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antigone - Dritte Runde

Palast

Dritte Runde / 1. Szene

Kreon:

Verflucht! Verliebt! Mein Sohn verliebt

in eine dieser letzten Früchte

durchgefaulter Dynastie!

Wahre Größe misst sich ganz

an dieser einen Zahl:

wieviele wir imstande sind,

mitzureißen in den Strudel

unsres eignen Untergangs.

Und du, mein Sohn springst frei-

en Willens in den Sumpf,

den endlich auszutrocknen ich,

dein Vater, angetreten bin?

Chor:

Herr, verzeiht, wenn wir in die

Erwägungen beratend uns

zu mischen wagen, doch ist es,

wenn Spiele unerwartet

eine neue Wendung nehmen,

ratsam nicht, dass man sein Plan

umdisponiert? Und ist denn nicht

die Flexibilität eines

jeden Strategen höchstes Gut?

Kreon:

Was soll das heißen?

Chor:

Herr, wir fürchten Euren Zorn,

doch wäre es nicht umstands-

halber angesagt, des Spieles

kleines Unterpfand, den toten

Polyneikes, zum Begräbnis

freizugeben, eh mehr Unheil

angerichtet wird? Des Volkes

Seele ist so unbelehrbar.

Uns ist ja nur angelegen,

dass am End nicht Ihr verliert.

Kreon:

Mir macht das Spielen Spaß! Doch ihr,

wenn ihr vorm Donnerrollen zuckt, dann

steigt doch aus, denn wer so schwätzt,

verdirbt das Spiel. Ihr solltet

euch entscheiden, noch ist's Zeit.

Chor:

Nichts für ungut, Herr, so war das

nicht gemeint. Ihr wisst, Ihr könnt,

wie Ihr auch zieht, auf unsereins

Euch stets verlassen. Kommt dort nicht

Ismene, und was macht sie

uns ein düsteres Gesicht!

Dritte Runde / 2. Szene

(Ismene dazu.)

Kreon:

Ja bitte?

Ismene:

König. Ich hab es getan.

Kreon:

Und was bitte hast du getan?

Ismene:

Ich begrub den Bruder und

ich bitte um Vergebung. Ja,

ich weiß, was Ihr verheißen dem,

der solches wagt. Doch ich tat ja

nur Schwesterpflicht, und konnte

es nicht anders.

Chor:

Götter! Es hat ihn die Schwester begraben,

und wird sie gerichtet, so für ihre Pflicht.

Nichts ist mehr heilig, nichts mehr natürlich.

Ismene, wir beten, wir beten für dich.

Kreon:

Du willst ihn begraben haben?

Das überrascht mich, Ismene.

Chor:

Die schlimme Tat von zarter Hand!

Ismene:

Es ist doch uns Frauen seit je

aufgetragen: die Reste vom

Schlachtfeld der Männlichkeit bergen.

Wieviele Leichen mussten wir schon

aus Trümmern eurer Kriege ziehn!

Und wenn wir euch nicht hindern können,

unsre Betten auszubrennen,

unsre Väter, Brüder, Söhne,

und zuletzt unsre Geliebten

hinzumetzeln für das, was ihr

Freiheit, Ordnung, sonstwie nennt,

lassen wir's uns niemals nehmen

unsern Toten unsre Liebe

mitzugeben, die dem Leben

doch umsonst gehört.

Kreon:

Du hast gut gesprochen, doch du

versteckst mir nicht, wie glatt

du lügst.

Ismene:

Ich habe wahr gesprochen.

Kreon:

Schon. Und doch gelogen. Du

bist eine gute Schwester. Für

wen tust du das? Wer schickt dich her?

Ismene:

Niemand schickt mich.

Kreon:

So? Schön. Nehmen wir mal an, du

hättest ihn begraben. Warum

nicht? Das passt. Dann müssten wir dich

aber hinrichten, denn sonst

macht sich der König lächerlich.

Immerhin, die andern wären

dann fein raus. Ismene, gut, ich

nehme an: Du hast die schlimme

Tat getan. Bleibst du dabei?

Ismene:

Ja, Herr, ich bleibe dabei.

Kreon:

Und koste es dein Leben?

Ismene:

Ja.

Mein Leben ist leer und ist arm

geworden. So will ich es für

ein erfüllteres geben.

Kreon:

Das ist sehr edel. Du wirst

noch heute hingerichtet.

Chor:

Das zarte Mädchen zaudert nicht,

sein Haupt hält es dem Löwen hin,

Aus meinem Aug die Träne bricht -

Aus großem Leid wächst großer Sinn.

Dritte Runde / 3. Szene

(Haimon dazu)

Haimon:

Ismene! Götter!

Kreon:

Ganz recht, mein Sohn. So

sehen die Verdammten aus.

Haimon:

Vater, lass sie! Ismene!

Ismene:

Warum bist du nicht bei Antigone?

Haimon:

Warum bist du hier?

Ismene:

Frag nicht, lauf!

Deine Braut ist in Gefahr!

Haimon:

Vater, lieber Vater, ich

kenne dich. Deshalb lege ich

mein Herz zu deinen Füßen, und

ich bitte dich, trete nicht

darauf, es ist ein Stück von

dir. Vater, lieber Vater, ich

weiß, was sie getan und weiß,

was du zu tun gedenkst. Deshalb

höre deinen Sohn dich anflehn:

nicht um Recht, um Gnade flehe

ich. Was sie getan, war recht, und

was du tust ist Recht, jedoch

vergib, sei groß, damit mein Bild

von dir ein großes sei. Vater,

genug des Blutes, es hat der Krieg

am Leben uns genug gewürgt,

und dir war's zum Gewinn. Doch jetzt

lass Frieden einziehn in die Häuser,

jetzt tauch die Stadt nicht tiefer,

sondern hebe sie aus ihrem Blut.

Vater, gib Ismene frei.

Kreon:

Mein Sohn, du trägst ein schönes Herz,

doch warn' ich dich, es allzu geil

zu Markt zu tragen. Behalte es

für dich, wir brauchen's nicht.

Dieses Mädchen ist verloren,

und sie hat es so gewollt.

Und noch eins, Sohn: sei auf der Hut,

denn wenn du zuviel stocherst, zu-

viel fragst, so fällt am Ende dir

ein liebres Haupt.

Haimon:

Sie ist die Schwester meiner Braut!

Kreon:

Schweig!

Haimon:

Du willst sie richten?

Kreon:

Sie ist so gut wie tot.

Haimon:

Nichts gilt dir mein Flehen?

Kreon:

Mir stinkt dein schales Jammern.

Haimon:

Du machst dir deinen Sohn zum Feind?

Kreon:

Kannst du denn dein affiges Geschwätz

nicht unterdrücken? Ich baue dir

ein Königreich, das festgefügt

auf deine sanfte Herrschaft hofft!

Dazu braucht es einen starken Arm:

ich will, dass du einmal die Früchte

meiner Arbeit erbst, darum

braucht es zuallererst die Härte -

milde sein kannst du, wenn ich

die Zeit dafür bereitet hab.

Das ist, wofür Ismene stirbt.

Und Sohn, auch du fügst dich

solang ich König bin.

Haimon:

Vater, ich will dein Erbe nicht

aus Blut und Fliegen. Mach dein Spiel,

wie du es meinst und zähle mich

von jetztan zu den Feinden!

Wenn du einen Erben suchst

für das, was du hier tust,

dann zeug dir einen neuen, so

du das noch kannst! Vater, lieber

Vater, wenn ich jetzt gehe, dann

werde ich das Werk von dieser

und niemals deins vollenden.

Ich bitte dich ein letztesmal.

Ismene:

Haimon!

Kreon:

Verschwinde aus meinen Augen, Sohn!

(Haimon ab.)

Ismene:

Haimon!

Chor:

Uns scheint, dies Spiel will böse enden.

Tragisch ist's, dies zu erkennen

und zugleich so gar nicht wissen,

wie man das denn ändern kann!

Ach, wir sehen ja so manches,

doch was kann man da schon tun?

Dritte Runde / 4. Szene

(Ein Soldat bringt Antigone herein.)

Chor:

Oh Blüte. Wilde

Blüte ausgelöschter Zeit,

wie trittst von rauher Hand geführt,

stumm gesenkten Blickes, du,

Antigone, vor deiner Väter

schmerzgebeizten Thron?

Oh Kind, so hat zuletzt der Fluch

auch dich gehascht?

Soldat:

Herr! Ich führ' den zweiten Wachtrupp

an der Leiche des Verräters.

Herr, es griffen diese wir.

Staub und Weihguss jenem Toten

spendend brach sie das Gesetz.

Antigone:

Der soll mich loslassen! Kreon,

sag ihm, dass er mich loslassen soll!

Soldat:

Soll ich sie loslassen, Herr?

Kreon:

Ich kann mich gerade nicht entscheiden.

Soldat:

Wie belieben?

Kreon:

Ich weiß es auch nicht! Bist du taub?

Soldat:

Verstehe, Herr.

Kreon:

Nichts verstehst du! Lass sie endlich los.

Soldat:

Jawohl, Herr.

Antigone:

Kreon!

(Sie rennt in seine Arme.)

Bitte! Sag deinen Soldaten,

dass ich ihn begraben darf.

Sie lassen mich nicht. Sie tun mir weh.

Kreon:

Schon gut, Antigone, schon gut.

Lass mich jetzt los.

Antigone:

Kreon! Ich begrab den Bruder,

er stinkt, und Fliegen, Krähen,

Köter naschen schlimmes Fleisch.

Kreon, schenk uns Frieden!

Ich will deine Tochter sein,

sei du ein guter König uns!

Kreon:

Würdest du mich bitte jetzt loslassen!

Antigone:

- Ja.

Kreon:

Nun, Ismene?

Antigone:

(Rennt in deren Arme.)

Ismene:

Führ dich nicht so kindisch auf,

Schwester!

Antigone:

Was hab ich denn getan?

Ismene:

Was hab ich denn getan!

Antigone:

Lass uns gehn. Hier ist kein Ort

für uns.

Kreon:

Nun, Ismene? Nimmst du diese

zweite Tat auch noch auf dich?

Das Strafmaß bliebe sich ja gleich.

Ismene:

Ihr seid ein kühler Rechner, Kreon.

Kreon:

Nun?

Ismene:

Auch ich bleib kühl.

Kreon:

Also?

Ismene:

Also ja.

Kreon:

Meine Hochachtung, Ismene.

Soldat, du hast die beiden wohl

verwechselt. Bist du blind?

Es hat diese hier die Tat getan,

die erste wie die zweite, hör:

sie hat gestanden. So, und du

wirst zu den andern gehn und

sagen: ihr habt euch vertan.

Soldat:

Wir haben uns vertan. Sehr wohl.

Die Schwestern sehen sich so ähnlich.

Antigone:

Ich glaube, ich versteh nicht recht.

Kreon:

Am besten, du hörst auf zu denken.

Ismene:

Sei nur still. Es ist am besten.

Antigone:

Was wird hier gespielt?

Kreon:

Deine Schwester geht für dich

ins Grab, damit du fröhlich

meinen Sohn freist, Königskinder

wirfst und endlich still bist.

Antigone:

Ist das wahr, Ismene?

Ismene:

Ich habe nichts mehr, warum soll

nicht ich den Kopf hinhalten

für das, was ich genausogut

wie du zu tun verpflichtet war.

Antigone:

Du willst dich schlachten lassen?

Kreon, sag, dass das nicht wahr ist!

Kreon:

Kind, du wirst dir angewöhnen,

deinen Mund zu halten, wo

besonnenere Hirne für

dein zartes Seelchen denken.

Antigone:

Seid ihr noch ganz klar?

Niemand wird geschlachtet!

Du nimmst gefälligst dieses

lumpige Verbot zurück! Kreon,

von uns Schwestern stirbt nicht eine

für deine Sucht nach Krieg!

Ismene:

Lass mich doch, mich alte Jungfer.

Lass mir doch zumindest deinen Tod!

Gefällt es dir, mich schielen sehen

voller alten Neides auf dein Glück?

Oder brauchst du das vielleicht, Du?

Du hast einen Freund, der mit dir schläft, Du!

Du hast den Geliebten, Du, doch ich

ich seh nur zu, wenn ihr euch küsst.

Du! Du siehst deinen Bruder

unbegraben und gehst einfach hin,

nimmst dir einfach so das Recht

gut zu sein, alleine, Du alleine: gut.

Doch ich, ich bin zu feige, schaue zu,

wie dir das Gute in den Schoß fällt,

schau' in den Spiegel, spucke mir

in mein verhärmtes Graugesicht!

Du bist jung, schön, und selbst im Un-

tergang bist du auch noch erfolgreich.

Und ich sehe mich und könnte

kotzen über mich? Und jetzt,

wo ich nur wenigstens dein Tod

verdienen will, wo ich an meinen

Namen etwas unverdienten Schmuck

nur heften will, da kommst du her

und plärrst mir ins Gesicht:

das gehört dir aber nicht,

Ismene, selbst mein Tod ist noch

zu gut für dich! Den hab ich mir,

mir Antigone, der schon

das süße Leben süß zu Füßen

liegt, den hab ich mir alleine

reserviert! - Oh Schwester geh!

Dann geh doch! Stirb doch deinen Tod

allein, wenn du nicht teilen willst!

Antigone:

Ismene, ich... ich habe nicht gewusst

dass du so unglücklich bist.

Ismene:

Spar dir dein Mitleid.

Wenn ich eines nicht mehr hören kann,

dann ist es deine ekelhafte,

zuckersüße Einfalt - Schwester!

Das Leben ist anders. Schau es dir

noch einmal an, bevor du gehst!

Antigone:

Ismene, was du sagst,

das kann ich nicht ertragen.

Ismene:

Oh doch, Antigone,

wem immer alles in den Schoß fällt,

der kann nicht viel ertragen. Aber du,

du sollst dich noch gewöhnen an

das Leben, eh dir auch dein süßer,

stolzer Tod noch in den Schoß fällt!

Antigone:

Gib mir die Waffe, Kreon.

Kreon:

Wie bitte?

Antigone:

Waffe her!

(Sie reißt ihm die Kanone weg.)

Erschieß mich!

(Sie drückt Ismene die Waffe in die Hand.)

Wenn du mich so hasst, erschieß mich jetzt,

Ismene.

(Ismene hält Antigone die Waffe an den Kopf. Sie fängt an zu heulen und dreht das Teil auf sich; kämpft mit dem Abzug.)

Antigone:

Nein!

(Der Schuss geht in die Luft, Ismene heult, Kreon nimmt den Revolver wieder an sich.)

Kreon:

Tja. Das wär ein schöner Zug geworden:

überraschend, elegant

und einfach. Damenschlacht

ist doch das höchste. Tja, verpatzt.

Ihr alle habt die Pubertät!

- Nun, Ismene, unser beider

Rechnung scheint nicht aufzugehen.

Es durchkreuzt hochwohlgeboren

deiner Schwester Edelmut,

was schnörkelos, zwei Krämer, wir

zum Wohl der Stadt verhandelt.

Wie schade und wie angenehm

für dich. Du bist von deinem

niedlich arrangierten Todes-

urteil freigesprochen. So,

und jetzt zu dir, Antigone!

Nicht um der Schande willen hasse

ich dein Blut, es ist der Adel,

jener alte, sture Adel, der

nicht bürgerlich gehorchen kann,

der stets Gefühl hat, Anstand, der

das Gute weiß, das Wahre will,

und koste es die ganze Stadt.

Chor:

Herr, Ihr wollt doch nicht vergessen,

dieses Mädchen ist die Braut

von Eurem Sohn, dem Prinzen.

Kreon:

Ich kann mich einfach nicht erinnern,

euch um eure werte Meinung

zu dem Fall gefragt zu haben.

Chor:

Sie ist doch seine Braut...

Kreon:

Eher reiß ich meinem Sohn

sein Herz mit diesen Händen aus,

als es dem Schoß von sowas da

zum Fraß zu überlassen.

Du da! Hast du ein Haus?

Soldat:

Ja Herr.

Kreon:

Wer hat es gebaut?

Soldat:

Ich selber, Herr.

Kreon:

Also kannst du mauern, fugen

und verputzen?

Soldat:

Ja, Herr, das kann ich.

Kreon:

Und kannst du auch töten?

Soldat:

Ich denke schon, Herr, es ist mein

Beruf.

Kreon:

Du bist ein guter Mann.

Ich brauche Männer so wie dich.

Diese da können nur reden.

Chor:

Aber Herr, wir haben immer

treu zu Diensten euch gestanden.

Kreon:

Gestanden? Gekrochen seid ihr,

wie ihr immer kriecht nach dem, des

Arschloch euch nach Vorteil riecht!

Chor:

Herr, wir taten unser bestes.

Kreon:

Ja, das glaub ich, dass zu mehr

ihr niemals in der Lage seid.

Chor:

Ihr solltet uns nicht unrecht tun,

wir stehn auf eurer Seite.

Kreon:

Dann seht zu, dass ihr nicht mit mir

fallt!

Chor:

Gebt Euch nicht zu früh geschlagen!

Kreon:

Ich gebe mich nie geschlagen.

Ich werde geschlagen oder

ich schlage.

Chor:

So ist es recht, Herr, doch nicht uns.

Kreon:

Kein Wort mehr! Ich kann euren

schalen Atem nicht mehr riechen.

Soldat, komm her! Siehst du das Mädchen?

Wie gefällt es dir?

Soldat:

Es ist ein hübsches Ding.

Kreon:

So ist es recht, deine Instinkte

stimmen noch. Willst du sie haben?

Soldat:

Herr, ich bin verheiratet.

Kreon:

Ob du sie haben willst, hab ich

gefragt.

Soldat:

Verzeiht, Herr, nein, Herr.

Kreon:

Habt ihr das gehört? Auch nicht

der letzte Schwachkopf meines Reiches

will diese Totgeborene! Gut.

Ismene hätt ich aufgehängt:

kurz und schmerzlos hätte die

es wohl verdient. Jene aber,

die, ein stummer Vorwurf, stolz

ihr bessres Blut zu Markte trägt,

die kriegt von mir den langen Tod.

In ein Felsengrab wirst du sie

mauern, dass sie langsam drin

verreckt. Verlassen und vergessen

soll die Töle untergehn.

Soldat:

Sehr wohl, Herr.

Kreon:

Schaff sie fort!

Dritte Runde / 5. Szene

(Haimon steht in der Tür, er zieht sein Schwert.)

Haimon:

Hier wird niemand fortgeschafft.

Chor:

Wir sagen nichts mehr.

Kreon:

Sieh an, sieh an! Mein Sohn spielt

stolzer Held. Ich bin gespannt,

was uns die letzte Runde bringt.

Haimon:

Vater, ich bin gekommen,

weil du wissen sollst,

wie sehr ich dich

bewunderte. Du

warst immer groß,

und ich war nur

dein kleiner Sohn.

Alles habe ich von dir

gelernt - ich fühle

wie du, ich denke

wie du und ich

handle wie du.

Deshalb sollst du wissen,

dass ich dich jetzt

liebe.

Kreon:

Mein Sohn, zurück in Vaters Arm!

Haimon:

Und weil ich dich liebe,

und weil ich bin wie du,

Vater, werde ich

mit diesen Händen dich

zerquetschen, wenn du

meine Braut mir nimmst.

Kreon:

Mein Sohn. Das ist mein Sohn.

Du hast recht gesprochen, Junge,

komm, lass dich umarmen, komm!

(Kreon geht zu dem Unbeweglichen, umarmt ihn und setzt ihm dann seine Kanone auf die Stirn.)

Kreon:

Und jetzt, wenn dir dein Hirn

noch etwas wert ist, dann verschwinde,

mach dich aus dem Staub und lass dich

hier nicht wieder blicken, Sohn!

Haimon:

Du zwangst mich zu entscheiden

zwischen dir und ihr, Antigone.

Ich habe mich entschieden, du,

du bist nicht mehr mein Vater,

nenne mich nicht mehr dein Sohn!

Kreon:

Raus! Ich will dich nicht erschießen,

raus!

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Dritte Runde / 6. Szene

(Ein zweiter Soldat steht in der Tür.)

Soldat:

Herr!

Kreon:

Ich will nichts mehr hören! Was ist?

Soldat:

Herr! Unsere Abteilung kam

zur Wachablösung bei dem Toten,

doch wir fanden keinen Toten,

und wir fanden keine Wachen,

die noch abzulösen wären.

Kreon:

Was schwätzt der so?

Soldat:

Herr! Als wir

an den Ort der Leiche kamen,

war ein feierlicher Hügel

aufgeschüttet, und mit Blumen

war's bekränzt; anstatt der Köter

saßen Vögel bunt und sangen -

es ist doch nicht Frühling, Herr!

Und um das Grab, da fanden wir

drei weitre Gräber aufgeschüttet,

kleiner zwar, doch eben würdevoll.

Diese zierten Vögel nicht, noch

Blumenkränze. Anstattdessen

war ihr schauerlicher Schmuck je

Schwert und Lanze, durchgebrochen,

und die Helme jener Wachen,

die wir abzulösen kamen.

Kreon:

Bist du Soldat oder Pfaffe?

Soldat:

Herr! Die Kameraden weigern

sich, den Leichnam Polyneikes'

auszugraben. Lieber sterben

wollen sie als - wie befohlen -

der Erde Heiligtum entweihn!

Herr! Ich bitt' Euch, haltet inne,

gebt den Lebenden und Toten

endlich Ruh!

Kreon:

Soldat!

Soldat:

Ja, Herr?

Kreon:

Entnehme ich deinem Bericht

zurecht, dass deine Männer meutern?

Soldat:

Ja, Herr.

Kreon:

Und du hast sie erschossen?

Soldat:

Nein, Herr.

Kreon:

Das ist aber deine Pflicht.

Soldat:

Ja, Herr.

Kreon:

Und du, hast du den Leichnam,

wie befohlen, freigelegt?

Soldat:

Nein Herr.

Kreon:

Das war aber deine Pflicht.

Soldat:

Ich weiß, Herr.

Kreon:

So? Dann weißt du auch, was das bedeutet?

Soldat:

Ja, Herr.

Kreon:

Zieh den Helm ab!

Soldat:

Ja Herr.

Herr, ich habe Frau und Kinder...

Kreon:

Dann bete für sie!

(Der Soldat kniet nieder und betet.)

Kreon:

Also?

(Der Soldat erschießt sich.)

Chor:

Ach, es rettet nur Gehorsam

unsre teure Stadt; jedoch

den Einzelnen vernichtet

er, den Menschen löscht er aus.

____________________

Dritte Runde / 7. Szene

Haimon:

Du bist ein Faschist.

Kreon:

Na und? Zur Not ist es mir ein

Vergnügen, ein Faschist zu sein.

Hast du mir sonst noch was zu sagen?

Haimon:

Weiter nichts.

Kreon:

Ob du mir sonst noch was zu sagen hast!

Haimon:

Du weißt es doch. Du hast längst

verloren.

Kreon:

Ja, ich weiß es. Und?

Haimon:

Nichts und.

Kreon:

Und du! Du hast die Wachen doch

erschlagen, du hast ihn begraben!

Haimon:

Natürlich.

Kreon:

Mein Sohn, ein würdiger Gegner!

Haimon:

Wenn du dich sehen könntest.

Kreon:

Ich habe also verloren.

Das heißt noch lange nicht, dass du

gewonnen hast.

Haimon:

Nicht ich. Antigone.

Kreon:

Nein. Nein! Noch habt ihr mich nicht

vom Spielfeld. Und ich schwöre dir,

ich räum noch alles ab, was irgend

ich erreichen kann. Und du,

mein Sohn, du bist die Königin,

du wirst mein allerbester Zug!

Was soll dein lächerliches Messer?

Willst du damit in die letzte

Schlacht? Gib her, es ist so öde,

seinen letzten Feind ganz wehrlos

zu vernichten! Willst du meine

Waffe, Sohn?

Haimon:

Geh du nur an dir selbst zugrund.

Schon deine Söldner hören ja

nicht mehr auf dich.

Kreon:

Nein, Sohn! So leicht ist das nicht.

Du nimmst jetzt meine Waffe.

Was du begonnen hast, das musst du

schon zu Ende bringen, du!

Du selber, Sohn!

Haimon:

Ja. So geht wohl das Spiel.

Kreon:

Ja. So geht es wohl. Was ist

mit dir? Du hast den ersten Schuss!

Haimon:

Antigone, verzeih!

Es ist immer noch mein Vater.

Kreon:

Verfluchte Memme, schieß!

(Haimon schießt in die Luft.)

Kreon:

Irrtum. Irrtum, Junge, ich

bin nicht mehr dein Vater. Ich

bin dein Feind. Und jetzt, mein Feind,

mein würdigster, jetzt höre

deinen Abgesang: Ich bin ein

Spieler, und aus Leidenschaft!

Ihr alle glaubt, ich wäre krank?

Das ist, weil ihr die Regeln

nicht versteht! Und die, die habe

niemals ich gemacht. Die Regeln,

die erfahrn wir immer erst

beim Spielen. Ja, auch ich, mein Sohn.

Ihr sollt begreifen, dass wir alle

Spieler sind, ob wir das wollen

oder nicht! Ihr, ich, und Sohn,

auch du. Es gibt kein andern

Ausstieg, leider, als den Tod. Das

müssen wir begreifen, jetzt, hier!

denn ändern können wir es nicht.

Die Frage lautet einzig, ewig,

wer gewinnt und wer verliert.

Das ist alles. Lebewohl,

mein Sohn. Ich tu's noch nichtmal gern.

Haimon:

Du willst mich wirklich töten?

Kreon:

Alle Väter töten ihre

Söhne grad so gut sie können.

Weil wir wissen, dass sonst wir

bald vom Sohn beseitigt sind.

Haimon:

Ich hätte genügend Grund.

Kreon:

Alle Söhne haben das.

Hast du einen letzten Wunsch?

Haimon:

Herr, lasst mich zu Antigone!

Kreon:

Geh.

_________________

Dritte Runde / 8. Szene

(Haimon geht zu Antigone.)

Haimon:

Liebe. Sag mir was.

Antigone:

Ich kann doch nichts sagen.

Haimon:

Nein?

Antigone:

Ich kann dir nichts sagen.

Ich weiß ja gar nichts!

Haimon:

Bitte. Du musst mir was sagen.

Antigone:

Ich... Ich sage... Ismene!

Was soll ich sagen?

Ismene:

Sag ihm was!

Antigone:

Haimon, ich... Haimon! Du...

Haimon:

Es ist schon gut. Du brauchst

ja nichts zu sagen.

Antigone:

Du sollst nicht sterben!

Haimon:

Antigone.

Antigone:

Du sollst nicht sterben!

Haimon:

Du sollst auch nicht sterben.

Antigone:

Ich hab doch nicht daran gedacht.

Haimon:

Nein. Das ist ganz gut.

Antigone:

Ich hab an sowas nicht gedacht!

Haimon:

Du bist noch immer schön.

Antigone:

Ich will nicht, dass du stirbst.

Haimon:

Du sollst nicht immer heulen.

Antigone:

Ich heul ja gar nicht.

Haimon:

Du hast ein schönes Gesicht.

Antigone:

Ich möchte bei dir sein.

Haimon:

Ich bin tot!

Antigone:

Nein!

Haimon:

Ich bin tot!

Antigone:

Ich hab dich in meinem Bauch.

Haimon:

Hast du mich in deinem Bauch?

Antigone:

Ja! Ja. Hier.

Haimon:

Antigone.

Antigone:

Ich bin hier.

Ismene:

Ihr müsst euch küssen!

Antigone:

Du musst mich doch küssen.

Haimon:

Ich hab so Angst.

Antigone:

Nein!

Haimon:

Ich hab Angst.

Antigone:

Nicht so Angst Haimon!

Schau, ich bin ganz tapfer.

Haimon:

Ich küss dich jetzt.

Antigone:

Ja. Wir küssen.

Haimon:

Ich muss jetzt gehn.

Antigone:

Ich habe dich in meinem Bauch.

Haimon:

Wo?

Antigone:

Hier!

Haimon:

Ich bin in deinem Bauch?

Antigone:

Ja. Hier!

(Kreon erschießt den Sohn.)

Antigone:

Hier, Haimon, hier!

Dritte Runde / 9. Szene

(Kreon kniet vor der Leiche seines Sohnes.)

Kreon:

Mein dummer Junge, mein Junge.

Es war diese Partie deine

Partie. Du warst am Zug, und es

stand gut für dich, dein Spiel.

Das Glück auf deiner Seite,

jeder neue Zug energisch, und

gut gedeckt von andern: du.

--

Es kränkt den Vater, wenn der Sohn

feige vor dem Zielstrich zaudert.

Sieh mich doch an, mich alten Mann!

Wie lange noch hab ich die Kraft,

um weitre Runden zu bestehn?

Mein Blick wird trübe, und mein Arm

nutzt sich in Drohgebärden ab.

--

Mein dummer Junge, mein Junge, hast

du denn nicht sehen wollen, wie

er dastand, wünschend, dass sein Sohn

seinen Teil ihm abnimmt, ihm,

dem alten Mann, dem Vater? Jetzt

muss er weiterspielen, wartend,

dass ein anderes daherkommt,

ihn, den lächerlichen Alten,

den Zahnlosen mit leichter Hand

vom öden Brett zu stoßen?

--

Soldat!

Soldat:

Ja, Herr?

Kreon:

Befahl ich dir, das Mädchen

einzumauern?

Soldat:

In ein Felsengrab, jawohl.

Kreon:

Warum ist sie dann noch hier?

Soldat:

Ich eile, Herr.

Kreon:

Das ist recht.

(Soldat mit Antigone ab.)

Chor:

Ihr grausiges Felsengrab wird uns ersetzen

des Polyneikes' verwesende Leichenfetzen.

Dort geht sie; es bleibt ihr gebrochenes Bild

in unseren Herzen ein stählernes Schild

gegen die Streiche veralteter Tugend -

ein Mahnmal der leicht entflammbaren Jugend.

In Krisenzeit urteilt der Bürger Gericht:

Tod dem, der nicht zeitig verbürgerlicht.

Kreon:

Heute war ein anstrengender Tag.

Ich ziehe mich zurück, und Sie,

meine Herren, werden bis

auf weiteres mir die Geschäfte

übernehmen. Ich danke Ihnen.

(Kreon ab.)

Dritte Runde / 10. Szene:   Kommos II

Chor:

Ach, es ist so jammerschade,

junge Liebe sterben sehn!

Haben wir nicht unsren König

stets gewarnt, zu weit zu gehn?

Jetzt zahlt er dafür seinen Sohn

und bleibt einsam bis ans Grab.

Ach, so zieht die Weltgeschichte

unsre Hoffnungen hinab.

Was schon können wir dafür?

Wir haben das ja nicht gewollt!

Doch so ist es und so bleibt es,

dass ein jeder Opfer zollt.

Unsereiner wird jetzt müde,

genügend haben wir gesehn:

zuviel Leid ist ungesund,

es ist Zeit zu Bett zu gehn.

(Der Chor packt seine Sachen, fegt,
p
ackt die Leichen weg, macht die Bühne klar.)

Dritte Runde / 11. Szene:   Kommos III

Ismene:

Sehn! Sehn! Ich will nicht mehr sehn!

Will nichts mehr sehn! Dieses Geschlecht

frisst seines Blutes eigne Früch-

te, und ich will's nicht länger sehn!

All die Jungen, kaum schon Männer,

Mädchen grad erst Frauen, frisch

erblüht zu Fruchtbarkeit und kaum

das erstemal genascht am süßen

Schoß der Liebe, liegen sie

im Blut ersoffen, eingemauert,

unbegraben, aufgegeben,

wie ein fauler Dreck.

Ich will nicht mehr sehn!

Wie sie sich liebten,

Hoffnung verbürgten;

jetzt stürzt die Sonne

die Himmel hinunter

und leuchtet im Hades

den lieben Erwürgten.

Finsternis senkt sich

auf unser Theben,

auf uns das Verhängnis,

die wir noch leben.

Ach, wär ich gestorben

mit euch, meine Toten,

ach könnte mein Blut

auch die Tiefe ausloten!

Mein Los ist einsam,

ich höre kein Singen,

kein Knabe wird kommen,

mir Blumen zu bringen.

Die Jugend ist tot,

mich umfängt es leise,

mit sechzehn seht ihr

mich werden zum Greise.

Still! Still, ich höre,

wie die Aschen sich senken

meiner Liebe, die niemand

hat, sich zu verschenken!

Still, still! Ach hört,

wie die Asche sich senkt,

und grau mir das Eis

meinen Mädchenschoß tränkt.

Wer, wer, ach wer soll nun

an unserer Stelle das nötige tun?

Dahin ist die Jugend,

und die es noch gibt,

die sind schon ins Töten

und Höhnen verliebt.

Wer noch, ach wer soll nun

an unserer Stelle das nötige tun?

Io! Ich höre,

wie leise die Asche

mein altes, mein junges

Verlangen mir stillt.

- Jetzt bin ich

erwachsen geworden.

Die Jugend war ja

nur ein jauchzendes,

rasch Dahin-

zusterbendes.

________________

Chor:

Komm, komm, Ismene, wir verlassen

diese Bühne. Lass! Für heute ist's

genug.

Ismene:

Fasst mich nicht an! Fasst mich bloß nicht

an, ihr ewigen Asseln!

ENDE

 

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