(Krümel auf.)
Krümel:
Quirie? Quirie! Törichtes Kind, geh nie allein, sonst wirst du des Teufels Beute sein...
(Herein kommt der Herr mit Funktelefon. Krümel versteckt sich.)
Herr:
Ja, ich kann Ihnen nur sagen, es läuft ausgezeichnet. ...
Nein, hören Sie, die Soldaten meiner eigenen Abteilung werden als erste... (Lacht.)
Genau, bei der Eröffnung hineingehen, mit gutem Beispiel voran. ...
Ja, der größte Teil der Fabriken ist bereits umgerüstet.
Wir werden die Einweihung sehr öffentlichkeitswirksam gestalten. Diese blutjunge Nelke, die hat vielleicht ein Talent dafür. ...
Ja, unsere Experten haben hervorragende Arbeit geleistet. ...
Ihnen darf ich's ja sagen: Dieser Quirie, ja genau, dieser kleine Dichter, der wird eine Rede halten, wie es keiner von uns überzeugender könnte. ...
(Krümel will raus, wird aber wiederum entdeckt. Der Herr tritt sie in die Mitte des Raumes.)
Nein, nein, Sie können sich ganz auf mich verlassen. ... Nein ...
Hören Sie, wenn unser Konzept nicht aufgeht, ...
Mit den Soldaten, das hat doch Signalwirkung! ...
Genau, und wenn nach dieser Rede nicht die Massen unseren Soldaten folgen, dann gehe ich selber... Also hören Sie mal!
Was soll denn das heißen, dass Sie darauf zurückkommen werden! Sie können...
Verstanden. - Arschloch.
Herr:
So, du kleine Drecklutscherin. (Tritt.)
Ich will nicht, dass man in meinen Räumen rumspioniert.
Was glotzt du mich so vorwurfsvoll an?
Denkst wohl, ich mache das alles zu meinem Vergnügen?
Ich werde dafür bezahlt: Dienst, Stress, verstehst du?
Nein, du verstehst natürlich nichts!
Wenn ich wüßte, ob du wirklich nur dumm bist...
Du ekelst mich mit deinem fischigen Geglotze!
(Der Herr beginnt Krümel an der Bluse zu nesteln.)
Herr:
Ich verstehe dich nicht. Du machst dich extra eklig und häßlich. Dabei bist du eigentlich ganz hübsch, wenn man nur genau hinsieht.
Du solltest mehr aus deinem Typ machen. Große, traurige Augen, daraus lässt sich doch etwas machen...
Weißt du, dass einen oft das am meisten anzieht, was einen am meisten ekelt?
An seinen Enden berührt sich der Bogen der Gegensätze. Kennst du das?
Krümel:
Quirie! Quirie!!
Herr:
Ich mag das nicht, wenn du so schreist, Kleine.
(Er beginnt, ihr den Putzlappen als Knebel durch den Mund zu binden.)
Herr:
Ich war ein kleiner Junge, als ich das erstemal der Welt in ihr wahres Angesicht sah. Sie sah mich an durch die Augen eines anderen kleinen Jungen. Er hatte diese Augen. In der Kapelle auf dem Berg wohnte ein Christuskind, da waren die Augen aus Holz.
Die Augen des Jungen schrien zu mir, weil, sein Mund konnte nicht mehr schreien. Sie hatten ihm die Kiefer mit ihren Gewehrkolben zerschlagen. Nur die Augen konnten noch schreien, bevor sie hinein schossen. Wusstest du, dass ein einzelnes Auge nicht schreien kann?
Das eine Auge sah mich lange an, und es erzählte mir, wie es ist, wenn ein Mensch verliert. Hörst du mir zu? Ich habe dem letzten Auge, bevor ich es schloss, geschworen, dass ich in dieser Welt nicht verlieren werde. Nie. Verstehst du mich?
Komm! Komm, Kleine, wir wollen uns näher sein. Deine Augen! Was da leuchtet. Ich habe lange nicht mehr daran gedacht, der Junge... Da ist etwas in deinen Augen, du, komm her zu mir, ganz dicht! Was ist? Du darfst jetzt nicht weg. Das Leuchten... Komm, komm näher!
(Krümel versucht, sich zu wehren.)
Herr:
Ich werde dir etwas schenken. Du dafst nicht Nein sagen. Der kleine Junge hat nicht geschrien. Er hat nur so geguckt. Ich will gut zu dir sein, komm, ich werde dir so nahe sein...
(Krümel sticht zu. Sie hat Quiries Messer, das sticht wie von alleine. Nochmal und nochmal. Dann bemerkt sie, was sie getan hat und verschwindet.)
Herr:
Was tust du denn? Du darfst noch nicht gehen. Du darfst doch jetzt noch nicht gehen! Es tut so weh. Geh nicht! Ich brauche dich. Bitte, Kleine! Ich war... Lass mir dein Leuchten noch!
(Er bemerkt, dass da Blut ist. Da bricht er zusammen.)
black.
aus dem kopf geschlagen von Jens Wirsching steht im Netz seit dem 25. November 2009 unter der freien Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz.
Mehr über meinen Gebrauch freier Lizenzen erfahren Sie unter hier http://www.engel-und-krise.de/lizenzen.html.
Wenn Sie Ihrerseits gerne etwas geben möchten, finden Sie hier meinen Hut.
