Feld.
Prolog
Die Leiche Polyneikes':
Eteokles, Bruder, hörst du mich schreien?
Nein, du wirst gemütlich im Totenreich sein,
gewaschen, begraben, und reichlich beweint;
nur ich nicht, das Schwein, Polyneikes, der Feind!
So sagt ihr doch, und ihr fühlt euch gerecht -
nur mir wird bei solcher Gerechtigkeit schlecht!
Euch Göttern fluch ich beim Aasgeruch,
und Bruder, dir, bei meinem Verwesen:
die Krone war mir, ich war im Recht,
du - und nicht ich - bist schuldig gewesen.
Verflucht sei die Nachwelt, die mich nun verdammt,
ohne Grab zu verfaulen auf eigenem Land!
Krieg und Verderben komm über euch,
die ihr mir sogar noch das Totenreich
verweigert, nachdem ihr die Krone mir nahmt:
ich bin der Fluch, der niemals erlahmt!
Ich will euch euren Frieden verätzen,
Gewohnheit, Familie, die Liebe zersetzen.
Habt Acht, denn ich bin die Wahrheit des Krieges:
wer fraß je friedlich die Früchte des Sieges?
Begrabt mich, ich bin die Wahrheit des Kriegs:
nie fraß wer friedlich die Früchte des Siegs.
Erste Runde / 1. Szene
(Feld. Antigone, dann Ismene dazu.)
Antigone:
Vater ist tot, der alte König.
Im Exil, doch endlich in Frieden:
Ödipus.
Ich begrub ihn auf Kolonos,
da roch der Himmel nach Mai.
Mutter ist tot, die stolze Königin
herabgestürzt, die Augen hohl-
gemacht mit einer langen Nadel,
und ihr hocherhobnes Haupt hat sie
durch einen Strick gesteckt und noch
gezuckt, als ich sie da herunternahm.
Und jetzt sind auch die Brüder tot,
der eine durch die Hand des andern,
tot, und der durch den. Hallo Ismene!
Du lebst ja noch. Wie geht's? Weißt du,
wie wir als Kinder 'arme Kinder'
spielten, da im Dreck, wo Polyneikes
jetzt verfault, 'arme Kinder', die nicht
Eltern hatten und auch sonst nichts
auf der Welt?
Ismene:
Ich hab von dir geträumt. Mit blank-
geschürften Händen hast du dich
immer tiefer, immer wütender
in schwarzen Fels gegraben. Was
tust du, Schwester, rief ich, doch
du hörtest nicht. Du warst
eine weiße Katze, und dein Blick
war wirr. Ich zog an dir, du wurdest
immer kleiner, du schriest leise, ich
flehte dich an, nicht zu verschwinden
da in dem Fels, doch du, du grubst
unaufhörlich bis der Fels, der schwarze,
sich dir öffnete, zu Fleisch geworden,
der Fels, ein schwarzes Aas.
Deine Hände wurden Stein, dein Arm,
dein Körper schwärzte sich und wurde
Stein. Ich hielt dich, griff nach dir, doch
du warst schon verschwunden, da
erwachte ich von meinem Heul'n.
Antigone:
Das hast du geträumt?
Ismene:
Ja.
Antigone:
Ist noch wo was Wärme?
Ismene:
Ja, noch, wo die Brust ansetzt und
wo der Arm dran streicht.
Antigone:
Darf ich hin?
Ismene:
Ja.
Antigone:
Ich hab noch Haimon.
Ismene:
Den Freund.
Antigone:
Du hast nur noch mich.
Ismene:
Vielleicht vergess ich meine Liebe
und finde mir 'nen anderen.
Antigone:
Einen anderen?
Ismene:
Einen andern Freund.
Antigone:
Vielleicht.
Ismene:
Weißt du vom Bruder?
Antigone:
Polyneikes?
Ismene:
Ja. dass man uns verbietet, ihn,
den toten, zu begraben.
Antigone:
Ich hab's gehört.
Ismene:
Man müsst' es trotzdem tun.
Antigone:
Ja.
Ismene:
Sag nicht einfach 'ja'!
Antigone:
Wieso?
Ismene:
Der König hat's verboten, weil
Polyneikes ein Verräter sei.
Antigone:
Na und?
Ismene:
Nichts und. Es kostet halt den Kopf.
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Erste Runde / 2. Szene
(Haimon dazu.)
Haimon:
Kopfstücke - Finger - und kleine
Finger. Ein Arm - wer hat diesen Arm
verloren? Noch ein Kopfstück! - Es
gibt viel Kopf auf dem Feld.
Antigone:
Hast du meine Brüder gesehen?
Haimon:
Alle Brüder. Lauter Stücke Brüder.
Ismene:
Hast du meine Brüder erkannt?
Haimon:
Ja, die Brüder. Man hat das aufgeteilt.
Hier etwas Held Eteokles.
Dort etwas böser Polyneikes.
Den Unterarm, den kriegt der Held
Eteokles. Ach, der hat schon zwei?
Und hier...
Antigone:
Polyneikes war nicht böse.
Haimon:
Na und? Es fragt ja niemand mehr.
Ismene:
Dein Vater ist jetzt König.
Haimon:
Das Land liegt ihm zu Füßen.
Ismene:
Und du? Liegst du ihm auch zu Füßen?
Haimon:
Er ist mein Vater.
Ismene:
Dein Vater hat verboten,
meinen Bruder zu begraben.
Haimon:
Er ist der König.
Antigone:
Es ist unser Bruder!
Ismene:
Antigone will ihn begraben gehen.
Haimon:
Ach, schönes Kind, Antigone.
Ismene:
Vielleicht werde ja ich es tun...
Es kostet halt den Kopf.
Haimon:
Den Kopf. Ja...
Der König liebt die Köpfe,
aus denen macht er Frieden.
Schau, der Kopf von deinem Bruder
lockt die Fliegen, doch zugleich
schreckt er den Feind.
Antigone:
Komm, komm her und sprich nicht so.
Ismene:
Komm, komm her und sprich nicht so!
Ismene stört. Wär' schön: ein Wort, ein Kuss...
Warum machen nicht wir Frauen Krieg?
(Ismene ab.)
Erste Runde / 3. Szene
Haimon:
Ich bin hundertmal kaputt. Bin
Pferdehufe, Lanzen, die ins Fleisch gehn.
Ich bin wenn Köpfe über Staub rolln
und die Schleimspur hinterher.
Antigone:
Psst. Nicht so reden. Weil ich dich
noch brauche. Ich bin jetzt
dein Regen auf dein Schlachtfeld. Psst.
Ich bin dein Wind und trage den Geruch
von dir. Ich bin deine Erde und ich nehme
deine Wunden auf und schließe mich
um dich. Psst, jetzt bist du nackt. Und sieh,
wie schön du bist.
Haimon:
Er steht nackt und glaubt ein Gott,
ihr Auge! macht ihn neu, ihr Blick
entzieht dem Körper seinen Krieg,
sein Panzer schmilzt, und aus den Schar-
ten seines Fleisches lockt sie
zitternd ihm sein Licht.
Antigone:
Sie streicht mit ihren Augen,
und mit ihren Nasenflügeln,
weit geöffnet, atmet sie:
des Freundes seliges Gesicht.
Haimon:
Es tauchen
seine Hände wie zum Bade
unter ihr Gewand, darin
sie Quellen suchen, finden, die
sich reinigend ergießen
über jede Spur von Schlacht.
Antigone:
Jetzt vergisst sie, was sie sollte,
jede Härte, die der Tag
ihr droht. Ihrer Zunge krause
Blüte treibt sich um in seinem
Mund. Eine Höhle voller Gründe,
und es lebt darin ein Tier,
das züngelt, das sich räkelt,
sich zurückzieht, überschlägt.
Seine Hitze, ihre Hitze
Haimon:
eingetaucht
Antigone:
geschwisterlich
Haimon:
ein Traum, ein Hauch
Antigone:
und ein Gefühl
Haimon:
das tausend Lippen hat
Antigone:
ein Bauch
Haimon:
ein Weg
Antigone:
und eine Welt.
Haimon:
Jetzt lieb ich dich.
Antigone:
Jetzt stürb ich gern.
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Erste Runde / 4. Szene
(Vier Wachen marschieren auf.)
Zwei:
Der König liebt die Königin
von hinten und von vorn,
Drei:
und seine Mutter liebt er auch,
denn die hat ihn geborn.
Eins:
Und weil die Nacht ja dunkel ist,
stört's Ödipus nicht groß,
Vier:
Ob Königin, ob Frau Mama
ihm öffnet ihren Schoß.
Alle:
Die Königshäuser bleiben
sich treu bis in das Bett,
damit am End nicht Bauernblut
die gold'ne Kron aufhätt!
Drei:
Ich war direkt dahinter, als die beiden sich erschlugen. Zwei Brüder, das muss man sich mal vorstellen!
Vier:
Wie sie tot waren, lagen die sich wirklich in den Armen?
Zwei:
Sagt man - konnte man doch nichts mehr von erkennen.
Eins:
Natürlich konnte man. Den einen haben sie als Held begraben, also konnte man ihn noch erkennen. Held Eteokles!
Drei:
Und Polyneikes, das Verräterschwein, konnte man auch klar erkennen. Sonst täten wir nicht zu seiner Leiche müssen, dass da niemand herkommt und das Aas verscharrt.
Vier:
Ich find den Job Scheiße.
Eins:
Welchen Job findest du bitte Scheiße?
Vier:
Darauf aufpassen, dass den armen Hund niemand begräbt, das finde ich eben Scheiße.
Eins:
Hör zu, Vier, der 'arme Hund' ist kein armer Hund sondern das Verräterschwein Polyneikes, und das Verräterschwein Polyneikes hätte um ein Haar unsere schöne Stadt mit Fraun und Kindern undsoweiter. Und deswegen hältst du jetzt deine Schnauze und guckst zu, wie das Verräterschwein Polyneikes da verfault.
Zwei:
Und wie die Fliegen ihre Eier in dem seine Augenhöhlen ausbrüten.
Drei:
Und wie die Krähen und die Köter sich um seine fetten Bissen streiten.
Eins:
So ist es.
Zwei:
Ey, da!
Drei:
Wo?
Zwei:
Da! Haben wir wohl wen beim Vögeln überrascht?
Drei:
Geil.
Vier:
Still Leute, das ist die Prinzessin!
Drei:
Tatsache.
Eins:
Die Prinzessin ist nicht mehr Prinzessin, ihr Torfschädel. Diese Schlampe gehört genauso zur Mutterfickerbrut wie das Verräterschwein Polyneikes. Eine Schande, dass die beiden Schlampen nicht mitverreckt sind. So Überbleibsel machen nur Ärger. Hast du gehört, Prinzessin Antigone? Warum bringst du dich nicht um? Die Zeiten sind an euch vorbei!
Zwei:
Genau! Bring dich doch um, du Schlampe!
Drei:
Genau! Lässt dich wohl lieber hier im Vorstadtstraßendreck bespringen, du runtergekommene Töle!
Vier:
Schlampe!
Haimon:
Immer schön mit der Ruhe. Wie heißt du?
Vier:
Sag ich nicht.
Eins:
Was willst du Penner?
Haimon:
Ich heiß nicht Penner, du Wurm, ich bin Prinz Haimon.
Eins:
Nenn mich nicht Wurm, du Penner.
Zwei:
Genau! Nenn ihn nicht Wurm, du Penner!
Vier:
Zieh dir erstmal was an!
Eins:
So ist es, Penner. Da kriegt man ja vom bloßen Hinsehn schwarze Flecken.
Haimon:
Ich bin Haimon, Sohn des Königs!
Eins:
Maul halten, Penner! Noch einmal unseren Prinzen beleidigen, und wir machen dich klein. Hast du mich verstanden, Penner?
Haimon:
--
Eins:
Männer, wir haben Befehl!
(Die Wachen setzen sich in Bewegung.)
Vier:
Da hast du aber nochmal Glück gehabt!
Zwei:
So schnell so weit runterkommen, das ist echt hart.
Drei:
Sich im Dreck von so einem Penner ficken lassen!
Zwei:
Die waren doch alle so. Von Anfang an pervers.
Drei:
Und wir mussten diesen Perversen auch noch dienen!
Zwei:
Die Mutter lässt sich vom Sohn ficken, der seinen Vater umbringt, und jetzt hurt die Tochter in der Vorstadt rum. Feines Königsgeschlecht!
Drei:
Und wir müssen in den Krieg, weil die Brüder sich an die Kehle wollen. Manchmal, da fragt man sich ja...
Eins:
Jammert nicht! Jetzt haben wir einen König, der hat sein Handwerk gelernt. Aus unserer Mitte einer.
Alle:
Es lebe König Kreon!
(Die Wachen ab.)
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Erste Runde / 5. Szene
Haimon:
- Komm her.
Antigone:
Lass mich.
Haimon:
Vergiss sie.
Antigone:
Jetzt lass mich!
Haimon:
Ich sag es Vater.
Antigone:
Hör auf! Du sagst niemand etwas.
Haimon:
Was ist denn?
Antigone:
Versprich, dass du niemand etwas sagst!
Haimon:
Ist ja gut.
Antigone:
Die Leute zerreißen sich das Maul.
Haimon:
Da könnt ihr doch nichts dafür.
Antigone:
Ich will weg hier.
Haimon:
Nicht mehr an die denken.
Antigone:
Oft stell ich mir vor... Manchmal stell ich mir vor, wie ich mich umbringe.
Haimon:
Antigone, ich brauche dich noch.
Antigone:
Ich würd es mit dem Messer tun.
Haimon:
Mit dem Messer, natürlich.
Antigone:
Oder mir die Kugel geben. Auf jeden Fall was mit Blut. Ja, die Kugel, das spritzt so.
Haimon:
Du bist total trübe! Auf dem Schlachtfeld hab ich mich an dein Bild geklammert wie ein Ersaufender, damit meine Augen das alles nicht sehn, damit ich nicht vor Angst krepier! Und jetzt willst du dir die Kugel geben.
Antigone:
Psst. Was würdest du machen, wenn ich sterbe?
Haimon:
Mir die Kugel geben.
Antigone:
Ach du.
Haimon:
Selber ach du.
Antigone:
Haimon?
Haimon:
Hm?
Antigone:
Würdest du mit einer andern gehn, wenn ich wirklich sterben würde?
Erste Runde / 6. Szene
Standbild der Jugend: (Kommos I)
Ismene:
Die jetzt tot sind hatten bronze-schö-
ne Haut - davor.
Jung warn die Krieger und von glat-
tem Fleisch - davor.
Ihre Finger glitten durch die Lok-
ken uns - davor.
Jetzt hat der Staub ihr Blut gefressen
und begraben liegt, was war -
davor.
Haimon:
Ich hatte einen Freund, der war mein Freund,
der war
bis gestern, als die Lanze in sein Au-
ge traf,
da war er tot und schrie den letzten Schrei,
zum letz-
ten mal hör ich die helle Stimme, die
mich Hai-
mon, Freund mich rief und starb, jetzt bin ich nicht
mehr jung.
Ismene:
Mein liebster Liebster hatte langes blon-
des Haar,
das flog um seinen wilden Blick, die Au-
gen stech-
end blau, doch küsste mich sein Mund, doch küs-
ste mich...
Vergiss, Ismene, ihn, sein Schädel platz-
te ges-
tern unterm Pferdehuf! Vergiss, Isme-
ne ihn,
vergiss ihn nie.
Haimon:
Mein Vater trieb die Truppen in die Schlacht,
er schrie
und peitschte uns, als ich die Leiche mei-
nes Freunds
in meine Arme schloss, denn kämpfen sol-
lte ich;
ich tat's und schlug und lebe noch und er,
der Va-
ter heißt heut König 'lebe hoch!', er le-
be hoch.
Antigone:
Meine Brüder ritten scharf, und ei-
ner ge-
gen seines Fleisches lieben andern schlu-
gen sie
an der verfeindeten Armeen Spit-
ze töd-
lich sich ins Fleisch. Der eine heißt heut Held
des Va-
terlands. Der andere liegt unbeweint
zur Schau
im Dreck. Doch Bruder nennen wir sie al-
le bei-
de; uns gelten die Gesetze nicht
des Kriegs.
Alle drei:
Nach diesem Krieg ist keiner von uns
jung;
es geht was vor, von dem zu sagen, was
es ist,
uns jedes Wort im Mund zerbricht, wir trau-
ern um
die Toten, die uns fehlen, um das Fleisch,
das un-
ser war, das Fleisch, das fehlt, und das doch un-
ser war.

antigone-fleisch von Jens Wirsching steht unter einer Creative Commons Attribution-NoDerivs 3.0 Germany Lizenz. antigone-fleisch steht im Netz auf www.engel-und-krise.de seit dem 19. November 2008. Über diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse können Sie unter www.engel-und-krise.de/lizenzen erhalten.
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