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Ode an das Kapital

Umweht dein machttrunkener Name

von stahlkaltem Odem

ungesehenen Dahinsterbens.

Umweht auch vom träumenden Schleier

schneeflockengleicher

Dollarnoten.

Umweht von den Ängsten

und umweht von der Hoffnung

auf ein gutes Leben

den Jungen

bist du Gott und König.

 

Du Herr der Industriestandorte

und Transportwege,

Du Verfüger von Strukturanpassung

und bodenloser

Neuorientierung.

Du Gebieter über Lebensentwürfe

und Zukunftsfähigkeit.

Du planetenumspannende,

du himmelstürmende,

du den Einzelnen emporschleudernde,

niedermalmende,

du nimmersatte Schicksalspresse -

Kapital - Wer bist du?

 

Ein Hans Wurst,

wer dich schmäht!

Hat nicht die menschenmögliche Geschichte

jene Macht ins Ungeheure

angetragen

dir?

 

Dir sind geweiht unsere Leiber.

Nimm du unsere Hände,

nimm an unsere Hälse,

wie es dir gefällt.

Jetzt bist du der Gott,

den dazumal

in kraftstrotzender Jugend

deiner Gründerzeit

du von seinen neugotischen Thronen stießt:

Jetzt bist du Gott.

 

Menschenleere Werkhallen

und turbulente Börsen,

tempelgleiche Bankgebäude

sind deine heiligen Stätten,

und tägliche Nachrichten-Sendungen

zelebrieren unsern Opfergang.

 

Wer riete deinen Willen?

Experten sind deine Propheten,

Vorstandsetagen

bevölkert dein Klerus,

und düster munkelt der Konvikt

eingeschworen

von Wirtschaftsweisen

und Federal Reserve.

 

Geheime Bruderschaften ex-

ekutieren in Schattenkabinetten

deine dem Volke so un-

begreiflichen Weisungen,

und Parlamente feiern

deinen Karneval.

 

Nicht wage ich auf Knien

dich anzuflehen

um Erbarmen

für das Geschlecht

unserer Kinder.

Denn nicht bist du alttestamentarisch

wie der Gott der Viehzüchter und Ackerbauern,

noch bist du neutestamentarisch

wie der Gott der frisch erblühten Städte.

 

 

Du bist wie das Pandämoneon

der Jäger und Sammler:

Deine Schamanen lesen

im Vogelflug der Aktienindices

und stochern im Kaffeesatz

deiner Konkursmassen.

Doch du lässt Volkswirtschaften platzen,

wenn dein Gesetz es will.

 

Jalava!

Dämon du bist endlich.

Dein Moderniesrungs- und Tod-

bringender Hunger ist gestillt,

und panisch vor Sattheit

rast du um den marktbereinigten Planeten

auf der Suche nach der letzten

profitablen Investition.

 

Schon suchst du neuen Krieg,

den ewigen Schöpfer jungfräulicher Märkte,

schon wirst du wieder irre

an dir selber,

und nicht wird wie beim letzten Mal

die weltweite Implementierung

einer neuen Technik

der Nutzbarmachung

von Energie

der Vollendung

deines eingeschriebenen Widerspruches

Aufschub gewähren.

Du, junger Gott,

du bist so gut wie tot.

 

Ach, ich verzweifle in Trauer um dich.

Du ungebärdige Akkumulation

von Schweiß und Blut und Geist

meiner Väter und Mütter

und ihrer und ihrer...

Du maßloses Erbe von Ausbeutung

gesellschaftlicher Arbeit

über die Jahrhunderte hinweg,

Du ungeheuerliche menschliche Schöpfung,

Du hast die Ahnen so Entsetzliches gekostet:

 

Jetzt bist du erntereif,

du sattes, fettes Obst -

und niemand, der dich pflückt

von dem dürren Zweig

deiner höchst privaten

lächerlichen

Eigentümer nach dem bürgerlichen Recht.

 

So wirst du niederfallen

und platzen und vergammeln

und Generationen

marodierender

Jäger und Sammler

werden einander

auf deinem giftig schwärenden Kompost

den Garaus sich geben.

 

Und es war alles

zur Ernte

bereit

gewesen.

 

 

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