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Ode an die Großschreibung

Die lange Zeit der Stümperei,
sie ist vorbei, sie ist vorbei:
jetzt singe ich die Welt von heut,
sing viel das Treiben vieler Leut.

Jetzt sing ich euch des Postmanns Weg:
von Tür zu Tür er Brieflein trägt,
und Rechnungen und Lottolos,
den kleinen Postmann sing ich groß.

Des Schicksals Mund ist seine Hand,
Korrespondenz von Land zu Land
trägt sein geübtes Bein, sein Blick
weicht nicht vor Kritzelei zurück!

Doch Großes sing ich klein und dumm,
dreh unsre Welt im Maul herum.
Den vornehmen Herrn Aufsichtsrat,
hört her, wie ich Euch den verbrat':

Erst neulich hab ich ihn gesehn
an einer Kaufhauskasse stehn;
voll Ungeduld, die Schlang war lang,
steht er an ihrem Ende an.

Es wurmt ihn sehr, dass er, der Herr
Aufsichtsrat nicht zuerst dran wär!
Da drängt's ihn vor, "Ach, könnt ich mal,
wenn ich dafür 'ne Mark bezahl?"

Da knufft 'ne alte Oma ihn:
"Sie können mal: 'ne Leine ziehn!
Ich glaube wohl, ihr Handy piept."
Ins offne Maul die Mark sie schiebt,

ihm, der vor Schreck den Kiefer nicht
mehr sorgfältig geschlossen kriegt.
So könnt ihr ihn noch heute sehn,
beim Orthopäden Schlange stehn.

Erlaubt, dass ich zum Schluss vorstelle
meine Muse, die Sibylle:
Oh, ihr Kuss, ihr Augenzwinkern
zwingen mich, in Dur zu plinkern.

 

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Ode an die Großschreibung von Jens Wirsching steht im Netz seit dem 23. März 2009 unter der freien Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz.
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