigt. Schon auf der Fahrt fummelte er an ihr herum, als sie bei ihm ankamen, brauchte er eine halbe Ewigkeit im Bad. Als er endlich wieder erschien, hatte er nur noch diesen mörderischen Tanga an - und da drin einen stehen. Sehr appetitlich, hatte Yve gesagt, und der Typ hatte sich tatsächlich geschmeichelt gefühlt.
Sie lag auf seinem Bett, nicht einmal die Schuhe hatte sie ausgezogen, hatte sich einfach so genüsslich darauf geschmissen. Der Typ jedenfalls verstand das als eindeutige Geste und stellte sich breitbeinig vor sie, fummelte an sich herum, was wohl erotisch sein sollte, und grunzte. Es kam, wie es kommen musste, Yve fing wieder an zu lachen. Der Typ wusste nicht so genau, wie er damit umgehen sollte, er hatte das anscheinend noch nicht erlebt. Säuerlich ging er zur Tür und schaltete das Licht aus, kam zurück zum Bett, kroch darauf und begann von neuem, an Yve rumzumachen.
Die hatte aber bereits aufgegeben, sich noch etwas von dem Abend zu versprechen. "Sag mal, hast du sie eigentlich noch alle?", fragte sie, stand auf und ging.
So war das gelaufen, und Yve fühlte sich nicht besonders gut damit. Sie hatte sich dann hinten in den Kasten von Mamsel Pekoe gelegt und versucht, möglichst schnell einzuschlafen. Am nächsten Morgen hatte sie eindeutig genug von La Rochelle gesehen. Sie frühstückte kaum, ging noch einen Milchkaffee trinken, bummelte etwas lustlos den verödeten Strand entlang, hatte den Regen satt, war der Meinung, dass drei Tage Regenwetter ausreichen würden, und stieg gegen Mittag in Mamsel Pekoe, um nachzusehen, ob weiter südlich das Wetter nicht ersprießlicher wäre.
Angel war aus dem Strandkorb gekrochen, sah, dass es immer noch regnete und spielte mit dem Gedanken, nach Spanien zu trampen. Frankreich hatte offensichtlich vorzeitig die Sommersaison abgebrochen. Er mampfte Baguette mit Camembert wie üblich, schmiss sich Regenzeug über und marschierte in Richtung Küstenstraße. Kein Wunder, dachte er, dass niemand anhält. Ich würde denen das ganze Auto vollsiffen.
Er versuchte gerade auf der Leitplanke balancierend eine gewaltige Pfütze zu überqueren, als es hinter ihm hupte. Im nächsten Augenblick stand er in dem Schwall, mit dem die Reifen das Pfützenwasser auf Seite spritzten. "Danke auch", fluchte er, sprang von der Leitplanke in die Pfütze, nasser konnte er jetzt auch nicht mehr werden, und sah wie ein begossener Pudel Mamsel Pekoe hinterher, die vergnügt die Küstenstraße entlangtuckerte. "Du blöde Ziege!"
Er musste eine ganze Weile gegangen sein, als unmittelbar vor seinem Schienbein die hintere Stoßstange von Mamsel Pekoe auftauchte. Es reicht, dachte er und machte einen gehörigen Bogen um das gehasste Objekt. Mamsel Pekoe setzte sich röhrend in Bewegung und tuckerte mit Schrittempo neben ihm her. Nicht einen Blick würde er hinüberwerfen, blöde Ziege. Er marschierte längs der Felswände, die sich an die andere Straßenseite anschlossen, sie tuckerte gemächlich an der Seeseite entlang.
Das ging eine ganze Weile so. Ab und an überholten hupende Laster die Ente, andere kamen aus der Gegenrichtung. Angel fand, dass das nicht so besonders komisch war, die Straße schlängelte sich eng und kurvenreich die Felsen entlang, und die Lastwagen donnerten keinen halben Meter weit entfernt an ihm vorüber, nicht ohne ihn Mal für Mal mit einem Schwall Sprühwassers zu bedenken.
Yve klappte ihr Seitenfenster hoch. "Na, mach schon, steig ein!" Angel guckte da gar nicht hin, einen Dreck würde er tun.
"Heh, Spaßvogel, steig ein!" Spaßvogel gefiel ihm. Es kam nicht oft vor, dass ihn jemand so nannte, er selber hielt sich eher für eine trübe Tasse.
"Was willst du von mir?" Angel war stehen geblieben.
"Oh Mann, ist der bescheuert, als würde ich was von dir wollen", stöhnte Yve leise. Dann gab sie ihm eine letzte Chance: "Sag mal, willst du auch nach Süden oder nicht?"
Angel überquerte zögerlich die Straße. "Wohin fährst du denn?"
"Dahin, wo die Sonne scheint, wohin sonst?"
"Und du würdest mich mitnehmen?"
"Weshalb sonst, meinst du, stehe ich hier?"
"Also, dann steig ich jetzt ein." Angel mochte die Hoffnung nicht aufgeben, dass von Yve noch etwas kommen könnte, was ihn vor der leichtsinnigen Tat bewahren würde.
Mein Gott, ist der spontan, dachte Yve, und stieß die Beifahrertür auf. Angel hievte misstrauisch seinen Rucksack auf die Ladefläche. Er wurde das Gefühl nicht los, dass alles, was er gerade tat, unweigerlich zu mittleren Katastrophen führen musste. Er zog sich artig das Regenzeug aus, klopfte das Wasser ab so gut es ging, warf es dann auch in den Kasten, vergewisserte sich, dass Yve sich nicht in eine böse Hexe verwandelt hatte, ließ sich umständlich auf den Beifahrersitz nieder und schlug die Türe zu. Jetzt gab es kein Zurück mehr.
"Na also", sagte Yve, gab Gas, und ruckelnd setzte sich Mamsel Pekoe in Bewegung.
Sie saßen eine ganze Weile schweigend nebeneinander, Angel sah sehr interessiert aus allen möglichen Fenstern. Er wagte es nicht, zu Yve hinüber zu sehen.
Aus heiterem Himmel erklärte die plötzlich und kategorisch: "Damit eines klar ist, mach dir bloß keine Hoffnungen, da läuft nichts, rein gar nichts, kapiert!"
Angel lachte gekünstelt. Er hatte ja wohl nicht im geringsten jemals irgendwelche Anstalten gemacht, irgendwie zu signalisieren, dass er der Meinung sein würde, dass da irgendetwas laufen könnte. Blöde Ziege, dachte er und erklärte, dass bei ihm da auch gar nichts laufen würde.
Da lachte Yve. Angel wusste zwar nicht genau, was daran komisch gewesen war, aber er lachte vorsichtshalber mit. Er wollte sich nicht sofort sein unverhofftes Spaßvogelimage verderben.
"Wie heißt du?" Ihre Stimme klang nun versöhnlicher. "Sven", sagte Angel, der wirklich keine Lust hatte, der Ziege seinen richtigen Namen zu sagen.
"Hey Sven. Ich bin Yve. Und das ist Mamsel Pekoe, ihr kennt euch ja schon."
Angel schien es, als habe sie eine Handbewegung in Richtung der Muttergottes gemacht. "Hey Yve", sagte er und, "Hey, Mamsel Pekoe", in Richtung der Muttergottes. Und er machte dabei ein Kreuzzeichen in der Hoffnung, Yve würde das vielleicht wieder lustig finden.
"Bist du katholisch?"
"Nein, du?"
"Nein."
 Er würde auch nach mehreren tausend Kilometern nicht schlauer aus dieser Frau werden, dachte Angel. Aber für den Moment war's recht, immerhin saß er im Trockenen.
Angel und Yve von Jens Wirsching steht im Netz seit dem 25. März 2009 unter der freien Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz.
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