Herr:
Warum so schweigsam, Quirie? Du bist doch sonst nicht auf den Mund gefallen?
Quirie:
--
Herr:
Sag mir deine Meinung. Nur frei heraus.
Quirie:
--
Herr:
Was denkst du über mich?
Quirie:
Kein Kommentar.
Herr:
Dass ich ein hundsgemeiner Bonze bin? Na? Ein elendes Vieh, ein hohes Tier? Sag's ruhig, ich bin Kritik gewohnt.
Quirie:
--
Herr:
Du denkst, du wärst besonders klug? Oder bist du feige? Ich bin wirklich interessiert.
Quirie:
Ich aber nicht.
Herr:
Ach so, du bist dir zu fein, mit einem vom System zu reden.
Quirie:
Es gibt Personen, da ist Reden zwecklos.
Herr:
Den Eindruck teile ich. Gut, also schweigen wir.
(Sie schweigen. Quirie ist demonstrativ unflätig. Irgendwann versteigt er sich, die Karaffe zu öffnen und in Western-Manier daraus zu saufen. Allerdings nicht bis zum letzten Rest, wie er sich eigentlich fest vorgenommen hatte.)
Quirie:
Pffrrsst... Was ist denn das?
(Er hat, was er konnte ausgespuckt, so möglich in Richtung Herrn.)
Herr:
Unser Elexier. Blut, Schweiß und Tränen. Das ist ein ganz besonderer Saft, wie unser Gott unter den Dichtern und Denkern es genannt hätte. Das sind Perlen von Säuen, und wie man sieht, tatsächlich auch wieder vor Säuen.
Ein erstes Versuchsergebnis unserer Biotronik-Transzessoren. Ich gebe zu, dass es noch etwas roh, vielleicht sogar scharf im Aroma ist. Das wird sich hoffentlich bald ändern. Nicht jeder verträgt es. Aber den Auserwählten verleiht es übermenschliche Energie.
(Er hält Quirie sein Glas hin, der schenkt ein.)
Herr:
Auf Dein Wohl.
(Der Herr leert das Glas ebenfalls demonstrativ mit einem Zug. Quirie tut es - sogut er kann - dem Herrn gleich. Natürlich aus der Flasche. Er muss sich beherrschen, nicht wieder auszuspucken.)
Quirie:
Sehr bekömmlich. Ein feines Tröpfchen.
(Er trinkt weiter, schenkt dem Herrn nach.)
Geradezu lieblich. -- Und dieses Aroma.
Herr:
Freut mich, dass es dir schmeckt.
(Quirie könnte kotzen.)
Herr:
Quirie, darf ich dir eine Frage stellen?
Quirie:
Versuchen kostet nichts.
Herr:
Weißt du, was mit den Jungen passiert, die in den Inneren Bereich verbracht werden?
Quirie:
Verbracht?
Herr:
Verschleppt, hineingeprügelt, nenn es, wie du willst.
Quirie:
Ja, weiß ich.
Herr:
Nun?
Quirie:
Ist ja schon die zweite Frage.
Herr:
Tut mir leid, ich wollte dich nicht überfordern.
Quirie:
Ihr zwingt sie, in euren Fabriken zu schaffen, bis sie umfallen. Oder, wenn sie Glück haben, dürfen sie in Uniform auf Jagd. Brüder jagen.
Herr:
Und warum zwingt dich niemand, in 'unseren Fabriken zu schaffen', oder 'Brüder zu jagen'?
Quirie:
Weil ich's eh nicht tät. Prost.
Herr:
Wir haben dich, Quirie, aus einem anderen Grund hierhergeholt.
Quirie:
Weil ich so schön singen kann?
(Das Elexier zeitigt erste Folgen.)
Oder braucht ihr ein Versuchskaninchen für euren säuischen Schweißperlensaft? Das könnt ihr haben, Prost!
Herr:
Hör auf, wenn es dir nicht bekommt! Ich muss mit dir reden. Es ist ernst. Wir stehen vor Problemen, die die gesamte Bevölkerung betreffen!
Quirie:
Schon wieder einer mit Problemen! Hier trink, Junge.
Herr:
Es muss wohl doch etwas daran sein, dass man mit Frauen ernsthafter reden kann.
Quirie:
Der Herr hat Liebeskummer?
Herr:
Nelke ist jedenfalls deutlich vernünftiger als du.
Quirie:
Die Tour schon wieder.
Herr:
Sie versteht es, in größeren Zusammenhängen zu denken.
Quirie:
Jaja. Eine hervorragende Systematikerin . (Er wird nüchterner.)
Herr:
Mit sehr viel Feingefühl bringt sie ihr künstlerisches Talent ein in unser gemeinsames Projekt 'Zukunft der Menschheit'.
Quirie:
Sicher. Das macht ihr unerschütterlicher Idealismus. Ich kann sie nicht zufällig mal sehen?
Herr:
Sie arbeitet an ihren Entwürfen.
Quirie:
Da will sie sicher nicht gestört werden.
Herr:
Das käme auf einen Versuch an. Ich werde sie fragen lassen.
Quirie:
Finden Sie nicht, dass es allmählich albern wird? Oder glauben Sie, Sie könnten mir erzählen, dass Nelke für Sie arbeitet?
Herr:
Sie arbeitet für sich. Für ihre, für deine, für unser aller Zukunft. Ihre neuste Idee ist, diese triste Welt mit Farben aufzuheitern. Orange und lila. Darauf muss man erst einmal kommen! Orange und lila.
Quirie:
Nein. Orange und lila? Das war meine Idee. Das hat sie von mir!
Herr:
Quirie, meins, deins... Darum geht es längst nicht mehr! Es geht darum, dass wir alle zusammen arbeiten, Hand in Hand an einem Strick ziehen. Die Aufgaben, die vor uns liegen, die lassen sich nicht im Alleingang bewältigen, das musst du endlich einsehen.
Quirie:
Ich Arschloch... - Wo habt ihr sie gefasst?
Herr:
Was heißt 'gefasst'? Sie hat mich um Hilfe gebeten.
Du, du hast sie doch sitzenlassen.
Dabei wollte sie nichts weiter als endlich wieder eine angemessene Wohnsituation.
Ich hab ihr gern geholfen. Eine Hand wäscht die andere.
Quirie:
Nein! -- Nelke ist keine Verräterin.
Herr:
Aber Unsinn, Quirie. Wenn wir, wir Menschen überleben wollen, dann müssen wir uns zusammen setzen, unsere Energien vernetzen, alles andere ist Untergang. Unsere Rohstoffe gehen zu Ende.
Quirie:
Wie schade für euch.
Herr:
Wenn unsere Fabriken nicht mehr produzieren, dann können auch die Menschen im Äußeren Bereich nicht mehr von den Resten des Inneren leben. Dem Tod sind wir alle gleich! Verstehst du, das hängt heute alles eng zusammen. Und wegen nichts geringerem habe ich dich holen lassen!
Quirie:
Ich bin beeindruckt.
Herr:
Stell dich nicht dumm. Ich weiß, dass du Fähigkeiten besitzt, von denen nicht einmal du selber etwas ahnst. Du hast dieses gewisse Etwas, das den Menschen Zuversicht gibt, woran sie sich halten können.
Quirie:
Ah! Ihr braucht einen Seelenlutscher?
Herr:
Gerade die Menschen im Äußeren Bereich vertrauen dir. Weil sie wissen, dass man sich auf dich verlassen kann. Quirie, du kannst ihnen den Weg weisen, begreifst du das?
Quirie:
Ich begreife. Oh ja. Den Weg weisen. Nur welchen Weg? Da wäre noch die Frage, ob mein Weg der eure ist. So Wege nehmen bekanntlich verschiedene Richtungen, und meiner hat eine sehr bestimmte.
Herr:
Das ist es doch! Klar, dass du Forderungen stellen wirst. Und wir sind bereit, darauf einzugehen, weil wir heute selber wissen, dass es so nicht weitergehen kann.
Quirie:
Forderungen?
Herr:
Sprich sie jetzt aus, und sie werden erfüllt.
Quirie:
Sie kennen unsere Forderungen genau.
Herr:
Begreifst du nicht? Weil wir selber in der Klemme sitzen, müssen wir! Dieser Moment ist eure Chance! Das ist Politik, mein Junge.
Quirie:
Politik! Solange es Soldaten gibt, herrscht Krieg.
Herr:
Dir bedeutet dein Heldentum mehr als die Zukunft deiner Leute? Gut. Es hätte ein historischer Augenblick werden können. Ich habe mich an dir verschätzt. (Im Aufbrechen.) Lass den Kopf nicht hängen, mein Held, wir haben ja beide verloren.
Quirie:
Langsam. Im Namen der Menschen des Äußeren Bereiches fordere ich: Niemand wird mehr gejagt, niemand verschleppt. Keine Kommandos mehr in den Äußeren Bereich.
Herr:
Ja. Ja, so soll es sein. Ich verstehe, die neue Ordnung unserer Welt soll frei sein von Gewalt.
Quirie:
Zweitens: Öffnung aller Grenzen zwischen Innerem und Äußerem Bereich. Jeder Mensch hat das Recht, in den Inneren zu gehen, und vor allem, ihn wieder zu verlassen, wann immer er will.
Herr:
Deine Leute dürfen ab jetzt den Inneren Bereich frei betreten. Die Tore werden ihnen jederzeit offenstehen.
Quirie:
Also drittens: Niemand wird mehr gezwungen, sein Leben lang in Euren Fabriken zu arbeiten. Niemand wird mehr zu irgendetwas gezwungen, was er nicht selber tun will.
Herr:
Quirie, das ist es! Das ist der Schlüssel! Ab jetzt wird jeder freiwillig tun, was getan werden muss! Kein Zwang mehr, keine Gewalt. Eigenverantwortung und Freiwilligkeit werden die tragenden Pfeiler unserer gemeinsamen neuen Welt! Ich wusste, wir werden großartig zusammen arbeiten!
Quirie:
Sie meinen, Sie akzeptieren? Ich meine, Sie sind bereit, auf unsere Forderungen einzugehen?
Herr:
Quirie, Eure Forderungen sind auch meine Forderungen! Ich habe als junger Mann einmal beschlossen mich hochzuarbeiten, um in entscheidender Position etwas verändern zu können. Hör zu, die Dinge liegen etwas anders, als du denkst. Dir kann ich es sagen: auch ich bin ein Gegner dieses veralteten Gewaltsystems. Aber alleine ist es schwer.
Quirie:
Draußen sind wir tausende. Und trotzdem ist es schwer.
Herr:
Quirie, dein Wort darauf, dass du mitarbeitest an der Durchsetzung unserer Forderungen?
Quirie:
Hat sich doch bis hierher rumgesprochen, dass man sich auf Quirie verlassen kann. Diese Forderungen sind alles, wofür ich bisher gekämpft habe. Und ich werde weiter dafür kämpfen. Wenn Sie es ernst meinen, mit Ihnen, ansonsten: Gegen Sie.
Herr:
Ich meine es todernst, Quirie. Es gibt soviele Betonköpfe, die sich jeder Neuerung versperren, gerade auch hier in meinen eigenen Reihen, gerade unter den Älteren. Sie kleben an ihren Posten, eingefleischt wie Maden im Speck. Ihr Jungen seid da viel offener, wendiger, ja, mutiger. Ich werde dich an meiner Seite brauchen, Quirie.
Quirie:
Mir dreht sich alles.
Herr:
(Lacht.) Nach der Arbeit sollst du ruhn, oder kräftig trinken tun. Lass uns das begießen, jetzt wird's gemütlich! Auf gute Zusammenarbeit!
Quirie:
Prost.
(Sie trinken.)
Quirie:
Sie wollten doch ein Lied von mir hören.
Herr:
Mensch, sag doch 'Du' zu mir.
Quirie:
Du?
Herr:
Wir sind jetzt Verbündete.
Quirie:
Du wolltest etwas trauriges, he.
Herr:
Stimmt. (Sie lachen.)
Quirie:
Hör zu:
(Singt. Dabei immer wieder trinkend.)
Lied vom dunklen Essen
Es schmatzt in den Straßen und Höfen
ein Schmatzen von Knorpel und Blei;
es platzt in den städtischen Öfen
ein Platzen von menschlichem Brei.
Es frisst an den Kindern ein schnelles Maul,
es beißt in die Lahmen und Alten;
und bist du auch jung, so siehst du verfaul-
en dich schon und stückweis' erkalten.
Die Tage sind kurz, die Nächte lang,
und dunkel führen wir Krieg.
Aus den Gräben dringt dunkler Gesang,
und dunkel bleibt uns der Sieg.
Wer weiß, wen der Schlag seiner Fäuste trifft,
und wem sein Wort dient, am Ende?
Dunkel durchkriecht meinen Kopf ein Gift.
So haltet mich doch, meine Hände!
(Das Ende nur noch mit Mühe. Der Suff hat ihn unwiederbringlich. Der Herr beugt sich zu ihm nieder.)
Herr:
Mein Junge. Mein Kleiner. Lass mich deine Tränen trinken.
Ich tu dir doch nicht gut, mein Junge. Könntest du mit meinen Augen sehen...
Du darfst nie mit meinen Augen sehen, hörst du mich, Junge!
(Der Herr ab.)
aus dem kopf geschlagen von Jens Wirsching steht im Netz seit dem 25. November 2009 unter der freien Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz.
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