(Krümel schrubbt sich in die Gemächer des Herren, sieht sich um, ob sie alleine ist. Hört beruhigt auf zu schrubben.)
Krümel:
Ein wilder Wind weht seine liebsten Kinder,
wirbelt sie, dass sie sich finden, sich verliern.
Hat ein Krümel sich im Staub versteckt,
blieb's nicht lang allein,
wurd's entdeckt und wurd's geneckt,
's wird wohl ein Sternschnupp gewesen sein.
Ein wilder Wind weht seine liebsten Kinder,
wirbelt sie, dass sie sich finden, sich verliern.
(Sie findet auf dem Tisch ein Papier des Herrn. Es hat folgenden Wortlaut:
Zwischenbericht.
In Kopie zur vertraulichen Kenntnisnahme an die Führungsebene
Wie Ihnen bekannt gemacht wurde, werden unsere bisherigen Energiereserven nach Expertenberechnungen nicht mehr bis zum Ende der Dekade reichen. Nicht ohne gewissen Stolz können wir Ihnen nun mitteilen, dass unsere Bemühungen um die vollständige und verlustarme Verwertung eines alternativen Energieträgers zumindest in technischer Hinsicht erfolgreich abgeschlossen sind.
Es handelt sich bei diesem alternativen Energieträger um den Menschen. Aufgrund des Bevölkerungsüberschusses im Äußeren Bereich steht er in unbegrenztem Ausmaß zur Verfügung und erzeugt sich aufgrund biologischer Gegebenheiten aus sich selbst heraus neu. Er ist damit als die ideale Energiequelle der Zukunft anzusehen.
Aus technischer Sicht stellt seine Verwertung auch in großem Umfang kein Problem mehr dar. Die Energie eines gesamten menschlichen Lebens wird nach der Spaltung des menschlichen Kerns in unseren biotronischen Transzessoren raffiniert, an eine flüssige Trägersubstanz gebunden und somit lager- und transportfähig gemacht.
Dieser Verwertungsprozess dauert pro Trägereinheit exakt 6 min, 49 sec und kann insofern als radikalste Verkürzung der Lebensarbeitszeit auch als soziale Errungenschaft durchaus bewertet werden. Von den verwerteten Personen bleibt nichts als eine gallertige Masse, die sich nach einer Hochtemperaturbehandlung im bautechnischen Sektor als Glasbaustein o.ä. verwenden ließe.
Problematischer gestaltet sich dagegen die Erfüllung Ihres Auftrages, bei der Zulieferung von menschlichen Energieträgern auf den Einsatz von Gewalt zu verzichten.
Dabei teilen wir durchaus Ihre Einschätzung, dass nur auf der Grundlage von Freiwilligkeit eine krisensichere Zulieferung gewährleistet, sowie die Energieverluste beim Einsatz von Gewalt vermieden werden können.
Eine von uns beauftragte soziologische Expertenkommission kam zu dem Ergebnis, dass die Erreichung von sog. Freiwilligkeit nur in Zusammenarbeit mit ausgewählten Vertretern des Äußeren Bereiches zu bewerkstelligen sei. Unsere Bemühungen zielen insbesondere auf Personen, die im Äußeren Bereich gewisses Ansehen genießen Stichwort „street-credibility“, von uns also paradoxerweise als oppositionell eingestuft werden müssen.
Wir bitten für unsere Strategie um Ihr Vertrauen und verbleiben in der Hoffnung, Ihnen baldmöglichst erste Erfolge in Sachen Freiwilligkeit mitteilen zu können.
Hochachtungsvoll,
S2/102.
Schritte. Krümel steckt sich das Papier ein und versteckt sich. Herein kommen der Herr und Nelke.)
Herr:
Ist es nicht ein wunderbarer Tag?
(Er legt seinen Arm um sie.)
Ich bin stolz auf dich. Du erledigst deine Arbeit ausgezeichnet.
Nelke:
Danke, Herr.
(Sie stoßen an. Das Elexier ist noch etwas herb im Aroma, besonders für Nelke.)
Herr:
Deine Entwürfe sind phantastisch! Die Idee mit der Musik! Und dann das Licht! So einfach wie genial! Licht zieht das dümmste Insekt an, die Leute werden darauf fliegen!
Nelke:
Meint Ihr wirklich?
Herr:
Ich hasse Befehlerei, Nelke. Gewalt ist mir zuwider!
Eines Tages, daran glaube ich, wird alles ganz von alleine funktionieren und die Menschen werden glücklich sein...
Und du kannst dabei helfen.
Nelke:
Manchmal weiß ich nicht, ob das alles richtig so ist... Was ist das Elexier? Wer seid Ihr?
Herr:
Ich bin ein kleiner Mann wie jeder andere auch. Ich tu meine Arbeit. So wie du.
Nelke:
Ja. (Sie stoßen an.) Wär es nicht schöner, man würde das Glas bunt einfärben? Alles ist so kalt. Orange und Lila, was meint Ihr?
Herr:
Das ist eine fabelhafte Idee, Nelke. Orange und lila, ja... Buntes Glas! Bunt und doch durchsichtig. Wir wollen den Überblick bewahren.
Arbeite daran, ich vertraue auf dich. -
Ah, lass uns nicht von Arbeit reden...
Bist du mit deiner Wohnung zufrieden? Machst es dir gemütlich?
Nelke:
Sie ist wunderbar. Ich fühle mich zu Hause.
Es sind wenige Dinge, die ein Mensch wirklich zum Leben braucht, aber ohne die ist es erbärmlich.
Herr:
Eine Dusche, eine Heizung...
Wenn man etwas schaffen will, im Leben, dann braucht der Mensch warme Füße.
Nelke:
Wann werde ich Quirie wiedersehen?
Herr:
Es wird nicht mehr lang dauern, er hat angebissen.
Ist dir kalt? Lass uns auf die Zukunft anstoßen, Nelke, auf eure Zukunft!
(Er hält beide Gläser hinter seinen Rücken. Er bedeutet ihr, näher ran zu kommen, noch näher...)
Herr:
Du willst doch auf eure Zukunft trinken?
(Sie steht direkt vor ihm, er berührt sie, küsst sie, lacht.)
Herr:
Also, auf eure Zukunft!
Nelke:
Ja.
(Er stößt an, sie trinken. Der Herr nimmt Nelke zum Tanz. Unterdessen versucht Krümel ungesehen herauszuschrubben, wird aber entdeckt.)
Krümel:
(Singt. Im folgenden immer wieder mechanisch schrubbend.)
Ich Putze
Schaut her, ich bin mit wenig froh;
bescheiden ist mein Glück und klein.
Die Träume führ'n nach nirgendwo,
ein guter Mensch muss dankbar sein!
Habt ihr noch wo was Dreck gesehn?
Da muss ich nochmal drübergehn!
Alles Glas muss blitzeblank:
das kleinste Stäubchen macht mich krank.
Meister Propper, Pril, Perwoll -
sagt mir, wo ich putzen soll!
In meinem Herzen herrscht die Putzwut:
porentief putz ich mit Herzblut.
Und quillt mir auch mein eigen Blut
aus meiner abgeschrubbten Hand:
wird's rosenroter Seifensud,
wird's Putzwasser für's Vaterland.
Schaut her, ich bin mit wenig froh;
bescheiden ist mein Glück und klein.
Die Träume führ'n nach nirgendwo,
ein guter Mensch muss dankbar sein!
(Der Herr und Nelke haben während des Liedes geschäkert und getrunken.)
Herr:
Sieh einer an: unser fleißiges Krümelchen Unglück...
Ist sie nicht dumm?
Nelke:
Was tut die hier? Wo ist Quirie?
Herr:
Hast du nicht noch eine Rechnung offen mit unserem kleinen Putzfräulein?
Hat sie sich nicht zwischen dich und Quirie gezwängt?
Nelke:
Ach, die!
Herr:
Sie macht ein unschuldiges Gesicht, nicht wahr. Wie ein Fisch guckt die!
Dabei hatten die beiden eine Menge Spaß miteinander.
Du weißt schon, was ich meine...
Nelke:
Was haben die beiden... Was habt ihr gemacht?
Krümel:
--
Herr:
Darüber spricht eine feine Dame nicht, was Krümelchen?
Na, uns kannst du ruhig sagen, was du mit ihm gemacht hast, als Nelke endlich weg war!
Krümel:
--
Nelke:
Was hast du... Wo ist Quirie?
Krümel:
--
Nelke:
Sag wenigstens, dass es dir leid tut!
Krümel:
--
Nelke:
Rede mit mir!
Krümel:
--
Nelke:
Du hast es nicht nötig, mit mir zu reden, was?
Krümel:
--
Herr:
Findest du nicht auch, dass ihr das leid tun sollte, Nelke?
Nelke:
Der Haufen Dreck!
(Trinkt, dann spuckt sie auf den Boden.)
Da! Wisch das auf, Fisch!
(Krümel wischt. Der Herr amüsiert sich.)
Herr:
Sie macht sich lustig über dich, Nelke.
Nelke:
Wozu machst du den schönen Lappen dreckig?
(Nimmt ihr den Lappen weg.)
Dein Fischmaul war sich doch auch nicht zu schade, meinen Quirie zu lecken!
Herr:
Eben! Schämen sollte die sich!
(Nelke spuckt wieder auf den Boden. Krümel versteht nicht. Nelke zeigt auf ihre Zunge.)
Nelke:
Hier, Fischmaul!
(Krümel leckt den Boden ab, die beiden lachen.)
Nelke:
Ich glaube, meine Schuhe sind etwas unsauber. Na los, Fisch!
(Krümel leckt die Schuhe.)
Bah! Hör auf! Hör auf, sag ich, es reicht!
(Sie tritt Krümel auf Seite und wirft ihr den Lappen nach.)
Nelke:
Warum wehrst du dich nicht? Sowas...
Herr:
Nana! Dieses Mädchen ist einfach zum Leiden geschaffen, findest du nicht auch? Sie zieht das Unglück förmlich auf sich! Ekelhaft.
(Er legt seinen Arm um Nelke.)
Ein Mensch sollte sein Leben genießen, solange er jung ist. Nicht wahr, Nelke?
Nelke:
Ja. So sagt man.
Herr:
Die stinkt ja wirklich!
Black.
aus dem kopf geschlagen von Jens Wirsching steht im Netz seit dem 25. November 2009 unter der freien Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz.
Mehr über meinen Gebrauch freier Lizenzen erfahren Sie unter hier http://www.engel-und-krise.de/lizenzen.html.
Wenn Sie Ihrerseits gerne etwas geben möchten, finden Sie hier meinen Hut.
