Yve war die schönste Frau von Villefranche, einem Nest um die hundert Kilometer vor der Atlantikküste, das außer ihr nicht die Spur einer Attraktion zu bieten hatte.
Niemand wagte zu atmen, als sie von der letzten Reihe aufstand und die lange, flache Treppe zum Podium der Aula herabschritt, um ihr Abschlußzeugnis in Empfang zu nehmen. Es war kein außergewöhnliches Zeugnis, es war maximal o.k. Aber wen interessieren schon Zeugnisse. Yve jedenfalls nicht. Niemand wagte zu atmen, wie gesagt, es herrschte eine gespannte Stille. Man wollte sich kein Klocken entgehen lassen, mit dem Yve ihren Stiefelabsatz auf die Treppenstufen brachte. Sie absolvierte das mit der Würde einer Diva, die zu einem ungebührlich profanen Auftritt genötigt wurde. Fasziniert verfolgte die versammelte Eltern-, Schüler- und Lehrerschaft, wie Yve ihre langen, dunkelblonden Locken durch die stickige Saalluft wippen ließ.
Manch eifersüchtige Mutter sah mit bösem Blick nach den unangebrachten Lederfransen, die Yves Wildlederjacke zierten. Mancher Vater wünschte sich, noch einmal jung zu sein und sah mit verstohlenem Blick nach der schwarzen Jeans, auf die Yve den ein oder anderen Flicken hatte nähen müssen. Mancher Schüler sah wehmütig nach ihrem Gesicht, das er nun nicht mehr jeden Morgen heimlich würde genießen dürfen, wie es schlaftrunken auf die rechte Hand gestützt sich vom Unterricht ab- und dem Fenster zuwandte, um dem Treiben einiger Spatzen in den Ästen der mächtigen, alten Platane draußen auf dem Hof zu folgen. Manche Schülerin dankte Gott, nun nicht mehr im Schatten dieser stillen, ungekrönten Königin um die Aufmerksamkeit der Jungen buhlen zu müssen.
Yve nahm die auf sie gerichteten Blicke, nahm die allgemeine Aufmerksamkeit wohl wahr. Es war auch so, dass sie nicht den geringsten Zweifel daran hegte, dass ihr solche Aufmerksamkeit gebührte. Sie interessierte sich nur nicht dafür. Sie konnte damit nicht viel anfangen. Man hätte das ausnutzen können, von mancher Neiderin wurde ihr das vorgeworfen, doch fehlte es Yve an Zwecken. Alles, was sie wollte, war irgendwie sie selbst, und die einzige Person, von deren Aufmerksamkeit sie wirklich abhängig war, das war wiederum ihre eigene. Sie genügte sich, das machte sie so vollkommen - und so unerreichbar.
Dann stand sie vor ihrem Stufenleiter, der ihr Zeugnis in der Hand hielt und sich nicht so recht davon zu trennen wusste. Bei den anderen war das zügig abgewickelt worden, aber bei Yve hatte er das Gefühl, noch etwas ganz bestimmtes, irgendetwas ganz aufrichtiges sagen zu müssen. Und insgeheim erwartete man auch im Saal nichts anderes. Das Zeugnis gab aber nichts erwähnenswertes her. Die beiden standen sich also gegenüber, sie waren ungefähr gleich groß. Der Stufenleiter hielt sich nervös an dem Schriftstück fest, als er ansetzte: "Yve, du wirst mir fehlen."
Sie waren durchaus oft aneinander geraten, sehr viel öfter, als das bei den Mitschülern der Fall gewesen war. Es hatte der Mann immer das Gefühl gehabt, dass unerkannt besondere Fähigkeiten in Yve schlummern mussten, und er hatte es sich als Pädagogen nie eingestehen können, dass es ihm nicht gelingen wollte, diese unbekannten, besonderen Fähigkeiten ans Tageslicht zu locken. Yve hatte seinen pädagogischen Ehrgeiz geweckt, was ohnehin immer eine brenzlige Angelegenheit ist, bei Yve aber zumal, da sie sich seit je strikt geweigert hatte, an oder in sich herumkramen zu lassen.
Jetzt aber genoss er unverhofft ihren Auftritt, genoss es, dass sie ihr nachgerade provozierendes Selbstbewusstsein nicht verloren hatte im Zuge ihrer Schullaufbahn, und er war beinahe dankbar dafür, dass es ihm nicht gelungen war, sie zu erziehen. Seine Gemütsbewegung rührte ihn, und er setzte hinzu: "Du wirst mir sehr fehlen. Ich wünsche dir von Herzen alles Gute." Damit gab er ihr das Zeugnis und fühlte sich merklich erleichtert.
Yve hatte den Blick nicht von ihm genommen, wenngleich ihr die Spucke weg blieb angesichts der unerwarteten Herzlichkeit von dieser Seite. Sie nahm das Zeugnis ohne wie die anderen mit diesem leicht verklärten Blick darauf zu stieren. Fehlt nur noch, dass sie es dreimal knickt und in die Hosentasche steckt, dachte etwas säuerlich ihre Mutter in der letzten Reihe. Yve hatte das Gefühl, jetzt auch etwas sagen zu müssen, verspürte aber nicht die geringste Lust, ebenfalls auf feierlich zu machen. "Danke", sagte sie nach einer Weile. "Vielen Dank." Dann trat sie ihren Rückweg an.
Es ging nicht gleich weiter. Der Stufenleiter kramte vielmehr noch eine Weile in den übrigen Zeugnissen herum, vergewisserte sich, dass Yve auf ihrem Platz angekommen war und fuhr erst jetzt routinemäßig mit der Zeugnisvergabe fort.
"Du hättest wenigstens lächeln können!", zischte ihre Mutter, als Yve sich gesetzt hatte. "Das kann doch wohl nicht zuviel verlangt sein."
Yve zuckte gleichgültig die Achseln.
Angel und Yve von Jens Wirsching steht im Netz seit dem 25. März 2009 unter der freien Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz.
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