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Showdown 4

Angel sah auf die Uhr. Es war viertel vor zwei.

"Ja, was sollen wir denn jetzt nur machen, wir zwei?", versuchte Wolf-Günther das Gespräch in seichtere Gefilde umzuleiten, nachdem seine letzten Ermahnungen und Erklärungen Angel offensichtlich nicht erreicht hatten. Er stand von seinem Schreibtisch auf, um sich zu Angel zu setzen. Er wollte es jetzt mit Verbindlichkeit und Partnerschaftlichkeit unter erwachsenen Männern versuchen.

"Ich werde dich jetzt anzeigen", sagte Angel, nachdem sich Wolf-Günther zu ihm gesetzt hatte. Dann stand er auf, setzte sich auf die Kante des freigewordenen Schreibtisches und nahm den Hörer vom Telefon. Etwas besseres fiel ihm eben nicht ein. Einfach unverrichteter Dinge zu gehen, kam ihm zu blöde vor.

Wolf-Günther sprang entsetzt auf. "Angel", rief er streng, "lass uns doch erst einmal in Ruhe darüber reden, was man da jetzt unternehmen kann. Du musst doch nicht gleich alles überstürzen, so eine Anzeige, da kann ich die Praxis ja gleich zumachen. Denk doch auch mal an Mechthild und die Kinder. Katinka lebt von meiner Unterstützung, denk doch auch mal an Katinka!"

Das war natürlich nach Angels Gespräch mit Katinka das falsche Stichwort. Wolf-Günther stand jetzt neben Angel und hielt den Finger auf die Gabel.

Angel nahm langsam die Pistole hoch und setzte ihn auf Wolf-Günthers Stirn. "Psst, ganz ruhig, du musst nur tief in den Bauch atmen, dann sieht die Welt gleich ganz anders aus."

Wolf-Günther sah Angel verständnislos an. "Was ist nur aus dir geworden? Du warst mal so ein angenehmer Junge."

"Würdest du jetzt deinen Finger da wegnehmen?"

Wolf-Günther trat einen Schritt zurück. Seit Angel die Gesprächsebene verlassen hatte, hatte er keine Macht mehr über ihn, das spürte Wolf-Günther genau. Er wusste auch nicht, wie er Angel wieder dahin zurückbekommen sollte, er fand so schnell keinen Ansatzpunkt.

Angel wählte die Polizei an. Er wurde jetzt lässiger. Er spürte, dass er die Situation wieder in der Hand hatte. Wolf-Günther war offensichtlich hilflos. Dennoch war es ein Fehler, dass Angel gleichgültig seinen Blick von Wolf-Günther nahm. "Guten Tag", sagte er in den Hörer, "ich würde gerne Anzeige erstatten."

"Ihr Name?", fragte die Stimme am anderen Ende. In diesem Augenblick schlug Wolf-Günther mit der afrikanischen Ebenholz-Plastik, die schon seit Jahren auf seinem Schreibtisch stand, gegen Angels Hand, in der er die Beretta hielt. Das Ding flog quer durch den Raum, Angel ließ vor Schmerz den Telefonhörer fallen, hielt sich die angeschlagene Hand mit der anderen und musste mitansehen, wie Wolf-Günther die Pistole aufhob. Dann kam der zurück zum Schreibtisch, immer die Pistole auf Angel gerichtet, und hängte den Telefonhörer ein.

"Du leidest doch unter Wahnvorstellungen!", rief Wolf-Günther schrill. "Das ist keine Psychose, das sind ja Wahnvorstellungen, die du da mit dir rumschleppst!" Seine Augen flackerten. "Ich kann dir da leider nicht mehr helfen. Sowas wie du gehört auf Station!" Dabei fuchtelte er mit der Pistole ungeschickt vor Angels Bauchdecke herum. Angel musste sich ein Grinsen verkneifen. Er genoss es, wie sich der Schlaumeier mit de ungeladenen Waffe in der Hand auf völlig unbekanntes Gelände vorwagte.

Er bekam Lust, das Spielchen mitzuspielen. "Du sitzt in der Falle, Wolf-Günther", sagte er herausfordernd. "Du kannst jetzt wählen, Wolf-Günther, ob du wegen Missbrauch oder wegen Mord sitzen willst. Sitzen wirst du so oder so." Und dann nahm er grinsend den Hörer wieder von der Gabel.

"Leg den Hörer weg!", rief Wolf-Günther fassungslos. Es machte ihn rasend, dass er so überhaupt keine Kontrolle über die Situation zu haben schien. Das war er nicht gewohnt. Er war gewohnt, dass sich seine Umgebung in ein zwar freundschaftlich verdecktes, aber im Zweifelsfall durchsetzbares Untergebenenverhältnis zu ihm befand. Alle Menschen, mit denen er umgehen musste, waren entweder seine Angestellten, seine Adepten, also die Schüler seiner Lehrgänge, oder - und oft auch beides oder alles auf einmal: seine Patienten. Er hatte immer alles in der Hand. Und jetzt gehorchte Angel nicht mal der Pistole, die er mittlerweile nervös auf dessen Kopf gerichtet hielt. "Leg den Hörer weg!", wiederholte Wolf-Günther. "Du bist doch krank, du weißt doch nicht, was du tust, ich will dir doch nur helfen."

"Schieß doch, wenn du nicht zu deinen Behandlungsmethoden stehst!" Und dann wählte Angel erneut die Nummer der Polizei. Ein metallisches Klicken war zu hören. Wolf-Günther ließ verstört die Pistole sinken. Nicht nur, dass das Ding nicht funktionierte, machte ihm zu schaffen, auch, dass er wirklich abgedrückt hatte. Entgeistert suchte er seinen Stuhl und versank darin.

Angel sah ihn eine Weile an. Der Mann war geschafft, da brauchte es nichts mehr. Angel nahm ihm die Beretta ab, nahm seine Jacke und verließ die Praxis. Der Himmel hatte sich zugezogen. Dunkle Wolken trieben nach Osten, der Wind musste gedreht haben. Angel stand auf dem Gehweg und sah auf seine Uhr. Es war fünf Minuten nach zwei. Er sah sich nach allen Seiten um. Schon klar, dachte er. Er hatte es nicht anders erwartet. Er blieb noch einen Moment stehen. "O.k.", sagte er zu sich selber. Dann ging er die Hamburger Allee ein letztes Mal hinunter und fischte seinen Rucksack aus dem Gebüsch. Fast zärtlich klopfte er den Dreck davon ab und setzte ihn auf. "O.k.", wiederholte er.

Er hatte keine Ahnung, wo er sonst hingehen sollte. Also orientierte er sich und ging los, nach Westen, dahin, wo die schweren Wolken herkamen. "Etwas besseres als den Tod werden wir überall finden", sagte er, und dachte für einen Moment an Yve.

Es war kurz vor drei, als Yve die Adresse auf dem mehrfach geflickten und zerknüllten Zettelchen erreichte. Sie parkte und sah sich um. Dann stieg sie aus, streckte sich und ging in die Praxis.

Die Tür stand weit offen. "Hallo?" Niemand antwortete. Sie ging durch die Räume und wunderte sich über die düstere Atmosphäre. Sie hatte keine Ahnung, wo sie hier war, als sie in das Sprechzimmer trat und erschrak. Da saß regungslos ein verstört dreinschauender Mann an einem Schreibtisch und sah nicht einmal auf. "Alles klar?"

Der Mann antwortete nicht. Er bewegte sich auch nicht. In seiner Hand hielt er einen Telefonhörer. Yve konnte in der Stille eine Stimme am anderen Ende hören, etwas wie "Hallo? Hören Sie denn nicht?", wurde gefragt.

"Ist Angel hier?" Der Mann sah sie erschrocken an, so als würde er erwarten, dass ihm gleich jemand ins Gesicht springt. "Ob Angel hier ist?", wiederholte Yve deutlich entnervt. Sie war sich nicht sicher, ob der nicht unter Drogen stand. "Soll ich den Arzt rufen?"

"Nein, nein, nicht den Arzt."

Das war der Punkt, an dem Yves Interesse für die Angelegenheit erlosch. Sie trat hinaus auf die Straße und dann Mamsel gegen das Vorderrad. "Scheiße!" Geschafft sank sie in den Fahrersitz. "Scheiße."

Ein Streifenwagen fuhr langsam die Hamburger Allee entlang und hielt nicht weit von Mamsel. Yve startete und fuhr los. Man interessierte sich aber nicht für sie oder für Mamsel. Die Beamten hatten offensichtlich anderes zu tun.

 

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Angel und Yve von Jens Wirsching steht im Netz seit dem 25. März 2009 unter der freien Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz.
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